Rezension

The Great Leveler

01.02.2018 - Dr. Burkhard Luber

Liberté, Égalité, Fraternité (Motto der französischen Revolution 1789)/ All men are created equal (aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776)

 

Gleichheit ist eine uralte Sehnsucht der Menschheit. Oft gewünscht, nie richtig und vollständig erreicht. Walter Scheidel, Professor an der Stanford University, hinterfragt diesen Traum in dieser profunden sozialgeschichtlichen Abhandlung. Epoche um Epoche weist er nach, dass zum einen die Ungleichheit die Menschheitsgeschichte von ihrem Beginn bis zur heutigen Zeit wie ein immerwährender Schatten begleitet, zum anderen alle Bemühungen sie abzuschaffen immer mit Gewaltanwendung verknüpft waren.

Nur mit den, die Scheidel die vier apokalyptischen Reitern der Gleichheit nennt - Kriegsführung mit Massenheeren, Revolutionen, das Scheitern von Staaten und Seuchen-Katastrophen - entstanden begrenzte Zeiträume der Gleichheit (nach der Lektüre von Scheidels Buch sollte man vielleicht bescheidener sagen: der Angleichung). So ist Scheidels historischer Befund desillusionierend: Nur Katastrophen und kollektive Gewaltanwendung haben der Menschheit - kleine - Phasen der Gleichheit beschert. Ungleichheit löst sich nicht von selbst auf. Sie verringert sich in schlechten Zeiten der Kriege und der Gewalt, kehrt aber in Perioden des Friedens und der Stabilität wieder. Angesichts der stringenten Argumentation von Scheidel mit ihrem reichlichen empirischen Material bedeutet das eine pessimistische Perspektive für die Zukunft, auch wenn der Autor der Gegenwart eine geringere Gewaltintensität als in früheren Zeiten konstatiert. Dabei kann man dem Autor nicht vorwerfen, dass sein kritischer Blick auf menschlichen Gleichheitsbemühungen eine vorgefasste Meinung darstellt. Scheidel erliegt nicht der Versuchung, sich nur der Beispiele gewaltsamer Herstellung von Gleichheit wie den stalinistischen Terror in der Sowjetunion oder die Frühphase des chinesischen Kommunismus zu bedienen. Sein Hinweis auf die Zunahme von Gleichheit im Zuge von universeller Kriegsführung (Seite 220) oder ausgelöst durch das Scheitern funktionierender Staaten (Seite 257) zeigt wie umfassend der Blick des Autors ist. Ganz am Ende der Lektüre steht der Leser in zweifacher Weise desillusioniert da.

Scheidel zeigt mit bestechender Logik, dass Perioden der Gleichheit in der Geschichte nur nach einschneidenden Ereignissen der Gewalt entstanden sind, dass aber solche Ereignisse nach der Sicht Scheidels nicht am Horizont der Zukunft erscheinen. Beim letzten Punkt ist der Autor allerdings vielleicht doch zu vorschnell: Die Zeit der klassischen Revolutionen à la 1789 mag vorbei sein, aber die Demokratie 1.0, wie wir sie nach der attischen Zeit nun 2000 Jahre mehr oder weniger unreflektiert weiter tradieren, scheint heutzutage doch an einen Stillstand gekommen zu sein. Immer mehr Menschen ahnen: so kann es nicht weitergehen. - Ob wir uns nicht mehr vor großen Epidemien wie der Pest im Mittelalter fürchten müssen? Aids zeigt in eine andere Richtung, ein neuer verheerender Ausbruch von Ebola oder Schlimmerem ebenfalls. Auch die sog. “Failed States” unterschätzt Scheidel. Ein Blick nach Afrika und den Mittleren Osten lehrt uns Anderes. Dennoch ist “The Great Leveler” ein überaus lesenswertes Buch, dessen bestechende Argumentation durch eine große Stofffülle mit Illusionen zum Thema Gleichheit aufräumt. Scheidel geht überzeugend mittels empirischer Analyse gegen allzu großen Gleichheits-Idealismus vor. Das ist erhellend und erfrischend zugleich.



Walter Scheidel: The Great Leveler. Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century. Princeton University Press 2017. 504 Seiten. 30.57 Euro

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