Biografin im Interview

Prof. Waldschmidt-Nelson: "Malcolm X hätte in Frieden im ghanaischen Exil leben können"

01.06.2017 - André Gottwald

Er gilt als charismatischer, eloquenter Fürsprecher der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Zum 92. Geburtstag sprach DAS MILIEU mit der Biografin und Kulturwissenschaftlerin Prof. Britta Waldschmidt-Nelson über Malcoms Motivation, die Umstände seiner Ermordnung und sein Vermächtnis.

DAS MILIEU: Wenn der Name Martin Luther King Jr. fällt, dann denken viele Menschen an einen friedliebenden Mann, während man mit Malcolm X das Bild eines zornigen Mannes verbindet. Ist diese Sicht auf die beiden großen Bürgerrechtler korrekt?

Prof. Britta Waldschmidt-Nelson: Wenn man die Philosophien beider Figuren vergleicht, gibt es zwar deutliche Unterschiede, aber die von Ihnen präsentierte diametrale Opposition greift zu kurz. Martin Luther King, Jr. stand zwar für das Prinzip des gewaltlosen Widerstands, aber auch für zivilen Ungehorsam und große Protestdemonstrationen, die revolutionäre Folgen haben sollten. Dafür bekam er auch 1964 den Friedensnobelpreis. Malcolm X wird oft als „Gewaltapostel“ gesehen, weil sein Slogan „By any means necessary“ lautete, d.h. im Zweifelsfall auch die Gewalt als Mittel zum Zweck rechtfertigte. Man muss aber dagegenhalten, dass Malcolm X während seiner Zeit als Sprecher der „Nation of Islam“ (NoI) und auch später, niemals direkt zu Gewalt aufgerufen hat, sondern das Recht jedes Menschen auf Selbstverteidigung betonte. Er meinte damit, wenn ein Weißer einen Schwarzen, dessen Frau oder Kinder angreift, dann habe dieser Schwarze auch das Recht, sich ggf. mit allen notwendigen Mitteln zu verteidigen. Dies wird oft falsch verstanden und dann behauptet, Malcolm X sei gewaltverherrlichend gewesen. Das stimmt definitiv nicht. Daher finde ich es auch ganz schlimm, dass einige islamische Terrororganisationen, wie der sogenannte „Islamische Staat“, versucht haben, Malcolm X als einen „Gewaltverherrlicher für den Islam“ für sich zu reklamieren, indem sie Szenen aus seinen Clips und Reden herausgeschnitten haben. Das ist vollkommen falsch. Malcolm X hätte niemals Anschläge oder überhaupt Angriffe auf unschuldige Menschen gerechtfertigt oder geduldet.

MILIEU: In Ihrem Buch Malcolm X – Eine Biographie weisen Sie ausdrücklich darauf hin, dass man die Diskriminierung und Unterdrückung von Schwarzen über Jahrhunderte nur verstehen kann, wenn man die Geschichte der USA versteht. Was sind darin Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eckpfeiler?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist eine Geschichte, die über 300 Jahre lang durch Sklaverei, Segregation und  Diskriminierung auf die schlimmste Art gekennzeichnet ist. Die ersten Sklaven wurden bereits von den Spaniern im 16. Jahrhundert in die Kolonien der heutigen USA gebracht und ein organisiertes System der Sklaverei, die sogenannte „peculiar institution“ verfestigte sich ab dem 17. Jahrhundert vor allem im Süden der späteren USA. 

Die Sklaverei war auch keine nebensächliche Sache, die irgendwie in den Vereinigten Staaten mitlief, sondern die Sklaverei und der riesige wirtschaftliche Gewinn, der dadurch erzielt wurde - gerade im Süden - war maßgeblich mitverantwortlich für den Aufstieg der USA im 18. Jahrhundert. Und dass die Vereinigten Staaten schließlich im 19. Jahrhundert zu einer Weltmacht wurden, hatte auch damit etwas zu tun, dass durch die Sklaverei riesige wirtschaftliche Gewinne erzielt werden konnten. Man vergisst das heute immer wieder, wenn man sich den Süden der USA anschaut, und die ärmlichen Verhältnisse dort sieht. Damals war Charleston eine der reichsten Städte der Welt. Der Süden, aber auch die USA insgesamt, haben jahrhundertelang ganz entscheidend durch die Sklaverei profitiert.

Und auch nach der Abschaffung der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs 1865 waren die Afroamerikaner noch lange keine gleichgestellten Bürger. Es folgte eine Ära der sozialen Ausgrenzung, Diskriminierung und politischen und wirtschaftlichen Entmündigung der schwarzen Bevölkerung, die bis zur Mitte der 1960er Jahre andauerte. Dies änderte sich im Süden der USA erst mit dem Verbot der gesetzlichen Rassentrennung (Segregation) durch die Verabschiedung des Civil Rights Act von 1964 und des Voting Rights Act von 1965. Das alles ist gerade einmal ein bis zwei Generationen her. Das heißt: heute leben noch sehr viele Afroamerikaner, die mit diesem System der legalen Rassentrennung und der legalen Diskriminierung aufgewachsen sind.

MILIEU: Welche Entwicklung führte dazu, dass Malcolm X mehr und mehr als Sprachrohr der Schwarzen in Amerika wahrgenommen wurde?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Ich sehe Malcolm X nicht als Sprachrohr der Schwarzen in Amerika, sondern in der Mitte des 20. Jahrhunderts, zu der Zeit als sich die Bürgerrechtsbewegung formierte, war er primär der Sprecher der radikal separatistischen Organisation „Nation of Islam“ (NoI). Als es der Bürgerrechtsbewegung 1954/55 durch den Montgomery Bus Boykott gelang, nationale und internationale Medienaufmerksamkeit auf das Rassenproblem in Amerika zu ziehen, war die NoI, deren Anhänger auch als Black Muslims bezeichnet wurden, noch eine in der breiten Öffentlichkeit vollkommen unbekannte Organisation - mit ein paar hundert Mitgliedern. 

Malcolm X wurde 1952 aus dem Gefängnis entlassen und Mitglied der NoI. Während der 50er Jahre konnte er dieser Organisation dazu verhelfen, sich auf mehrere Tausend, manche sagen sogar auf mehr als 10.000 Mitglieder zu vergrößern. Dies bescherte ihm natürlich auch einige öffentliche Aufmerksamkeit. Trotzdem würde ich ihn nie als den Sprecher der Bürgerrechtsbewegung bezeichnen. Er war immer der Sprecher des schwarzen Separatismus in den USA. Seine größte Bekanntheit erreichte er als Sprecher der „Nation of Islam“, einer religiösen Sondergemeinschaft, die übrigens seitens der Umma, d.h. der islamischen Weltgemeinschaft bis heute nicht als wahre islamische Gemeinschaft anerkannt wird.

DAS MILIEU: Wie würden Sie in wenigen Worten die Person Malcolm X beschreiben und welche als seine stärkste Fähigkeit hervorheben?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Er war ein Mensch, der unter sehr schwierigen sozialen Umständen aufwuchs. Seine Kindheit war von Armut geprägt sowie vom frühen gewaltsamen Tod des Vaters und von der psychischen Krankheit und Instabilität seiner Mutter. Diese wurde in eine geschlossene Anstalt eingewiesen, sodass Malcolm und seine Geschwister in Pflegeheimen bzw. Pflegefamilien aufwachsen mussten. Malcolm Little, wie er damals noch hieß, geriet schließlich auf die schiefe Bahn und landete im Gefängnis. Hier durchlebte er jedoch eine entscheidende Wandlung. Nicht nur, dass er zum Glauben der NoI konvertierte, sondern vor allem, dass er durch den Einfluss eines Mithäftlings, der selbst kein Black Muslim war, verstand, dass er sich selber aus dieser Misere befreien könne - durch Bildung. Das ist etwas, das man bei Malcolm X ganz leicht vergisst: er hat Bildung immer als etwas unglaublich Wichtiges angesehen. Bildung und Wissen waren seiner Ansicht nach sowohl für die Befreiung des menschlichen Geists an sich als auch für die Befreiung der unterdrückten schwarzen Bevölkerung von essentieller Bedeutung. So gelang es ihm auch, sich im Gefängnis durch ein höchst beeindruckendes Selbststudium innerlich zu befreien. 

Malcolm X hat im Gefängnis unglaublich viel gelesen, sich selbst weitergebildet, alle Fortbildungskurse, die dort angeboten wurden besucht (u.a. Rhetorik- und Debattiersitzungen) und seinen Highschool-Abschluss gemacht. Das rhetorische Talent von Malcolm X ist übrigens auch zutiefst beeindruckend. Ich halte ihn für einen der begnadetsten Redner des 20. Jahrhunderts. 

MILIEU: Welchen Stellenwert hatte die Religion für Malcolm X und seine Bewegung?  

Prof. Waldschmidt-Nelson: Die Religion war für Malcolm X nach seiner Konvertierung ganz zentral. Sie führte dazu, dass er sein ganzes Leben komplett wandelte und sich immer strikt an alle der durchaus sehr strengen moralischen Vorschriften der NoI hielt. Er war überzeugt, dass er zuvor ein Leben in Sünde gelebt hätte und Allah ihn nun mit seiner Gnade rettete. Er tat alles, um sich der Gnade Allahs würdig zu erweisen. Auch nach seinem Bruch mit der NoI blieb Malcolm X bis zu seinem Lebensende ein sehr gläubiger Mensch und Muslim.

Malcolm X kam aus einer religiösen Familie. Sein Vater war ein Baptisten-Priester, der sich später auch für den radikalen Panafrikanisten und Gründer der Universal Negro Improvement Association, Marcus Garvey engagierte. In seiner Autobiographie behauptet Malcolm zwar, dass er als Jugendlicher an gar nichts geglaubt habe. Allerdings stimmt dies wohl so nicht ganz. Zeitzeugen zufolge war er als Kind und auch als Jugendlicher schon gläubig und ging zur Kirche - wie fast alle Menschen in der Black Community - er war als Jugendlicher sogar eine Zeitlang Mitglied eines Kirchenchors.

Es gab dann allerdings wohl tatsächlich eine Phase in seinem Leben, wo er seinen Glauben komplett verloren hatte, d.h. „gottlos“ war, und dies war zugleich die ganz düstere Zeit in seinem Leben, als er als Kleinkrimineller in New York unterwegs war. Aber danach, d.h. nach seiner Konversion zum Islam war Malcolm X immer ein zutiefst gläubiger Mensch. 

Viele Jahre hatte er die Nation of Islam als seine Basis für den Glauben genommen, in der Elijah Muhammad für ihn nicht nur ein religiöser Führer sondern auch eine Art Vaterfigur war. Später musste er jedoch feststellen, dass sich Elijah Muhammad selber nicht an die von ihm  erlassenen strengen Moral- und Glaubensvorschriften hielt, denn es kam heraus, dass Muhammad Sex mit mehreren seiner jungen Sekretärinnen gehabt und eine Reihe außerehelicher Kinder gezeugt hatte. Für Malcolm X war dies ein furchtbarer Schock.

Neben den sexuellen Transgressionen Muhammads kam die Korruption seiner Söhne, die als Teil der NoI-Führungsspitze die einfachen Mitglieder vielfach ausbeuteten, um sich selbst zu bereichern. Außerdem wollte sich Malcolm angesichts der Erfolge der Bürgerrechtsbewegung aktiv politisch betätigen bzw. sich im schwarzen Freiheitskampf engagieren, aber solche nicht-religiösen Aktivitäten waren in der NoI streng verboten. All diese Spannungspunkte führte schließlich zum Bruch zwischen Malcolm und Muhammad. 1964 konvertierte Malcolm X zum sunnitischen Islam und trat aus der NoI aus.

MILIEU: Weiße Amerikaner sahen Malcolm X als Hassprediger, der sich prinzipiell gegen eine Schwarz-Weiße-Integration aussprach. Warum zog Malcolm X nur die radikale Form des „schwarzen Nationalismus“ in Betracht?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Hassprediger ist ein scharfes Wort, das sich wenn überhaupt nur auf Malcolms Rolle als Sprecher der Lehre der Nation of Islam (NoI) beziehen sollte. Nach seiner Trennung von der NoI lehnte Malcolm X Rassismus jeder Art entschieden ab. Allerdings sei auch hier betont, dass eine Menschengruppe, die Jahrhunderte lang so unterdrückt und ausgebeutet wurde, wie die Afroamerikaner, wohl verständlicherweise ihren Unterdrücker nicht gerade mit sehr positiven Gefühlen gegenüberstehen kann. Schließlich wurde den Schwarzen von den Weißen jahrhundertelang immer vermittelt, sie seien minderwertig, dumm und schlecht. Gott habe gewollt, dass sie als Sklaven und Diener den Weißen untergeben seien. Auch dass Afrika als Kontinent minderwertig und alle Schwarzen dort primitive Halbwilde, viele sogar Kannibalen seien – Menschen ohne jegliche Kultur usw. usw. Der umgekehrte Rassismus der gegen die Weißen hetzenden NoI ist somit auch als eine Gegenbewegung zur langen rassistischen Drangsalierung zu sehen, die natürlich ihrerseits ins Extreme ging. Die NoI drehte den Spieß herum und sagte: wir sind die, die eigentlich mehr wert sind. Wir sind Gottes wahre Kinder, und ihr seid die Bösen. Deshalb war die Lehre der Nation of Islam gerade in den Gefängnissen auch so unglaublich populär. Denn es war und ist leider immer noch so, dass das amerikanische Justizsystem, nicht frei von Rassismus gegenüber Schwarzen ist. Diese wurden und werden oft härter bestraft und auch deutlich öfter zum Tode verurteilt, als weiße Delinquenten. Somit war eine Lehre, wie die der NoI, die besagte, ihr seid nicht selbst schuld an eurem Unglück, sondern die bösen weißen Teufel sind schuld, deren Bestreben es ist, euch fertig zu machen, umso attraktiver. Das galt auch für Malcolm X.

In Interviews merkte man jedoch, dass Malcolm X auf die Frage: „Sind alle Weißen Teufel?“ immer wieder versuchte, diese zu umgehen, und hier nur ungern öffentlich die offizielle Position der NoI vertrat, die offenbar nicht uneingeschränkt seiner wirklichen Überzeugung entsprach, zumal er vor seinem Eintritt in die NoI auch viele Freundschaften mit Weißen gehabt hatte. Darunter war auch eine mehrjährige Beziehung zu einer weißen Frau. Malcolm hatte in seinem Leben also nicht unbedingt nur die Erfahrung gemacht, dass alle Weißen böse und schlecht sind. Nach dem Austritt der Nation of Islam und dem Freiwerden aus deren Denkkorsett, vertrat er auch eine ganz andere Sichtweise. Diese äußerte sich ins besonders in seinen letzten Lebensjahren, in der er ausdrücklich jegliche Art von Rassismus verurteilte. Somit war er nach der Trennung von der Nation of Islam definitiv kein Hassprediger mehr.

MILIEU: 1964 kam die große Wende in seinem Leben. Plötzlich waren alle Menschen auf dieser Welt „Brüder“, unabhängig von ihrer Hautfarbe oder Herkunft. Was war passiert?

Prof. Waldschmidt-Nelson: In seiner Autobiografie schrieb Malcolm X, dass er bei dem Besuch der heiligen Stadt Mekka die Wahrheit erkannt hatte, dass es im wahren Islam keinen Rassismus gibt, sondern dort Muslime aller Rassen und aller Hautfarben harmonisch miteinander beten und leben können.

Es ist allerdings nicht so, dass er vor der Mekka-Reise überhaupt keinen Kontakt mit dem „mainstream“ Islam wie sunnitischen oder schiitischen Islam gehabt hätte. Er hatte offenbar nur bis 1964 die Augen davor verschlossen bzw. nach Abwägung seiner Position in der Nation of Islam entschieden, eine andere Stellung zu beziehen. 

MILIEU: Malcom X gründete eine eigene politische und religöse Organisation. Er wollte sich nun für die Bürgerrechte der Schwarzen auf allen Ebenen engagieren - wenn nötig auch zusammen mit Martin Luther King. Wie wurde das von Politik und Medien bewertet?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Die Kennedy Regierung hatte sich überhaupt nicht um die Nation of Islam gekümmert und diese auch nicht ernst genommen. Für sie war die Organisation einfach zu klein. Wichtig war zum Beispiel der March of Washington, wo eine viertel Million Menschen protestierten. Zu Malcolm X hatte sich Kennedy nie weiter geäußert. Wer allerdings sehr daran interessiert war, die Nation of Islam und dann auch Malcolm X möglichst klein zu halten, war das FBI. J. Edgar Hoover hatte ein großes Interesse an Malcolm X. Es gibt viele Hinweise darauf, dass das FBI wahrscheinlich auch nicht vollkommen unbeteiligt war am Attentat auf Malcolm X. Sie waren zumindest Mitwisser der Planung für das Attentat.

Über die beiden neuen von Malcolm X 1964 gegründeten Organisation, die Organisation of Afro-American Unity (OAAU) und die Muslim Mosque Inc. (MMI) wurde in den Medien kaum berichtet. Es fehlte an Aufmerksamkeit, Mitgliedern und einem festen Programm. Malcolm X hatte ein fantastisches rhetorisches Talent, jedoch war er kein Organisationstalent. Ein weiteres Problem war, dass keiner genau wusste, was die konkreten Ziele der Organisationen waren. Viele Black Muslims waren seinetwegen aus der Nation of Islam ausgetreten und in die neue Organisation eingetreten. Aber als er anfing immer mehr von der Lehre der NoI abzurücken ging das vielen seiner ehemaligen Black Muslim Mitstreiter zu weit, so dass sie ihm nicht länger folgen wollten. Malcolm X's Organisation litt auch unter schwachen finanziellen Ressourcen, und der ständige Geldmangel führte ebenfalls dazu, dass beide Organisationen nach der Ermordung ihres Gründers, relativ schnell zerfallen sind.

MILIEU: Trotz andauernder Todesdrohungen führte Malcolm X seine Arbeit fort. Was gab ihm diese unbändige Kraft und Standhaftigkeit?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Nach den vielen Morddrohungen, die Malcom X seit Anfang 1964 erhielt, wusste Malcolm, dass sein Leben in Gefahr war. Kurz vor seiner letzten Rede im Audubon Ballroom am 21. Februar 1965, rief er noch seine Schwester Ella an und sagte ihr, dass er wusste, was an diesen Abend geschehen würde. Die Frage, die sich stellt ist: warum hatte er das ihm mehrfach unterbreitete Angebot nicht angenommen in Ghana zu leben. Dort gab es eine große African American Community und man hatte ihm eine Professorenstelle angeboten. Er hätte hier das Werk von W.E.B. Du Bois an der Encyclopedia Africana fortsetzen und mit seiner Familie in Frieden ein paar Jahre im Exil leben können, bis sich die Lage in den USA beruhigt hätte. Viele seiner Freunde hatten ihn beschworen, dass zu tun. Aber er war ihrem Rat nicht gefolgt. Es gibt Menschen wie Martin Luther King jr. und Malcolm X., oder Ernesto „Che“ Guevara, echte Revolutionäre, die mit ihrer Idee und ihrer Mission so unzertrennbar verbunden sind, dass sie bereit sind, dafür ihr Leben zu opfern. 

Ob dies ihren Familien gegenüber fair ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich habe über diese Frage auch intensiv mit Peter Bailey gesprochen, einem Freund und Mitarbeiter von Malcolm X, der ein Theaterstück mit dem Titel „Malcolm, Martin & Medgar“ geschrieben hat. In diesen kommt bei einem fiktiven Dialog der drei Ermordeten Malcolm X, Martin Luther King und Medgar Evers auch die Frage auf: Haben wir richtig gehandelt, uns für diese Sache zu opfern und unsere Familien allein zurückzulassen? Peter Bailey tendiert zu der Ansicht, dass es ein Fehler war. Er kennt die Töchter von Malcolm X, die alle sechs kein besonders glückliches Leben zu führen scheinen. Alle Töchter waren tief traumatisiert vom Tode des Vaters; keine von ihnen hat selbst eine eigene Familie, und das Trauma betrifft auch die nächste Generation. Malcolm X’s Frau Betty kam 1997 in einem Feuer ums Leben, das ihr eigener Enkel im Haus gelegt hatte. Dieser einzige Enkel von Malcolm X, hatte später Alkoholprobleme und kam 2013 unter ungeklärten Umständen in Mexiko ums Leben. Der Opfertod von Malcolm X hatte somit für seine Familie zweifellos katastrophale Konsequenzen.

Ob Malcolm sich dessen vorher bewusst war, kann man nicht sagen. Vermutlich dachte er nicht darüber nach. Er lebte ganz für seine Mission. Sein Glaube und der Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen war ihm wichtiger als alles andere. Er war sich klar bewusst, dass er bei Beibehaltung seines Kurses mit großer Wahrscheinlich umgebracht werden würde, aber er war eben bereit, hierfür sein Leben zu opfern. 

MILIEU: Am 21. Februar 1965 fiel Malcolm X im Alter von 40 Jahren einem Attentat zum Opfer. Die Täter gehörten zur Nation of Islam. Wie positionierte sich die Organisation zur Ermordung und zur Person von Malcolm X insgesamt?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Die Nation of Islam behauptete, es hätte keinen Auftrag für einen Mord gegeben. Auf der anderen Seite hieß es aber auch, dass es Malcolms eigene Schuld war. Er hätte negative Kommentare gegen Elijah Muhammad geäußert und den wahren Glauben verraten, dass nur der Tod eine gerechte Strafe für so ein Verhalten sein könnte. Auch wenn Muhammad stets abstritt, die Ermordung seines ehemaligen Lieblingsschülers angeordnet zu haben, so ist angesichts der autoritären NoI-Strukturen kaum vorstellbar, dass er davon tatsächlich nichts gewusst haben soll, oder der Anschlag gegen seinen Willen ausgeführt worden wäre. Kein Mitglied der Nation of Islam hätte ein solches Attentat ohne die Zustimmung des großen Führers der Organisation begangen. Was sicherlich auch stimmt, ist, dass das FBI die Tat mit Wohlwollen mitgetragen hat. Soweit ich das rekonstruieren konnte, waren fünf Personen an dem Attentat beteiligt, aber nur drei wurden hinterher verhaftet. Die anderen zwei sind auf mysteriöse Art und Weise nach dem Attentat verschwunden. Es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass es bei diesen beiden Personen um FBI Informanten handelte, die im Anschluss an die Tat einen Platz in einem Zeugenschutzprogramm erhielten. Das FBI hat den Mord wohl kaum mitgeplant, aber ich denke, dass sie davon wussten. Auch die Polizei von New York war von Spitzeln darüber informiert, dass ein Attentat geplant war, aber auch sahen sie in Malcolm X einen Störenfried, und griffen nicht ein. 

MILIEU: Was bleibt in den USA von Malcolm X mehr als 50 Jahre nach seiner Ermordung?

Prof. Waldschmidt-Nelson: Es bleibt ein kulturelles Erbe wie das Black is Beautiful Movement und das Black Consciousnes Movement. Diese bekämpfen negative Stereotypen über Afroamerikaner und betonen die Schönheit und edle Herkunft schwarzer Menschen. Malcolm X sagte immer wieder: Hört auf, euch die Haare zu glätten und seid stolz auf euer afrikanisches Erbe. Wir sind ein Volk von Prinzen und Königen und haben eine reiche Geschichte. Sogar die ersten Universitäten der Welt wurden in Afrika erbaut. 

Andere Leute wie Markus Garvey hatten zwar schon vorher die gleiche Botschaft verkündet, aber diese hatten nicht die Popularität und durchschlagende Überzeugungskraft wie Malcolm X. Die Idee des Afrocentrism, die sich daraus entwickelte, auch die Tatsache, dass es seit den 70er Jahren viele Black Studies Kurse an Amerikanischen Schulen und Universitäten gibt, zählt mit zum kulturellen Erbe von Malcolm X.

Des Weiteren hat er auch den Islam popularisiert. 60 Prozent aller in den USA geborenen Muslime sind Afroamerikaner. Viele sagen auch, dass sie konvertierten nachdem sie die Autobiografie von Malcolm X gelesen haben. Auch neue schwarze christliche Bewegungen, wie z.B: das Black Theology Movement nahmen die Dinge, die Malcolm X sagte, zum Ansporn, gegen Rassismus und Segregation innerhalb der christlichen Gemeinden in den USA vorzugehen. 

Als politisches Erbe von Malcolm X kann man die Black Power Bewegung, die Black Panter Party, das Revolutionary Action Movement und andere schwarz-nationalistisch und politisch geprägter Gruppen sehen, welche Malcolm X als ihren geistigen Vater angeben. Dabei gilt jedoch zu beachten, dass viele dieser Gruppen die Überzeugungen von Malcolm X nur teilweise übernehmen. So berufen sich einige Gruppen auf den sogenannten Pre-Mekka-Malcolm, welcher alle Weißen als Teufel bezeichnete.  Weniger wird dabei berücksichtigt, dass Malcolm X am Ende seines Lebens eine fundamentale Wandlung durchmachte und er Rassismus jeder Art verurteilte. Dabei stellte er auch immer wieder die Bildung in den Vordergrund und ermutigte alle, stets weiter zu lernen und sich fortzubilden.

Malcolm X hatte auch versucht die USA wegen Verletzung der Menschenrechte von Afroamerikanern vor den Vereinten Nationen anzuklagen. Er sagte: "we deserve to be recognized as human beings in this country and be respected as human beings" („Wir verdienen, in diesem Land als Menschen angesehen und als Menschen respektiert zu werden“). Diese Botschaft Malcolms findet sich auch im 21. Jahrhundert in der heutigen Black Lives Matter (BLM) Bewegung wider, welche v.a. gegen weiße Polizei-Brutalität gegenüber Schwarzen kämpft.

Zusammenfassend ist Malcolms Erbe wirklich sehr bedeutend in vielen Bereichen, insbesondere im Kulturbereich. Er hat eine bis heute bemerkenswerte Präsenz in der Populärkultur, im Film, Rap und Hip-Hop. Gerade bei der jüngeren Generation ist Malcom X weiterhin sehr beliebt. 

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Prof. Waldschmidt-Nelson!

 

 

Britta Waldschmidt-Nelson: "Malcolm X. Der schwarze Revolutionär" C.H. Beck Verlag, 384 Seiten, 18,95 Euro

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