Buchautorin im Interview

Miryam Muhm: "Patienten müssen oft mit falschem Blutbefund leben"

01.05.2017 - Astrid Knauth

Tagtäglich wird im Krankenhaus den Patienten Blut abgenommen, um Blutwerte zu bestimmen. Doch was sagen sie über Gesundheit und Krankheit aus? Und wenn ein Blutwert im Referenzbereich liegt, ist man dann automatisch gesund? Die freie Journalistin Miryam Muhm und Autorin des Buches "Die Blutwertlüge" gibt dem MILIEU einen Einblick in das Problem und verweist auf Vor- und Nachteile der Blutuntersuchung.

DAS MILIEU: Sie sind als freie Journalistin tätig. Was hat Sie dazu bewogen, sich auf Medizin und Naturwissenschaften zu spezialisieren?

Miryam Muhm: Ich habe Medizin studiert, konnte das Studium jedoch aus familiären und gesundheitlichen Gründen nicht abschließen. Medizin war schon immer meine Leidenschaft, denn es liegt mir sehr am Herzen anderen Menschen zu helfen. Anhand des erworbenen Wissens konnte ich mich dann im journalistischen Bereich auf Medizin und Naturwissenschaften spezialisieren. Auf diese Weise konnte ich meine Vorliebe ausleben und gleichzeitig Menschen informieren.


MILIEU: Jeden Tag werden diverse Diagnosen auf Grund von Blutbefunden gestellt. Insgesamt gründen sich 70 Prozent aller Diagnosen darauf. Stellen Sie diese Diagnosen in Frage?

Muhm: Natürlich nicht alle! Einige aber schon, insbesondere solche, die mit Blutbefunden zu tun haben, deren Referenzbereiche selbst laut Ärzten, Medizinprofessoren und Wissenschaftlern höchstwahrscheinlich falsch sind. Denn was bedeutet das konkret? Nehmen wir einige Parameter, deren Referenzbereiche auch innerhalb des Medizinbetriebes besonders umstritten sind – z.B. TSH, Ferritin oder B12.. Wenn ein Arzt seine Patienten, obwohl sie bestimmte Symptome aufweisen, als gesund einstufen (muss!), weil ihre Blutbefunde im aktuell gültigen Normbereich liegen, bleiben viele Patienten unbehandelt. Manchmal muss man einigen Labors dankbar sein, die offenbar besonders informiert sind, wissenschaftliche Studien verfolgen und die Ärzte durch Angaben wie "Graubereich" auf die Tatsache hinweisen, dass trotz des "normalen" Blutbefundes doch eine angehende Krankheit vorhanden sein könnte.


MILIEU: Als Titel Ihres Buches wählten Sie „Die Blutwertlüge – warum Laborwerte falsch sind und uns krank machen“. Laborwerte können auch mal falsch sein und dann durch die belastende Fehlinformation psychosomatische Erkrankungen hervorrufen. Standard wäre das aber in Deutschland nicht. Warum glauben Sie trotzdem, dass Laborwerte an sich krank machen?

Muhm: Nun, Laborwerte als solche können natürlich nicht krank machen − sie tun es allerdings in dem Moment, wo die Referenzbereiche falsch gesetzt sind. [Auf der Titelseite des Buches, die im Internet wiedergegeben ist, fehlt im Untertitel übrigens vor dem „falsch“ fälschlicherweise ein "oft".] Wenn der untere Normwert von Ferritin aktuell bei 15 ng/ml liegt, ein großer Teil der medizinischen Wissenschaft aber mittlerweile davon ausgeht, dass dieser untere Normwert bei 50 ng/ml, wenn nicht sogar bei 100 ng/ml liegen sollte, dann bedeutet dies : Wenn ein Patient, der antriebslos ist und dem selbst das Atmen schwer fällt, einen Ferritinwert von 20 ng/ml aufweist, wird er von Arzt trotzdem als gesund eingestuft (sofern nicht andere Krankheitsbilder vorhanden sind), obwohl er eigentlich an Eisenarmut leidet, wie in Studien von Ärzten und Professoren der Medizin dargelegt. Konkret: Blutbefunde als solche machen natürlich nicht krank, sie lassen aber Menschen in dem Sinne krank bleiben, dass diese anhand falsch gesetzter Referenzbereiche erstens keine Diagnose erhalten und zweitens damit leben müssen, dass sie von vielen Ärzten immer wieder als Psychosomatiker abgestempelt werden


MILIEU: Warum halten Sie die Bestimmung des Ferritinwertes im Blut bei einem Eisenmangel für nicht sinnvoll?

Muhm: Das sage nicht ich, sondern ich gebe lediglich wieder, was Ärzte und Wissenschaftler immer wieder nachgewiesen haben − dass Ferritin aufgrund bestimmter Anfälligkeiten kein 100%ig geeigneter Messparameter ist. Zum Beispiel ist der Ferritinwert immer dann erhöht, wenn man an einer Entzündung leidet. Weist also ein Patient, der faktisch an Eisenmangel leidet, im Körper gleichzeitig eine Entzündung auf, wird sein Ferritinwert aller Wahrscheinlichkeit nach hoch sein. Somit bleibt sein Eisenmangel unerkannt − mit allen Folgen.


MILIEU: Glauben Sie, dass mit den richtigen Methoden jede Erkrankung frühzeitig feststellbar und damit auch behandelbar ist?

Muhm: Nun, hundertprozentige Sicherheit oder Erkennbarkeit gibt es in der Medizin so wenig wie in anderen Lebensbereich. Zudem ist die Medizin bekanntlich keine exakte Wissenschaft. Mit Sicherheit würden es richtige oder richtigere Referenzbereiche allerdings sehr wohl erlauben, viele Krankheiten früher zu erkennen und somit bereits im Frühstadium besser aufzufangen. So ist z. B. aus israelischen Studien bekannt, dass die Referenzbereiche für die Nüchternglukosewerte viel niedriger angesetzt werden sollten, damit der Diabetes frühzeitiger diagnostiziert und behandelt werden kann. Dies ist nur ein Beispiel von vielen anderen, die im Buch erwähnt werden. Auch Schilddrüsenerkrankungen ließen sich besser diagnostizieren, wenn die TSH-Referenzbereiche geändert würden.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich mir all diese Informationen nicht selbst ausgedacht oder zusammengereimt habe, sondern im Buch lediglich zusammentrage, was Ärzte, Wissenschaftler und Medizinprofessoren selbst zu verschiedenen Blutparametern wissenschaftlich erforscht und in der Praxis festgestellt haben.


MILIEU: Die Grenzwerte im Blut wurden aufgrund einer jahrelangen Datensammlung und -auswertung bestimmt. Es handelt sich also gewissermaßen um Mittelwerte. Sehen Sie diese „Allmacht statistischer Werte“ schon als einen Fehler an?

Muhm: Wie chinesische Professoren in der westlichen Medizin unterstreichen liegt der Fehler womöglich nicht so sehr in den statistischen Werten als vielmehr in dem nahezu blinden Glauben, dass das Blut Krankheiten aufzeigen kann. Das tut es bis zu einem gewissen Grad schon − aber eben erst in einem sehr späten Stadium, d.h. wenn ein Organ oder ein Gewebe schon längst erkrankt ist! Das Blut versucht ja ständig Probleme (also Stoffmängel oder -überschüsse), die sich im Blut zeigen, so schnell es geht aus der Welt zu schaffen, d.h. auszugleichen. Hier ein anschauliches Beispiel: Sobald der Kalziumgehalt im Blut sinkt, wird dieser Stoff den Knochen entzogen, damit am Herz keine größeren Probleme entstehen. Im Kalzium zeigt sich also ein trügerisch normaler Kalziumspiegel − aber der Betreffende leidet quasi versteckt an Osteopenie oder an Osteoporose.

Hinzu kommt, dass sehr oft falsch gesetzte Referenzbereiche vorliegen. Bei der Nüchternglukose wurden diese Bereiche z. B. anhand von Patienten festgesetzt, die zu diesem Zeitpunkt − also wenn sie den festgesetzten Wert erreichten − bereits an Veränderungen der Netzhaut litten. Bei B12 wurde der untere Wert anhand des Auftretens der Perniziösen Anämie festgelegt, obwohl die neuronalen Ausfallerscheinungen − z.B. Polyneuropathien, etwa Kribbeln in den Beinen, schon viel früher vorhanden sind.


MILIEU: Als Alternative zu Blutwerten schlagen Sie vor, Stoffe in der Atemluft zu messen. Dass man Krankheit riechen kann, stellte schon der griechische Arzt Hippokrates fest, der seine Patienten bat, ihn anzuhauchen und daraus seine Schlüsse zog. Zum Beispiel verströmen Diabetiker oft einen leichten Geruch wie nach Nagellackentfernern – verursacht durch den Stoff Aceton, der sich bildet, wenn eine Unterversorgung mit Zucker vorliegt. Man misst die Metabolite eines Stoffes - Zwischenprodukte, die bei biochemischen Stoffwechselvorgängen entstehen - in der Atemluft. Es fehlt aber derzeit noch eine breite Datenbasis, um die Ergebnisse richtig zu deuten. Oder halten Sie es für sinnvoll diese Methode jetzt schon weiträumig anzuwenden?

Muhm: Auch hier gilt wieder − es geht mir im Buch nicht darum, von meiner Seite etwas vorzuschlagen (was mir gar nicht anstünde), sondern ich weise lediglich darauf hin, dass es diese Methode gibt und dass sie von Wissenschaftlern und Medizinern, die nach Alternativen suchen, befürwortet und weiterentwickelt wird, weil diese sich der Problematik der Blutuntersuchung und ihrer Unzulänglichkeiten sehr wohl bewusst sind.


MILIEU: Als weitere Alternative sehen Sie die Urindiagnostik. Diese wird heute auch schon auf breitem Gebiet angewendet, zum Beispiel bei Nierenerkrankungen, Erkrankungen der Harnwege, Stoffwechselerkrankungen oder Infektionen. Halten Sie das noch für ein zu geringes Feld der Anwendung?

Muhm: In meinem Buch habe ich lediglich dargelegt, dass die Urinuntersuchung bei bestimmten Parametern nachweislich exaktere Ergebnisse bringt, z. B. bei der Feststellung von Jodmangel.

 

 

MILIEU: Was schlagen Sie vor, was man tun sollte, wenn man sich krank fühlt, vom Arzt aber als gesund definiert wird?

Muhm: Es kommt darauf an, wie gründlich der Arzt vorgegangen ist, wie intensiv er sich − trotz normaler Blutbefunde −  den vom Patienten geschilderten Symptomen widmet und ob er weitere diagnostische Verfahren anwendet oder anordnet. Ist der Blutbefund "in Ordnung" und der Arzt führt die Symptome des Patienten auf Stress, Nervosität, familiäre Belastung, psychische Probleme oder ähnliche Allerweltsursachen zurück, kann man den Patienten nur raten den Arzt zu wechseln und sich im Freundeskreis umzuhören, mit welchen Ärzten die besten Erfahrungen gemacht wurden. Das wäre zumindest eine Möglichkeit. Denn eines muss man sich klar machen: Patienten, die krank sind, aber aufgrund aktuell gültiger, aber falsch gesetzter Referenzbereiche von Ärzten als Psychosomatiker abgestempelt werden, verzweifeln nicht selten daran und glauben zum Schluss oft selbst, dass sie sich die Krankheit nur einbilden. Und das darf nicht sein. Ich habe dieses Buch geschrieben, damit Menschen auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien erfahren, dass derzeit viele Blutreferenzbereiche falsch gesetzt sind und ihre Krankheit somit leider nicht diagnostiziert werden kann − dies aber nur aufgrund der aktuellen Unzulänglichkeiten eines Medizinsystems, dass allzu häufig leider sehr lange braucht, um auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien mit den entsprechenden Veränderungen zu reagieren.


MILIEU: Ihr Buch gründet sich in weiten Teilen auf Erfahrungsberichte von Patienten, die von der Labormedizin enttäuscht wurden. Gleichzeitig gibt es aber sehr viele Beispiele von Personen, die aufgrund der Labormedizin richtig therapiert werden konnten und dadurch geheilt wurden. Halten Sie das für Zufall?

Muhm: Erstens basiert mein Buch auf wissenschaftlichen Studien (62 Seiten Fußnoten, die meisten aus PubMed). Natürlich kann die Labormedizin sehr vielen Menschen helfen, nur sie tut es eben sehr oft erst dann (akute Fälle ausgenommen!), wenn bei diesen Patienten ein Organ oder das Gewebe schon lange erkrankt waren! Man geht z. B. davon aus, dass erhöhte Kreatininwerte − die klar aufzeigen, dass die Nieren nicht mehr richtig funktionieren − im Blut erst dann als erhöht erkannt werden, wenn die Niere bereits erheblich geschädigt ist.


MILIEU: Wenn Sie selbst in der Situation wären, dass Sie im Krankenhaus lägen und Untersuchungen gemacht würden: Würden Sie sich überhaupt noch Blut abnehmen lassen, um die Blutwerte zu bestimmen?

Muhm: Natürlich, denn besonders in akuten Situationen sind Blutwerte unerlässlich. Aber selbst bei einer akuten Pankreasentzündung kann es zum Beispiel vorkommen, dass die dafür notwendigen Parameter in der Norm liegen ...

Blutuntersuchungen haben ihre absolute Berechtigung. Allerdings sollten die Befunde nur eine Orientierungshilfe sein und den Arzt nicht dazu verleiten, sie als Diagnosemittel schlechthin zu sehen! Patienten als gesund zu deklarieren allein aufgrund "normaler" Blutergebnisse bedeutet eine Vernachlässigung der Symptome (die alte wunderbare Medizinschule des Zeichenlesens).

Die Anzahl der Menschen, die trotz normaler Blutbefunde krank sind, ist sehr hoch − eben auch aufgrund der falsch gesetzten Referenzbereiche. Manchmal treffen Patienten auf gute Ärzte, die trotz normaler Blutbefunde z. B. eine Biopsie oder andere diagnostische Methoden vorschlagen, um einer Krankheit wirklich auf die Spur zu kommen. Ich selbst war so eine Patientin und hatte das Glück, einen Arzt zu finden, der sich nicht mit dem Blutbefund zufriedengab und dank darüber hinausgehender Diagnostik endlich herausfand, an welcher Krankheit ich litt.

 

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Muhm!

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen