Philosoph im Interview

Richard David Precht: "Ich würde gerne bei einer Pegida-Demo auftreten"

01.11.2017 - Alia Hübsch-Chaudhry

Das ist der erste Teil des Interviews mit Richard David Precht. DAS MILIEU sprach mit dem Philosophen und Publizisten über den Nutzen der Philosophie, das Problem der Filterblasen und das Phänomen Trump.

DAS MILIEU: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Menschen damit zögern auf Sie zuzugehen, weil Sie ein Philosoph sind?

Richard David Precht: Es ist mir berichtet worden, dass es das gibt, aber das ist nicht meine Empfindung. Es gibt wahnsinnig viele Menschen, die mich ansprechen und überhaupt nicht den Eindruck hinterlassen, auf irgendeine Weise einen allzu großen Respekt zu haben – was mich übrigens freut. Es sind viele junge Leute, die Selfies machen wollen, die mich sofort duzen. Die Leute, die einen zu großen Respekt haben, sprechen mich ja vermutlich gar nicht erst an.

Es gibt manche Menschen, oft etwas älter, die einen sofort anfassen und einem zu nahe kommen. Das ist mir etwas unangenehm. Das ist eine gewisse Form von Übergriffigkeit. Und das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was Sie gesagt haben: das sind Leute, die keine Distanz halten. Die Menschen, die die Distanz halten, fallen einem ja nicht so auf.

MILIEU: Marcus Tullius Cicero bezeichnete die Philosophie als „das größte Geschenk, welches die Götter dem Menschengeschlecht je gemacht haben“. Doch immer wieder wurde im Laufe der Menschheitsgeschichte die Frage aufgeworfen, welchen Nutzen sie tatsächlich für den Menschen hat. Was würden Sie antworten?

Precht: Ich würde zwei Dinge unterscheiden: Bedeutung und Nutzen. Das größte Geschenk von Bedeutung, dass die "Götter" einem gemacht haben, ist die Liebe und nicht die Philosophie. Über den Nutzen der Liebe kann man sehr lange nachdenken. Ich habe ein dickes Buch darüber geschrieben, nur um zu beweisen, dass sie eigentlich keinen Nutzen hat – zumindest keinen biologischen Nutzen. Auch in der Philosophie ist es so, dass ich den Nutzen nicht in den Vordergrund stellen würde. Was ist der Nutzen von Fußball? Es gibt Millionen Menschen, die gerne Fußball spielen: es zu tun, das ist der Nutzen. Das ist bei der Philosophie auch so. Wittgenstein hat gesagt „Die Philosophie ist eine Tätigkeit“ und das stimmt. Heute würde man sagen, dass es eine Tätigkeit ist, die, während man sie ausübt, Spaß macht. Ich würde sagen: es ist eine Tätigkeit, die einen erfüllt, einen beschwingt, einen weiter bringt, einem ein gutes Gefühl gibt. Das ist die Hauptfunktion von Philosophie und nicht, Probleme zu lösen. Das heißt nicht, dass Philosophie nichts mit Problemlösung zu tun hat, aber diese Funktion allein wäre mir zu technisch.

MILIEU: Sie schreiben passend dazu in der Einführung Ihres neuen Buches, dass Philosophie „so wenig zielführend ist wie Alkohol, aber dafür hoffentlich erhellend“.


Precht: Genau, Alkohol ist auch nicht zielführend. Die Reise führt durch eine schöne Landschaft. Wir leben heute in einer Gesellschaft, wo wir immer fragen: was ist der Nutzen? Wozu ist das gut? Es ist dieses „um zu“-Denken. Wir sollten die Philosophie nicht in die Schublade, des „um zu“- Denkens reinstecken. Wir sollten uns auf die Tätigkeit des Philosophierens als Gedankenkunst, als Meditation und ähnliches, konzentrieren. Das kann sehr viele Facetten haben. Viele fragen, was kommt am Ende dabei raus? Gesetzt den Fall, es käme am Ende zu den großen Fragen wie „Was ist die Liebe?“, „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Was ist gerecht?“, „Was ist gut?“, zehn kurze Antworten dabei heraus. Wie langweilig wäre das? Es gibt bestimmte Metiers, die freuen sich über zehn kurze Antworten, aber Philosophen nicht. Außerdem kann es sein, dass Antworten dabei heraus kommen, die man blöd findet. Es gibt von Ashleigh Brilliant, einem englischen Aphoristiker, den schönen Spruch: „Es ist besser das Leben hat keinen Sinn, als einen Sinn, dem ich nicht zustimmen kann.“

DAS MILIEU: Gerade deswegen wird Philosophie aber auch oft verlacht. Schon Thales, der gemeinhin als der erste Philosoph der abendländischen Tradition verehrt wird, wurde von einer trakischen Magd ausgelacht, weil sie beobachtet hatte, wie er so sehr in Anbetracht des Sternenhimmels in seinen Gedanken verloren war, dass er den Brunnen vor sich nicht im Auge hatte und daher in ihn hineinfiel. Sie soll gespottet haben: „Du kennst wohl die Dinge am Himmel, siehst aber nicht was dir vor Füßen liegt!“ Wie weltvergessen oder weltbesessen darf Ihrer Meinung nach ein Philosoph sein?

Precht: Die Philosophie ist ihrem Ursprung nach besonders weltzugewandt. Sie ist die Frage nach dem richtigen Leben. Die Frage nach dem richtigen Leben richtig verstanden, ist immer die Frage nach der richtigen Gesellschaft, weil der Mensch kein einzelgängerisches Tier ist. Diese Frage ist sehr aus dem Fokus der Philosophie verschwunden. Grundsätzlich ist die Philosophie sehr weltzugewandt, aber in der Tat ist die hochspezialisierte Philosophie, die wir heute haben, sehr oft nicht allzu weltzugewandt –  was ich aber kritisiere. Diese Philosophie ist sehr formalisiert, beschäftigt sich mit winzigen Detailfragen. Wir haben über das Spezialistentum häufig den generalistischen Blick verloren, den wir für die Gesellschaft dringend brauchen. Wenn Philosophen diese Rolle nicht einnehmen, dann nehmen Ökonomen diese Rolle ein. Über Jahrzehnte war der Weise in der Talkshow immer der Wirtschaftsweise. Da saß dann Hans-Werner Sinn oder irgendein anderer wichtiger Wirtschaftsmann und der war dann sozusagen für das große Ganze zuständig. Für mich wäre es wichtig, dass die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wieder den Anspruch stellen, für das große Ganze mit zuständig zu sein.

MILIEU: Viele haben vermutlich die Angst, dass wenn der Mensch sich auf zu viele Sachen auf einmal konzentriert, nichts in der Tiefe begreifen kann.

Precht: Das muss doch keine Angst sein. Dass die Spezialisten gute Arbeit machen, darüber brauchen wir gar nicht reden. Das ist so und das ist auch anerkannt. Es gibt zwei verschiedene Funktionen. Ob man in der Lage ist, ein guter Diskursvermittler zu sein oder ein Gesellschaftsscout, das ist eine andere Aufgabe, als die Aufgabe eines Fachwissenschaftlers, der sich mit der Adverbialphrase beschäftigt. Ich bringe das gerne als Beispiel, weil man darüber in der analytischen Philosophie habilitieren kann. Das ist ein riesen-Thema, das aber die Allgemeinheit nicht interessiert. Es braucht einfach beides und nicht das eine statt des anderen. Der Generalist weiß, dass er keine Wissenschaft leistet. Aber ich glaube, dass es der Philosophie nicht besonders gut getan hat, zu versuchen, Wissenschaft zu werden. Philosophie ist nicht im Bereich des Pientia (von Science), anzusiedeln, sondern im Bereich der Sapientia, der Weisheitslehre. Und Weisheitslehren sind per se nicht wissenschaftlich.

MILIEU: Sind Sie nicht etwas weltfremd, wenn Sie eine insgesamt 2000-seitige Trilogie zur Philosophiegeschichte schreiben(wollen) und glauben, das würde jemand wirklich lesen?

Precht: Der erste Band hat sich 80.000 Mal verkauft. Man sagt immer, die Deutschen hätten keine Bildung oder keiner würde mehr lesen. Ich habe einen großen Respekt vor Menschen, die sich die Zeit nehmen, sich einzufühlen und die ein tiefes Interesse und hoffentlich auch Vergnügen darin haben, sich damit zu beschäftigen. Das ist jetzt schon die dritterfolgreichste Philosophiegeschichte ever, dabei gibt es sie noch gar nicht so lange. Die erfolgreichste ist Bertrand Russells „Philosophie des Abendlandes“, die zweit-erfolgreichste „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig. Der Störig ist aber ein eher lexikalisch aufgebautes Buch und er ist deswegen so erfolgreich, weil es ihn seit den fünfziger Jahren gibt. Das ich jetzt mit dem ersten Band 80.000 Leser erreicht habe, die im Grunde genommen wenn sie das lesen ein Vollstudium absolvieren, das freut mich zutiefst. Ich muss gar nicht die Frage stellen. Die Leser sind da.

MILIEU: Hoffen wir mal, dass diejenigen, die sich das Buch kaufen und in ihr Regal stellen, es auch lesen.

Precht: Klar, ich werde nie erfahren, wer die Bücher tatsächlich gelesen hat. Aber ich sehe, dass der Anteil der vorbestellen Bücher für Band zwei sehr hoch ist und ich glaube, mit dem zweiten Band fängt kaum jemand an. Es wird sicher viele geben, die den ersten Band tatsächlich gelesen haben.

MILIEU: Sie haben es geschafft, Philosophie wieder populär zu machen. Sie finden im Hörsaal, auf Bühnen, Bestsellerlisten und in Talkshows statt. Ihre eigene Sendung „Precht“ wird um 00:15 Uhr gesendet. Ist diese Sendezeit nicht kontraproduktiv?

Precht: Der Sender ist wohl der Meinung, dass Leute, die nachts Parkhäuser überwachen, gebildet werden müssen. (lacht) Es ist schade, dass sie dafür keinen besseren Sendeplatz haben. Das Fernsehen ist in bestimmte Schienen stark formatiert. Es ist keine philosophische Schiene im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorgesehen. Und die Programmmacher finden es nicht so schlimm, dass die Sendung zu später Stunden läuft, weil ein erheblicher Teil sich die Sendungen später auf Youtube oder als Podcast anschaut. Wenn Sie mich fragen würden, hätte ich gerne eine andere Sendezeit, aber ich weiß, dass ich keine kriegen werde.

MILIEU: Es gibt Menschen, die Sie wahrscheinlich – wie sehr Sie sich auch bemühen - nie mehr erreichen werden. Viele Social-Media-Plattformen basieren auf Algorithmen, die ihnen fast ausschließlich Videos zeigen, die sie in ihren Überzeugungen bestärken. Widersprechende Meinungen finden sie in diesem abgeschlossenen Mikrokosmos nicht. Wohin führt uns das?


Precht: Das war schon immer so. Man kann sagen: Das Internet ist eine gewaltige Maschine zur Beschaffung von Vorurteilen. Aber die Menschen kultivieren ihre Vorurteile nicht erst heute, denn das haben sie schon immer gemacht. Da hat sich nichts verändert. Ich würde gerne bei einer Pegida-Demonstrationen auftreten. Das Problem ist aber, wenn der langhaarige linke Penner da oben auf die Bühne kommt, dann wird er so gnadenlos ausgepfiffen, dass ich gar nicht erst dazu kommen werde, zu versuchen, den Leute etwas zu erklären, sie abzuholen, sie ernst zu nehmen, um ihnen klar zu machen, warum ich nicht auf ihrer Seite bin. Es wird niemals dazu kommen. Wenn ich die Chance hätte, würde ich das mal tun. Wenn es mir dann gelingen würde, den einen oder anderen in Bezug auf seine Weltsicht nachdenklicher zu stimmen, dann würde mich das sehr freuen. Für mich ist wichtiger, diejenigen, die eine andere Weltsicht haben, zu überzeugen, als diejenigen, die dieselbe Weltsicht haben wie ich, pausenlos zu bestärken. In der Praxis findet leider zu oft Letzteres statt.

MILIEU: Sie sagen, dass es „Filterblasen“ auch früher gab, aber glauben Sie nicht, dass das durch die Digitalisierung eine andere Dimension angenommen hat?

Precht: Es ist öffentlich geworden. Ich glaube, dass die Zahl der Menschen in Deutschland, die rassistische oder national-chauvinistische Vorurteile haben, so gering ist wie noch nie, aber wir sehen sie alle. Früher war das bürgerliche Lager von dem rechts-chauvinistischen Lager nicht wirklich getrennt. Dadurch, dass die CDU heute stärker in die Mitte gerückt ist, ist der Rand entstanden. Lange Zeit konnte sich dieser Rand nicht artikulieren und fand sich in verschiedenen Netzwerken und auch in der AfD sehr sichtbar, plakativ und laut wieder. Dennoch ist die Anzahl der Leute, die so denken, sehr gering. Wenn Sie im Jahre 1955 als deutsche Frau mit einem schwarzen Schwiegersohn nach Hause gekommen wären, dann hätten 99 Prozent der Elternhäuser ihre Hände über den Kopf zusammengeschlagen und gesagt: „Du bist doch verrückt!“. Heute sind es vielleicht 50 Prozent. Das muss man auch mal aus dieser Perspektive sehen. Aber keine Frage, die negative Seite hat heute eine Wahnsinns-Plattform und wird deshalb so stark wahrgenommen.

MILIEU: Blicken wir in die USA. Dort sitzt jemand im Weißen Haus, den man als unglückliches Resultat einer Mediendemokratie bezeichnen könnte. Der Showmaster Trump bliebt stets Herr seiner Vermarktung und tat alles, um in den Köpfen des Volkes stattzufinden. Haben Sie Sorge, dass sich diese Methode in der Politik auch bei uns durchsetzen könnte?

Precht: Ich glaube, dass es nichts mit den Methoden zu tun hat. Dass Idioten, Wirrköpfe und Narzissten an die Macht kommen, zieht sich durch die gesamte europäische Geschichte. Auch ein Verbrecher wie Hitler brauchte keine sozialen Netzwerke, um an seine Position zu kommen. Die Methoden waren relativ die gleichen. Heute haben die Bösen die gewaltigen Verführungsapparate, aber die Guten auch. Früher mussten beide Seiten pausenlos umherziehen und auf Marktplätzen ihre Demagogie ausüben. Nixon war ein totaler Verbrecher, der intelligenter als Trump war, aber, dass so ein Mann Präsident werden konnte, war genauso schlimm. Ronald Reagen war intellektuell gesehen eine hundertprozentige Fehlbesetzung, George W. Bush auch. Um an Macht zu kommen, brauchten sie keine sozialen Netzwerke. Die sozialen Netzwerke geben diesen Menschen die Möglichkeit, sich stärker auszustrahlen, aber eben auch den anderen. Ich glaube nicht, dass Trump das Produkt einer modernen Medienkultur ist. Er wäre auch ohne das Internet an die Macht gekommen. Das Fernsehen hätte schon gereicht.

MILIEU: In unser Kolumne „Illuminationen“ hat unser Autor die These aufgeworfen, dass Trump eine systemstabilisierende Funktion hat und das dem System nichts Besseres als Trump hätte passieren können. Diejenigen, die vor einem Jahr noch das Establishment waren, stehen heute für den Widerstand, präsentieren sich als Revolutionäre und Erretter der Demokratie.

Precht: Spannend. Das ist eine sehr interessante These. Trump hat sich als Rebell gegen das Establishment verkauft und ist der Mann des Wirtschaftsestablishments, der Konservativen, der Rüstungsindustrie usw. Schon diese Rolle hat also nicht zu ihm gepasst. Und auf einmal können die Verwaltungsdemokraten als moralisch Entrüstete auf die Barrikaden gehen. In der Tat, sehr interessant. Auch Macron ist in seinem moralischen Impetus nur deswegen möglich geworden. Obwohl er jetzt absolut keine rebellische Politik macht, konnte er trotzdem den Rebellen gegen die nationalistische Bewegung geben. Plötzlich wird, inhaltlich gesehen, aus einem Mann der Mitte ein Robin Hood. Es ist die heroische Rolle, in der sich Menschen wiederfinden, an denen eigentlich nichts heroisch ist. Ihr Autor hat da eine sehr interessante Beobachtung gemacht. Ich kann ihm da nur zustimmen.

MILIEU: Das erinnert an das alte Prinzip von „Ordnung aus dem Chaos“. Also Trump sorgt kräftig für Chaos und dann kommen die alten Establishment-Politiker, um für Recht und Ordnung zu sorgen…

Precht: Das mag sehr gut sein. Man darf dabei nicht vergessen, dass Trump größtenteils ein klassischer Vertreter der republikanischen Politik ist. Das äußert sich nicht in seinen Manieren, nicht in seiner Art und Weise, wie er an dieses Amt gekommen ist: aber wessen Politik macht er? Es gibt breite Teile der amerikanischen Industrie, die ein handfestes Interesse an Trumps Kurs haben. Die Rüstungsindustrie ist nur eine von den vielen Industriezweigen, für die das gilt. Die Rebellenrolle trifft gar nicht die Realität. Es war nicht der Außenseiter gegen das Establishment, sondern es war eine Form des Establishments gegen eine andere.

 

Hier geht's zur Trilogie der Philosophiegeschichte

 

Foto: Amanda Berens

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