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Suburra. Das schwarze Herz Roms

01.08.2017 - Nicole Willig

Italien und die Mafia. Zwei Begriffe, deren assoziative Verschränkung miteinander in der internationalen Öffentlichkeit als ewig andauernd, ja als chronisch gilt. Ein Land, das eine solch imposante Geschichtsträchtigkeit besitzt und dessen Hauptstadt die Wiege des Jahrhunderte währenden Römischen Reiches ist, auf die Mafia zu reduzieren, erscheint töricht. Filme wie Francis Ford Coppolas "Der Pate" (1972), Brian de Palmas "Scarface" (1983), Martin Scorseses "Goodfellas" (1990) sowie Serien wie David Chases "Die Sopranos" (1999-2007) haben maßgeblichen Anteil an der kognitiven Verflechtung der Mafia mit dem Land Italien und tragen dazu dabei, diese in der Öffentlichkeit zu zementieren.

Daneben gibt es einige jüngere italienische Produktionen wie Matteo Garrones "Gommorrha- Reise in das Reich der Camorra" (2008), Stefano Sollimas Fernsehserie "Romanzo Criminale" (2008-2010), der unter seiner Regie im Jahr 2014 angelaufenen Netflix-Serie "Gomorrha" oder Marco Tullio Giordanas Film "Lea" (2015), die zu der cineastischen und seriellen Perpetuierung der Mafia-Thematik beitragen.

So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die italienische Mafia würde als Kassenschlager missbraucht und künstlerisch ausgeschlachtet. Allerdings zeigt die fortwährende, sich wiederholende filmische Annäherung an das Sujet, besonders und vor allem in italienischen Produktionen, auch die Ernsthaftigkeit und die Relevanz des politischen und gesellschaftlichen Problems, welches die Mafia in Italien darstellt.

Ein Beispiel für diese cineastische Problematisierung ist "Suburra". Der auf dem gleichnamigen Thriller von Carlo Bonini und Giancarlo de Cataldo basierende Film erschien im Januar 2017 unter der Regie von Stefano Sollima in den deutschen Kinos und spielt während der sieben Tage vor dem Rücktritt Silvio Berlusconis im November 2011 in Rom.

Italien steht kurz vor dem Staatsbankrott und der Regierungspartei droht der Zerfall während der Papst seinen Rücktritt vorbereitet. Derweil leitet der Abgeordnete Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino) einen Beschluss in die Wege, nach dem im Hafengebiet des heruntergewirtschafteten römischen Vorortes Ostia ein zweites Las Vegas mit Casinos, Restaurants, Jachthafen und Einkaufsmeilen entstehen soll. Die Fäden im Hintergrund zieht allerdings der so genannte Samurai (Claudio Amendola), der als oberste römische Autorität geltende Mafioso. Ziel des vielversprechenden Bauprojektes ist es, einen Waffenstillstand zwischen den einzelnen in Rom agierenden Mafia- und Zigeunerbanden zu erwirken. Während sich Malgradi um den Parlamentsbeschluss kümmert, leisten Samurais Handlanger Überzeugungsarbeit bei den Besitzern der einzelnen Grundstücke in Ostia und drängen sie mit körperlicher Gewalt und Erpressung zum Verkauf. Finanziert wird das Projekt von der Bank des Vatikan, zu der Samurai eine enge Verbindung besitzt.

Der Auslöser für die sich rasant entfaltende Handlung ist der Tod einer minderjährigen Prostituierten, die mit Malgradi und der Prostituierten Sabrina (Giulia Elettra Gorietti) gemeinsam in einem Hotelzimmer Geschlechtsverkehr hatte, Crack rauchte und schließlich an den Folgen des exzessiven Drogenkonsums starb. Aus Angst um seine Karriere und vor einer möglichen Enthüllung seiner außerehelichen Ausschweifungen hetzt er aus dem Hotelzimmer und lässt Sabrina mit der Verantwortung alleine. Diese ruft einen Vertrauten an, mit dessen Hilfe sie den leblosen Körper des Mädchens in einem See ertränkt, um die Spuren zu verwischen. Sabrinas Komplize wittert nun die Chance, Malgradi zu erpressen. Der Abgeordnete jedoch beabsichtigt seinerseits, ihn in die Schranken zu weisen. Angeheuert wird dazu Nummer Acht (Alessandro Borghi), der Malgradis Erpresser nicht wie besprochen einschüchtert, sondern stattdessen umbringt. Rasch stellt sich heraus, dass Nummer Acht der Sohn einer einst mächtigen, aber nun verstorbenen Mafia-Authorität aus Ostia ist und unter Samurai an dem Bauprojekt beteiligt ist. Malgradis Erpresser hingegen ist Teil eines großen römischen Zigeuner-Clans, der nun auf Rache an Nummer Acht sinnt sowie einen erheblichen Anteil am Projekt einfordert. Somit entspinnt sich ein weites Netz an Machenschaften, wobei sich die unterschiedlichen Handlungsstränge um die einzelnen Figuren und die eigenmächtigen Intrigen der Nebencharaktere mit fortschreitender Filmdauer immer enger miteinander verflechten und letztendlich in einem fulminanten finalen Schlagabtausch münden.

Was den Film vergleichsweise besonders macht, ist die Tatsache, dass er sich nicht auf die Porträtierung eines bestimmten Milieus beschränkt, sondern durch die Einbindung von Figuren unterschiedlicher sozialer Herkunft einen Querschnitt durch die italienische Gesellschaft bietet. Die Botschaft ist dabei eindeutig: Gier nach Macht und Geld durchtränken das gesamte soziale Gefüge und durchweichen die Grenzen der Moral. Suburra, das zwielichtige Rotlichtviertel des alten Roms, in welches einst reiche Leute hinabstiegen, um sich zu vergnügen sowie politische Komplotte zu schmieden und welchem auch Julius Caesar entstammt, durchsetzt die gesamte Stadt, ist ort- und zeitlos geworden.

Zugleich ist der Film mit seinem Licht- und Schattenspiel und den grellen Neonlichtern Teil einer so genannten Neo-Noir-Ästhetik. Einer Ästhetik, die sich aus dem Phänomen des Film Noir der 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte. Der amerikanische Film Noir zeichnet sich durch seinen sozialkritischen Ton aus. Er gilt als Reaktion auf die Große Depression in den 30er Jahren, die wirtschaftlichen und psychologischen Folgen des zweiten Weltkriegs, den lauernden Kalten Krieg, der sich zu Beginn der 40er Jahre bereits abzuzeichnen drohte und die in rasantem Tempo voranschreitende Urbanisierung Amerikas. Dem Film Noir immanent ist die Stadt, die so genannte Megalopolis, die von Lasterhaftigkeit und Korruption regiert wird und welcher der aufrichtige Bürger schließlich verfällt. Die urbane Inszenierung der Stadt verortet der Film Noir in der englischen Schauerliteratur des 18. Jahrhunderts, innerhalb derer sie als Unterwelt, als eine Schattenwelt, als in sich geschlossener Kosmos, abgekapselt vom Rest der Welt, dargestellt wird.
Dabei reflektiert die Stadt als labyrinthähnliche Welt das Innenleben der einzelnen Bürger. Filme des Neo-Noir, wie Ridley Scotts "Blade Runner" (1982) oder Nicolas Winding Refns "Drive" (2011) greifen bestimmte sozialkritische Elemente auf. So auch "Suburra". Auch Rom wird als eine labyrinthähnliche, schattengleiche und unter einer Kuppel befindlichen Welt dargestellt, in der sich die Charaktere verlieren.

Mit Hinblick auf die jüngsten Ereignisse in Rom bezüglich der Korruptionsvorwürfe um die seit circa einem Jahr im Amt befindliche und der Fünf-Sterne-Bewegung angehörigen Bürgermeisterin Virginia Raggi gewinnt der Film erneut an brennender Aktualität. Amtsmissbrauchsvorwürfe, parteiinterne Fehden, Falschaussagen und angebliche Verbindungen ins neofaschistische Milieu trüben die Regierungszeit Raggis und die Reputation der Protestbewegung. Als junge Bürgermeisterin aus einer zerstrittenen Bewegung und ohne jegliche Regierungserfahrung hat sie es schwer, sich in der als unregierbar geltenden Stadt durchzusetzen. Eine Stadt, die durch Egoismus langfristig in den Ruin getrieben wurde und quasi bis zur Spitze des Pantheons im Treibsand aus Korruption und Vetternwirtschaft steckt und zu versinken droht.

Stefano Sollima, der mit seinen Arbeiten ein Schlaglicht auf eine der drastischen Problematiken der italienischen Gesellschaft zu werfen vermag, schafft mit "Suburra" ein Werk, das mit spannungsgeladenen Elementen auf den Ursprung der Verschränkung der mafiösen Strukturen und der Politik verweist: Das schwarze Herz Roms nämlich ist die menschliche Natur.


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