Dokumentarfilmerin im Interview

Sonia Kennebeck: "Kann man Terror mit Terror bekämpfen?"

15.03.2017 - Alia Hübsch-Chaudhry

Nur wenigen ist klar: Obama übernahm zwar den Drohnenkrieg von seinem Amtsvorgänger Bush, weitete ihn jedoch im Laufe seiner Regierungszeit erheblich aus. DAS MILIEU sprach mit der Dokumentarfilmerin Sonia Kennebeck, die das Thema am 18. Mai 2017 auf deutsche Kinoleinwände bringt. Im Gespräch ging es um die Dreharbeiten zum Film "National Bird", die fehlende Debatte über das amerikanische Tötungsprojekt und ihre Aussichten auf die Trump-Ära.

DAS MILIEU: Drei Jahre lang haben Sie an Ihrem Film gearbeitet, sieben Tage die Woche. Wenn man sich so tief in die Materie einarbeitet und in diese Abgründe schaut, was macht das mit einem?

Sonia Kennebeck: Wenn wir den Film vorführen, ist er für die Zuschauer sehr bewegend. Für mich und mein Team war es genauso. Vor allem die Reise nach Afghanistan - ein Kriegsgebiet, war nicht leicht für uns. Wir haben die Opfer, die Überlebenden des Drohnenangriffes, die wir im Film darstellen, besucht. Da ist zum Beispiel eine Mutter, die zwei Kinder verloren hat und noch dazu ihren Mann. Mit ihnen zu sprechen, mit den Familien der Überlebenden, und ihre Geschichten zu hören, die ganzen Hintergründe zu erfahren, zu sehen, wie die Menschen jetzt leben, wie es ist, über die Runden zu kommen, wenn man sein Bein verloren hat, wie schwierig es ist, in manchen Regionen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, haben wir sehr direkt mitbekommen. Die ganzen Einzelheiten konnte ich im Film gar nicht so konkret erzählen, aber wir – mein Kameramann und ich und die Protagonistin, die herübergereist ist, ihre afghanische Freundin Asma - wir haben das direkt dort miterlebt und das ist nicht leicht. Ich denke viel darüber nach, wenn ich reise.

DAS MILIEU: War das Erlebte für Sie schwer zu verarbeiten?


Kennebeck: In gewisser Weise bin ich berufsbedingt daran gewöhnt, mich mit solchen Geschichten zu beschäftigen, aber jetzt wo Sie mich so direkt fragen, ist das nicht so einfach zu beantworten. Meistens schaue ich auf andere und jetzt ist es eine ungewohnte Situation für mich, das so gespiegelt zu bekommen. Die ganzen Geschichten berühren mich sehr. Ich kann mich aber dadurch nicht zu sehr belasten lassen, denn dann könnte ich meine Arbeit nicht weiter machen. Es immer eine Gratwanderung. Alle Journalisten sind nur Menschen und denken über die Emotionen, die Geschichten, die Menschen nach. Ich spüre eine sehr starke Verantwortung gegenüber meinen Interviewpartnern, aber ich versuche mich dann auf die Arbeit zu konzentrieren. Die Interviewpartner vertrauen mir und geben unglaublich viel über sich preis und für mich ist das Wichtigste in Verantwortung gegenüber diesen Geschichten, sie fair, akkurat und respektvoll wiederzugeben.

MILIEU: Gab es ein konkretes Schlüsselerlebnis, das Sie dazu gebracht hat, diesmal das amerikanische Drohnenprogramm ins Visier zu nehmen?

Kennebeck: Es gab kein Schlüsselerlebnis. Es war eine Recherche, die geplant war. Ich wollte einen Film über das Drohnenprogramm machen und zwar aus Sicht der Menschen, weil ich das woanders nicht gesehen und nicht gelesen hatte. Es gab zwar einige Artikel aus dem Jahr 2013 über die Drohnentechnologie, aber kaum einer hat sich mit den Menschen beschäftigt. Weder mit den Menschen, die für Drohnenprogramme arbeiten, noch mit denen, die davon betroffen sind und Opfer der Angriffe wurden.

 

MILIEU: Im Mai 2013 hat Obama gesagt: „Bevor wir überhaupt einen Drohnenangriff vornehmen, muss eine fast vollständige Gewissheit herrschen, dass keine Zivilisten getötet oder verletzt werden“. Kann es diese Gewissheit trotz der angeblichen Zielgenauigkeit und den Echtzeit-Lageinformationen überhaupt geben?
 
Kennebeck: Deswegen sagt Obama auch nicht absolute Gewissheit, sondern „eine fast vollständige Gewissheit“. Diese Einschränkung sollte uns sehr zu denken geben. Weiß man wirklich, wer sich in einem Gebäude befindet, wenn man nicht anschließend eine Aufklärung dazu macht? Es ist in einigen Ländern in den Regionen so, dass Frauen selten das Haus verlassen. Selbst wenn man das Gebäude über längere Zeit beobachtet, kann kaum mit absoluter Gewissheit sagen, wer sich wirklich darin befindet. Bei mir im Film wird auch gesagt, dass oft erst im Nachhinein klar wird, wen man wirklich getötet hat.


MILIEU: Die USA setzen Drohnen in Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia, Irak und Syrien ein. Bisher waren die absolute Mehrzahl der Getöteten traurigerweise Zivilisten. Warum kommen diese Flugkörper immer noch zum Einsatz?

Kennebeck: Die Frage müssten Sie eigentlich Politikern stellen. Ich finde es unverständlich, dass eine Waffe, über die so wenig öffentlich diskutiert wird, so weiträumig, ja global angewendet wird. Es ist meiner Ansicht nach eine große Veränderung in der Kriegsführung, unbemannte Drohnen zu verwenden, weil man Kriegshandlungen aus sehr sicherer Distanz verüben kann. Es gibt sehr viele ungeregelte Fragen. Es gibt rechtliche, moralische Überlegungen. Es ist eine Zeit, in der die Technologie unsere Gesetzesregelungen und vielleicht auch unsere Moral überholt haben. Deswegen ist eine Diskussion so wichtig, dass wir als Gesellschaft und als Gesellschaften – denn es ist eine globale Waffe – das aufarbeiten. Ist es eine Waffe, die zukünftig so verwendet werden soll? Sie verbreitet sich ja, das dürfen wir auch nicht vergessen.

MILIEU: Warum wurde bisher in der deutschen Öffentlichkeit so wenig über dieses gigantische Tötungsprojekt diskutiert, obwohl der in Deutschland gelegene Luftwaffenstützpunkt Ramstein im weltweiten Drohnenkrieg eine zentrale Rolle spielt?

Kennebeck: Es wird zu wenig darüber diskutiert, wegen der staatlichen Geheimhaltung. Das war auch für die Produktion des Films nicht ganz einfach, dass die Leute, die im Drohnenprogramm arbeiten, die höchste Geheimhaltungsstufe haben. Das war wohl das Anliegen der US-Regierung, um eine wirklich echte, tiefe Diskussion fast unmöglich zu machen. Dazu fehlen Informationen: Wie viele Menschen wurden von Drohnen getöteten? In welchen Ländern werden Drohnen überall eingesetzt? Das alles sind Informationen, die tröpfchenweise durch Journalisten an die Öffentlichkeit kommen. Ich wollte mit meinen Film einen Beitrag dafür leisten, Transparenz in das Programm zu bringen. Gerade wenn wir in den USA den Film zeigen, gibt es Leute, die im Schock aus dem Film herauskommen, weil ihnen ganz viele Dinge einfach nicht klar waren.

MILIEU: Also gibt es auch von staatlicher Seite aus, ob in den USA oder in Europa, einen Hang zur Unterdrückung von Informationen über das Drohnenprogramm?

Kennebeck: Es ist ja eine Tatsache, dass die Leute, die im Drohnenprogramm arbeiten, der Geheimhaltungsstufe unterliegen. Das heißt, sie dürfen über Einzelheiten des Programms nicht sprechen und es wird enorm wenig veröffentlicht. Selbst die Informationen, die in der Vergangenheit veröffentlicht wurden, stellten sich im Nachhinein als geschönt heraus. Es ist wirklich ein Problem: es werden sehr, sehr viele Informationen unterdrückt.

MILIEU: Wie könnte man gegen diese Geheimhaltungspraxis argumentieren?


Kennebeck: Bürger einer demokratischen Gesellschaft haben das Recht auf Information. Es sind ja nicht nur die Politiker, die den Krieg alleine führen – als demokratisch gewählte Politiker. Ich bin davon überzeugt – deswegen habe ich den Film auch gemacht - dass wir als Bürger, als Gesellschaften, die Informationen haben müssen, dass wir wissen müssen, wie Kriege in unserem Namen geführt werden. Es ist ja eine Waffe, die sich enorm schnell verbreitet. Es gibt fast 90 Länder, die Drohnen besitzen, entweder bewaffnet oder unbewaffnet. Und es ist eine Waffe, die natürlich auch gegen uns selbst eingesetzt werden kann. Die Entwicklung geht weiter, die Technologie hat sich so schnell entwickelt und wird so schnell eingesetzt und da ist es verrückt, wie wenig Informationen wir darüber haben. Es wird an autonomen Drohnen geforscht, es wird an Schwarmtechnologien geforscht, also Drohnen, die miteinander kommunizieren und es wird an Tarn-Drohnen geforscht, also Drohnen, die quasi unsichtbar sind. Meine Protagonistin hat in Interviews erklärt: Tarndrohnen braucht man nicht in Entwicklungsländer, sondern sind eher für die entwickelte Welt interessant. Das betrifft uns alle und deswegen sollten wir alle Informationen darüber bekommen.

MILIEU: Das heißt, die Argumente, die für die Geheimhaltung sprechen sind in Ihren Augen lächerlich?

Kennebeck: Da muss man differenzieren. Wenn es um Kriege geht und militärische Zielsetzungen, kann man natürlich nicht alles öffentlich machen. Bestimmte Zahlen und Statistiken sind wichtig, dass auch Politiker auf einer guten Grundlage entscheiden können, ob die Waffen so wirksam sind, wie sie uns verkauft werden. Wie viele Menschen werden getötet? Wie viele davon sind Zivilisten? Dass man nicht in jeder Einzelheit genau bestimmte Daten oder technische Informationen preisgeben kann, ist klar. Es gibt Dinge für die innere Sicherheit, die geheimgehalten werden sollten.  Aber ich denke, dass die Geheimhaltung zu weit geht. 

MILIEU: Was sagen Sie denen, die am Ende Ihres Films zur Gegenfrage ausholen: “Haben Sie eine Alternative? Es gibt doch bis heute nichts besseres als Distanzwaffen, um die eigenen Verluste im Krieg zu minimieren und außerdem hat die Drohne in der Kosten-Nutzen-Relation ein hohes Maß an Effizienz vorzuweisen.”

Kennebeck: Ich bin das Thema journalistisch angegangen. Ich habe auch zu meiner Protagonistin gesagt: Ich bin keine Aktivistin. Mein Ziel ist es, Transparenz ins Programm zu bringen. In meinem Film habe ich ganz bewusst keinen Kommentartext. Ich lasse die Personen sprechen, die sich am besten damit auskennen, die daran gearbeitet haben und die Zivilisten, die getroffen wurden. Es sind ihre Geschichten. Mein Ziel ist es, dass der Zuschauer selber für sich entscheidet und es ist seine Sache, welche Schlussfolgerung er trifft. Natürlich sehe ich, warum die USA die Drohnen so gern verwendet: man verliert kein politisches Kapital, man gefährdet direkt keine eigenen Truppen. In meinem Film zeige ich allerdings, dass auch die Leute, die in dem Drohnenprogramm arbeiten, nicht völlig unversehrt aus dem Krieg zurückkommen und eben auch Trauma erleiden können. Mich beschäftigen viele Fragen, zum Beispiel: Töten Drohnen denn wirklich, weniger Zivilisten, als herkömmliche Kampfflugzeuge? Drohnen werfen Bomben ab – das ist ja kein Scharfschütze, der mit einem Gewehr zielt. Wenn eine Drohne eine Bombe auf ein Haus wirft, weiß man mit absoluter Sicherheit, wer sich darin befindet? Inwieweit ist das anders, als die Bombardierung mit einem herkömmlichen Flugzeug? Warum soll die Drohne präziser sein? Das sind Dinge, die ich gerne wissen würde. Die andere Frage ist: Dient das alles wirklich dem Ziel? Das Ziel ist es ja, Terrorismus zu reduzieren. Ich würde gerne die Gegenfrage stellen: Hat es in den letzten Jahren einen Rückgang an Terrorismus gegeben? Meine Protagonistin Lisa fragt oft: Kann man Terror mit Terror bekämpfen? Ist es wirklich die richtige Methode? Es gibt viele offene Fragen.

MILIEU: Der einst als Hoffnungsträger gefeierte US-Präsident Obama räumt nach acht Jahren das Weiße Haus. Er hatte seinem Wahlvolk nichts geringeres versprochen alle Ungerechtigkeiten auszumerzen und die ganze Welt zu befrieden. Wie viel ist ihm davon gelungen?


Kennebeck: Es gibt zwei Dinge, die man über Obama wissen sollte. Er hat das Drohnenprogramm ausgeweitet und er hat unter dem Spionagegesetz in den 8 Jahren Amtszeit mehr Whistleblower verfolgt, als alle bisherigen US Regierungen vor ihm, seit 1917 zusammengenommen. Das ist eine unglaubliche Zahl. Für Journalisten und Whistleblower überall, extrem besorgniserregend. Und natürlich geht es  jetzt weiter. Wenn wir jetzt in die Zukunft schauen: Drohnen sind gar nicht mehr zu trennen von der durchgeführten Überwachung. Es gibt ein globales Überwachungsnetz, an dem die Drohnen dranhängen. Obamas ganze Bestrebungen übergibt er jetzt dem nächsten Präsidenten. Die Frage ist, wie Trump zukünftig damit umgehen wird.

MILIEU: Wie schätzen Sie Trumps Vorgehensweise ein?

Kennebeck: Wenn man der Rhetorik des Wahlkampfes glauben mag, hält er ja vom investigativen Journalismus und Pressefreiheit reichlich wenig. Das ist eine Sache, die mir und anderen Journalisten und Filmemachern extreme Sorge bereitet. Wie wir unter Trump arbeiten können, wie er die Gesetze weiter auslegt. Er hat ja angekündigt, dass er es einfacher machen will, dass man entsprechende Leute verklagen kann und es ist alles ja für unsere Demokratie eine sehr beängstigende Entwicklung.


MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kennebeck!

 

 

Der Film kommt am 18. Mai in die deutschen Kinos.

National Bird (Trailer)

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