Rezension

Next Germany

15.07.2017 - Dr. Burkhard Luber

„Die Welt ist aus den Fugen“. Diesem Zitat aus Shakespeares Hamlet, das die AutorInnen ihrem Buch (www.next-germany.de) voranstellen, hätte ein zweites folgen können, auch aus Hamlet übernommen: „Etwas ist faul im Staate Deutschland“. Denn was schief läuft in unserer Gesellschaft und was die Herausforderungen der Zukunft sind, das ist das große Thema dieser Publikation.

Das Buch entfaltet sich in zwei Teilen: Eine Analyse des Ist-Zustandes, der durch eine tiefgreifende Irritation und Verunsicherung angesichts von Globalisierung und Digitalisierung gekennzeichnet ist, was latent eine Werte-Spaltung der Gesellschaft generiert zwischen denen, die das Autorenteam die Gruppe der „Starken Gemeinschaft“ nennt und die Gruppe der „Starken Individuen“ nennt. Diese Spaltung muss überwunden werden, damit es in Deutschland nicht zum Stillstand, im schlimmeren Falle auch zu gesellschaftlichen Verwerfungen kommen soll. Die andere Hälfte des Buches besteht in einer Präsentation ganz unterschiedlicher Beispiele, wo nach Auffassung der AutorInnen eine Überwindung dieser konträren Denkweisen und Lebensauffassungen bereits konkret stattfindet. Diese Beispiele stehen konkret für die Perspektive des Buchtitels: „Next Germany“.

Kann die Publikation seinen Anspruch, über die Gegenwart in stimulierender Art und Weise hinaus zu blicken, überzeugend einlösen? Ja und Nein. Sicherlich sind die vielen alternativen Praktiken, Modelle und Denkansätze für the next Germany, die das Buch beschreibt, äußerst anregend, wenn man Material sucht, das Perspektiven über das sattsam bekannte „Das haben wir schon immer so gemacht“ bzw. „Da könnte ja jeder kommen“ oder „There are no Alternatives“ hinaus liefert, wobei es editorisch unverständlich bleibt, warum bei den Beispielen keine Weblinks mit angegeben werden, mit denen sich die/der LeserIn näher mit ihnen beschäftigen könnte. Aber anregend sind die Beispiele allemal, allerdings auch wiederum nicht exklusiv, denn schon seit längerer Zeit finden sich solche instruktiven Listen bereits in den zweijährig erscheinenden Ausgaben des Zukunftsalmanachs der Stiftung FuturZwei (vgl. dessen Besprechung in DAS MILIEU)

Egal, fantasievoll in die Zukunft zu blicken, kann man gar nicht zu wenig. Leider fallen in „Next Germany“ trotz der Bemühungen der Autoren, sorgfältig die vielfältige Bewusstseinslage in Deutschland auszuloten, doch einige bemerkenswerte Defizite auf. Zwar mag man konzedieren, dass das klassische politische Links-Rechts-Schema nicht mehr aussagekräftig ist. Aber auch wenn man diesem Narrativ nicht mehr traut, bleibt dennoch der empirische Befund seit Jahren gleich und höchst bedenklich: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in Deutschland immer größer, die Konzentration des Reichtums nimmt bei uns ständig zu, parallel dazu leider auch die Kinder- und Altenarmut. Auch wenn man dafür nicht gleich die Blaupausen von Kapitalismus oder „Klassenkampf“ heranziehen will, etwas mehr Kommentierung zu diesen Phänomenen hätte man sich doch gewünscht als das nur ein etwas verschwommene bloße Konstatieren, dass die moderne deutsche Gesellschaft in Schieflage ist. Die Autoren ehrt auch ihr klar markiertes Eingeständnis, dass sie Deutschland absichtlich losgelöst von der internationalen Situation betrachten wollen. Aber ist dieser reduzierte Blickwechsel im Zeitalter der Globalisierung hilfreich, ja überhaupt zulässig? Wird mit dieser Einengung der Perspektive wirklich analytische Tiefenschärfe für ein Land gewonnen, das wie kaum ein anderes in der Welt international politisch und wirtschaftliche verflochten ist? Denn mit dem Ausblenden der internationalen Dimension bleibt ja zum Beispiel automatisch auch das ganze Umfeld von Krieg und Frieden unthematisiert. Ist diese Engführung für ein Land erlaubt, dem durch die massive Flüchtlingsimigration des letzten Jahres höchst drastisch vor Augen geführt wurde, welche massive Auswirkungen kriegerische Auseinandersetzungen – hier im Nahen Osten – auch für unser Land haben?

Eine Leerstelle des Buches ist leider auch das Fehlen eines Kapitels über die Akteure, die Deutschland in Richtung des von den Autoren intendierten „next“ Modells anschieben sollen. Die Auflistung alternativer NGO-Arbeit in dem Buch ist stimulierend, aber wie stellen sich die Autoren die weiteren gesamtgesellschaftlichen Wirkungen solcher Initiativen konkret vor? Indem sie immer mehr werden und dann „irgendwann“ und „irgendwie“ (man fühlt sich an die „invisible hand“ von Adam Smith erinnert) von der quantitativen Vermehrung mehr oder weniger automatisch ein Umschlag in qualitative Veränderung erfolgt? Das klingt doch zu sehr nach vager Hoffnung gebaut vor und man vermisst an dieser Stelle eine Auseinandersetzung mit den Gegen-Kräften, die auf dem Status quo beharren. Die im Kapitel „Handeln“ vorgestellten NGO-Initiativen sind in ihrem Engagement erfreulich, aber reicht der gute Wille allein aus, den von den Autoren als notwendig erkannte Zukunftsschub zu bewerkstelligen? Hier wird leider kein überzeugendes Szenario geliefert, wie solche Initiativen grundlegend die Interessenlage und Macht derjenigen Akteure und Agenturen, die an Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und Militarisierung profitieren und sie deshalb nach wie vor ungebremst weiter perpetuieren, überwinden können. Denn noch immer schreitet die Ausbeutung der Natur voran, fehlt Milliarden von Menschen im Weltsüden jegliche Perspektive eines menschenwürdigen Lebens (für viele sogar eine des Überlebens überhaupt), und weiterhin agiert ein Moloch von (atomaren) Waffen und Militärapparaturen, der – nicht zuletzt über expansive Rüstungsexporte – Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte in einer erschreckenden Vielzahl von Ländern verhindert.

Darüber hinaus kommt die Präsentation der NGOs bzw. Bewegungen, die für die Autoren ihre Perspektive zum Next Germany exemplarisch repräsentieren sollen, auch noch leider ohne Gewichtung daher. So stehen Phänomene wie Occupy, Nuit debout oder Pulse of Europe einfach neben einander, ohne dass sie kritisch auf ihre gesellschaftliche Wirkungsmächtigkeit hin evaluiert werden. Gerade bei Pulse of Europe lässt das schon weiter oben angesprochene bedenkliche Fehlen einer profunden Interessensanalyse besonders krass erscheinen. An dem erfreulichen Idealismus dieser Initiative soll nicht gezweifelt werden, aber die IniatorInnen von Pulse of Europe übersehen in Ihrer EU-Philie die eigentlichen Probleme Brüssels. Die BürgerInnen distanzieren sich ja von der EU nicht deshalb, weil sie in einen dumpfen Nationalismus des 19.Jahrhundert zurückfallen möchten, sondern weil bei der EU massive strukturell-politische Probleme entstanden sind, die auch bei den der EU lange Zeit  wohlgesonnen Menschen immer stärkere Zweifel an dem Projekt EU wachsen lassen: Die nach wie vor höchst instabile Situation des Euro, die faktische Enteignung der SparerInnen durch die Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die unverständliche Nicht-Solidarität der Visegrad-Staaten in der Flüchtlingskrise (obwohl gerade diese Staaten am massivsten vom EU-Budget profitieren). Es ist keine Wetterwendischkeit der Bürger in Europa, wenn sie das Projekt EU zunehmend in Frage stellen, sondern sie vergleichen ganz konkret, was ihnen mit der EU und ihrer Einheitswährung alles versprochen wurde an Wohlstand und Wirtschaftswachstum und was stattdessen tatsächlich passiert ist: Massive Verarmung im Süden und Südosten der EU mit geradezu dramatischer Arbeitslosigkeit der Jugend in den dortigen Regionen. Dies ist übrigens beispielhaft auch eine Schwachstelle des Buches: Zwar behandelt es kritisch die unterschiedlichen Narrative der BürgerInnen aber die empirisch validen Informationen über die wirklich drastischen sozialen und wirtschaftlichen Probleme werden nicht mit der angemessenen Eindringlichkeit thematisiert. Auch Ausführungen zur aktuellen Politik Deutschlands enttäuschen. So behaupten die Autoren auf Seite 68 „Auch die Bundestagswahl 2017 belebt den demokratischen Geist der Menschen in Deutschland neu“. Wirklich? Die schon wieder verpuffte Euphorie des SPD-Kanzlerkandidaten kann doch wohl nicht gemeint sein. Der Wahl“kampf“ Richtung September 2017 ist weit entfernt davon, ein Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Politiken zu sein. Der SPD-Chef kämpft nicht so energisch und überzeugend wie es das Erreichen einer Regierungsmehrheit nötig machen würde und die Kanzlerin spart sich den Kampf, weil das Demonstrieren gelassener Regierungsroutine viel weniger Kraft kostet. Unterm Strich: Selbst zwei Monate vor der Wahl ist deutsche Politik keine phantasievolle politische Landschaft, sondern schlicht Langeweile. Wie kann aber in einem solchen Klima ein „Next Germany“ Profil gewinnen?

In didaktischer Hinsicht schließlich ist keine schlüssige Kongruenz zwischen den allgemeinen gesamtgesellschaftlichen Reflexionen in den ersten beiden Kapiteln „Analyse“ und „Verstehen“ zu den Beispielen des dritten Kapitels zu erkennen. Die Kriterien, nach denen die Autoren ihre Beispiele im Kapitel „Handeln“ ausgesucht haben wird nicht transparent.

„Next Germany“ ist ein Buch mit herausforderndem intellektuellen Ansatz. Es focussiert erfreulich nachdenklich und kühn auf die Zukunft unseres Landes und tut dies mit einem eindrucksvollen Umfang von Argumenten. Das Autorenteam hat sich höchst engagiert, bisweilen geradezu akribisch, mit einer Vielzahl von Zukunftsaspekten für Deutschland beschäftigt und liefert somit einen bemerkenswerten Beitrag zur Diskussion über unser Land. Nicht in gleicher Weise überzeugend wie diese gedanklichen Anstrengungen ist leider der Aspekt bearbeitet, wie das von den Autoren als notwendig konstatierte Umsteuern und die Neujustierung Deutschlands praktisch von statten gehen soll; die Aufzählung der NGOs, der gesellschaftlich agierenden startups und sonstigen Initiativen bleibt in einer gewissen Beliebigkeit stecken. Da hätte man sich mehr Stringenz und Systematik gewünscht. Auch wäre wünschenswert gewesen, nicht nur auf das Auseinanderstreben der Ich- und Wir-Denkenden hinzuweisen, sondern auch den modernen Formationen der „klassischen“ gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Antagonismen ein gebührendes Augenmerk zu schenken, also Kategorien wie zum Beispiel Interesse, Gerechtigkeit und Hierarchien. Diese mögen durch neue Phänomene unserer Gesellschaft wie Digitalisierung und Globalisierung in den Hintergrund getreten sein, obsolet sind sie deshalb noch lange nicht. Dennoch bleibt zusammenfassend festzuhalten, dass „Next Germany“ einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsdebatte in Deutschland liefert. Jedem, der über den Tellerrand der aktuellen Politik hinausblicken möchte, ist die Lektüre dieses Buches empfohlen, insbesondere denjenigen, die an der politischen Gestaltung in Parlamenten und in der Ministerialbürokratie maßgeblich beteiligt sind.

 

Next Germany. Herausgeber: Harry Gatterer, Zukunftsinstitut GmbH (www.zukunftsinstitut.de). 2017. 111 Seiten. 190 Euro (der Preis umfasst neben der Druckversion eine digitale Kopie des Inhalts)

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