Humanmediziner

Prof. Karl H. Beine: "Unser Gesundheitssystem schafft Täter"

01.07.2017 - Astrid Knauth

Wie kommt es in Krankenhäusern und Pflegeheimen zu Tötungsfällen durch Ärzte oder Pfleger? Der Professor Dr. med. Karl H. Beine, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Privaten Universität Witten/Herdecke, beschreibt im Gespräch mit dem MILIEU zwei Täterprofile und zeigt auf, warum letztendlich das Gesundheitssystem in Deutschland sie zu Tätern macht und wie er sich ein gut funktionierendes System vorstellt.

DAS MILIEU: Herr Prof. Beine, Rudolf Virchow sagte einmal. „Mediziner kann nur derjenige genannt werden, der als den letzten Zweck seines Strebens das Heilen betrachtet.“ Sehen Sie das in unserer heutigen Gesellschaft, in der immer mehr Kommerzialisierung und Ökonomisierung herrscht, gefährdet?

Karl H. Beine: Ja, das sehe ich als gefährdet an. Das Heilen ist schwieriger geworden, weil pflegerische und ärztliche Bemühungen immer mehr von ökonomischen und wirtschaftlichen Interessen beeinflusst werden. Erlöse und Effizienzbestrebungen spielen bei allen ärztlichen und pflegerischen Maßnahmen eine große Rolle. Die Ärzte und der Pflegedient stehen als einzige Berufsgruppen im direkten Kontakt zu den Patienten. Sie werden zwischen verschiedenen Ansprüchen aufgerieben. Von ihrem Ethos und ihrer Ausbildung her steht für sie der Patient mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Es ist aber ein Zustand erreicht, in dem sie diesem Anspruch nicht gerecht werden können, weil aus Kostengründen die Zeit für die Zuwendung zu Patientinnen und Patienten fehlt. Stattdessen werden standardisierte Prozeduren und Eingriffe honoriert. Die Heilungsbemühungen werden dadurch gefährdet, also muss man sich Sorgen machen. Eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger musste 1991 noch 45 Patienten versorgen, 2013 waren es schon knapp 60. Diese sind im Gegensatz zu früher aber pflegeintensiver. Ärzte verbringen ungefähr 36% ihrer Zeit mit bürokratischen Anforderungen. All das sind Indizien dafür, dass die Zuwendung zum Patienten, die Kontaktpflege und Kommunikation, nicht ausreichend gewürdigt wird. Diese Entwicklung muss kritisiert und geändert werden.

MILIEU: In diesem Jahr haben Sie zusammen mit Jeanne Turczynski das Buch „Tatort Krankenhaus. Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert“ veröffentlicht. Können Sie für den Leser mit wenigen Worten zusammenfassen, worum es darin geht?

Beine: In dem Buch geht es darum, die bisher bekannten Tötungsserien in Krankenhäusern und Pflegeheimen darzustellen und einen Zusammenhang zwischen diesen Serien herzustellen. Das möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen: Der Fall des derzeit im öffentlichen Fokus stehenden Pflegers Nils H. reicht zurück ins Jahr 2000/2001. Damals war er am Klinikum in Oldenburg beschäftigt. Schon da gab es konkrete Verdachtsmomente der aktiven Tötung von Patienten. Der Erkenntnisstand von heute ist, dass er wahrscheinlich schon dort mehrere Patienten getötet hat. Trotz des damals bestehenden Verdachtes gegen ihn wurde auf folgende Weise regiert: Er wurde von der Arbeit auf der Intensivstation freigestellt, kassierte weiter seine Bezüge und ihm wurde ein gutes Zeugnis ausgestellt. In diesem Zeugnis steht, dass er bei Vorgesetzten und im Mitarbeiterkreis geschätzt und im Umgang mit den Patienten einfühlsam und verantwortungsbewusst war. Er fing dann auf der Intensivstation in Delmenhorst an zu arbeiten und hat dort wahrscheinlich weitere 33 Menschen getötet. Diese Tötungen hätten verhindert werden können, wenn die Verantwortlichen in Oldenburg angemessen und verantwortungsbewusst reagiert hätten. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die damaligen Verantwortlichen die Interessen des Hauses, nicht aber die der Patienten geschützt haben. Wir leben mit einem Krankenhaussystem, in dem ein offener und öffentlicher Umgang mit Fehlern zum Wettbewerbsnachteil wird. Die befürchteten „negativen Schlagzeilen“ erschweren es kolossal, dass wir mutig, couragiert und adäquat mit Fehlern umgehen. Das System selbst ist also mitverantwortlich dafür, dass aus Einzeltötungen Serien werden. Das liegt an der hohen Arbeitsbelastung der Mitarbeiter, die zu einer Fokussierung auf den eigenen Arbeitsbereich führt und eine gute Kommunikation und fürsorgliche Achtsamkeit geradezu verhindert. Dadurch waren die Tatzeiträume auch so lang und die Opferzahlen so hoch.

MILIEU: Nils H. brachte eher aus Geltungsdrang Patienten in Gefahr, um sie nachher retten zu können. Wie passt er in das Bild einer Kritik an der Ökonomisierung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen?

Beine: Ich habe gerichtsbekannte Tötungsserien in Krankenhäusern und Pflegeheimen an erwachsenen Patienten/innen untersucht. Das Täterprofil ist gekennzeichnet durch eine überdurchschnittlich starke Selbstunsicherheit der Primärpersönlichkeit. Die späteren Täter haben ein großes Bedürfnis nach Lob, Anerkennung und Wertschätzung. Wahrscheinlich haben sie den Beruf ergriffen, um eigene Probleme zu lindern, also um das eigene labile Selbstwertgefühl zu verbessern. Diese Motivation führt später in aller Regel zu Unzufriedenheit und Frust, weil der Berufsalltag hart ist und es insbesondere an Wertschätzung, Respekt und Anerkennung derjenigen Berufe fehlt, die unmittelbar mit dem Patienten Kontakt haben. Die Machtverhältnisse haben sich längst umgekehrt: Die Ökonomen haben das Sagen und nicht diejenigen Berufe mit dem unmittelbaren Patientenkontakt. Die  Täter können das Leiden von Menschen nicht ertragen und adäquat verarbeiten. Sie schaffen es nicht, Distanz zum Leiden der Patienten und Bewohner zu entwickeln, ohne herzlos zu werden. Aus diesem Grund ist ein adäquater kollegialer Austausch, wenn suspekte Verhaltensweisen durch erfahrene Kollegen beobachtet werden, dringend notwendig. Dies erfordert aber Zeit, Achtsamkeit und Empathie. Insbesondere Achtsamkeit und Empathie sind nicht besonders gefragt und ganz schlecht vergütet, aber mit den Heilungsbemühungen untrennbar verknüpft.

Es gibt zwei Täterprofile: Der häufigere Tätertypus 1 wird mit Leid, Erkrankung und Tod konfrontiert. Die Erwartungen an den Beruf werden nicht erfüllt, wodurch sich das eigene Befinden und dadurch auch die Wahrnehmung verschlechtert, denn die Bewertung liegt im Herzen und der Seele desjenigen, der betrachtet. Es kommt zu einer Art Übertragung, weil das eigene Leiden mit dem Leiden des Patienten verschwimmt. Dies führt zu einer Abwärtsspirale, an deren Ende der Täter glaubt, er würde dem Patienten mit einer Tötung oder einer Medikamentengabe einen Gefallen tun, weil er sein eigenes Leid auf den Patienten projiziert. Das ist verschobenes Selbstmitleid. Der Täter versucht das Leiden abzuschaffen, indem er den Träger des Leidens abschafft und das Zerrbild des eigenen Todes vernichtet. 

Der Tätertypus 2 wie Nils H. wehrt das eigene und das Patientenleid ab, indem er Aktionen produziert. Nils H. führte absichtlich reanimationspflichtige Notfälle herbei, um damit sein defizitäres Selbstwertgefühl aufwerten zu können. Er wollte als kompetenter Notfallspezialist gelten und hat es genossen, Patienten dem Tod zu entreißen. Er hatte sie allerdings vorsätzlich selbst in diese Todeszone gebracht.  

 

MILIEU: Seit 25 Jahren forschen Sie an dem Phänomen, dass Klinikmitarbeiter töten. In Ihrem Buch sprechen Sie von rund 21.000 Tötungen durch Ärzte und Pfleger pro Jahr. Das wirkt auf den Leser natürlich abschreckend. Außerdem bewirkt es einen Generalverdacht dieser Institutionen – sollte man Krankenhäuser und Pflegeheime meiden?

 

Beine: Nein, das sollte man nicht tun. Bei den 21.000 Tötungen handelt es sich um lebensbeendende Maßnahmen im Allgemeinen. Darin eingeschlossen sind auch solche Fälle mit Zustimmung des Patienten. Das ist eine Schätzung. Die erwähnte Untersuchung aber hat ergeben, dass deutlich mehr als ein Drittel der Mitarbeiter, die angegeben, selbst schon einmal das Leiden eines Patienten beendet zu haben, nicht um eine Beendigung des Lebens gebeten worden waren, also ohne explizite Willensbekundung des Patientenleben beendet haben. Da werden die Grenzen zwischen erlaubter Sterbehilfe und aktiver Tötung fließend. Worum es mir geht, ist, dass diese für mich schwer erträgliche Selbstgewissheit, mit der die Verantwortlichen von Einzelfällen sprechen, sobald eine neue Tötungsserie publik wird, hinterfragt wird. Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob und wie häufig es diese Tötungen sind. Die These von den Einzelfällen erscheint aber mit diesem Studienergebnis mehr als fraglich. In einer Pilotstudie zu überprüfen, ob diese Behauptung wirklich haltbar ist, das war das Motiv für diese Studie. Sie ist nach meiner Auffassung nicht haltbar. Außerdem ist immer wieder zu beobachten, dass, wenn Tötungen bekannt werden, sofort feststeht, dass die Täter krank sind. So wird zugedeckt, dass die Tötungsserien durch das System begünstigt werden. Es ist nachweislich falsch zu behaupten, die Täter seien krank. Sie wurden alle gewissenhaft untersucht. Die Täter wussten, was sie taten und haben keine starke psychische Beeinträchtigung, waren in keinem Fall schuldunfähig.

MILIEU: Sie beschreiben Fälle, in denen Kollegen einen Verdacht haben, oder sogar die Klinikleitung „Mitwisser“ ist und diese Leute dann an andere Standorte weglobt. Warum unternimmt niemand etwas, um diesen Menschen das Handwerk zu legen? Warum wird keine aktive Aufklärung betrieben?

Beine:  Das kann ich nur spekulativ beantworten. Zunächst einmal ist es kaum vorstellbar, dass ein Kollege so etwas tut. Dann ist es ja so, dass der Sterben und Tod in Kliniken und Heimen zum Alltag gehört. Außerdem werden häufig Tötungsmethoden verwendet, die kaum auffallen – zum Beispiel Spritzen. Für das einzelne Krankenhaus oder das einzelne Pflegeheim stellt es einen GAU dar, wenn so etwas bekannt wird. Man versucht das Problem loszuwerden, indem man den Mitarbeiter los wird. Dadurch ist der Vertrauensverlust hinterher aber noch größer, wenn die Tötungsserien in ihrem ganzen Ausmaß bekannt werden. Was vermieden werden sollte, tritt dann ein – ein immenser Schaden und Vertrauensverlust für die Klinik oder das Heim und das gesamte System. Das eigene Haus und das System versucht man durch die fraglichen Behauptungen von den Einzelfällen zu schützen. Es findet keine systematische Ursachensuche und keine Forschung statt. Stattdessen sind die Aufklärungsbarrieren hoch. Es gilt das Motto: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ Natürlich gehört Courage dazu, Hinweise zu geben. Diese Courage wird nicht belohnt. Mitarbeiter, denen etwas aufgefallen war, wurden zum Schweigen angehalten, man hat ihnen sogar Denunziation vorgeworfen. Krankentötungen im eigenen Haus werden verdrängt und ignoriert. Zusätzlich wird es nicht offen angesprochen, weil wir arbeitsrechtlich gebunden sind. Es gibt viele Beispiele, dass die Täter aus dem Haus entlassen wurden und ihnen sogar ein gutes Arbeitszeugnis ausgestellt werden musste. Insgesamt ist das System also so angelegt, dass die Wahrheit ein Wettbewerbsnachteil wird.

MILIEU: Würde es helfen eine übergeordnete Institution zu schaffen, an die man sich wenden kann und die einen dann unterstützt?

Beine: Mit solchen anonymen „Whistleblower-Systemen“ habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Hinweise werden nicht adäquat und nicht anonym bearbeitet. Aufklärung hilft - man darf so etwas nicht negieren. Diese Taten sind möglich – auch im eigenen Haus, am eigenen Arbeitsplatz. Wir müssen auf Frühwarnzeichen achten. Das setzt Aufmerksamkeit, Respekt, Wertschätzung, eine ausreichende Anzahl an qualifizierten Mitarbeitern und Zeit für solche Gespräche voraus. Kollegiale Achtsamkeit und kollegiales Miteinander muss viel mehr gefördert und besser bezahlt werden. Vorgesetzte müssen geschult werden. Einer der größten Risikofaktoren ist es, wenn sich über Jahre ein Arbeitsklima einschleicht, in dem Fehlverhalten übergangen und keine konstruktive Kritik geäußert wird. Dadurch bekommen die Mitarbeiter das Gefühl, dass sich niemand dafür interessiert, was sie tun. Die Täter sagen unisono, dass mit ihnen nicht geredet worden sei, manche wünschten sich das sogar. Diese Unachtsamkeit gegenüber Führungsprinzipien im Hinblick auf kollegiale Fürsorge sind in meinen Augen ein entscheidender Risikofaktor. Darüber hinaus muss ein offener und konstruktiver Umgang mit Fehlern stattfinden. Dafür muss die ökonomische Dominanz gegenüber pflegerischen und medizinischen Belangen gebrochen und eine neue Balance hergestellt werden. In Deutschland haben wir eines der besten und teuersten Gesundheitswesen weltweit, aber bei den Ergebnissen stehen wir nicht so weit oben. Aus diesem Grund dürfen wir das Gesundheitswesen nicht dem Markt überlassen. Jedes Krankenhaus steht mit dem Nachbarkrankenhaus in einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf. Es wird letztendlich dazu führen, dass Krankenhäuser schließen müssen, ausgelöst auch durch die Fallpauschalen. Mit weniger Ressourcen muss bis dahin mehr Leistung erbracht werden. Das führt zu schlimmen Fehlern - auch durch Hygienemängel und Medikamentenfehlbehandlungen.

MILIEU: Sind Sie für eine Abschaffung der Fallpauschalen oder wollen Sie diese behalten?

Beine: Schon die Fallpauschalen sollten die Anzahl der Krankenhäuser reduzieren – das ist aber nicht der richtige Weg. Sie haben dazu geführt, Gesundheitsfabriken zu schaffen, und die Verpflichtung der Krankenhäuser zum Gemeinwohl ist ins Hintertreffen geraten. Stattdessen sind sie nun Wirtschaftsunternehmen, die nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien geführt werden: Wir machen, was der Markt fordert. Ich halte wenig von Fallpauschalen. Wenn der Konkurrenzkampf, dessen Antrieb im Moment der wirtschaftliche Erfolg ist, wenigstens von einem Wettbewerb um die beste Qualität getriggert wäre, könnte man eher eine gute Patientenversorgung erwarten. Es muss eine Revision und eine Herabminderung der Bedeutung der Fallpauschalen für die Gesamtfinanzierung stattfinden. Es kann nicht sein, dass die Krankenhäuser im Wesentlichen über Fallpauschalen finanziert werden, während sich die einzelnen Bundesländer zurückziehen, obwohl sie zur Finanzierung gesetzlich verpflichtet sind. Das entspricht einer Selbstentmachtung der Gesundheitspolitik, die darauf verzichtet, sinnvolle Vorgaben für die Krankenhausdichte zu geben. Ein Landtagsabgeordneter, der wiedergewählt werden möchte, will eben kein Krankenhaus schließen. Der Ordnungs- und Handlungswille ist also dezimiert. Über Krankenhausschließungen muss aber fair und offen diskutiert werden. Der Konkurrenzkampf zwischen den Krankenhäusern darf nicht zu Lasten von Patienten gehen. Wenn hier ordentliche Aufklärung betrieben werden würde, würden Menschen auch längere Strecken in Kauf nehmen, um gute Gesundheitsleistungen zu erhalten.

MILIEU: Das Schweizer Gesundheitssystem beurteilen Sie als besser beurteilt – allerdings betreffen die Morde im deutschsprachigen Raum auch Patienten in der Schweiz, ähnlich sagen Sie über die USA. Am Ende nennen Sie das Gesundheitssystem in Schweden als Vorbild. Was führt Sie zu dieser These und kann es solche „Patiententötungen“ nicht genauso auch in Schweden geben?

Beine:  Einzelne Tötungen kann es überall geben. Durch ein Maßnahmenbündel kann man aber Risiken früher erkennen. In Skandinavien ist es gelungen, die Krankenhausdichte in einem breiten öffentlichen Diskurs zu reduzieren. Zuletzt ist dies in einem sehr guten Prozess in Dänemark gelungen, wo die Gesundheitsversorgung auf Schwerpunktkrankenhäuser konzentriert ist und die Menschen größere Entfernungen in Kauf nehmen. Die Basis der Gesundheitsversorgung sind wissenschaftliche Erkenntnisse im Hinblick auf die Häufigkeiten großer Volkskrankheiten – also Herz-Kreislauf-, muskuloskelettale und psychische Erkrankungen. Darauf und auf eine sektorenübergreifende Behandlung richtet sich die Gesundheitsversorgung aus. Es gibt also dort kein von einem niedergelassenen System abgeschottetes Krankenhaussystem sondern fließende Übergänge. Auf diese Weise vermeidet man die Systemblockaden und Doppelfinanzierungen, die es in Deutschland gibt, die teuer sind und Ärger bereiten. Es geschah unter Einbeziehung der Bevölkerung, setzt aber politischen Gestaltungswillen voraus. In Deutschland hapert es daran, dass es keine offene und kontroverse Diskussion gibt über die Anzahl der wirklich notwendigen Krankenhäuser, die für eine gute Versorgung der Bevölkerung notwendig sind. Die gegenwärtige Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland brauchen wir nicht, um unsere Menschen gut zu versorgen. Das Konzept der Polikliniken sollte als Zwischeninstanz zwischen Krankenhäusern und ambulanter Versorgung flächendeckend eingeführt und ein fließender Übergang geschaffen werden.  

MILIEU: Eine Arzt-Patienten-Beziehung beruht auf Vertrauen. Ohne Vertrauen würde sich kein Patient in die „Hände“ eines Arztes begeben. Kann das Vertrauen nach so einem Bericht überhaupt wieder aufgebaut werden und wenn ja, wie?

Beine: Das Vertrauen wird nicht durch unangenehme Wahrheiten erschüttert, wie ich glaube. Vertrauen wird aber zerstört, wenn die Erfahrungen, die Patienten in Krankenhäusern machen, permanent ignoriert werden und wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Verhältnisse in den Krankenhäusern und Pflegeheimen schwierig sind. Ich glaube, dass Offenheit und die Bereitschaft zum kontroversen und konstruktiven Dialog ein Fundament ist, auf dem Vertrauen am besten gedeiht.

MILIEU: Zum Abschluss – wie stellen Sie sich ein gut funktionierendes Gesundheitssytem vor?

Beine:  Auf der Basis von epidemiologischen Daten im Hinblick auf Versorgungsnotwendigkeiten - also Häufigkeiten und Schwere von Erkrankungen - sollte es ein Krankenhaussytem geben, das die starren sektoralen Begrenzungen überwindet, fließende Übergänge schafft und die Patienten angemessen behandelt. Krankenauseinweisungen dürfen nur erfolgen, wenn sie medizinisch notwendig sind. Ansonsten stehen Polikliniken oder ambulante Einrichtungen zur Verfügung. Eins muss klar sein: Die Indikationsstellungen für medizinische Maßnahmen und Eingriffe muss frei von wirtschaftlichen Interessen sein und das medizinische Wohl des Patienten im Mittelpunkt stehen. Damit schließt sich der Kreis zu der Virchow‘schen Aussage, die Sie zu Beginn angesprochen haben.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Beine!

 

 

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen