Jupiter Jones im Interview

Sascha Eigner: "Wir leben wie die Made im Speck"

15.07.2017 - Dennis Bormann & Astrid Knauth

Seit fünfzehn Jahren steht die Band „Jupiter Jones“ aus der Eifel für intelligente, rockige Indie-Musik mit deutschen Texten. Die breite Öffentlichkeit wurde 2011 durch ihr selbstbetiteltes Album auf sie aufmerksam. Sascha Eigner, Gitarrist und Manager der Band, sprach mit DAS MILIEU über Wohlstandsgesellschaften, warum wir wieder mehr in der Gegenwart leben sollten, dem Menschen als Zufallsprodukt der Natur sowie Helene Fischer und Metallica.

DAS MILIEU: Ihr seid nach dem jugendlichen Detektiv Jupiter Jones (Justus Jonas) aus der Buch- und Hörspielreihe „Die drei ???“ benannt. Setzt ihr euch detektivisch mit der Welt und der Menschheit auseinander oder warum der Name?

Sascha Eigner: Das wäre jetzt sehr tiefgründig, daran haben wir am Anfang nicht gedacht. Es ist immer ein schwieriges Unterfangen, wenn man nach Bandnamen sucht. Da hat jeder seine eigene Meinung. Es ist einfach daraus entstanden, dass wir alle aus der Band sehr große Fans von „Die drei ???“ waren. Justus Jonas wäre jetzt nicht so ein geiler Name gewesen – das hört sich so nach Gymnasialstreber an. Nicht viele kennen den amerikanischen Originalnamen, der hat einfach cool geklungen und deswegen haben wir uns dafür entschieden.

MILIEU: Eine eurer Singles lautet „Wir sind ja nicht Metallica“ – wie würde es denn sein, wenn ihr Metallica wärt?

Eigner: Boah – auf was bezogen? Musikalisch oder privat?

MILIEU: Schon bezogen auf die Musik…

Eigner: Ich glaube natürlich, dass das Leben, was die von „Metallica“ führen, schon sehr luxuriös ist. Die werden im Privatjet von A nach B geflogen. Die müssen sich keine Geldsorgen machen, um Proberäume oder Studios anzumieten. Das ist ein unfassbar finanziell sorgenfreies Musikmachen, wenn ich weiß, dass ich das im Prinzip nur noch als Hobby mache. Mir kann irgendwie gar nichts mehr passieren. Es ist also ein noch angenehmeres Musikmachen, als es jetzt schon ist.

MILIEU: Wie ist es für euren Sänger Sven Lauer, wenn er beispielsweise den Song „Still“, der noch von Nicholas Müller stammt, singt? Kann er ihn selbst verkörpern oder fühlt er sich in dem Moment fremd in seiner Haut?

Eigner: Das muss ich einmal korrigieren: Der Text ist von Nicholas Müller, der Song stammt von mir. Zunächst einmal ist es für uns so, dass ein Song für uns aus den beiden Teilen Musik und Text besteht. Es ist so, dass Sven auch alle anderen alten Songs singt. Von daher ist der Song also auch nichts Besonderes, nur weil er der erfolgreichste ist. Sven ist schon seit jeher Fan der Band gewesen und begleitet uns, seitdem wir uns gegründet haben. Tatsächlich kennen wir uns auch schon, seitdem wir drei sind. Er hat schon ganz früh für uns Konzerte in Hamburg organisiert und wir haben bei ihm auf dem Boden gepennt, wenn wir in Hamburg gespielt haben. Von daher hat er seit jeher einen sehr engen Bezug zur Band, der Musik und den Texten. Es fällt ihm also relativ leicht, alle Songs der Band zu singen.

MILIEU: Einige eurer Songs handeln vom Vergessen und vom Weitergehen. Martin Luther sagte einmal: „Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung und nichts eher als eine Wohltat.“ Kann man negative Erfahrungen oder traurige Ereignisse wirklich vergessen? Ist es nicht eher ein Verarbeiten und damit Weiterleben?

Eigner: Es ist auf jeden Fall so, dass negative Ereignisse mehr haften bleiben als positive. Das passiert uns auch irgendwie ständig, dass, wenn irgendwas schiefläuft, das krass in Erinnerung bleibt. Wenn etwas richtig positiv läuft, dann merkt man das und honoriert das kurz, aber wir haben irgendwie das Gefühl, dass positive Dinge schneller aus dem Gedächtnis der Leute verschwinden. Irgendwelche Dinge einfach vergessen, ist, glaube ich, relativ schwierig. Es geht immer darum, den Dingen auf den Grund zu gehen, um sie wirklich verarbeiten und damit leben zu können. Verdrängen und nicht mehr daran denken ist die falsche Taktik. Es wäre natürlich der vermeintlich einfachere Weg, aber irgendwann holt es einen wieder eint. Ähnlich ist das ja beispielsweise auch bei Trauer: Wenn man das nicht richtig verarbeitet, dann ist es nicht gut für Körper, Geist und Seele.

MILIEU: Kannst du dir vorstellen, woran es liegt, dass man die positiven Dinge schneller als die negativen vergisst?

Eigner: Das liegt vor allem an der deutschen Gesellschaft, habe ich das Gefühl. Wenn man sich die ganzen Social Media Sachen - beispielsweise Facebook- anschaut, was da zum Teil für ein Hass ausgeschüttet wird, dass jeder zu allen möglichen Themen eine Meinung, aber eigentlich gar keine Ahnung davon hat. In Deutschland ist das so ein bisschen „Wohlstandsgejammer“. Wir leben eigentlich wie die Made im Speck, im reichsten Land der Welt und beschweren uns trotzdem über alles und jeden Scheiß. Wir haben ein bisschen aus dem Blick verloren, dass es 99 % der Welt viel schlechter geht als uns. Viele Leute können sich das auch einfach gar nicht vorstellen, weil sie sich damit gar nicht auseinandersetzen wie es ist, wenn in Syrien jeden Tag 100.000 Frauen vergewaltigt werden. Keine Frage, wenn das hier passiert, ist das genauso schlimm, aber es passiert hier sicherlich nicht in so einer geballten Form. Viele Menschen leben hier in ihrer eigenen Soße und blicken nicht einmal über den Tellerrand. Daher kommt auch, dass so viel Negatives hängenbleibt. Deutschland ist keine positiv nach vorne gerichtete Gesellschaft wie beispielsweise Frankreich. Wie viele Terroranschläge hat es in Frankreich gegeben und wie stark und positiv die Menschen dort nach vorne schauen und jetzt einen Präsidenten wie Macron gewählt haben! Wenn in Deutschland ein Terroranschlag verübt wird, geht die Welt unter. Wir nehmen uns da, glaube ich, zu wichtig. Wir Deutschen sollten da anfangen, ein wenig positiver zu denken.

MILIEU: Obwohl bei euch häufig negative Wörter wie Trennung, Verlust, Krieg oder Armut im Fokus stehen, versucht ihr doch immer Hoffnung bzw. ein „das Leben geht weiter“ zu vermitteln. Glaubt ihr, dass der Mensch heutzutage zu schnell aufgibt, anstatt für den Frieden, die Liebe und das Glück zu kämpfen? Und wenn ja, woran liegt das?

Eigner: Auf jeden Fall! Das ist auch ein Problem unserer Wohlstandsgesellschaft. Wir haben ja alles, wir leben hier in Saus und Braus, sind finanziell abgesichert und haben eine Krankenversicherung. Man muss sich mal vorstellen, dass die meisten Länder so etwas ja gar nicht haben – selbst in Amerika. Wenn du da kein Geld hast, kannst du dich nicht operieren lassen. Das kann man sich hier gar nicht mehr vorstellen. Deshalb ist auch so ein bisschen verloren gegangen, dass man für Dinge einsteht, für Dinge kämpft und da dranbleibt, weil hier alles im Überfluss da ist und die Leute hier einfach faul – wohlstandsfaul – geworden sind.

MILIEU: Glück bedeutet für jeden Menschen etwas Anderes. Der Dalai Lama äußerte sich einmal folgendermaßen: „Glücklichsein ist nichts Vorgefertigtes. Es ergibt sich aus deinen eigenen Handlungen.“ Immer wieder wird geäußert, dass der Mensch in unserer heutigen Zeit das Glücklichsein verlernt hat. Wie kann man den Blick wieder auf die kleinen Dinge des Lebens lenken – praktisch, das Glück wieder sehen lernen?

Eigner: …indem man die kleinen Dinge des Lebens wieder lebt. Indem man wieder Dinge tut, nicht einfach stumpf seinen Tag verbringt, jeden Tag morgens ins Büro geht, nach Feierabend sein Bier trinkt und abends auf der Couch fernsieht und am nächsten Tag das Gleiche macht. Jedes Jahr an den gleichen Urlaubsort fährt – ganz viele in Deutschland machen jeden Tag das Gleiche und brechen nicht einmal aus diesem System aus. Sie sollten wieder mit wacherem Blick durch die Welt laufen und nicht mit Scheuklappen wie ein „Großstadtroboter“ durch die Straßen laufen und gar nichts mehr wahrnehmen. Wir müssen wieder mehr wahrnehmen, spüren, fühlen und uns wieder anfangen für Dinge zu interessieren und diese hinterfragen! Auch nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft leben, sondern einfach mal einen Moment innehalten und sich fragen: „Was ist im Moment gerade geil?“

MILIEU: Gerade euer Song „Ein bisschen Paranoia“ ist bei dem jetzigen Weltgeschehen aktueller denn je. Gegen Staaten und Menschen wird künstlich ein Feindbild geschaffen, indem vor allem über soziale Medien eine Wertungleichheit propagiert wird. Warum lassen sich Menschen so leicht von diesem Gedankengut überzeugen und gibt es einen Ausweg?

Eigner: Wenn ich den hätte, könnte ich mich als Bundeskanzler bewerben. (lacht) Vielleicht sollten wir einmal bei den Medien anfangen. Als bestes Beispiel kann man sich doch da die Bild-Zeitung anschauen, was die immer für Aufmacher haben. Das ja die auflagenstärkste Zeitung in Deutschland. Die liest halt der Ottonormalverbraucher jeden Tag. Und die Verantwortung, den Einfluss und die Macht, den sie mit ihren verkürzten Überschriften haben, ist total krass. In den Medien wird alles total schnell aufgebauscht und die schlagzeilenträchtigste Überschrift gewählt. Wenn man sich dann den Artikel durchliest, fragt man sich: „Ja und? Das hat ja jetzt nichts mit der Überschrift zu tun.“ So wird dann immer eine Stimmung angeheizt und die meisten Menschen lesen ja nur Überschriften und nicht den Artikel. Es sollte mal der Ball flachgehalten und nicht die Stimmung dauerhaft angeheizt werden. Wenn man nur oberflächliche Menschen hat und ein paar Zeilen raushaut, dann erntet man, was man säht. Es fehlt auch ein Stück Ehrlichkeit, gerade auch von Politikern. Man erlebt kaum noch, dass jemand mal eine Antwort gibt, die spulen alle nur noch ihr Programm ab. Sie geben keine Antworten mehr, sondern posaunen nur noch das raus, was sie von ihren Politikberatern vorgesetzt bekommen.

MILIEU: In diesem Zusammenhang möchten wir Ambrose Bierce zitieren: „Mensch: ein Lebewesen, so angetan von Illusionen über sich, dass es völlig vergisst, was es eigentlich sein sollte.“ Würdet ihr dem zustimmen?

Eigner: Auf jeden Fall! Der Mensch hat total vergessen, was er eigentlich ist. Der Mensch ist eigentlich nur ein großes Zufallsprodukt, das auf dieser Erde lebt und dabei ist, diese kaputt zu machen. Es fängt gerade erst an. Wenn die Menschheit jetzt nicht aufpasst und alles, was man angefangen hat, ein Stück nicht weit in eine andere Richtung dreht, dann wird es uns vielleicht nicht mehr lange geben. Der Mensch hält sich, glaube ich, für mehr als er eigentlich ist. Man sollte sich nicht so wichtig nehmen, vor allem ein Stück weit mehr auf die Natur hören. Irgendwann ist der Punkt überschritten, an dem man das alles nicht mehr rückgängig machen kann.

MILIEU: Musik aus Deutschland wird häufig als unkritisch empfunden. Statt sich mit aktuellen Themen auseinander zu setzen, steht immer wieder Liebe und Verlust im Mittelpunkt. Schon Marcel Pagnol sagte: „Im Leben lernt der Mensch zuerst gehen und sprechen. Später lernt er dann, still zu sitzen und den Mund zu halten.“ Wie könnte man diese Hemmung, Kritik öffentlich zu äußern, überwinden?

Eigner: Da gibt es eigentlich nur eins: machen! Das Ding ist halt, gerade wenn wir von Mainstream-Pop reden, dass Liebe, Freundschaft und Verlust die großen Themen sind, die die meisten Menschen erreichen. Die meisten Menschen wollen sich nicht mit Problemen auseinandersetzen. Die wollen Helene-Fischer-mäßig mit irgendeiner lila Wolke beschallt werden und ihren eigenen schweren Alltag nicht noch mit inhaltlich schwieriger Musik kombinieren. Das ist vielleicht ein Grund, warum Schlagermusik im Moment so erfolgreich ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass nicht jeder gesellschaftskritische und politische Texte machen kann, weil es einerseits nicht zu der Musik passt und andererseits nicht mit dem Image der Künstler vereint werden kann. Es wäre ja schon damit geholfen, dass Künstler, die ein breites Publikum erreichen, anstatt sich dämlich mit Eiswasser zu übergießen, einfach mal ein politisches Statement abgeben.

MILIEU: Wie stark beeinflussen dich die Medien? Kannst du anderen Künstlern überhaupt vorbehaltlos zuhören, selbst wenn du vorher schon viele kritische Stimmen gehört hast?

Eigner: Ich versuche es zumindest. Ich bin jemand, der politisch sehr interessiert ist und sich für alle möglichen Themen interessiert. Ich bin auch ein riesengroßer Fan von Dokumentationen und habe schon das gesamte Internet in Bezug auf jede Art von Dokumentation angeschaut. Deshalb glaube ich, dass ich schon sehr gut informiert bin und muss manchmal schmunzeln, wie verkürzt und vollkommen falsch manche Berichterstattungen erfolgen. Die Medien beeinflussen mich jetzt also nicht so wirklich, weil ich mich dort auch nicht auf nur eines beschränke. Aus vielen verschiedenen Quellen bilde ich mir eine Meinung und versuche die dann zu vertreten.

MILIEU: Habt ihr schon einmal daran gedacht, etwas völlig Verrücktes zu tun – beispielsweise einen Heavy Metal Song zu schreiben, also etwas, dass eurer Bandphilosophie vollkommen entgegen spricht?

Eigner: Ach, ich habe schon ganz viele Metal-Songs geschrieben, weil ich acht Jahre mit unserem Schlagzeuger zusammen in einer Metal-Band gespielt habe. Aber es würde jetzt nicht unbedingt passen. Wir könnten zwar einen Metal- oder Hip-Hop-Song machen, aber eine Band steht ja auch immer für einen bestimmten Sound oder eine bestimmte Richtung. Wir würden es sicher schaffen, aber bei den Leuten wären in dem Moment nur ein großes Fragezeichen in den Köpfen, weil sie etwas vollkommen anderes erwarten. Sie können wahrscheinlich damit auch gar nichts anfangen, weil sie eher Rock- oder Indie-Musik erwarten. Dass wir komplett aus dem Genre ausbrechen, kommt von daher also nicht in Frage. Wenn das aus der Band jemand wirklich machen wollen würde, gäbe es immer noch die Möglichkeit, dass er ein Projekt gründet und sich da dann musikalisch auslebt.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Sascha!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Sven Sindt

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