Kulturphilosoph im Interview

Prof. Ralf Konersmann: "Es gibt nichts Beruhigenderes als ein Wörterbuch"

01.04.2017 - Gesa Mentel

Was verbinden wir mit dem Wort „Unruhe“? Sehen wir dabei jemanden vor uns, der nervös oder ängstlich erregt ist? Oder vielleicht jemanden, der ständig in Bewegung oder allgemein unzufrieden ist? Seine ganz eigene Definition dazu gibt Ralf Konersmann, Professor für Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Autor des erfolgreichen Buches "Die Unruhe der Welt". DAS MILIEU sprach mit ihm über großstädtische Coolness, Social Media und die Allgegenwärtigkeit der Unruhe. Sein nächstes Buch "Wörterbuch der Unruhe" erscheint am 27. April im S.Fischer-Verlag.

 

DAS MILIEU: Demnächst erscheint Ihr zweites Buch zu dem Thema Unruhe. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

 

Prof. Dr. Ralf Konersmann: Dafür muss ich ein klein wenig ausholen. Das Thema Unruhe ist aus den Arbeitszusammenhängen hervorgegangen, mit denen ich früher befasst war: ein Destillat aus all dem, was dort an Überlegungen und Resultaten zusammengekommen war. Ein wichtiger Strang ist die Begriffsgeschichte. Ich bin schon während meiner Studienzeit in die Redaktion des Historischen Wörterbuchs der Philosophie in Münster, damals als studentische Hilfskraft, hineingeraten und habe dort philosophische Begriffsgeschichte, wie man so sagt, von der Pike auf gelernt.

 

Die Faszination der Begriffsgeschichte besteht darin, zu erkennen, dass die theoretischen Begriffe a) nicht zu allen Zeiten dasselbe bedeuten und b) nicht zu allen Zeiten vorkommen, d.h. es haben im Laufe der Geschichte offenbar nicht alle Menschen dieselbe Art von Erfahrung gemacht. Das zeigt sich an Begriffen wie Stress. Es gibt das Wort Stress erst seit rund sechzig, siebzig Jahren und die Frage, die sich stellt, ist, was eigentlich vorher war. War der Dreißigjährige Krieg kein Stress? Das heißt: Wie wird Wirklichkeit wahrgenommen und auf den Begriff gebracht und was muss passieren, dass so ein Begriff überhaupt aufkommt und gleichsam kommunikationsfähig wird? Das war ein Strang, der in gewisser Weise schon auf die Wahrnehmung der Unruhe und die modernen Wahrnehmungen der Unruhe hinführte.

 

Und dann die Kulturphilosophie. In der Begriffssprache, ähnlich auch in der Metaphernsprache, spiegeln sich kulturelle Normalitäten, die den Mitgliedern einer Kultur nicht unbedingt bewusst sind. Stattdessen leben wir distanzlos in unserer Sprache. Wir legen uns davon keineswegs ständig Rechenschaft ab, das tun wir allenfalls in hochkomplexen Systemen wie z.B. in der Wissenschaft. Aber im Alltag sprechen wir, wie uns der Schnabel gewachsen ist und nehmen dabei unwillkürlich Weltbilder und Weltmodelle auf. Dies ist sehr aufschlussreich, weil man sich dann fragen kann, wie a) eigentlich die Vorstellung, nicht still zu stehen und sich ständig neu zu erfinden, überhaupt in die Alltagssprache gekommen ist und wie sie uns b) davon überzeugen kann, dass das Leben, sagen wir, eine Baustelle sei.

 

Meine Beobachtungen, als ich erst einmal dieses Thema ins Auge gefasst hatte, war dann die, dass sich die Unruhe mit allen möglichen Themenbereichen vermischt. Und dass die Unruhe – der dritte Punkt: das systematische Interesse – nicht als Unruhe vor uns tritt, sondern sich mit allen möglichen Erlebnisfeldern vermischt, sie durchdringt und neu ausrichtet. Zum Beispiel bezüglich der Art, wie wir auftreten, uns geben, kleiden und unsere Umgebung einrichten, können wir sagen, dass es, seitdem die Unruhe entfesselt ist, auch die Mode gibt, die es vorher gar nicht gab. Die Mode ist eine Erfindung des 17. Jahrhunderts. Früher gab es Kleiderordnungen, an die man sich dann mehr oder weniger penibel hielt. Dieser permanente Wechsel, den uns die Mode auferlegt, betrifft ja nicht nur die Kleidung, sondern auch das Lebensgefühl und die Art sich zu geben und zu sein. Diese Normalisierung der Mode ist Ausdruck der sich stetig normalisierenden Unruhe.

 

MILIEU: Steht die Unruhe in einem Zusammenhang mit unserem Streben nach Individualität?

 

Prof. Konersmann: Aber ja. Natürlich ist Unruhe die Möglichkeit, aus statischen und gefestigten Ordnungen herauszukommen, sie aufzumischen und dem Einzelnen die Chance zu geben, das herauszusuchen, von dem er meint, dass es zu ihm passt. Meine Arbeiten zur Unruhe sind  auch zu verstehen als Kritiken der Unruhe, aber Kritik im philosophischen Sinn des Wortes, d.h. der Sortierung, der Unterscheidung und der Abwägung. So würde ich sagen, dass die Unruhe ein zweischneidiges, ambivalentes Phänomen ist, das dem Einzelnen Möglichkeiten eröffnet, sich eine Ausdruckswelt zu schaffen. Natürlich darf man da auch nicht naiv sein. Die Mode ist selber auch wieder ein zweideutiges Phänomen, insofern als wir ja so spontan, wie wir glauben, uns in Modefragen zu entscheiden, auch wieder nicht sind. Wir sind angeleitet durch Vorgaben von z.B. Modedesignern. Und natürlich auch von der imaginären Gemeinschaft derer, die davon überzeugt sind, was jetzt gerade im Trend liegt. Das Wort Trend ist ja eminent gemeinschaftsbildend, so dass die Modewelt nicht in viele Einzelentscheidungen auseinanderfällt, sondern Trends dafür sorgen, dass viele mehr oder weniger dasselbe tun.

 

DAS MILIEU: Ihr erstes Buch „Die Unruhe der Welt“ ist sehr populär (u.a. Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste der SZ und des NDR). Wie erklären Sie sich die Begeisterung für das Thema?

 

Prof. Konersmann: Einerseits ist natürlich das Wort Unruhe ein Signalwort. Jeder kann damit etwas anfangen. Das betrifft nicht nur die Arbeit, sondern auch die Organisation des Privatlebens, die Erlebnisse des Urlaubs, die Ansprüche, die man an sich selber hat usw. Im Grunde hat die Unruhe alle Lebensbereiche durchdrungen und auf eine bestimmte Weise reorganisiert. Durch neue Medien merkt man auch, wie sich die Ordnung der Zeit verändert, wie Beschleunigungserlebnisse überall gemacht werden können und wie damit geworben wird, dass jetzt dies oder jenes schneller geht und ein Klick genügt – Sie kennen diese ganzen Versprechungen.

 

Natürlich kann ich mir auch vorstellen, dass einige das Buch zur Hand genommen haben, weil sie sich Lösungen von Problemen oder Befreiung von persönlichem Leid erwarten. Das ist aber nicht mein Anspruch. Das Buch ist ja kein Ratgeber, so dass ich sage „Gehen Sie jetzt mal angeln“ oder „Machen Sie sich eine Tasse Tee“. Ich will solche Erwartungen gar nicht lächerlich machen, sondern habe einfach eine andere Frage: Wie sind wir überhaupt als Kollektiv – nicht als Einzelne, sondern als Kollektiv, als Gesellschaft, als Kultur – in die Unruhe hineingekommen? Wie schafft man es, Gemeinschaften in dieser Größenordnung dazu zu überreden, ihr Leben im Sinne der Unruhe zu reorganisieren, vor allen Dingen im Wissen darum, dass das Glück der Einzelnen gerade nicht in der Unruhe liegen kann, sondern in der Ruhe. Das ist ein ganz altes Motiv der europäischen Ideengeschichte, das keineswegs verloren ist. Das Glück assoziieren wir nach wie vor mit Ruhe, mit Behaglichkeit, mit Sorgenfreiheit usw. Und das sind ja alles Motive, die der Unruhe krass widersprechen.

 

DAS MILIEU: Der Titel Ihres zweiten Buches lautet „Wörterbuch der Unruhe“. Darf man sich darunter ein Nachschlagewerk oder eine Fortsetzung des ersten Buches vorstellen?

 

Prof. Konersmann: Es wird natürlich an das erste Buch anknüpfen, das lässt sich gar nicht vermeiden. Andererseits ist der Titel „Wörterbuch der Unruhe“ auch ein bisschen augenzwinkernd, weil ein Wörterbuch ein Ruheversprechen abgibt. Was im Wörterbuch steht, ist gesichert, und damit kann man zur Tagesordnung übergehen. Ich reflektiere, indem ich das Ganze Wörterbuch der Unruhe nenne, auch das Versprechen, das Wörterbücher oder Lexika schon allein aufgrund dieses Genres abgeben. Jedes Wörterbuch ist eine Beruhigung. Es gibt nichts Beruhigenderes als ein Wörterbuch. Von daher versuche ich auf das Thema zu blicken. Ich werde aber diejenigen, die von einem Wörterbuch ein Nachschlagewerk erwarten, in dem alphabetisch Artikel angeordnet sind, auch nicht enttäuschen. Es werden dreißig Einträge sein, die das Feld der Unruhe aufrollen anhand von ausgesuchten Themen –  von Arbeit bis Zerstreuung.

 

Wenn ich die beiden Bücher zueinander ins Verhältnis setzen sollte: Das Buch von 2015 erzählt das Nacheinander, die Entstehung, die Entwicklung und – das ist dort meine These – die Entgrenzung, die Entfesselung der Unruhe. Das Wörterbuch ergänzt jetzt das Nebeneinander der Themen und Felder. Das erste Werk hat die diachrone Perspektive gewählt und das Wörterbuch ergänzt nun die synchrone Perspektive, d.h. es bietet das Nebeneinander von Erlebnisfeldern, in denen wir uns in die Unruhe verstricken lassen. Oder von denen wir erwarten, dass sie uns wieder aus ihr herausführen – solche Erwartungen wie Muße oder natürlich die Ruhe selbst.

 

DAS MILIEU: Man kann ja mittlerweile von einem Trend der Unruhe sprechen: Alle wollen immer unterwegs sein und etwas zu tun haben. Treibt uns ein innerer Drang oder der gesellschaftliche Zwang an?

 

Prof. Konersmann: Ich würde über die Alternative zwischen innerlichem Drang und gesellschaftlichem Zwang hinausgelangen wollen und das Phänomen Unruhe als eine Art Passion beschreiben. Wir alle leiden darunter und können trotzdem nicht davon lassen, das genau ist der Wortsinn von Passion. Dieses zweideutige Verhältnis, das wir dazu haben: wir lassen uns begeistern, freuen uns auf das nächste Event und auf Dinge, von denen wir ein intensives Erlebnis erwarten. Jeder kennt das. Und vor allen Dingen fürchten wir die Langeweile als das Schlimmste, was einem überhaupt passieren kann. Ich halte weder den inneren Drang noch den gesellschaftlichen Zwang für die entscheidenden Dinge, denn so etwas gab es ja schon immer. Man könnte sogar sagen, in älteren Zeiten war der Druck, der Konformismus noch viel stärker. Dennoch hat die Unruhe es geschafft, eine Art Monokultur zu errichten: trotz der pluralistischen Vorgaben, trotz der Vielfalt, die uns geboten wird, und der vielen Möglichkeiten, für die wir uns entscheiden könnten, entscheiden wir uns mit schöner Regelmäßigkeit für einen Pakt mit der Unruhe. Das hat mich interessiert, wie unterhalb der bunten Oberfläche dieses inquietäre Einerlei der westlichen Kulturen zustande gekommen ist. Offenbar ist da eine Vielzahl von kulturellen Evidenzen und gemeinsam geteilten Überzeugungen und Grundsätzen am Werk, die unbestreitbar erscheinen und die wir fraglos gelten lassen.

 

MILIEU: Ist die Unruhe ein westliches Phänomen?

 

Prof. Konersmann: Vor ein paar Jahrzehnten hätte man noch relativ eindeutig sagen können: Ja, es ist ein westliches Phänomen. Zumindest auf einer intuitiven Ebene. Es gibt Reiseberichte und natürlich gibt es auch Ethnologen, die sich zu dem Thema geäußert haben. Da gibt es schon eine gewisse – vielleicht sogar eine belastbare – Wahrscheinlichkeit, dass die westliche Kultur die Kultur der Unruhe ist und dass andere Kulturen anders mit Phänomenen wie Geschwindigkeit oder Zeitdruck umgehen. Diese Eindeutigkeit hat sich in Zeiten der Globalisierung verloren, und vielleicht kann man sogar die Globalisierung als eine Entgrenzung der Unruhe beschreiben. Dass es den westlichen Kulturen gelungen ist, anderen Kulturen ihren Rhythmus aufzuerlegen – nicht bloß einzelne Kulturgüter, Botschaften oder Werte, sondern einen bestimmten Lebensstil, bestimmte Lebenserwartungen, die in der Summe alle auf dieses eine Motiv zulaufen – auf das Motiv der Unruhe.

 

MILIEU: Stellen die sozialen Medien (Facebook, Instagram etc.) einen Katalysator für die Unruhe dar? Erzeugen sie einen Zwang, ständig unterwegs und gleichzeitig präsent zu sein?

 

Prof. Konersmann: Ich kenne das nur bedingt aus eigenem Erleben, aber wenn ich meine Umgebung richtig beobachte und die Eindrücke richtig zusammensetze, würde ich schon sagen, dass die sozialen Medien geradezu systemisch Unruheverstärker sind und im Grunde gar keine Alternative mehr zulassen. Insofern sind sie auch schon eine qualitativ neue Erscheinung im Blick auf die Unruhe. Offenbar sind die sozialen Medien in der Lage, in Zonen vorzudringen, die bisher akzeptierte Ruhezonen waren. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Kultur nicht nur eine Unruhekultur ist, sondern von alters her Bereiche gesichert hat, die unruhefrei waren. Zum Beispiel Friedhöfe. Schon der Name sagt, dass dort Ruhe herrschen soll. Oder Universitäten, Kirchenräume und Museen. Es gibt durchaus Räume, wo wir traditionell gleichsam den Atem anhalten, uns mit Flüsterstimme verständigen und herkömmlich ein deutliches Empfinden dafür haben, dass das Räume der Ruhe sind. Aber wenn wir ein Handy in der Tasche haben, dann löst sich dieses Empfinden für die Andersheit dieser Räume auf – Foucault spricht in diesem Zusammenhang von Heterotopien –, und wir erzeugen unwillkürlich einen homogenen Großraum der Unruhe, getrieben von den sozialen Medien.

 

MILIEU: Sie lehren in Kiel, für viele ein Ort abseits der Peripherie. Wird die Unruhe in der Großstadt anders erlebt als woanders?

 

Prof. Konersmann: Dass die große Stadt ein Ort der Unruhe ist, steht fest – spätestens seit Georg Simmel vor über hundert Jahren einen großartigen Aufsatz zu dem Thema geschrieben hat: Die Großstädte und das Geistesleben. Inzwischen darf man es für gesichert halten, dass die große Stadt, dass New York und Hamburg ein anderes Lebensgefühl vermitteln als South Dakota und Dithmarschen. Aber natürlich kann man auch in den großen Städten die Zweideutigkeit sehen, dass auch da Versuche von den Menschen gemacht werden, sich der Gewalt des Trubels zu entziehen. Simmel spricht in dem Aufsatz von Blasiertheit: Das Wort ist eigentlich aus dem Sprachschatz verschwunden und abgelöst worden durch ein anderes Wort, das ubiquitär – allgegenwärtig – ist, und das ist „cool“. Coolness ist eine Reaktion der großen Stadt auf die Allgegenwärtigkeit der Unruhe, des Tumults, der hupenden Autos, der laufenden Reklame, der Schlagzeilen und der Radios. Cool sein heißt, all diese Aufgeregtheiten nicht an sich heranzulassen und einen Lebensstil zu kultivieren, der sich nicht auf jede Ansprache, jedes Signal sofort einlässt, nicht sofort reagiert. Dieser Lebensstil der Coolness ist selber großstädtisch und aus der Reaktion auf die Permanenz des Unruheerlebens hervorgegangen.

 

MILIEU: Wie erleben Sie die Unruhe an der Universität unter den Studierenden?

 

Prof. Konersmann: Man liest ja immer wieder, wie viele Studierende an Burnout und ähnlichen Erkrankungen leiden und das Studium vermehrt als Stress erleben. Vielleicht gibt es ja nicht nur einen entscheidenden Faktor, sondern mehrere, die eine Rolle spielen. An der Menge des Stoffs kann es nicht liegen, denn es ist nicht so, dass heute mehr gelernt werden müsste als früher. Es scheint mir eher ein Problem der Studienorganisation zu sein. Ich würde es für aussichtsreich halten, das Bologna-Projekt genau unter diesem Aspekt einmal zu untersuchen, inwieweit da Elemente eingebaut sind, die nichts anderes sind als Stressverstärker. Ich würde dann auch in der Richtung weiterfragen wollen, ob nicht der Sinn dessen, was man da tut, in der Art, wie wir heute das Studium organisieren, vielen Beteiligten überhaupt nicht mehr aufgehen kann, weil es immer weniger darum geht, sich mit Inhalten zu befassen. Eher geht es darum, Dinge zu erledigen und abzuhaken. Das sind zwei ganz unterschiedliche Arten mit Gegenständen umzugehen. Wenn ich mir die Zeit nehme, mir etwas zu erschließen, dann erlebe ich das als sinnvoll und kann sagen: „Ich bin Physiker, ich bin Musiker, ich bin Philosoph.“ Aber wenn ich dem Ganzen nur im Modus der Erledigung gegenübertrete und wie auf einer Liste abhaken muss, um hinterher irgendeine Ziffer zwischen 1,0 und 4,0 in einem Interneteintrag zu haben, gewinne ich kein inneres Verhältnis mehr zu den Dingen. Ich kann mir vorstellen, dass dieser systematisch erzeugte Mangel an innerer Aufgeschlossenheit eine Stressursache ist. Lernen braucht eine gewisse Generosität der Institutionen, Langmut, Verständnis usw., und das alles scheint mir nicht mehr im gebotenen Maße vorhanden zu sein.

 

MILIEU: Vom Fluch zum Segen: Wird sich die Unruhe bzw. das Empfinden der Unruhe weiter-/ zurückentwickeln?

 

Prof. Konersmann: Sie wird nicht verschwinden. Eine meiner Thesen ist, dass sich die Unruhe alles und jeden unterworfen hat. Die Art, wie wir mit Auszeit, Wellness und Erholung umgehen, zeigt, dass sich die Unruhe selbst dieses Feld erschlossen hat, seitdem wir selbst den Erholungsbereich industriell aufziehen. An solchen Phänomenen merken wir ja schon, dass wir selbst die letzten Rückzugsorte, die letzten Heterotopien der Uniformität der Unruhe unterwerfen. Denken Sie an den Enthusiasmus, mit denen manche Leute an Karfreitag, und gerade an Karfreitag, unbedingt Party machen müssen. Das klingt irgendwie knallig und hip, ist aber nichts anderes als die Zerstörung einer Ruhezone. Ähnliches gilt für verkaufsoffene Sonntage. Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, werden Sie jeden zweiten Tag auf eine neue Initiative stoßen, die bereit ist und sich dafür stark macht, eine Ruhezone zu kippen, weil das jetzt nicht mehr aktuell sei. Wir lassen uns leicht überreden mit dem Versprechen der Bequemlichkeit oder der Ersparnis, vor allem mit dem Versprechen des großen Erlebnisses. Das Ganze ist sehr stark in die Sprache eingewandert und es bedürfte immenser Anstrengung, die Gewalt dieser Dynamik zu stoppen. In dieser Frage bin ich skeptisch, aber man kann sich natürlich – und das ist ja ein uraltes philosophisches Geschäft – diese Vorgänge vor Augen führen und sich fragen, ob es das ist, was wir gewollt haben.

 

MILIEU: Ist Stillstand der Gegensatz zur Unruhe?

 

Prof. Konersmann: Zumindest ist in unserer Wahrnehmungswelt Stillstand etwas, was wir ganz schlecht ertragen können. Stillstand und Langeweile sind die beiden Drohbegriffe, mit denen man uns immer noch – schon seit Beginn der Neuzeit – überreden kann, im Zweifel doch lieber dem Erlebnis der Unruhe zuzustimmen, weil wir die Langeweile und den Stillstand fürchten wie nichts sonst auf der Welt. Wenn Sie sich mit Kriegsentstehung beschäftigen, werden Sie feststellen, dass das z.B. im Ersten Weltkrieg ein wichtiges Thema war: dass sich in relativ saturierten Gesellschaften Mitteleuropas, in Deutschland und Frankreich, junge Männer für den Krieg haben begeistern lassen mit dem Versprechen, sich endlich von diesem ewig im Kreis drehenden, ereignisarmen Alltag befreien und etwas erleben zu können. Das Abenteuer war natürlich Propaganda, aber Sie sehen an so einem Beispiel, wie die Unruhe es schafft, mit Versprechen der Tapferkeit, der frischen Luft und dem Einsatz für die wirklich wichtigen Dinge uns auch in hochproblematischen Situationen über Grenzen hinauszutreiben. Wir teilen Sehnsüchte und Träume, die zutiefst durchdrungen sind von Fantasien der Unruhe. Wir lassen uns verführen, mitreißen und begeistern. Und was ist auch eigentlich gegen Begeisterung zu sagen? An der Zweideutigkeit des Phänomens ‚Unruhe‘ würde ich festhalten wollen. Vielleicht würde es schon helfen, zwischen guter und schlechter Unruhe, zwischen zuträglicher, hilfreicher Unruhe auf der einen und schädlicher, abwegiger Unruhe auf der anderen Seite zu unterscheiden. Dies entspräche einer langen philosophischen Tradition. Es ist schon in der Antike gesehen worden, dass Ruhe und Unruhe nicht wie Schwarz und Weiß oder wie Entweder-Oder zueinander zu stellen sind, sondern dass es letztlich auf die richtige Mischung zwischen Ruhe und Unruhe ankommt – auf der individuellen Ebene, aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene.

 

MILIEU: Sie sind Direktor des Lehrstuhls für Philosophie und Didaktik. Was wollen Sie hier Ihren Studierenden vermitteln?

 

Prof. Konersmann: Natürlich liegt meinen Themen und Forschungsschwerpunkten ein bestimmtes Philosophieverständnis zugrunde: dass nämlich mein Fach nicht nur eine akademische Veranstaltung ist, sondern dass die Philosophie im Rahmen der Universitas der Ort ist, an dem die Universität als Universität, d.h. als wissenschaftliche Großveranstaltung, sich selber und ihren Ort in der Gesellschaft, der Kultur reflektiert. Und das meint jetzt nicht die Universität als Institution, sondern auch als Ort des Wissens und der Wissensgewinnung überhaupt. Welchen Wert hat das Wissen in unserer Gesellschaft? Wie sieht der Gebrauch aus, den jeder Einzelne vom Wissen macht? Was ist das Wissenswerte? Wo sind die Grenzen des Wissens? Was wollen, was müssen, was können wir wissen? Ich versuche die Fragen möglichst so zu stellen, dass sie etwas mit der Lebenswirklichkeit zu tun haben. Auch der Art, wie Wirklichkeit in Filmen, der Literatur und Ähnlichem dargestellt wird. Wie sich die Philosophie zum Alltag der Menschen stellt. Auf dem Spiel steht die Frage, ob die Philosophie den Menschen heute noch etwas zu sagen hat.

 

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Konersmann!

 

 

"Die Unruhe der Welt" ist hier als Rezension nachzulesen.

 

 

Foto: © Bodo Kremmin

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