Eine Frage des MILIEUs

"Sind Menschen in Nordkorea glücklich?"

15.11.2014 - Prof. Rüdiger Frank

Ein kürzlich beim britischen Channel 4 erschienener Bericht über eine Ausstellung nordkoreanischer Kunst in London beginnt mit einer Kurzbeschreibung des Landes als „an impoverished neo-Stalinist gulag run by crazed human-rights-abusing dictator armed with a nuke“.

Damit erübrigt sich die Beantwortung der Frage eigentlich. Armut, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen machen Glück zwangsläufig unmöglich. Oder doch nicht?

Ich selbst bin bis zu meinem 21. Lebensjahr in einem gern und oft als „Unrechtsstaat“, „SED-Diktatur“, „Stasi-Hölle“ oder „sowjetisch besetzte Zone“ bezeichneten Land aufgewachsen und muss zu meiner Schande gestehen: Ja, ich war oft glücklich, soweit das einem Menschen eben möglich ist. Denn grundsätzlich neigen wir ja dazu, Glück nur in bestimmten kurzen Augenblicken zu empfinden und dazwischen auf der Suche nach dem nächsten Glücksmoment zu sein.


In die Köpfe anderer Menschen kann ich nicht hineinsehen, auch nicht in die der vielen Nordkoreaner, die ich in einem Vierteljahrhundert der Beschäftigung mit diesem Land getroffen habe. Auch unterscheiden sich die Definitionen von Glück erheblich. Man kann in der Liebe glücklich sein, in der Gemeinschaft, nach einem guten Essen, beim Betrachten einer schönen Landschaft, nach einem sportlichen oder beruflichen Erfolg, sogar nach dem Konsum von Rauschmitteln. Glücklich zu sein ist nach meiner Erfahrung ebenso eine erlernbare Fähigkeit, wie es von äußeren Umständen abhängig ist.


Wie ist das nun also in Nordkorea? Die Lebensumstände sind zweifellos für die meisten Menschen tatsächlich äußerst hart, härter sogar, als wir es uns hier im gemütlichen Westen vorstellen können. Das politische System ist eine ideologisch fundierte Diktatur, was unumgänglich zu Repression führt. Der Staat macht es den Menschen nicht immer leicht, glücklich zu sein. Manche macht er sehr unglücklich.


Und doch: ich habe verliebte Menschen gesehen, lachende Menschen, mit ihrer Arbeit zufriedene Menschen. Ich habe in ihre Kinder vernarrte Eltern gesehen und Freunde, die füreinander einstehen. Ich habe Hilfsbereitschaft erfahren, Humor, Selbstironie. Ich habe Maler gesehen, Musiker, Tänzer. Sie gaben dem System, was des Systems ist, und behielten doch einen Teil auch für sich.


Ich werde jedenfalls nicht so selbstgerecht sein, den Nordkoreanern das Glücklichsein abzusprechen, auch wenn das mit der bei uns so oft praktizierten bequemen Schwarz-Weiß-Sicht der Welt kollidiert. Für die Gestalter der westlichen Politik wäre es sogar fatal anzunehmen, dass die Nordkoreaner permanent unglücklich sind und nur darauf warten, von uns befreit zu werden. Diesen Fehler haben nicht zuletzt die USA andernorts in der Welt schon oft teuer bezahlt. Die Realität ist viel komplexer, als es ein paar Schlagwörter einfangen könnten.


Vielleicht ist es eine der größten Leistungen unserer Spezies, dass wir unter so gut wie allen Umständen Glück empfinden können. Beim Besuch eines buddhistischen Tempels südlich von Pyongyang vor ein paar Jahren habe ich mich längere Zeit mit einem dort tätigen Mönch unterhalten. Während sich ein paar Schritte von uns entfernt meine aus der Hauptstadt stammenden Begleiter über seine ärmlichen Lebensumstände lustig machten, sagte er mir mit großem Nachdruck: „Auch in einem schmutzigen Teich kann eine wunderschöne Lotosblüte wachsen“.

 

 

 

 

 

 

 

Rüdiger Frank: "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates"

DVA München, 432 Seiten, 2014, 19.99 Euro

ISBN: 978-3421046413

 

 

 

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