Kolumne

Lupus Oeconomicus: #secular stagnation

15.08.2017 - Nicolas Wolf

In meiner letzten Kolumne habe ich nahezu beiläufig einen Begriff fallen lassen, der derzeit viel Aufmerksamkeit in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion erhält und deshalb eine Kolumne verdient, nämlich den der „Secular Stagnation“, auf deutsch „Säkulare Stagnation“. Dieses, lange Zeit weitestgehend unbeachtete, Konzept wurde ursprünglich vom US-Ökonomen Alvin Hansen in den 30er Jahren entwickelt und durch Larry Summers (ebenfalls ein amerikanischer Wirtschaftswissenschafter) 2013 in einer Rede auf einem Kongress des Internationalen Währungsfonds wiederbelebt.

Im Wesentlichen beschreibt „Säkulare Stagnation“ eine lang anhaltende Periode schwachen Wirtschaftswachstums und der Grund für seine Aktualität ist das weltweit, aber vor allem in den entwickelten Industrienationen, enttäuschende Wirtschaftswachstum seit der Finanzkrise von 2007. Entscheidend ist: Es handelt sich dabei um ein strukturelles Phänomen, also nicht um eine temporäre Wachstumsdelle, wie sie im natürlichen Auf und Ab des Konjunkturzyklus vorkommt. Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil Vater Staat (oder aber auch die Zentralbank) im Falle eines vorübergehenden Wirtschaftseinbruchs mithilfe von Konjunkturmaßnahmen gegensteuern kann; ein langfristiger und nachhaltiger Abfall des Wachstumspotenzial sich aber nur schwerlich durch fiskal- oder geldpolitischen Stimulus korrigieren lässt. Und darin liegt der Kern der Diskussion: Seit Jahren fahren Zentralbanken rund um den Globus eine extrem lockere Geldpolitik, die Zinsen sind so niedrig wie noch nie. Nach allen herkömmlichen Regeln der Volkswirtschaftslehre ist es daher verwunderlich, dass sich weit und breit kaum Anzeichen von Inflation geschweige denn wirtschaftlicher Überhitzung finden lassen. Daher stellt sich die Frage, ob die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des 20. Jahrhunderts überhaupt noch gelten oder ob wir in eine andauernde Phase langsamen Wirtschaftswachstums eingetreten sind.

Also, was ist dran an der Sekulären Stagnation und vor allem: Warum sollte einen diese Frage außerhalb der Wirtschaftswissenschaften überhaupt interessieren?

 

Beginnen wir am besten mit letzterem Punkt: Warum ist das Thema „Sekuläre Stagnation“ wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil ein Land, dessen Wirtschaft jährlich um 3% wächst, seinen Lebensstandard circa alle 24 Jahre verdoppelt, bei einer Wachstumsrate von 1,5% dafür allerdings fast 47 Jahre benötigt. Es ist deshalb wichtig, weil der deutsche Staat (so wie viele andere Industrienationen auch) Unsummen an Verbindlichkeiten hat, einerseits in Form von Schulden, andererseits aber auch in der Gestalt von Ansprüchen aus dem Renten- und Gesundheitssystem, deren Finanzierbarkeit maßgeblich davon abhängt, ob unsere heimische Wirtschaft zukünftig mit einem, zwei oder drei Prozent wächst. Und nicht zuletzt bedeutet eine größere Wirtschaftsdynamik in der Regel auch, dass Löhne schneller steigen, was nach wie vor das beste Rezept gegen ökonomische Ungleichheit ist (Pickettys „r>g“ lässt grüßen). Vieles in unserem Leben und unserer Gesellschaft wird durch wirtschaftliches Wachstum und kontinuierliche Verbesserung unseres Lebensstandards zusammengehalten und ermöglicht. Bleiben sie aus, gedeihen Unmut und der Wunsch nach radikaler Veränderung – das kann etwas Gutes sein oder aber linken und rechten Populismus befördern, der einfache Antworten auf komplizierte Probleme verspricht.

 

Wenn Ökonomen von Wirtschaftswachstum sprechen, dann meinen sie damit, dass der Wert der Waren und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft über einen bestimmten Zeitraum produziert, real (also inflationsbereinigt) gegenüber einer Vergleichsperiode gestiegen ist. Dies kann geschehen, indem mehr Menschen den gleichen Pro-Kopf-Output erzeugen, oder aber indem sich der Output pro Arbeitnehmer erhöht. Kurzum: Langfristig wächst eine Volkswirtschaft, weil ihre arbeitende Bevölkerung zunimmt und/oder weil die Produktivität steigt. Die schlechte Nachricht: Sowohl das Bevölkerungs- als auch das Produktivitätswachstum hat sich in den westlichen Industrienationen zunehmend abgeschwächt; einige Länder, darunter auch Deutschland, sehen sich sogar mit einer schrumpfenden Population konfrontiert. Wo einst jährliche Produktivitätszuwächse von zwei Prozent verzeichnet wurden, freut man sich heutzutage, wenn Werte von einem Prozent erreicht werden. Die Implikationen für das Wachstum einer Volkswirtschaft sind gewaltig: Ein Land, dessen Bevölkerung und Produktivität um jeweils 1% und 2% pro Jahr wachsen, hat das Potenzial seinen wirtschaftlichen Output um 3% zu steigern. Bei einem Bevölkerungswachstum von lediglich 0,5% und Produktivitätssteigerungen von nur 1% schrumpft das Wachstumspotenzial auf 1,5%. Was ein solcher Unterschied in Wachtumsraten langfristig bedeutet, steht im vorherigen Absatz.

 

Die Bevölkerung der entwickelten Industrieländer wird immer älter, die zahlreichen Babyboomer haben zu wenig Kinder in die Welt gesetzt. Allein schon aus diesem Grund wird es schwer sein, die Wachstumszahlen des 20. Jahrhundert jemals wieder zu erreichen. Bleibt also nur Produktivität als Wachstumstreiber. Aber auch hier sieht die Realität eher ernüchternd aus. Seit den 70ern hat sich das Produktivitätswachstum kontinuierlich verlangsamt. Über die Ursachen wird eifrig diskutiert und gestritten. Vielleicht waren frühere technische Errungenschaften einfach ergiebiger als die in den letzten Jahrzehnten. Die „tief hängende[n] Früchte“ wurden gepflückt, nun allerdings müssen wir viel entwickeln und forschen, um irgendwie produktiver zu werden. So sagte Nobelpreisträger Robert Solow, ein wesentlicher Begründer der Wachstumstheorie, man würde das Computerzeitalter überall sehen, nur nicht in den Produktivitätsdaten. Was machen wir also mit den ganzen Computern? Machen sie unsere Welt nur komplizierter, aber uns selbst nicht produktiver? Oder aber haben wir Informationstechnologie hauptsächlich dazu genutzt, unsere Freizeit angenehmer zu gestalten anstatt für wirtschaftliche Zwecke? Oder aber haben die „financialisation“ der Realwirtschaft und ein Mangel an staatlichen Investitionen dazu geführt, dass zu wenig Geld in produktivitätssteigernde Projekte gesteckt wurde? Dies zumindest sind häufig genannte mögliche Erklärungen für das sogenannte „Produktivitäts-Puzzle“.

 

Ich halte sie nur für bedingt überzeugend. Was die Theorie der „tief hängende[n] Früchte“ anbelangt, so glaube ich, dass sie den beeindruckenden Fortschritt im Bereich der Medizin unterschätzt. Zudem verhält es sich so, dass heute ein großer Teil der Bevölkerung in den entwickelten Ländern im Dienstleistungsbereich arbeitet, wo es bisher schwer war, durch Technologie die Produktivität eines Mitarbeiters zu steigern – etwas, das sich in Zukunft durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz radikal ändern dürfte. Und damit sind wir (mal wieder) beim Thema Digitalisierung angelangt.

 

Es hat ja in der Tat unglaubliche Produktivitätssteigerung dank Computertechnologie gegeben – nur verteilt diese sich sehr uneinheitlich. Alphabet, die Mutter von Google, erzielt pro Mitarbeiter einen Umsatz von 1,2 Mio US-Dollar, Volkswagen zum Vergleich „nur“ 347.000 US-Dollar. Schaut man sich den Gewinn pro Mitarbeiter an, wird es noch unheimlicher: Alphabet holt pro Kopf über 270.000 Dollar für seine Aktionäre raus, VW gerade mal 8.200 USD. Wer wissen will, was einen ultra-produktiven Menschen ausmacht, braucht sich nur einen Google-Programmierer anzusehen.

 

Das Dilemma von Digatilisierung und Automatisierung ist, dass sie einige, gut qualifizierte Menschen deutlich produktiver, viele Menschen – vor allem im produzierenden Gewerbe – allerdings technologisch bedingt arbeitslos gemacht haben. Jobs in großer Zahl werden nur noch in meist weniger gut bezahlten und unsicheren Dienstleistungsjobs geschaffen; in der Summe führt dies dann zu schwachem Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum. Da die Digitalisierung gerade erst begonnen hat, glaube ich, dass sich diese Entwicklung lange Zeit fortsetzen wird und wir in der Tat in einer „Sekulären Stagnation“ feststecken. Zumindest, wenn man herkömmliche Maßstäbe ansetzt.

 

Internet und Informationstechnologie haben unser aller Leben in vielen Punkten komfortabler und vor allem unglaublich günstig gemacht. Wir „skypen“ anstatt ein Vermögen für ein 5-minütiges Ferngespräch auszugeben, wir versenden E-Mails statt Briefen, lesen Online-Magazine statt Print und müssen nicht jedes Jahr aufs Neue eine Brockhaus-Enzyklopädie kaufen. All dies taucht nicht im BIP (kurz für Bruttoinlandsprodukt, dem Standardmaß für wirtschaftliche Aktivität) auf und es ist fraglich, ob Inflationszahlen diese quasi kostenfreien Dienstleistungen ausreichend berücksichtigen.

Es ist also durchaus möglich, dass das, was durch die Linse konventioneller Wirtschaftsdaten wie Sekuläre Stagnation aussieht, in Wirklichkeit eine Phase rasanten Fortschritts begleitet von einer deutlichen Verbesserung unser aller Lebensstandards ist.

 

Hoffen wir’s.

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