Kolumne

Lupus Oeconomicus: Geldgeschichten

01.04.2018 - Nicolas Wolf

Es ist Ostern und ich bin wieder mal daheim in Norddeutschland. Die vier Tage langes Wochenende sind zwar leider schnell vorüber, aber Zeit, um bekannte Gesichter und alte Weggefährten zu treffen, findet sich allemal. Dieses Jahr hatte ich mich mit einem Freund aus meiner Studienzeit, nennen wir ihn Michael, zum Essen verabredet. Zusammen unternahmen wir vor ungefähr 10 Jahren unsere ersten Gehversuche an den Finanzmärkten und diskutierten leidenschaftlich das Thema „Geldanlage“ miteinander. Nachdem wir unsere Pasta gegessen hatten und die Teller abgeräumt waren, zeigte Michael mir stolz sein derzeitiges Wertpapierdepot. Ich war zugegebenermaßen erstaunt, wie viel Geld er angespart hatte. Fast die Hälfte seines Nettoeinkommens schaffte er monatlich beiseite – beachtlich, und absolut notwendig, wenn man ehrgeizige Sparziele verfolgt.

Michael war zwar mit großem Eifer bei der Sache, allerdings glich sein Portfolio, um es mit den Worten der Rap-Gruppe „Die Beginner“ zu sagen, eher einem Gemischtwarenladen als einer sorgfältig zusammengestellten Asset Allocation. Es enthielt zwar einen Kern, bestehend aus globalen Aktien- und Mischfonds, der mir einleuchtete; jedoch fanden sich darin auch eine Menge scheinbar wahllos und impulsiv zusammengewürfelte Themen-Investments, wie Wasser- und Sicherheitsfonds, sowie Einzelaktien. Michael begann mir seine Investmentthesen (wenn man das so nennen kann) für seine Aktienkäufe zu erläutern. Da war zum Beispiel seine Position in einem Technologieunternehmen, für das der Anbieter seines Wertpapierdepots ein Kursziel von 32 Euro ausgerufen hatte. Da die Aktie zu dem Zeitpunkt bei circa 25 Euro handelte, griff Michael zu. Die Tatsache, dass er zum Höchststand eingekauft hatte und ein Anteil an dem Unternehmen kurze Zeit später auf 21 Euro gefallen war, tat er damit ab, dass es ja nur eine kleine Position in seinem Portfolio war. In der Tat waren viele seiner spekulativeren Positionen „klein“. Doch wenn man über viele kleine Investments hinweg aufgrund undurchdachter Investmentansätze systematisch Geld verliert, dann werden aus kleinen Verlusten irgendwann große. Ernest Hemingways “How did you go bankrupt? - Two ways. Gradually, then suddenly.” lässt grüßen.

Am meisten Stirnrunzel verursachte bei mir allerdings sein Investment in einem Rentenfonds, der etwas mehr als 50% seines Depots ausmachte. Michael erklärte mir, dass dies eine risikoärmere Position sei, aus der er in Aktien umschichten würde, sollte es an den Börsen zu einer Korrektur kommen. Das ergab Sinn – auch ich halte derzeit einen großen Teil meines investierten Geldes in defensiven Anlageklassen, da nach 9 Jahren Bullenmarkt das Risiko von Börsenabstürzen von mehr als 20 oder 30% nicht ganz unerheblich ist. Als Michael dann verkündete, dass sein Rentenfonds jährlich an die 6% Rendite abwarf, wurde ich stutzig. Für eine vermeintlich sichere Position ist eine solche Verzinsung deutlich zuviel, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass 10-jährige Bundesanleihen derzeit um die 0.50% pro Jahr liefern.  Als ich dann das Kürzel „HY“ für „High Yield“ in der Fondsbezeichnung entdeckte, verstand ich. Mein alter Freund hatte mehr als die Hälfte seines Vermögens in das gesteckt, was man gemeinhin als „Ramschanleihen“ bezeichnet. High Yield ist die etwas vornehmere Bezeichnung für Anleihen von hochverschuldeten Unternehmen mit signfikantem Ausfallrisiko, die sich nur dadurch Geld leihen können, dass sie Investoren hohe Zinsen versprechen. Es stimmt zwar, dass die Aktien solcher Unternehmen noch risikoreicher sind, aber der „sichere Hafen“ im Falle eines Absturz an den Börsenmärkten war Michaels High Yield – Rentenfonds auf keinen Fall. Ich fragte ihn, ob er sich dessen bewusst war. Er bejahte meine Frage und legte mir seine Strategie dar, wann und wie er aus seinen „Junkbonds“ rechtzeitig aussteigen würde, um dann in Aktien zu wechseln. Ich war nicht überzeugt, ließ das Ganze aber auf sich beruhen. Wir wechselten das Thema und redeten dann über Leitungswasserschäden und Wohngebäudeversicherungen.

Ich erzähle diese Geschichte, weil Michael vieles von dem tut, was die „Behavioural Finance“-Forschung als Kardinalfehler von Investoren ausgemacht hat. „Behavioural Finance“ ist eine Subdisziplin der Verhaltensökonomie und beschäftigt sich damit, wie Geldanleger Entscheidungen treffen und ihre Investments managen. Zwei der vielen Erkenntnisse dieses wirtschaftswissenschaftlichen Feldes sind, dass Investoren dazu neigen ihr Portfolio zu häufig umzuschichten (was natürlich umso verlockender ist, wenn Transaktionsgebühren niedrig sind und man seine Investments vom Smartphone aus steuern kann) und ihre Fähigkeiten Marktbewegungen zu antizipieren und auf Kurseinbrüche zu reagieren systematisch überschätzen. Kurzum: viele Anleger glauben sie wüssten mehr und könnten mehr als die meisten anderen Marktteilnehmer; vor allem aber überschätzen sie ihre eigene Kompetenz. Hinzu kommt, dass wir Menschen eine Tendenz haben, Erfolge durch unser eigenes Handeln zu erklären, Scheitern hingegen auf externe Faktoren zu schieben. Michaels Depot hatte insgesamt gut „performt“, das gab ihm Selbstvertrauen und Bestätigung. Doch auch meine Investments haben sich über die letzten Jahre prächtig entwickelt – was allerdings weniger an meiner grenzlosen Genialität liegt, als daran, dass die Aktienmärkte generell nur eine Richtung kannten: nach oben.

Geld ist generell ein schwieriges Thema, Geldanlage ein noch schwierigeres. Das Problem ist, dass man nicht viel Gelegenheit hat verschiedene Dinge auszuprobieren, um für sich selbst herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Wenn ich ein Restaurant besuche und das Essen nicht schmeckt, dann ist dies zwar ärgerlich, aber immerhin weiß ich hinterher, dass ich dort nicht noch einmal hinzugehen brauche. Doch während man zahlreiche Versuche unternehmen kann, die Pizzeria seines Vertrauens ausfindig zu machen, hat man nur eine Chance, sich eine Altersvorsorge aufzubauen. Man hat nur einen Versuch, ausreichend Vermögen für seine Wohnimmobilie anzuparen. Der Spielraum für Fehler ist somit stark begrenzt. Deshalb ist es wichtig, sich früh mit der Thematik zu beschäftigen und Fehler möglichst am Anang seiner Investmentkarriere zu machen, da das Lehrgeld mit zunehmenden Alter (und Vermögen) immer teurer wird. Es tut weitaus weniger weh als Mitte 20-jähriger Single Dreitausend Euro in den Sand zu setzen, als Dreißigtausend Euro als angehender Familienvater zu verbrennen. Doch ebenso unabdingbar ist es, auf das Wissen anderer zuzugreifen, sei es durch Literatur, Berater oder das Gespräch mit Dritten in der Form von erfahreneren Anlegern, auf dessen Erfahrungsschatz man zurückgreifen kann. 

Doch wie kann man feststellen, ob das, was der Vermögensberater oder der Möchtegern-Warren-Buffet im Freundeskreis der eigenen Eltern empfiehlt, tatsächlich Hand und Fuß hat? Wer einen Personal Trainer bezahlt und sich strikt an dessen Vorgaben hält, stellt relativ schnell fest, ob das vorgegebene Programm wirkt oder nicht. Wenn es funktioniert, man dann nach anfänglichen Erfolgen aber vom Diätplan abweicht und sich von seinen Fitnesszielen wieder entfernt, steht auch außer Frage, dass man diesen Rückschritt selbst zu verantworten hat. Doch was bedeutet es, wenn man auf Empfehlung eines Beraters für den Aufbau seiner Altersvorsorge in Aktienfonds investiert und nach sechs Monaten Sparen ein dickes Minus verzeichnet, weil die Börse eingebrochen ist? Wie kann man als Laie das unvermeidbare Auf-und-Ab an den Aktienmärkten von einer fehlerhaften Anlagestrategie unterscheiden? Es hilft leider nichts: Wer Vermögen aufbauen will und auf Anlageinstrumente zurückgreifen möchte, die über das Sparbuch hinausgehen, der muss sich eingehend mit der Materie beschäftigen. Es reicht nicht aus, mechanisch den Empfehlungen anderer zu folgen, ohne das „Warum“ zu verstehen. Denn wer nicht in eigenen Worten erklären kann, weshalb er sein Geld so anlegt, wie er es tut, wird es nicht schaffen trotz zwischenzeitlicher Verluste an seinem Investmentansatz festzuhalten und die damit verbundene und äußerst wichtige Erfahrung zu machen, was es bedeutet Risiko einzugehen und Kursschwankungen auszuhalten.  

Wir leben in einer Zeit, in der man vieles Automatisieren und Outsourcen kann bzw. dies auch muss, weil unser Leben sonst über alle Maßen kompliziert würde. Die Versuchung ist daher groß mit Hilfe von Apps, Robo Advisorn und Vergleichsportalen seine Finanzen im Handumdrehen schnell und umkompliziert zu regeln. Die Suche nach schnellen Lösungen und einfachen Antworten spiegelt sich dann in Fragen wie „Ich hab‘ ein bisschen Geld zum Anlegen über – hast du mal n Tip?“ wieder, die Freunde und Familientmitglieder mir ab und an stellen. Meine Antwort darauf lautet dann für gewöhnlich: „Nein, aber ich kann mich gerne mit dir eine Stunde hinsetzen und erklären, wie ich mein Geld anlege und welche Investmentphilosophie dahinter steckt. Vielleicht passt der Ansatz ja auch zu dir.“ Das bewahrt in der Regel die meisten Leute davor ihr mühsam angespartes Vermögen in Kryptowährungen oder Solarparks zu verzocken und erlaubt ihnen ihrem Anlageberater die richtigen Fragen zu stellen. Viele fühlen sich auch ermutigt, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen – und ich empfehle jedem dies zu tun, bevor sie oder er sich an den eigenen Vermögensaufbau macht. 

Eigentlich müssten an dieser Stelle nun konkrete Tipps und Hinweise folgen. Ich will mich dieser Aufgabe nicht entziehen und werde in einer weiteren Kolumne meine Anlagephilosophie darlegen. Wer auf der Suche nach einer Möglichkeit ist, sich in die Themen Geldanlage und Finanzen einzulesen, der kann sich zum Beispiel auf Spiegel Onlines „Young Money“ umsehen. Wer schon ein wenig Hintergrundwissen besitzt und des Englischen mächtig ist, dem kann ich Ben Carlsons Finanzblog „A Wealth of Common Sense“ wärmstens ans Herz legen.

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