Rezension

Play it again

01.03.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Ich bin ein fantastischer Pianist. Der Haken ist nur, dass ich nicht so gut Klavier spielen kann.” (Pianist Irving Wardle) - Ein Jahr lang an sechzehn Notenseiten üben. An einem Stück, das als das schwerste in der Klavierliteratur gilt. Und das neben einem aufreibenden Journalisten-Job. Für viele Menschen unfassbar. Verrückt muss der Mann sein, sagen sie wahrscheinlich.

Aber der Autor dieses Buches, das von seinem Musikexperiment berichtet, ist nicht verrückt. Als Chef der englischen Tageszeitung The Guardian mit prallem Terminkalender, riesiger ToDo-Liste und immer wieder mit neuen Überraschungen im Journalisten-Alltag konfrontiert muss er seinen Kopf besonders klar halten, um den tagtäglichen Herausforderungen seines Berufes gewachsen zu sein. Und doch setzt er sich diesem harten Zusatzstress aus: Chopins Ballade op. 23 einzustudieren.

 

Im Sommerurlaub 2010 entdeckt Alan Rusbridger dieses Musikstück wieder, das ihm aus früheren Zeiten bekannt ist. Als er es nach langer Zeit wieder spielen möchte, erinnert er sich von vorneherein, dass es “unspielbar” ist. Immerhin übt er während des Urlaubs so lange daran, dass er sein Urteil von “unspielbar” zu “sehr sehr schwierig” liftet. Aber Rusbridger ist unverdrossen und lässt von seinem Ziel nicht ab, obwohl ihn, zurück in London, der journalistische Alltag unerbittlich in den Griff nimmt: Der arabische Frühling, der Tsunami in Japan und last not least die Präsentation der Enthüllungen der Wikileaks im Guardian sind keinesfalls eine Routinezeit für Rusbridger. Dennoch hält er unbeirrt in all dem Zeitungs- und Recherchetrubel mit eiserner Disziplin an seiner Trainingsvorgabe fest: JEDEN Tag mindestens zwanzig Minuten an der Chopin-Ballade zu üben. Aber Rusbridger kämpft nicht nur mit den Noten und ihrer Schwierigkeit, sondern auch mit seinem Alter.

 

Mit knapp 50 Jahren sind die Klavierspieler-Hände nicht mehr so gelenkig als in der Jugend und das Gedächtnis nicht mehr so fit wie früher. Doch Rusbridger ficht das nicht an. Mit der eindrucksvollen Disziplin eines - soll man sagen: Preußen oder besser: eines Zen-Meisters - ringt er sich täglich seine Übungszeit ab, ob vor dem Frühstück oder nach Mitternacht, denn ohne tägliches Üben kann das Vorhaben nicht gelingen. Tagsüber tobt um den Autor der grelle Journalisten-Alltag des Guardian mit seinen vielfältigen Anforderungen, aber am täglichen Üben hält Rusbridger konsequent fest. Und es schält sich über den Winter auch ein Ziel heraus:

 

Rusbridger will genau diese Ballade, die ihn in der Musikwoche in Südfrankreich so fasziniert hat, exakt ein Jahr später auch an diesem Ort selber spielen. Die Leserin leidet mit dem Autor, der uns an all seinen täglichen mühsamen kleinen Fortschritten minutiös teilhaben lässt. Mal ist es eine Verbesserung bei der Coda, mal ein Triller, der lange Zeit nicht klappen will, dann aber wunderbarerweise doch möglich wird. Und immer der Kampf mit den Selbstzweifeln, die Sorge, ob man doch einfach nur verrückt ist, sich so eine musikalische Herkules-Arbeit aufzubürden. Und dann die Konfrontation mit wenig hilfreiche Kommentare von professionellen Pianisten: “Eines der schwersten Stücke überhaupt”. Oder “Sie müssen täglich mindestens zwei Stunden üben, damit etwas hängen bleibt. Zwanzig Minuten? Das reicht nicht”. Armer Rusbridger. Aber Aufgeben ist für den harten Hund des Guardian keine Option. Also weiter gute Pianisten, gute Piano-Lehrer besuchen, sich beraten lassen und immer wieder lernen, üben, lernen, üben.

 

Dann - darf man bei Rusbridgers Kaltblütigkeit sagen: sozusagen nebenher - befreit er in Libyen einen gekidnappten Journalistenkollegen, nicht ohne - wen wird das bei Rusbridgers Entschlossenheit und Energie verwundern - in seinem Hotel auf einem verstaubten Petrof-Flügel “seine” Ballade mitten im libyschen Bürgerkrieg zu üben. Im Juli noch ein letzter innerer Kampf Rusbridgers mit sich selber: Soll er sein Vorhaben wirklich bis zum Ende durchführen. Das “Ende”, das bedeutet Teilnahme am Sommerkurs in Südfrankreich, das bedeutet Vorspielen der Ballade, bedeutet von einer großen Gruppe von ZuhörerInnen kritisch gesehen und gehört zu werden. Soll er sich das zumuten? Doch, entscheidet Rusbridger, da muss er jetzt durch. Der Eurostar bringt ihn von London nach Paris und von dort ein TGV in den Süden Frankreichs, wo der Klavierkurs stattfindet. Am Klavier in einem alten Gartenhaus seiner Pension, wo er untergebracht ist, bereitet sich Rusbridger aufs Finale vor. Dann ist es soweit: sein großer Auftritt. Großartig, wie Rusbridger uns an dieser dramatischen Viertelstunde teilhaben lässt: sein Nervenstress, die notwendige Fingerakrobatik, das Hinter Sich Lassen von den - unvermeidlichen - Fehlern, das Nicht Verzweifeln, sondern an sich selber Glauben, zu glauben, dass man es schaffen wird. Das Ende mit der Leere nach diesem nervlichen und musikalischen Feuerwerk. “Das wird einmal sehr gut werden” sagt der Kursuslehrer. Ist das nur höflich verbrämte Kritik oder doch ein aufbauendes Lob? Rusbridger ist erschöpft, er lässt sich von William noch ein paar technischer Tipps geben, dann ist diese, seine Vorspielstunde vorüber, auf die er ein Jahr hingearbeitet hat. Bevor Rusbridger wieder in den TGV zurück nach Paris steigt, hat er noch ein Abschlussgespräch mit dem Kursleiter: “Werde ich die Ballade bis Dezember spielen können?” “Du kannst sie bereits spielen, du möchtest nur besser werden”. Diese Botschaft nimmt Rusbridger mit nach London. Er kann Chopins erste Ballade spielen. Beinahe. Irgendwie. Fast. Manchmal. Das ermutigt Rusbridger zu einem zweiten musikalischen Vortrag, diesmal in London, sozusagen semi-öffentlich, vor Verwandten, Bekannten, guten Freunden und einigen seiner Lehrer, die ihn während seines Chopin-Studiums begleiten habe. Wieder lässt uns Rusbridger ganz nah an seinem Klavierspiel teilnehmen, an den Schwierigkeiten, dem Leiden an den Fehlern, dem dennoch Glauben an ein gutes Ende.

 

Rusbridger hat ein aufregendes Musiktagebuch geschrieben. Er gibt uns sehr persönliche Einblicke in die Höhen und Tiefen dieser sechzehn Monate Ringens um ein sehr schwieriges Musikstück. Wer einen positiven Zugang zur Musik hat, ob als Ausübender oder aufmerksam Zuhörender, findet eine Fülle von Material: Erkenntnisse aus Rusbridgers Gesprächen mit vielen Pianisten und Klavierlehrern, mit denen er über die Chopin-Ballade gesprochen und sich zu diversen Einzelaspekten Rat geholt hat. Aber auch wer der Musik ferne steht, kann hier sozusagen einen doppelten Kriminalroman lesen: Der unbeirrte Kampf eines Amateurmusikers mit einer Komposition, die eigentlich über seinem Niveau liegt, und das gleichzeitige politische öffentliche Engagement eines couragierten Chefredakteurs. Dass Rusbridger beide Herausforderung, die musikalische wie die publizistische in sechzehn Monaten ausgehalten und überstanden hat, nötigt enormen Respekt ab und kann als Ermutigung dienen, “against all odds” wie man im Englischen sagt, Herausforderungen zu suchen, anzunehmen und zu bestehen.

 

 

Alan Rusbridger: Play it again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten. Secession Verlag für Literatur Zürich 2015. 479 Seiten. 25 Euro

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