Rezension

Riot. Strike. Riot.

01.09.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Ich habe mir den Wahlspruch zu eigen gemacht: „Die beste Regierung ist die, welche am wenigsten regiert“; und ich sähe gerne, wenn schneller und gründlicher nach ihm gehandelt würde. Wenn er verwirklicht wird, dann läuft es auf dies hinaus – und daran glaube ich auch: „Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert“; und wenn die Menschen einmal reif dafür sein werden, wird dies die Form ihrer Regierung sein.” (Henry David Thoreau)

Herrschaft und Widerstand gehören zu den grundlegende und ältesten Kategorien menschlichen Zusammenlebens. Der englische Adel trotzte dem englischen König die Freiheiten der Magna Charta ab. Luther beendete das päpstliche Alleinstellungsmerkmal des Katholizismus. Die französische Revolution rief zu Freiheit, Gleichheit, Solidarität aller BürgerInnen auf und Gewerkschaften brachten ArbeiterInnen gegen Fabrikbesitzer in Stellung. So wurde der Widerstand gegen die Obrigkeit und der Aufstand gegen die Herrscher zu einem roten Faden in der Geschichte, mal eher subversiv, mal als lautes Fanal. Dieser Geschichte geht Clover in dem hier angezeigten Buch nach. Er tut dies in pointierter marxistischer Tradition. Aufstände und Streiks finden immer in einem wirtschaftlichen und sozialen Kontext statt. Ging es bei Unruhen und Aufstände um den Widerstand gegen die Ausbeutung über zu hohe Preise (meist von Lebensmitteln) ist der Streik der organisierte Widerstand gegen die Ausbeutung der Arbeitnehmer. Clovers Konzentration und Präzision bei seiner Beschreibung dieser beiden Widerstandsformen ist bemerkenswert. Immer erinnern seine Ausführungen an seinen historisch-materialistischen Gedankenapparat. Sehr instruktiv, wenn er z.B. sinnlich-anschaulich die historische Gleichzeitigkeit sowohl der Glasfenster-Architektur als auch just das Zertrümmern von Fensterscheiben durch die Aufständischen im 19. Jahrhundert hinweist.

Das 17. und 18. Jahrhundert war durchweg von Aufständen geprägt: Wenn das Brot zu teuer war, stürmten die Menschen die Bäckereien und wenn ein Händler Getreide aus der Stadt ausführen wollte, um anderswo einen höheren Preis erzielen zu können, blockierten die Menschen die Ausgangsstrassen. Demgegenüber ist der Streik die historisch adäquate kollektive Widerstandsform in der Zeit der Kapitalakkumulation. Um das Aufstandsphänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts analytisch beschreiben zu können, prägt Clover in den späteren Ausführungen seines Buches den Begriff “Riot prime”, bei der die Aufstände die Bürgerrechtsbewegung in den USA ablösen. Riot Prime steht für Clover am vorläufigen Ende der Aufstands-Tradition, und sein Auslöser sind für ihn die weltweit um sich greifenden Wirtschafts- und Finanzkrisen.Mit der Deindustrialisierung in den sechziger und siebziger Jahren geht der Niedergang der Produktions-Profitabilität und der industriellen Lohnarbeit einher. Der Widerstand gegen die immer höher werdenden Lebenshaltungskosten und der Widerstand gegen die Mehrwert-Akkumulation sind zwar unterscheidbare Phänomene hängen aber beide miteinander zusammen. In dem Zeitalter der Krise kommt die ständige Erweiterung der industriellen Wirtschaft zu einem Ende und es beginnt die Spekulationsphase des Finanzkapitals. Immer weniger Menschen arbeiten in der Produktion sondern im Dienstleistungssektor oder werden ganz aus der Beschäftigung verdrängt. Clover prophezeit, dass deshalb Aufstände, Blockaden, Barrikaden und Besetzungen die Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten prägen werden. Im Unterschied zu den Gegnern bei den Aufständen der früheren Jahrzehnten (der Bäcker mit seinen zu hohen Preisen und der Getreidehändler mit seinen Export-Profiten) rückt nunmehr die Konfrontation mit dem Staat in den Mittelpunkt. Attac, Occupy, Nuit debout sind die ersten konkreten Ausformungen, aber Clovers eigentliche Hoffnung sind Kommunen. Sie entstehen nicht in den Zentren der Städte sondern an ihrem Glacis. Dort leben die Leute, denen der Markt nicht mehr ihre Grundbedürfnisse, weder auf dem Arbeitsmarkt noch auf dem Lebensmittelmarkt befriedigen kann. Da diese Gruppe der Gesellschaft, weil sie arbeitslos ist, sich weder am Arbeitsplatz organisieren noch gar streiken kann, ist ihre Option der Aufstand.

Dass Clover seine Analyse kompromisslos in der marxistischen Denktradition durchführt, ist eindrucksvoll in ihrer konsequenten Art. Allerdings ist es dennoch bedauerlich, dass er keinerlei Blick auf die nicht-marxistische Widerstandstradition lenkt, wie z.B. Ghandi, M.L.King oder weiter zurück auf Denker wie z.B. David Thoreau. Das hätte Clovers Stringenz keinerlei Abbruch getan, dem Leser aber attraktive Vergleiche der unterschiedlichen Widerstands-Formen ermöglicht.

 

Joshua Clover: Riot. Strike. Riot. The new era of Uprisings. Verso Verlag 2016. 208 Seiten. 16.99 Euro

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