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Naidoos vergessenes Vermächtnis

15.06.2017 - Nicole Willig

Seit mehreren Jahren steht der Musiker Xavier Naidoo immer wieder im Kreuzfeuer medialer Kritik. So sorgte auch der am 21. April veröffentlichte Song „Marionetten" der Musikgruppe Söhne Mannheims wochenlang in der deutschen Presselandschaft für Furore. Dabei sind sich die großen populären Zeitungen weitgehend einig, dass es sich bei diesem Lied angeblich um „gewaltverherrlichenden Pegida-Sprech" handelt und dass der Sänger „immer weiter in die krude Gedankenwelt der neuen Rechten“ abdriftet. Aber worauf genau beziehen sich diese Anschuldigungen?

In „Marionetten“ findet sich unter anderem das Bild des „Puppenspielers“ wieder, für welchen die Politiker lediglich als „Sachverwalter“ agierten. Des Weiteren werden Volksvertreter als „Volks-in-die-Fresse-Treter" bezeichnet und Bundestagsabgeordnete des Volksverrats bezichtigt. Handelten sie nicht im Interesse des Volkes, so würde sie der „wütende Bauer mit der Forke“ dazu zwingen und wieder auf Linie bringen.

Wie bereits von einigen Journalisten der deutschen Qualitätsmedien mehr als deutlich gemacht, handelt es sich bei dem Bild des Puppenspielers um eine Metapher, die Gebrauch in der NS-Zeit fand: Der jüdische Puppenspieler, der Fädenzieher, der sowohl die globale Wirtschaft und die Presse, als auch die politischen Geschicke beeinflusst. Allerdings wird dabei unterschlagen, dass es gleichzeitig auch eine sehr alte Metapher ist, die bereits in Platons „Höhlengleichnis“ oder in Georg Büchners „Dantons Tod“ Anwendung findet. Möglicherweise kritisiert Naidoo, und das völlig zurecht, in diesem Zusammenhang den massiven Einfluss von Lobbyisten-Gruppierungen auf die deutsche Politik. Im Dezember 2015 wurde eine Liste auf der Website abgeordnetenwatch.de veröffentlicht, in der sich niederschlägt, dass Bundestagshausausweise von den einzelnen Parteien wie Karnevalskamelle an Lobbyistengruppen verteilt werden. Darunter befinden sich Konzerne wie BMW, Audi, Siemens, die Deutsche Bahn oder Telekom, der deutsche Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann oder die Tochtergesellschaften der Airbus-Group, Airbus Helicopters und Airbus Defence und Space.

Ferner wird der vermeintliche “Volksverrat“ im Lied genauso thematisiert, wie das Verdrehen von Tatsachen. Hier gibt es ebenfalls einen journalistischen Konsens, der behauptet, jenes Verdrehen ließe sich als Allusion auf die so genannte "Lügenpresse" verstehen. Ein Begriff, welcher der Zeit um den ersten Weltkrieg entstammend allgemein hin die Medien feindlicher Staaten bezeichnete, unter Joseph Goebbels vom Propagandaministerium verwendet wurde, um besonders kommunistische oder aber auch jüdisch-marxistische Schriften und Medien zu diffamieren und mit Hilfe der Pegida-Bewegung eine politische Wiederbelebung erfuhr. Auch der Begriff des "Volksverrats" schlägt sich im Rahmen des Dritten Reiches in den Gesetzen des Nazi-Systems als Straftatbestand nieder.

Natürlich ist der „Volksverrat“ ein scharfer Begriff. Allerdings wurde er auch unter anderem von Revolutionären des Vormärz im 19. Jahrhundert verwendet. Auch der „wütende Bauer mit der Forke“ ist ein oftmals mit Subversion in Verbindung gebrachtes Bild, wie beispielsweise innerhalb der Agrarkrise und der Bauernproteste während der Russischen Revolution. Es muss klar sein, dass bestimmte Begriffe bereits lange vor der NS-Zeit existierten und in der Rhetorik des Nationalsozialismus semantisch umgedeutet wurden. So wurde zum Beispiel das der antiken philosophischen Theorie über Recht und Gerechtigkeit entstammende „suum cuique“ während des Nationalsozialismus zu „Jedem das Seine“ umgewandelt und auf dem Torfries des Konzentrationslagers in Buchenwald positioniert. Dass es eine sprachliche Sensibilität ob der Verwendung bestimmter Begrifflichkeiten gibt, die eine semantische Schnittmenge mit der NS-Zeit besitzen, ist absolut richtig, darf aber nicht das Maß aller Dinge sein und sicherlich nicht das Maß des Journalismus.

Sicherlich kann man Naidoo eine gewisse historische Bewusstlosigkeit hinsichtlich der jüngsten deutschen Vergangenheit vorwerfen und seine Wortwahl als unangemessen bezeichnen.  In „Marionetten“ mischen sich Bilder der Gewalt, wie der „wütende Bauer mit der Forke“ und „in Fetzen“ gerissene straffällige pädophile Politiker, mit christlichen Metaphern und spekulativen, konspirativen Thesen über einen Washingtoner Pädophilen-Ring um Hillary Clinton zu einem Amalgam wirren Nonsens. Den Sänger jedoch als Rechtspopulisten zu bezeichnen, ist mehr als übertrieben.

Zwar schien es aufgrund der Häufung von Naidoos Aussagen, die in Form von Interviews, Kundgebungen und auch Liedtexten getätigt wurden, eine Einhelligkeit von Naidoos Äußerungen und politischen Überzeugungen mit denen der rechtsextremen und vom Verfassungsschutz beobachteten Reichsbürger zu geben, die sich gegen das de jure und de facto existente Deutschland richten. Der Göttinger Demokratieforscher Jöran Klatt aber sieht die in einigen deutschen Zeitungen und Magazinen erschriebene Gleichschaltung des Sängers mit der Reichsbürgerbewegung als nicht sonderlich differenziert an. So resümierte er, es gehe beiden Parteien wohl um "die Empörung über eine angebliche Fremdbestimmung" Deutschlands und "die Wut auf ein diffuses Feindbild".

Die Söhne Mannheims selbst äußerten sich bislang eher verhalten zu den Vorwürfen. So behauptete Naidoo stellvertretend für die Musikgruppe, es handele sich bei dem Lied um eine "zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen" und sie selbst stünden für eine "offene, freiheitliche, liberale und demokratische Gesellschaft". Extremismus sei nie gut. Der Ist-Zustand eines demokratischen gesellschaftlichen und politischen Gefüges aber darf und muss kritisch hinterfragt werden dürfen. Zwar sei so mancher Liedtext provokant, aber stets geprägt von seiner Überzeugung für die Grundwerte eben jener Gesellschaftsform.

Im medialen Sturm der Entrüstung um „Marionetten“ scheint Naidoos jahrelanges Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass in Vergessenheit zu geraten. Das innerhalb seines Projektes Brothers Keepers veröffentlichte Lied „Adriano“ (2001) soll an das Opfer rechter Gewalt, Alberto Adriano, erinnern, der im Juni 2000 von rechtsextremistischen Skinheads brutal zusammengeschlagen wurde und an den Folgen starb. Zudem ist der Sänger Teil der Künstlerinitiative „Rock gegen Gewalt“. In zahlreichen Liedern, wie beispielsweise „Nie mehr Krieg“ (2015) warnt er vor einer wachsenden Islamophobie innerhalb der deutschen Gesellschaft und ruft zu interkultureller Nächstenliebe auf.

Trotzdem empfand das Gros der medialen und politischen Öffentlichkeit die bisherig getätigte Stellungsnahme als unzureichend.

Folglich beendete der Radiosender Bremen Vier aufgrund der massiven Kritik vor einigen Wochen seine Kooperation mit der Musikgruppe und sagte die Präsentation ihres Auftrittes vom 13. Mai ab. Auch das Konzert des Sängers im kommenden Dezember wird nicht mehr vom Sender präsentiert werden. In Hannover erhoben sich politische Stimmen, die die Absage des Auftrittes der Söhne Mannheims auf dem vom NDR 2 präsentierten zweitägigen städtischen Plaza-Festival am Freitag, den 26. Mai einforderten. Hendrik Hoppenstedt, Vorsitzender des CDU Regionsverbandes Hannover und Bundestagsabgeordneter, zeigte sich aufgrund des zögerlichen Verhaltens des NDR 2 empört. So behauptete er, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der sich durch Rundfunkgebühren finanziere, solch eine Musikgruppe mit einem Auftritt auf dem vom Sender präsentierten Festival nicht unterstützen dürfe. Die Meinungsfreiheit sei "ein hohes Gut", aber mit dem Lied "Marionetten" würden Toleranzgrenzen überschritten werden. Diese Meinung fand einen breiten Konsens in politischen Kreisen, weshalb sich der NDR 2 öffentlich unter Druck gesetzt sah und die Präsentation schlussendlich absagte. Die Söhne Mannheims traten allerdings nach wie vor am Abend auf.

Was genau bedeutet eigentlich das von Hoppenstedt proklamierte „Überschreiten von Toleranzgrenzen“? Gibt es nicht unzählige Lieder, in denen klare Grenzüberschreitungen in einem sich selbst als freiheitlich und demokratisch bezeichnenden Gefüge erfolgen und unter dem Aspekt der "künstlerischen Freiheit" mehr oder minder gebilligt werden?

Weder Naidoo noch die Söhne Mannheims haben das Rad neu erfunden, was das brutale Wort in der deutschen Musikszene betrifft. Insbesondere innerhalb der Rapszene ist es essentieller Bestandteil. Eine Zensur ist aufgrund des staatlichen und gesellschaftlichen Selbstverständnisses nicht einforderbar und entspräche einem Messen mit zweierlei Maß. Und deshalb wäre es auch falsch und absolut kontradiktorisch, wie Hendrik Hoppenstedt nach einer Zensur zu verlangen.

Was bedeutet überhaupt die Forderung nach Zensur in einem angeblich freiheitlichen, demokratischen Staat? Ist diese Forderung überhaupt tragbar und ist es nicht neben Naidoo und den Söhnen Mannheims auch eigentlich Hoppenstedt, der mit seiner Forderung nach Exklusion eine Grenzüberschreitung begeht? Wie freiheitlich kann eine Gesellschaft oder ein Staat wirklich sein und ist dies lediglich ein Attribut, mit dem sich westliche Staaten gerne schmücken?

So könnte man nun überlegen, ob man Xavier Naidoo hinsichtlich dieses Liedes oder seiner allgemeinen öffentlichen politischen Äußerungen gesellschaftlich exkommuniziert oder dieses Lied indiziert- Aber wenn erst einmal mit einer Zensur begonnen wird, wo ist die Grenze?

Zensur zu fordern zeigt in diesem Fall, wie brüchig Politiker die Demokratie in Deutschland einschätzen und wie schwach das Vertrauen in die eigenen Bürger ist ob ihrer Kompetenz zur reflektierten Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Durch eine Forderung nach Zensur, entmündigt man die Bürger und spricht ihnen die Fähigkeit ab, sich selbst eine Meinung zu bilden und Sachverhalte kritisch zu beurteilen. Dies ist nicht nur beleidigend, sondern auch ausgesprochen repressiv. Die Forderung nach einer Zensur verleiht der Regierung, deren Selbstverständnis angeblich auf freiheitlichen und demokratischen Prinzipien aufbaut, autoritäre Züge, die mit Blick auf andere Ländern in der politischen und medialen Öffentlichkeit intensiv diskutiert und angeprangert werden. Vergleicht man „Marionetten“ mit anderen Liedtexten diverser Künstler, die unter dem rechtlichen Deckmantel der künstlerischen Freiheit Verbreitung finden und lange nicht so vehement in der Öffentlichkeit diskutiert werden, wird die Frage nach dem Wieso aufgeworfen. Es scheint, als sorge man sich in bestimmten Kreisen darum, Naidoo könne aufgrund seines gesellschaftlichen Status politischen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben und diese für seine Zwecke instrumentalisieren. Möglicherweise resultiert die recht harte Reaktion vonseiten der Medien und Politiker und ihrer Forderung nach Zensur aus der politischen Sensibilität, die sich mit den Jahren durch die Gründung und die schnelle Erstarkung der AfD potenziert hat.

Auffällig ist, dass es mit Bezug auf Naidoo und seiner Bezichtigung des Rechtspopulismus einen sehr engen Meinungskorridor und eine fragwürdige journalistische Einhelligkeit innerhalb der deutschen Medienlandschaft gibt. Die Medien wenden sich voller Inbrunst gegen das Totalitäre, schmettern allerdings im selben Zug jegliche Systemkritik, und mag sie noch so krude sein, prinzipiell und vehement ab. So ist es absolut unsachlich und undifferenziert, von medialer und politischer Seite aus auf den Sänger einzudreschen, ihn als „Reizfigur“ und seine lyrischen Äußerungen als  „Wutbürger-Logorrhoe“ zu bezeichnen und gleichzeitig laut nach Zensur zu schreien. Dabei kann man Naidoos Texte als strittig und seine Logik berechtigterweise als wirr empfinden, seine Musik abfällig wie die taz als „biblisch inspirierten Erlöserpop“ titulieren oder ihn auf ganz irrationale Weise einfach blöd finden. Jedoch ist die eigene Meinung nicht die einzige, die zählt. Und das bedeutet Freiheit. Das bedeutet Demokratie. 

 

 

Von Foto: © JCS /, CC BY 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php

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