Rezension

Neben uns die Sintflut

15.08.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Betrachtet man die öffentlichen Debatten in den wohlhabenden Weltregionen, dann scheinen die Verbindungen zwischen “unserem” wie auch immer ungleich verteilten Reichtum auf der einen und den Arbeits- Lebens- und Überlebensbedingungen außerhalb der weltwirtschaftlichen und -politischen Zentren auf der anderen Seite immer noch das “Geheimwissen” von marxistischen Gruppen, entwicklungspolitischen Organisationen und Papst Franziskus I. zu sein” (Seite 23).

Die folgenden Sprüche sind uns alle bekannt: “Wir haben die Erde nur geliehen”. Oder: “Welche Erde wollen wir unseren Enkeln überlassen?”Es sind wahre Sätze, aber der Autor des hier angezeigten Buches, Soziologieprofessor an der Universität München, verschärft diese Diktion noch, indem er mit analytischem Scharfsinn nachweist, wie schon jetzt in der Gegenwart Ausbeutung der Menschen und der Ressourcen stattfindet und wer dafür verantwortlich ist. Stephan Lessenich zeigt in seinem Buch, dass unser Reichtum (Motto: “Alles haben und noch mehr wollen”) nicht einfach naturwüchsig entsteht, sondern im Sinne einer strukturellen Ausbeutung erfolgt und - genauso schlimm - dass wir diese Struktur verdrängen und verschweigen. Er prägt für diesen Vorgang den Begriff der “Externalisierung”: Die reichen Gesellschaften lagern in einer Nullsummenstruktur beim Anhäufen ihres Reichtums immer zugleich die negativen Effekte ihres Handelns auf andere arme Länder und Menschen aus. Dieser Neo-Kapitalismus herrscht nach dem Zusammenbruch des Sozialismus nun über die ganze Welt.

Lessenich verbindet in hervorragender Weise Fallstudien wie z.B. die ökologische Katastrophe am Rio Doce (Brasilien), die voll durchrationalisierte Produktion von Garnelen oder die ökologisch verheerende Coffee to Go Manie mit grundsätzlichen soziologischen Einsichten. So macht er uns auf Facetten der Externalisierung aufmerksam, die uns wenig bewusst sind, z.B. das weltweit ungleich verteilte Privileg der Reisefreiheit oder die “birthright lottery”: Wer am richtigen Ort geboren wird und auch noch zur rechten Zeit, hat das große Los gezogen in der Lotterie der weltweiten Lebenschancen. Diese Mischung von Fallstudien und grundsätzlichen Reflexionen macht das Buch überaus spannend in der Lektüre. Lessenich weiß, wieviel Informationen schon vorhanden sind über diese Externalisierungspraktiken, die wir tagtäglich durch unseren Konsum verstärken und bei dem wir die Augen davor verschließen, was er bei denen verursacht, die für das Herstellen unsere Luxusartikel schuften müssen inklusive des horrenden Ressourcenverbrauchs. Er macht sich aber auch keine Illusionen, dass kosmetische Korrekturen des Externalisierungs-Kapitalismus wie z.B. sog. “ethischer Konsum” oder das Umsteigen auf sog. “Intelligente Technologien” genügen würden, um einen grundsätzlichen strukturellen Wandel herbeizuführen. Auch dem Blickwinkel von Autoren wie Harald Welzer, die auf ein Ende des Wachstumskapitalismus “by design” hoffen, damit er nicht “by desaster” endet, billigt Lessenich wenig Chancen zu. Er setzt stattdessen auf das Veränderungspotenzial in den vom Norden ausgebeuteten Peripherien und auf eine tatkräftige Demokratie.

Lessenichs Argumentation wird schwächer, wenn er sich im letzten Kapitel seiner Publikation mit möglichen Handlungsoptionen gegen den Externationalisierungs-Kapitalismus beschäftigt. Das beginnt schon beim Zitat aus Thomas Pikettys Werk “Das Kapital im 21. Jahrhundert” mit seiner Hoffnung auf ein aktives Gegensteuern der Politik gegen den Kapitalismus, wo doch das Versagen gerade der Politik bei der Regulierung der Ökonomie spätestens bei der internationalen Finanzkrise und beim Eurorettungs-Wahn mehr als offensichtlich ist. Dass die an der Externalisierung profitierenden Gesellschaften im Weltnorden und ihre Herrscher gerade nicht in diese für sie so profitablen Akkumulationsprozesse zugunsten Ihres Reichtums eingreifen, könnte den Leser dazu motivieren, den Titel des Buches geradezu umzudrehen. “Nach uns die Sintflut” hieße dann, dass die Akteure, die den Weltkapitalismus und die Dominanz der sie steuernden Zentren betreiben, jede Änderung weit von sich weisen und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln soweit wie möglich in die Zukunft verbannen wollen.

Leider geht Lessenich auf diese für die Verteidigung des Neo-Kapitalismus zur Verfügung stehenden Mittel nicht ein. Bei einer konsequenten illusionslosen Machtanalyse hätte schon bei der ständig forcierten Aufrüstung der Zentren Lessenich eigentlich klar werden müssen, wie es hier um die (militärischen) Machtveränderungschancen bestellt ist. Ein Blick in jedes einschlägige Militärtechnologie-Magazin bietet eine Fülle von Anschauungsmaterial, wie der von Lessenich demaskierte Neo-Kapitalismus weiterhin geschützt und stabilisiert wird. Sei es beispielsweise durch die Miniaturisierung des Atomwaffenarsenals, durch die das Spektrum seiner Einsatzfähigkeit fortwährend erweitert wird, sei es durch die - ein anderes Beispiel - am Horizont schon herandämmernden Möglichkeiten der Drohnenkriegsführung, die dem intensiven Wunsch der Militärs möglichst präzise zu jeder Zeit und an jedem Ort Militärschläge auf weite Distanz führen zu können (“fire and forget”) entsprechen. Überall und jederzeit verfügbare Militärapparaturen für jegliche Art von Kriegsführung sind in diesem Zusammenhang die Garantien, dass die Zentren auf absehbare Zeit ungefährdet über die Peripherien herrschen und sie ausbeuten können. Mit anderen Worten: Lessenich scheint bedauerlicherweise nicht wahrzunehmen, dass das Beharrungsvermögen und die Machtstrukturen des externalisierenden Kapitalismus noch lange nicht am Ende stehen.

Nun kann man den gegenwärtigen Kapitalismus nicht nur auf seine Regenerationsfähigkeit hin untersuchen, sondern ihn auch als Wirtschaftsform schlechthin in Frage stellen. Aber da verweigert sich Lessenich, indem er Ethik und Moral als mögliche Motivation für die Veränderung der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse eine klare Absage erteilt. Wenn aber Lessenich nicht auf Ethik setzt (die auch bereits Niklas Luhmann nur noch als intellektuelles recycling disqualifiziert) und auch an die alten Geschichten, spricht Religion, nicht mehr glaubt - beides sei ihm unbenommen - und er das Ende des Wachstumkapitalismus weder by design noch by desaster avisiert, bleibt  nur unser vom Autor beschworenes “Eigeninteresse”, das dem Prinzip der Externalisierung eine Ende bereiten soll. Aber “Eigeninteresse” für wen und für was? Unter “Eigeninteresse” kann man auch genau die Motivation subsumieren, die bestehenden Zustände - in unserem Fall der im privilegierten Weltnorden Lebenden - möglichst lange und so weitreichend wie möglich zu perpetuieren. Das ist eben die Paradoxie, die weder Lessenich noch auch Denker wie Welzer schlüssig aufarbeiten (wollen): Wir sehen zwar die Katastrophe aber wir wollen nicht handeln.  

Es ist auch fraglich und Lessenich bleibt eine empirische Begründung schuldig, warum nun gerade jetzt die Externalisierungsgesellschaft an einem “Wendepunkt” angelangt sei (189). Denn zu dem, was mit Lessenichs Worten angeblich “auf der Hand” liegen soll (195), wird ja faktisch genau entgegengesetzt gehandelt: Trump sabotiert das Weltklimaabkommen, nachdem der Protest gg Ttip verklungen ist, geht das Freihandelsabkommen mit Japan (erwartbar bilateral danach auch mit anderen Ländern) ziemlich geräuschlos über die Bühne und das Thema Finanztransaktionssteuer ist bei keiner deutschen Partei ein Wahlkampfhit.

Die Flüchtlingsproblematik kommt immer näher auf uns zu? Mag sein, aber wir haben ja genügend Geld, um die Türkei zu bestechen und mit ihr einen Schmusekurs zu fahren, damit sie für uns das Flüchtlingsproblem möglichst weit weg von unserem Land entsorgt. Und für was haben wir denn “Frontex”, wenn sie nicht gefälligst für die unmittelbare “Gefahrenabwehr” auf dem Mittelmeer sorgt. Notfalls rüsten wir entsprechend unsere Kriegsmarine auf, die ja sonst sowieso eher nutzlos in der Nord- und Ostsee herumdümpelt. Diese leicht ironischen Sätze sollen Lessenichs brilliante Analyse keinesfalls kleinreden, aber doch auf ein großes Problem seines Buches hinweisen: Lessenich unterschätzt einfach die Regenerationsfähigkeit des externalisierenden Kapitalismus. Nehmen wir nur einmal ein Beispiel vom prominentesten kapitalistischen global player, den USA: Nur kurze Zeit waren nötig, dass die USA mittels der natürlich zugegebenerweise ökologisch fragwürdigen fracking Ölförderungsmethode die bis dahin als unverrückbar geltende Dominanz des ganze Opec Kartells erschüttert haben.

Der einzige, in Deutschland eine nachhaltige Veränderung auslösende Wendepunkt war Fukushima, bei dem Merkel in erstaunlicher Geschwindigkeit das Problem der Atomenergie in Deutschland abgehakt hat - zum späteren Frust der Grünen, die nun ohne Alleinstellungsmerkmal dastehen. Und es spricht viel für die Feststellung von N.Luhmann, dass in der Tat das Management von Großrisiken die wirkliche Nuß ist, an der die moderne Hochleistungsgesellschaft sich die Zähne ausbeißt. Alle anderen Probleme, so tiefgreifend sie auch immer sein mögen, werden -  wie sich die Eliten egal welcher Couleur doch gleichen - damals von Schröder “mit ruhiger Hand” und heute mit der Merkelraute verdampft, ja man könnte mit einem ironischen Schlenker diese deutsche Tradition sogar bis Wilhelm I. zurückverfolgen: “Lieb Vaterland magst ruhig sein”.

Die Bescheidenheit, mit der Lessenich sich auf das Deskriptive zurückzieht (196) wirkt zwar auf den ersten Blick sympathisch, aber die Leserin wäre gerade angesichts der zuvor im Buch konstatierten Wucht der Verhältnisse vielleicht doch dankbar, vom Autor etwas mehr als nur die Empfehlung eine Demokratiereform vorgelegt zu bekommen (196).

Das Buch von Lessenich ist brillant geschrieben, äußerst scharfsinnig in der Analyse, das genaue Gegenteil von mainstream Denken. Mit seinen Beispielen aus dem Alltag versteht der Autor uns aufzurütteln, damit wir endlich verstehen, dass unser Reichtum und Wohlstand einen Preis hat, den WIR nicht zahlen, sondern Millionen andere, Namenlose, irgendwo in der Welt, in Gegenden, wo wir nie hinkommen, nicht hinsehen und auch nichts davon hören wollen. Eine empfindliche Leerstelle des Buches bleibt allerdings das Ausblenden der Machtfrage im Rahmen des externalisierenden Kapitalismus. Wie der politische und militärische Apparat die Macht dieses Kapitalismus stützt und perpetuiert - erst wenn diese Fragestellung mehr in den Focus der Analyse gerät, können Veränderungsstrategien überzeugend entwickelt werden. Und an diesen ist Lessenich ja zweifellos gelegen.

Layout-mässig sehr erfreulich, soll besonders darauf hingewiesen werden, dass die Nachweise von Lessenich nicht einfach als bloße Literaturhinweise abgedruckt werden, sondern sehr gut kommentiert daherkommen und damit zur weiteren Lektüre anregen. Noch besser wäre es gewesen, diese direkt unterhalb jeder Seite abzudrucken. Und in Anbetracht, dass Lessenich das Zentrum-Peripherie Paradigma mehrmals analytisch anwendet, verwundert es, dass er den dazu klassischen Aufsatz von Johan Galtung “A structural theory of imperialism” überhaupt nicht erwähnt.

 

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihre Praxis. Carl Hanser Verlag. 224 Seiten. 2016. 20 Euro

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