Sportfreunde Stiller im Interview

Rüdiger Linhof: "Wir müssen aufhören uns Hass anzulesen"

01.07.2017 - Cihan Köse

Mit seiner Band Sportfreunde Stiller belebt Rüdiger 'Rüde' Linhof seit über 20 Jahren die deutsche Musiklandschaft. Der Bassist sprach mit dem MILIEU darüber, wie man sich als Musiker zwischen Geld und Leidenschaft entscheiden sollte, was alle Schüler nach dem Schulabschluss machen müssen und wie lange Terrormeldungen in den Medien präsent sein dürften.

DAS MILIEU: Der Autor Jorge Bucay hat geschrieben, dass man sich in einer Partnerschaft jeden Morgen nach dem Aufwachen aufs Neueste für den Partner entscheiden muss. Warum entscheidest du dich nach 20 Jahren immer täglich dafür Musiker zu sein?

Rüdiger Linhof: Diese Entscheidung fällt nicht täglich, sondern in bestimmten Phasen, wenn etwas geschaffen wird wie z.B. eine neue Platte oder auch die Planung einer neuen Tour. Mir stellen sich dann immer die Fragen „Warum mache ich das gerade hier? Habe ich Bock auf das, was ich hier mache? Wo im Leben stehe ich aktuell?“ - also grundsätzliche Lebensfragen. Das sind solche Arten von Auseinandersetzungen, die Bürde und Privileg des Künstlers sind. Als Künstler habe ich die Freiheit, mir solche Fragen zu stellen, und diese brauche ich dann für meine Inspiration. Womöglich sage ich dann auch, dass all das mir nichts mehr nützt. Hingegen ringt man in vielen anderen Berufen darum, diese Frage zu unterdrücken, damit man nicht mit etwas Grundsätzlichem konfrontiert wird.

Generell bringt dieser Beruf so viele Facetten mit sich. Es geht nicht nur um das Leben auf der Bühne, bei dem man als Künstler gefeiert und beklatscht wird, sondern auch darum, was sich über die Jahre entwickelt hat, wie z.B. die Menschen um mich herum. Es gibt Menschen, die mir mittlerweile vertraut sind, und auch die, die mit einem etwas Schönes verbinden und das einem nach vielen Jahren einfach sagen wollen, obwohl man sich persönlich nicht kennt. Dann gibt es solche, die durch die Musik andere tolle Menschen kennengelernt haben oder aber auch die, die einen schweren Schicksalsschlag haben und es auch mal mir mitteilen wollen. Das Musikerleben ist insgesamt eine Reise durchs Leben, das Land und hin zu Freundschaften.

MILIEU: Welche Rolle spielt es dabei, dass sich euer Erfolg über die Jahre aufbauen musste und nicht von heute auf morgen da war?

Linhof: Das hat uns vor allem Zeit gegeben, um uns auf das neue Leben einzustellen. Ich konnte erkennen, dass viele Dinge einfach Zeit brauchen und Entscheidungen oftmals gar nicht in meiner Hand liegen. Deswegen habe ich auf verschiedenen Ebenen gelernt, Zeit zuzulassen und diese zu geben. Wenn z.B. einer von uns mal besonders positive oder negative Laune hat, sage ich mir: „Ich kenne den jetzt schon so lange, das ist einfach mal eine seiner Phasen“. Aber auch auf der Karriereebene sage ich mir: „Ich kenne die Phase, wo man mal in kleinen Clubs, dann wieder in großen spielt, wo es mega erfolgreich ist und plötzlich wieder ein Schritt zurück in die kleinen Clubs kommt“ und bin mir bewusst, dass die Zukunft teilweise unvorhersehbar bleibt. Damit kann ich umgehen und genau das ist einer der schönen Seiten dessen, dass wir als Band länger gebraucht haben.

MILIEU: Die Musikbranche bringt auch viel Geld mit sich. Teilweise fangen YouTuber an Musik zu machen, die den Eindruck erwecken, es nur des Geldes wegen zu machen. Wie empfindest du selber solche Entwicklungen als jemand, der so lange ein Musikerleben mit all seinen Aufs und Abs lebt?

Linhof: Ich kann das so nicht mehr bewerten, denn irgendwie bin ich aus dieser Zeit gefallen. Diese Musik, die man nur mit dem Gedanken „Ich hau das Ding mal raus und mach damit Kohle“, trifft nicht meine Emotionen - ich kapiere diese Art einfach nicht, auch wenn solche Musik bei vielen Leuten ankommt.

MILIEU: Auch auf der Seite der Fans gibt es eine Entwicklung. Während eure Fans euch teilweise seit 1995 begleiten, gibt es heutzutage ein Überangebot an Musikern. Die Zuhörer leben getreu dem Motto: „Du gefällst mir so lange, bis der nächste bessere Musiker endlich da ist“.  Würdest du daher jungen Musikern empfehlen Musik zu machen, die aus dem Herzen kommt, oder solche, die sich gut verkauft?

Linhof: Zum Thema Überangebot muss ich sagen, dass es meiner Meinung nach keines gibt. Es gab schon immer viel Musik und natürlich gibt es nun immer mehr deutsche Musik, dennoch ist es möglich, dass in 20 Jahren Musiker wie z.B. Marteria oder Kraftklub eine große Fangemeinde besitzen, die sich über all die Jahre gegenseitig begleitet haben. Es sind schließlich Künstler, die eine große Authentizität haben, welche von den Menschen wahrgenommen wird.

Musik ist ja erst mal eine persönliche Sprache und ich finde es sehr wichtig, dann auch eine persönliche Ausdrucksform zu pflegen. Zum Beispiel unser Tontechniker Detlef: Der kann einfach mal am Klavier 140 Songs spielen, ist kein berühmter Mann und sitzt oftmals nach den Konzerten da und schmettert dir eine Show hin, singt göttlich, sodass es dir die Schuhe auszieht! Wir feiern ihn ab, tragen ihn auf Händen und wenn er seiner Frau abends ein Lied singt, schmilzt die dahin. Darum sage ich, dass Musik in erster Linie dazu da ist, für sich eine eigene Sprache zu finden, die dennoch direkt in das Herz deines Gegenübers geht. Wenn es dann dein Job werden soll, darf es das nur werden, wenn du diesen inneren Kern der Leidenschaft vom Geschäftlichen trennst. Es gibt ganz viele, die daran zerbrechen, ihre Leidenschaft für das Geld aufgegeben zu haben. Wenn du die Trennung nicht vornehmen kannst, dann pflege deine Musik für dich und suche dir nebenbei etwas Anderes, womit du auch Geld verdienen kannst. Die Musik ist nämlich etwas Feines und Schützenswertes. Die Gefahr ist einfach dabei, dass etwas verloren geht, wenn man....(kurzer Moment der Stille. Rüde überlegt..) Naja, ne scheiße, das ist so zweischneidig - Ich bin ja selbst Musiker...

MILIEU: ...in einer Band!

Linhof: Ja! Das Band-Ding ist noch etwas Anderes! Wenn du eine Band gründest, dann geht es ja auch um den Trip, das Abenteuer auf Tour zu gehen und Party zu machen. Das ist natürlich auch total geil und (lacht)....man, das ist eine hochkomplexe Frage, die du mir da gestellt hast. Letztendlich ist es vollkommen legitim mit Musik Geld verdienen zu wollen, wie es auch viele klassischen Musiker tun.

MILIEU:  Inwiefern habt ihr beim Musikmachen eine Grenze gezogen und euch nicht vom Geld leiten lassen?

Linhof: Bei uns waren das eindeutig Werbeangelegenheiten. Wir haben uns außerdem immer damit auseinandergesetzt, für wen wir spielen. Ehrlich gesagt haben wir in dem Sinne keine 100% reine Weste, aber versuchen dennoch diese so rein es geht zu halten. Es geht aber nicht nur um das, was wir ablehnen, sondern vor allem darum, wo wir zusagen, wie bei guten Zwecken oder sozialen Themen.

Ich nenne es mal den Indie-Reflex, den man zu Beginn einer Karriere hat. Da ging es oftmals darum, was man alles ablehnen würde, wenn sich die Möglichkeit ergäbe. Wenn diese Möglichkeit dann plötzlich wirklich da ist, dann ist es auf einmal doch nicht so leicht 'Nein' zu sagen. Auch ich habe mir dir Frage gestellt 'Was will ich?'. Auf einmal fängst du an mit dem Gegebenen zu gestalten, statt alles abzulehnen.

MILIEU: Zugesagt habt ihr u.a. einer FairTrade Kampagne für verbesserte Produktionsbedingungen von Fußbällen aus Pakistan....

Linhof: Das ist eigentlich eine total lustige Sache, weil wir dafür, bis auf ein paar Fotos, nicht viel gemacht haben. Das war es dann auch schon. Wem wir uns dagegen widmen, ist Viva Con Agua. Damals hat Michael Fritz (Gründungsmitglied Viva Con Agua; Anm. d. Red.) uns 2007 von der Idee erzählt und die ist einfach viel zu cool gewesen, als dass wir uns damit nicht beschäftigen. Drei Jahre später bin ich mit ihm nach Ruanda gefahren und habe mich mit der Struktur und den Abläufen intensiver beschäftigt. Die kooperieren mit der Welthungerhilfe und genau solche Initiativen brauchen wir.

MILEU: Was hat dieses Projekt bei dir im Bewusstsein verändert?

Linhof: Menschen, die sich leidenschaftlich einem idealistischen Zweck widmen, halten mich am und im Leben. Dass die in den Dingen, die sie glücklich machen, aufgehen, inspiriert mich sehr. Genauso wie der Gedanke einfach anderen helfen zu wollen und wir als Musiker auch dazu beitragen, dass Gelder dafür transferiert werden.

Wir schätzen hier außerdem gar nicht, welche Bedeutung es hat, dass sauberes Wasser bei uns aus dem Wasserhahn kommt. Woanders entscheidet dies zwischen Krieg und Frieden. In Ruanda sterben Kinder in den Armen ihrer Mutter, aufgrund einer durch unreines Wasser erfolgten Durchfallerkrankung. Dass man dabei etwas bewegen kann, finde ich toll.

MILIEU: Hmm...einige Menschen haben aber Befürchtungen, sich bei gemeinnützigen Projekten wie z.B. Viva Con Agua, einer Verpflichtung zu unterwerfen oder durch Beitragswünsche und ähnlichen Dingen sich überrollt zu fühlen. Womit kann dennoch jeder als Einzelperson sofort anfangen, um die Welt ein wenig zu verbessern?

Linhof: Ich glaube, dass eine bessere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit meinen Mitmenschen gegenüber schon sehr viel bewirken kann. Meinem Gegenüber kann ich doch einfach mal mehr Zeit geben und muss ihm nicht ständig in den Arsch treten. Außerdem müssen wir aufhören uns Hass anzulesen - das ist etwas ganz Wichtiges. Jeder von uns erfährt sein eigenes Leben aus der persönlichen Begegnung, aber leider ist es bei unserem Weltbild nicht so. Aus irgendeinem Grund baue ich mir mein Weltbild aus dem Internet, Zeitungen und Hören-Sagen zusammen. Wir müssen einfach die Welt bereisen.

MILIEU: Hast du eine Idee, wie wir das umsetzen?

Linhof: (sofort) Ja! Eine konkrete Idee ist, dass wir Schülern nach der Schulzeit ein Interrail Ticket geben, mit dem sie vier Wochen durch Europa fahren und Europa kennenlernen. Das ist eine Investition von ein paar Hundert Euro für jeden Schüler und dann brauchen wir auch nicht mehr so lange über die abstrakte Idee eines Europas diskutieren. Durch diese persönliche Begegnung ergibt sich so vieles von selbst.

MILIEU: Du hast sicherlich auch vom Terroranschlag beim Ariane Grande Konzert in Manchester gehört. Wieso gehen deiner Meinung nach Menschen weiterhin zu Konzerten, obwohl die Angst vor Anschlägen bei öffentlichen Veranstaltungen nun da ist?

Linhof: Weil auf den öffentlichen Plätzen das Leben stattfindet. Mal war es die U-Bahn in Madrid, dann das Flugzeug in Lockerbie, in der Ukraine ein Jet, in Tschetschenien in den 90ern eine Schule...jetzt entdeckt man, dass man auch Konzerte überfallen kann. Soll ich mich daheim an meinen Türstock fesseln? Irgendwann nützt sich diese Angstmacherei aber auch ab, was du auch an dem Aufmerksamkeitsbogen zu Manchester siehst, der sich sehr schnell verkürzt hat. Die Angst sickert nicht mehr so durch und ich glaube auch, dass das der einzig richtige Weg ist. Mitgefühl kann ich für die Opfer haben und das tut mir auch so weh und leid für die Familien und Freunde der Opfer. Nur darf ich keine Angst mehr haben und die habe ich auch nicht.

Im Alltag bin ich mit dem Rennrad unterwegs und wenn dann hinter mir ein Autofahrer lieber aufs Handy tippt statt auf die Straße guckt, ballert er mich von der Straße. Soll ich deshalb kein Rennrad mehr fahren?

MILIEU: Aber warum funktioniert Terror dennoch?

Linhof: Terror funktioniert durch Angst und die Frage nach dem 'Was wäre, wenn...?'. Je mehr man diesen Anschlägen durch diese Brutalität an Medienvolumen die gewollte Aufmerksamkeit schenkt, desto mehr motiviert man die Terroristen weiterzumachen. Das ist ein dreckiges Spiel, aber so lange werden sie auch immer dorthin gehen, wo das Leben stattfindet. Deshalb lasst uns draußen bleiben, Schulter zuckend weitergehen, diejenigen in den Arm nehmen, denen es scheiße geht, solidarisch mit den Schwachen sein und die Arschlöcher links liegen lassen. Und bitte: Keine Gesichter mehr von Terroristen auf irgendwelchen Titelseiten, weil das genau die Prominenz ist, die sie sich erhoffen.

MILIEU: Welchen Fragen sollte sich jeder öffentliche Musiker nach solch einem Anschlag stellen?

Linhof: Jeder Mensch sollte sich folgende Fragen stellen: Woher kommt meine Angst? Was macht sie mit mir? Wie viel Platz möchte ich ihr geben? Was kann ich ihr entgegensetzen? Als öffentliche Person muss ich mir noch klarer werden: Es ist halt eben nicht nur der Pop und die Kunst, sondern auch immer in unterschiedlichem Maße politisch. Man kann aber auch auf anderen Ebenen eine Inspiration sein, indem ich z.B. die Haltung vorlebe, dass ich mir keine Angst machen lasse.

MILIEU: Beende bitte folgenden Satz: „Wenn wir als Musiker ein Zeichen gegen Terror und Terrorangst setzen wollen, …“

Linhof: ...dann machen wir genau das als Musiker weiter, was wir bisher gemacht haben: Musik, die Menschen zusammenbringen und mit den Menschen feiern.

MILIEU: Kann die Gesellschaft durch solche Ereignisse näher zusammenrücken?

Linhof: Lass es mich so sagen: Es gibt Menschen, die haben schlechte Diagnosen und da ist die Krankheit, der Terrorist in ihrem Körper. Diese Menschen werden oft einsam, weil sie sich entfremden und damit nicht umgehen können. Wir sollten öfter darüber reden wie wir mit solchen Situationen im Alltag besser klarkommen und uns so menschlich und gesellschaftlich wieder einander nähern. Lasst uns dem Terror nicht zu viel Aufmerksamkeit widmen.

MILIEU: Ich danke dir für das Gespräch!

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