Rezension

SPQR - Die tausendjährige Geschichte Roms

15.04.2017 - Dr. Burkhard Luber

Preisfrage: Was haben Lissabon, Mainz, London, Istanbul, Damaskus und Tripolis gemeinsam? Sicherlich nicht die Sprache und schon gar nicht eine Zugehörigkeit zur EU. Aber wenn man die Namen dieser sechs Städte latinisiert: Lisbonum, Mogontiacum, Londinium, Byzantium, Damascus, Tripolitania, wird es klar: Alle waren vor zweitausend Jahren Städte im römischen Weltreich.

Was später weder die Staufer, noch die Bourbonen, Habsburger, auch nicht Stalin oder die EU erreicht haben - hier in einem Territorium, das von Nordafrika bis ans östliche Ufer des Schwarzen Meeres, vom nördlichen Hadrianswall in England bis zum Roten Meer reichte, war es für lange Zeit vorhanden: Ein wirkliches Weltreich.

 

Römische Meilensteine wiesen den Kurieren den Weg und bei den römischen Soldaten saß jeder Handgriff, wenn sie gut trainiert ihre Lager aufschlugen, ob irgendwo im kalten unwirtlichen England oder im heißen Afrika. Römisches Recht hat allen nachfolgenden Rechtssystemen europäischer Länder seinen Stempel aufgedrückt - bis zu Redewendungen wie “Nulla poena sine lege” oder “In dubio pro reo”. Und es ist bezeichnend, dass sogar der Heilige Paulus bei seinen religiösen Auseinandersetzungen mit den jüdischen Autoritäten auf sein römisches Bürgerrecht pochte und folgerichtig der Justiz des Kaisers in der Ewigen Stadt überstellt wurde. Wie war es möglich, dass von einer kleinen Ansiedlung in Latium ein solches Weltreich entstand und über tausend Jahre von dort aus regiert werden konnte?


Dieser Frage geht Mary Beard in ihrem hervorragenden Buch mit einer eindrucksvollen Detailfülle auf über 600 Seiten nach. Ihr Einstieg ist die von Cicero aufgedeckte Verschwörung Catilinas, an der Beard viel Römisch-Spezifisches in Recht, Politik und Rhetorik verdeutlicht. Danach verläuft das Buch in zwei simultanen Darstellungssträngen: Die römische Geschichte, wie sie uns pauschal meist einigermaßen vertraut ist und die römische Wirklichkeit in ihren vielen Facetten, ein für uns eher unbekanntes Terrain. Ohne weitschweifig zu werden, entfaltet die Autorin ein wahres römisches Kaleidoskop - sie präsentiert uns die Bedeutung des Geldes, den Status der Sklaven und der Frauen, die Arbeitswelt und das Verkehrswesen; sie führt uns in die Kneipenwelt des antiken Roms und gibt Einblick in die Gegensätze von Arm und Reich. Und indem sie das tut, erfahren wir auch viel über uns selbst. Denn spätestens seit der Renaissance haben sich “viele unserer Grundannahmen über Macht, Bürgerschaft, Verantwortung, politische Gewalt, Imperien, Luxus und Schönheit in der Auseinandersetzung mit den Römern und ihren Schriften herausgebildet.” (S. 573).

 

Stilistisch ist der Wechsel der Perspektive - die Abfolge der kaiserlichen Epochen einerseits und der Querschnitt der römischen Kultur und Gesellschaft andererseits - ein besonderer Vorzug des Buches. So wird die Lektüre nie langweilig, wozu auch die sehr gut ausgewählten und gelayouteten Illustrationen beitragen. Da macht es viel Freude, sich in diese römische Welt zu vertiefen, und es ist ein großes Verdienst von Beard, dass sie stets die Balance zwischen seriöser, faktenbezogener Information und “populärer” Darstellungsweise wahrt. In dieser Weise mit der politischen Makroebene der Macht und der Mikro-Ebene des römischen Alltags bekannt gemacht zu werden, verhilft dem Buch zu guter Attraktivität. Wenn wir es aus der Hand legen, sind wir motiviert, dem abschließende Resümee der Autorin zuzustimmen: “Wenn wir die Römer heroisieren, werden wir ihnen ebenso wenig gerecht, wie wenn wir sie dämonisieren. Aber wir erweisen uns einen Bärendienst, wenn wir sie nicht ernst nehmen.” (S. 574).

 


Mary Beard: SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms. S.Fischer Verlag. 2016. 651 Seiten. 28 Euro