Rezension

The Great Convergence

01.06.2017 - Dr. Burkhard Luber

"I hope this book serves as a reminder that today's globalization does not resemble your parents' globalization. And tomorrow's globalization is very likely to be quite different from today's" (Richard Baldwin, Seite 301). An Büchern zum Thema der globalisierten digitalisierten Kultur und Wirtschaft herrscht kein Mangel. Die vorliegende Publikation des Direktors des Centre for Economic Policy Research in London hebt sich aus dieser Masse bemerkenswert hervor.

Richard Baldwin vertritt die These, dass mit der ersten Globalisierung im 19. Jahrhundert ein Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich in den westlichen Industriegesellschaften einherging, während die zweite Globalisierung, beginnend in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, die Chance eröffnet, dass die Gesellschaftspole wieder mehr konvergieren, ein Trend, den die dritte Globalisierung im weiteren Verlauf des 21. Jahrhundert noch verstärken wird.

Globalisierung entsteht für Baldwin dann, wenn es technologisch möglich wird, Güter, Ideen und Personen mobil zu machen. Im 19. Jahrhundert erodierte die bis dahin bestehende jahrhundertelange Dominanz der Zivilisationen in Asien und dem Nahen Osten. Bis zu dieser Zeit war die einzigen vorhanden Energieträger - Wind für die Segelschiffe und die Kraft der Pferde - nicht geeignet, Güter über größere Distanzen zu transportieren. Ab dann machten die Dampfkraft und eine Phase der internationalen Stabilität eine bis dahin ungeahnte Mobilität der Güter möglich. In der Gegenwart wiederum erleben wir die Mobilität von Wissen und Informationen, und für die Zukunft erwartet Baldwin die virtuelle Mobilität der Menschen im großen Maßstabe. Dabei entwickelten sich die Kosten für die Mobilität dieser drei Güter nicht in gleicher Weise. Zunächst fielen die Kosten für die Frachtschifffahrt, danach die Kosten für die Kommunikation (= die Mobilität von Ideen), die im Zeitalter des Internet gegen Null tendieren, während die Kosten für direkte face-to-face Interaktionen weiterhin noch beträchtlich hoch sind. Wenn in naher Zukunft die Kosten für die face-to-face Interaktion fallen werden - schon heute durch Arbeitsprozesse wie Telerobotics und Telepräsenz auch schon in Einzelbeispielen ansatzweise verwirklicht - wird sich nach Baldwins Perspektive die Arbeitswelt erneut radikal verändern und zwar mit einer klaren Konvergenz auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Wenn es technologisch möglich sein wird, dass Arbeiter in einem Land Dienstleistungen in einem entfernten Land durchzuführen, ohne dort physisch präsent zu sein, wird dies die nächste große Revolution in der Geschichte der Menschheit sein: Arbeitsleistungen sind dann nicht länger abhängig von der physischen Präsenz der Arbeitenden.

Baldwin zeichnet die Menschheits- und Wirtschaftsgeschichte komprimiert nach: Bis ins 19. Jahrhundert hinein bestand die Welt aus über den Globus verteilte Cluster, Städte und Dörfer, die wirtschaftlich mehr oder weniger autark agierten. Handel über längere Distanzen fehlte zwar nicht vollkommen, war aber sehr (kosten)aufwändig. Mit der Dampfkraft ändert sich diese Situation radikal. Die Kosten für den Gütertransport sanken enorm. Ähnlich revolutionär ist das Sinken der Kosten zum Transport von Ideen durch die digitale Kommunikation im Internet. Bis zu diesem Punkt des Buches kann man Baldwins Ausführungen als eine gute gestraffte Beschreibung der ersten beiden Globalisierungen lesen. Was die Publikation danach in besonderer Weise faszinierend, anregend und aufregend macht, ist ihr 5. Teil “Looking Ahead”. An den problemlosen Transfer von Gütern über weite Distanzen mit sinkenden Kosten haben wir uns längst gewöhnt, ohne noch besonders darüber nachzudenken. Dass wir Ideen mit Hilfe webbasierter Telekommunikation fast zum Nulltarif global versenden und empfangen können, ist uns seit der Einführung des Personalcomputers und des Internet genauso selbstverständlich geworden. Was auf uns zukommen wird, ist die dritte Globalisierung, “die virtuelle Präsenz-Revolution” wie Baldwin sie nennt, basierend auf hochqualitativer Audio- und Video-Hardware und Software, ein - um uns vertrautere Begriffe zu gebrauchen - “wirklich wirklich gutes Skype” (Baldwin). Auf dem gegenwärtigen technologischen Stand klafft immer noch eine nicht übersehbare Lücke zwischen Video-Chatting und realer face-to-face Präsenz von Menschen, weil die z.Zt. verfügbare Video-Qualität z.B. nuancierte, non-verbale emotionale Gesten nur limitiert wiedergeben kann. Erwartbar wird die Qualität von Video-Konferenzen aber steigen, so dass in Zukunft zwar sicherlich nicht alle internationalen Konferenzen im traditionellen Stil, das heißt physische Präsenz aller von weither angereisten Teilnehmer, obsolet sein werden, aber ihre Zahl sich drastisch verringern wird. Die Kombination von virtueller Präsenz-Technologie und von Menschen kontrollierter Roboter-Einsatz wird Technikern Wartungs- und Reparaturaufgaben ohne physische Anwesenheit vor Ort möglich machen. Baldwin erwartet von Telepräsenz und Telerobotics eine neue Qualität von Globalisierung, die auch den internationalen Arbeitsmarkt stark verändern was. Baldwin nennt dies die “Virtuelle Immigration”: Zum Beispiel werden Hotelzimmer in Oslo von Robotern geputzt, die von ArbeiterInnen in Manila bedient werden. Und sobald die technischen IT-Möglichkeiten bereits stehen werden, was nach jetziger Einschätzung in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein wird, wird auch “Tele-Denkpräsenz” zunehmen, bei der die physische Anwesenheit einer Person für die Erledigung von Arbeit an einem (weit) entfernten anderen Ort nicht mehr notwendig ist. Solches “virtuelle offshoring” eröffnet dann natürlich auf dem internationalen Arbeitsmarkt besonders für Personen in Afrika, Asien und Südamerika ungeahnte Chancen, als ArbeitnehmerInnen transnationale Arbeitsplätze einzunehmen. Genau hier kommt auch das im Titel des Buches (“The Great Convergence”) signalisierte Konzept von Baldwin zum Tragen: Lokale Standortvorteile für ArbeiterInnen in einem bestimmten Land (oft das eigene Heimatland) werden ihre Bedeutung verlieren, weil sich die Arbeitsbedingungen durch virtuelle Präsenz verändern. Die Zahl benötigter hochbezahlte Experten, die in teuren Hochhäusern in teuren Großstädten unterhalten werden müssen, wird sinken, weil intellektuellen Fähigkeiten nicht mehr zwingenderweise aus dem eigenen Land bzw. Nachbarland abgerufen werden müssen, sondern weltweit zur Verfügung stehen. Die nicht mehr benötigte Präsenz von Menschen, für eine Aufgabe auch physisch am Ort der Arbeit anwesend zu sein, sieht Baldwin als die nächste große Veränderung in der digitalisierten Globalisierung, die insbesondere ArbeiterInnen in den Peripherien, die bisher kaum an der bisherigen Globalisierung profitiert haben, nun zu ernst zu nehmenden internationalen KonkurrentInnen für die bislang privilegierten Werktätigen in den Zentren werden lässt. Schon heute werden Millionen von US-Steuererklärungen von Firmen mit Sitz in Indien gemacht und immer mehr Personal für Buchungssysteme oder Kundenbetreuung agiert mitnichten in dem Land, von dem aus der Kunde seine Anfrage richtet. Mit Baldwins Ausblick auf die positiven sozialen Konsequenzen der, in Baldwins Worten, dritten Phase der Globalisierung, deren Anzeichen wir jetzt schon wahrnehmen und die sich in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten immer weiter durchsetzen wird, endet das Buch.

Wie am Anfang der Rezension schon gesagt: An Büchern zum Thema Globalisierung und Digitalisierung fehlt es nicht. Oft sind sie (kultur)kritisch und mitunter werden sie von Intellektuellen verfasst, die - wie z.B. Oskar Negt - meinen, sie könnten über das digitale Zeitalter urteilen, ohne selber je in ihrem Leben an einem PC gesessen zu haben oder nehmen wie Willy Hochkeppel das Internet als wohlfeilen Aufhänger um ihre Arroganz gegen die neue digitale Kultur kund zu tun. Noch andere werden von unrealistischen Phantasien (”das Ende der Arbeit”) oder Ängsten (“die Jobkiller kommen) motiviert. Dieses Unverständnis Einzelner für die digitale Kultur ist komplementär zum Verhalten einiger Branchen, die entweder (Buchhandel) meinen, die digitale Konkurrenz einfach aussitzen zu können oder wie der stationäre Kleidungs- und Nahrungsmittelhandel vor dem Internet die Augen verschließen wollen.

Hier steuert Baldwin mit einer eindrucksvollen anderen Tonlage dagegen: Sehr konzise historisch argumentierend und mit überzeugendem empirischen Material für die Gegenwart und realistisch in die Zukunft extrapolierend zeigt er, wo die wirklichen Revolutionen in der jetzt beginnenden neuen Phase der digitalisierten Globalisierung stattfinden werden. Dass sie nicht auf Kosten der ArbeiterInnen stattfinden werden, also einfach Armut erzeugende “job killer” sind, sondern im Gegensatz zu diesem gängigen Vorurteil Millionen Menschen, denen bislang der Zugang zum internationalen Arbeitsmarkt verwehrt bleibt, über Telepräsenz und Telerobotics neue transnationale Arbeitsmöglichkeiten eröffnen, ist die nachdenkenswerte Botschaft dieses exzellenten Buches.

 

 

 

 

 

Richard Baldwin: The Great Convergence. Information Technology and the New Globalization. Harvard University Press. 2016. 329 Seiten. 24.99 Euro

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen