Rezension

No Man’s Land

15.03.2018 - Dr. Burkhard Luber

“Nach dieser Erde wäre da keine, die eines Menschen Wohnung wär'. Darum Menschen, achtet und trachtet, dass sie es bleibt. Wem denn wäre sie ein Denkmal, wenn sie still die Sonn' umkreist?”

 

AktivistInnen der Friedensbewegung haben diesen Song vor über dreissig Jahren oft auf Protestveranstaltungen gegen einen drohenden atomaren Weltkrieg angestimmt. Militäranalytiker (u.a. Carl Sagan und Kollegen) haben den Doomsday eines “Atomaren Winters” heraufbeschworen, um die Gefährlichkeit zu demonstrieren, wenn das nukleare Abschreckungssystem mit seinem “Gleichgewicht des Schreckens” versagen sollte. Nun liegt die deutsche Fassung der Fotografien von Henk van Rensbergen vor, die eine Erde ohne Menschen dokumentieren.

Wie es dazu kommen kann? Höchst verwunderlich rückt Desmond Morris in seinem Vorwort zu diesem Bildband genau das Szenario, das die Weltuntergangsangst der Generation Friedensbewegung bestimmt hat, ziemlich an den Rand seines Kommentars: Nämlich die Katastrophe eines weltweiten Atomkriegs, die doch gerade seit dem Jahr 2017 sowohl die Zeitschriftenkolumnen als auch die politische-militärische Diskussion immer mehr bestimmt angesicht der weltweiten Brennpunkte wie Syrien, Afghanistan, Ukraine, DR Congo. Ist die Tatsache, dass die Welt durch die Atommächte jederzeit mehrfach zerstört werden kann, in Vergessenheit geraten? Bei Morris zwar nicht vollständig, aber den atomaren overkill unter der Kategorie “Umweltgefährdung“ (!) einzusortieren erscheint doch nicht angemessen. Morris´ Text hat auch noch andere Schwachstellen. So ist sein Verweis auf die steigende Urbanisierung keine hinreichende Erklärung für den geglückten Übergang von der Neuzeit in die Moderne. Viel wichtiger - das ist bei Niklas Luhmann zu lernen - ist die durch Schrift, später Telefon und - exponentiell gesteigert - Internet entstandene Möglichkeit, Befehlsketten aus den Herrschaftszentren ohne abwegigen Aufwand effektiv und verlässlich aufzubauen und zu unterhalten. Und als wolle Morris sich gegen die Schreckensszenarien der Menschheit immunisieren, gerät er am Ende seines Texte dann noch ins Fabulieren und beschwört Kategorien wie “Anti-Schwerkraft” und “vierte Dimension”.

 

 



Die Bilderkollektion von van Rensbergen dagegen ist meisterhaft gestaltet. Hier wird das Ende der menschlichen Spezies wirklich gut dokumentiert: Die Erde ist trostlos geworden. Alle Bilder verbreiten Verlassenheit, Düsternis, manche stehen im Übergang zum Surrealismus. Mitunter könnte man van Rensbergen für einen modernen Hieronymus Bosch halten. Immerhin, wenigstens die Existenz der Tiere als unseren Nachfahren in der menschenleeren Welt spenden noch etwas “Trost”, auch wenn sie meist nur als traurig dreinblickende Einzelwesen daherkommen. Aber es ist ganz offensichtlich: SIE haben nun die Herrschaft übernommen. Von der früheren Existenz der Menschen geben nur noch zerbröselte Reste von Handwerkszeug und Arbeitsprodukten Kunde, wobei van Rensbergen den Eindruck des Untergegangenen für den Betrachter anno 2018 bisweilen noch geschickt verstärkt: die dargestellten klobigen Fernsehapparate, offenbar aus den 80er Jahren oder der Blick auf vollgemüllte Rumpelkammern, die auch zuhauf in der noch menschlichen Gegenwart zu finden sind, verstärken noch die lähmende Nostalgie Und noch tröstlicher - vielleicht kann das vor zuviel Kulturpessimismus und Weltuntergangsstimmung immunisieren: Die unbelebte Natur sieht auf den Bilder von van Rensbergen noch sehr intakt aus.

Ein eindrückliches Buch. Van Rensbergen hat einen scharfen Blick für eine Zukunft ohne Menschen. Dass seine entworfene Welt nicht völlig abwegig und undenkbar daherkommt, macht die Botschaft, die man hinter dem Buch erkennen kann, noch unheimlicher: So könnte die Erde aussehen, wenn das Kapitel Menschen, aus welchem Anlaß auch immer, abgeschlossen sein wird.

(Der Rezension lag die pdf-Version des Buches zugrunde)

Henk van Rensbergen (Fotografie), Peter Verhelst:
No Man’s Land Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte. Mit einem Vorwort von Desmond Morris. 192 Seiten, mit 95 farbigen Abbildungen. € 50,- Februar 2018

 

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen