Kabarettist im Interview

Özgür Cebe: "Die mediale Welt macht uns zu Egoisten"

01.08.2017 - Astrid Knauth

Wie sieht ein Satiriker die Menschheit, die für ihn zugleich Publikum und Grund kritischer Betrachtungsweisen ist? Wie erklärt er sich den zunehmenden Egoismus in unserer Gesellschaft? DAS MILIEU sprach mit dem Kabarettisten und Stand-Up-Comedian Özgür Cebe, der türkische, armenische und kurdische Wurzeln hat und in Deutschland aufgewachsen ist.

DAS MILIEU: Charlie Chaplin hat einmal gesagt: „Ein echter Satiriker kann nur ein Mensch sein, der im Herzensgrund die Menschen liebt.“ Lieben Sie die Menschen oder wie würden Sie Ihr Verhältnis zu ihnen beschreiben?

Özgür Cebe: Ja, da hat Charlie Chaplin – übrigens ein großartiger Künstler – recht. Man muss ein Philanthrop sein. Ich liebe die Menschen, bin aber ihnen gegenüber auch oft kritisch. Es ist also ein bisschen zweigeteilt. Aber dort, wo ich auftrete, liebe ich die Menschen, selbst wenn ich einen schlechten Tag habe. Auf der Bühne entsteht auch eine gewisse Verbundenheit und Empathie zwischen dem Publikum und mir.

MILIEU:  Ihr aktuelles Programm trägt den Titel „Born in the BRD“. Grenzen Sie sich damit ganz provokativ von der Türkei ab, um von den dortigen Vorgängen Abstand zu nehmen?

Cebe: Nein, eigentlich überhaupt nicht. Der Titel stand schon fest, bevor es in der Türkei so extrem mit Erdogan losging. Die Situation in der Türkei war zwar schon davor problematisch, aber nicht so schlimm wie jetzt. Ich glaube, als das Programm entstanden ist, wurde auch noch nicht der Krieg gegen die PKK erklärt – das kam erst kurz danach. Der Titel hat also nichts damit zu tun, sondern damit, dass ich hier in der BRD geboren wurde.

MILIEU:  In dem Programm fällt der Satz: „Ich bin Deutscher im Körper eines Ausländers – schon die Geburt war pünktlich.“ Im Namen der Ästhetik versucht man vieles zu rechtfertigen. Wenn es um Rassismus und Islamfeindlichkeit geht, klingt oft auch ein ästhetisches Unbehagen durch – man ist anders gekleidet, sieht anders aus. Würde man der Religion offener gegenüberstehen, wenn diese Ästhetik keine Rolle spielen würde?

Cebe: Ich glaube, mittlerweile hat der Islam aufgrund des Terrors eine recht negative Welle ausgelöst. Im Gegensatz dazu versuche ich mich in die Welt der Muslime ein bisschen hinein zu versetzen. In diesen Ländern gibt es eine Besatzungspolitik, es gibt Angriffe und Aggressoren, wovon wir hier in Europa sehr wenig mitbekommen. Es gibt die Aggressionen der westlichen gegen die muslimische Welt und einige der Islamisten antworten darauf mit Terror. Das ist selbstverständlich der falsche Weg, weil Terror ein sehr schlimmesMittel ist. Eines der Ziele des Terrors ist, dass man die Muslime in der westlichen Welt vor vollendete Tatsachen zu stellen versucht. Der Hass, der gegen Muslime im Allgemeinen entsteht, ist einkalkuliert. Gerade heute gab es in Großbritannien diesen Anschlag auf Muslime. Damit möchte man ganz bewusst den westlich orientierten Moslem vor vollendete Tatsachen stellen – frei nach dem Motto: „Ihr habt gar keine andere Wahl, als zu uns zu kommen und einer von uns zu werden, weil die Welt euch hasst.“ Verbunden mit dem äußerlichen Erscheinungsbild, dass man orientalisch aussieht, spürt man in Deutschland allgemein eine gewisse Vorsicht und Ablehnung – in Nordrhein-Westfalen jetzt weniger als in Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Das liegt daran, dass es hier einfach viele Muslime gibt, man ist dieses Bild gewohnt. Es herrscht Toleranz. In Sachsen dagegen ist der Anteil  der Muslime sehr gering. Man fürchtet das, was man nicht kennt, und hat Vorurteile. Wenn man dieses Bild stattdessen gewohnt ist, herrscht meistens ein friedliches Nebeneinander. Manchmal gibt es sogar ein Miteinander.

MILIEU: Von Jonathan Swift stammt die Aussage: „Satire ist eine Art von Spiegel, in dem man im Allgemeinen jedes andere Gesicht entdeckt, nur nicht sein eigenes.“ Können Sie das bestätigen?

Cebe: Nein, ich denke nicht. Oftmals ist es so, dass Selbstironie am besten auf der Bühne ankommt. Ich wirke sympathisch, wenn ich mich selbst angreifbar mache, wenn ich meine Schwächen präsentiere. Das gefällt dem Publikum. Insofern hält man sich schon den Spiegel vor.

MILIEU: Nehmen die Menschen den Spiegel, denen Sie ihnen vorhalten, wahr? Und meinen Sie, dass es etwas an ihrer Verhaltensweise ändern wird oder ignoriert man den tiefgründigen Sinn hinter Ihren Aussagen einfach?

Cebe: Das Publikum, das zu mir kommt, ist sowieso meistens schon auf meiner Seite. Es gibt den ein oder anderen, der bestimmte Dinge anders sieht. Aber nichtsdestotrotz meine ich, dass ich immer irgendwo eine Spur in den Menschen hinterlassen kann. Natürlich gibt es dafür keine Garantie, aber oftmals ist es so. Es gibt beispielsweise Menschen, die Vorurteile haben und zu mir kommen, bei denen ich innerlich etwas berühren konnte. Das ein oder andere Mal habe ich in diesem Zusammenhang schon gehört: „Wenn doch alle so wären wie Sie.“ Ich antworte dann darauf: „Viele sind so wie ich, man muss nur mit ihnen sprechen.“ Der erste Schritt war gut, sie sind zu mir gekommen. Der zweite Schritt wäre jetzt, den Kontakt auch noch zu anderen zu suchen – Menschen, die nicht unbedingt auf der Bühne stehen, die im Friseursalon oder in der Dönerbude arbeiten oder einen Gemüseladen haben – all diese Berufe, auf die Thilo Sarrazin uns seiner Meinung nach reduziert.

MILIEU: Heutzutage spielt social networking eine nicht mehr weg zu denkende Rolle im Alltag. Jedes kleinste Ereignis, ob Hochzeit, neuer Job, Auslandsaufenthalt oder die Teilnahme am Marathon wird gepostet. Früher wussten nur die engsten Freunde davon, heute weiß es schnell die „ganze Welt“. Ist das eine Art Suche nach Aufmerksamkeit und eine Abgrenzung von den Mitmenschen? 

Cebe: Ich weiß nicht, von wem das Zitat „Jeder Mensch sollte mal 15 Minuten berühmt sein – 15 minutes of fame“ stammt. Aber ich denke jeder Mensch hat irgendwo einen Drang zur Aufmerksamkeit - selbst die introvertiertesten Menschen möchten so einen Moment haben. Bei Frauen fällt mir zum Beispiel die Hochzeit ein – da steht man in der Öffentlichkeit. Einmal möchte man sich in seinem Leben in irgendeiner Form (jetzt nichts Negatives) feiern lassen. Ich glaube, das Social Networking bietet dafür eine große Möglichkeit - manchmal nimmt das aber Auswüchse an. Die mediale Form hat sich sehr verändert. Jeder steht mit jedem in irgendeiner Art und Weise in Kontakt und jeder versucht irgendwie aufzufallen. Damit kann man auch Geld verdienen zum Beispiel, wenn man auf YouTube regelmäßig Videos postet. Früher musste man ein ausgebildeter Schauspieler sein und dann ein Casting machen. Man musste einen Text lernen - sich wirklich Mühe geben. Das ist jetzt alles sehr verkürzt. Man kann das alles in den öffentlichen Netzwerken erreichen. Also ja, jeder von uns hat den Drang, berühmt sein zu wollen – zumindest für eine bestimmte Zeit. Meine Erfahrung nach gibt es nur ganz wenige, die das nicht möchten.

MILIEU: Der Gesellschaft, in der wir heute leben, wird ein gewisser Egoismus nachgesagt. Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

Cebe: Das ist schwer zu sagen. Ich meine, dass unsere mediale Welt, also auch das Fernsehen dafür verantwortlich ist. Ich bin ja 1974 geboren, also ein Kind der 80er und 90er. Damals gab es beispielsweise nicht so viele Sender wie heute. Es gab die öffentlich-rechtlichen Sender, die auch einen Lehrauftrag hatten. Ich habe schon in der Grundschule bei meinem Lehrer, der den 2. Weltkrieg aktiv erlebt hat, gelernt, wie schlimm Krieg und Hunger ist, wie wichtig es ist zu teilen und wie schlecht es Flüchtlingen geht. Je länger die Phase des Krieges hinter uns liegt, desto egoistischer werden die Menschen. Die Wirtschaft steht immer im Vordergrund. Es fängt schon mit den Schulen an. Die Zeit bis zum Abitur wurde verkürzt, damit quasi die Kinder der Wirtschaft früher zur Verfügung stehen. Es ist die schnelle mediale Welt, die uns zu Egoisten macht. Man merkt es ja anhand der Flüchtlinge. Es ist die pure Form von Egoismus, wenn man Menschen nicht helfen möchte. Ich denke, es ist schon eine Form moralischer Verkommenheit, die durch unsere aktuelle mediale Welt ausgelöst wurde. Das ist meine persönliche Vermutung.

MILIEU: „Was die Menschen früher nur vermuten konnten, wissen sie seit der globalen Medienvernetzung genau: Nicht die Vernunft beherrscht die Realität, sondern der Wahnsinn“, sagte Wolfgang J. Reus. Sehen Sie das genauso? Gibt es dafür Beispiele?

Cebe: Ja, das sehe ich genauso. Im Prinzip habe ich das ja auch ungefähr so ausgedrückt – nur etwas umschrieben.

MILIEU: Jede Komödie baut im Kern auf einer Tragödie auf. Fällt Ihnen dieser Switch, tragische Ereignisse ins Komische zu ziehen, immer leicht oder gibt es Dinge, die Sie besonders berühren und bei denen Ihnen das nicht gelingt?

Cebe: Wenn eine Sache/eine Tragödie sehr aktuell ist, gelingt es mir nicht, das sofort - quasi für die Bühne - zu verarbeiten. Da brauche ich immer eine gewisse Zeit. Aber wenn ich einen zeitlichen Abstand habe, dann gelingt es mir. Ich habe eine Nummer über Krebs geschrieben – ich war selbst betroffen – da habe auch ich das Zitat „Die Komödie entspringt aus der Tragödie“ verwendet. Bei jedem Menschen ist das natürlich anders. Aber ich glaube, man braucht einen gewissen Abstand, um gewisse Dinge besser verarbeiten zu können.

MILIEU: Welche Menschen haben Sie auf Ihrem Weg geprägt und warum?

Cebe: Mich hat Roberto Ciulli, der Intendant am Theater an der Ruhr war, geprägt. Dort habe ich in jungen Jahren als Hospitant den Weg auf die Bühne gefunden. Er war ein Doktor der Philosophie. Seine Art hat mir sehr gefallen. Ich habe sehr viel mitgenommen und konnte die Theaterwelt kennenlernen. Unter anderem habe ich gelernt, dass alle Künstler auch einen ziemlich heftigen Dachschaden haben. Es war auch ein Tourneetheater – wir gastierten in Italien, Schweden, Holland, Belgien und natürlich auch in Deutschland. Wir haben sehr viel mitbekommen. Im Prinzip ist das Theater eine komprimierte Welt: Man versucht quasi die gesamte Welt auf die Bretter zu komprimieren. Ich habe sehr viel mitgenommen aus dieser Zeit. Es war einer der Gründe, warum ich mich für die Bühne entschieden habe und immer noch auf der Bühne stehe.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Cebe!

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