Musiker im Interview

Tim Bendzko: "Wir Menschen überschätzen uns maßlos"

15.04.2017 - Cihan Köse

Mit seinem Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ machte er 2011 auf sich aufmerksam und verkaufte seitdem über eine Million Alben. Er gewann unter anderem den World Music Award als bester Deutscher Künstler. DAS MILIEU sprach mit Tim Bendzko über die Fassaden der Popwelt, intuitives Texteschreiben und dass wir schon als Babys zum Konkurrieren erzogen werden.

DAS MILIEU: Du hast bis zur B-Jugend (Altersgrenze 15-16 Jahre; Anm. d. Red.) beim 1. FC Union Berlin Fußball gespielt und aufgehört, weil plötzlich Leistung statt Spaß im Vordergrund stand und du dich lieber deiner neuen Leidenschaft, der Musik, widmen wolltest. Beende bitte folgenden Satz, der sich auf deine Künstlerkarriere bezieht: „Mit der Musik würde ich genauso aufhören, wenn....“


Tim Bendzko: … ich das Gefühl hätte, den Reiz darin verloren zu haben. Da kommt einfach der genannte Sportler in mir wieder hoch, der einen Ansporn braucht. Egal, um welche Kunstform es sich handelt, entscheidend ist, sich nicht stumpf zu wiederholen. Zwei Dinge möchte ich jedoch gegenüberstellen: Das Musizieren und Lieder-Schreiben an sich werde ich wohl nie aufgeben, denn während andere zum Psychiater gehen, schreibe ich Texte. Es ist ein Ventil, was bei mir sehr gut funktioniert. Auf der anderen Seite kann es sein, dass ich auch mal eine längere Pause nehme und kein Album veröffentliche oder auch erstmal nicht auf die Bühne gehen möchte. Das eine ist für die Öffentlichkeit, das andere ist für mich.

 

DAS MILIEU: Lass uns auf die Art eingehen, wie du Texte schreibst. Was muss eine Situation mit sich bringen, damit du denkst: „Darüber muss ich ein Lied schreiben“?

 

Bendzko: Also 99% meiner Songs schreibe ich absolut unbewusst. Dabei weiß ich oft nur, um welches Thema es geht, habe aber keine Ahnung, warum ich das so schreiben möchte. Der Sinn eines Songs wird dann meistens ein halbes Jahr später gefunden und ich denke dann: „Krass, diesen Song hast du aus genau diesem Grund geschrieben“. Gestern habe ich jemandem einen unveröffentlichten Song vorgespielt, der sofort Tränen auslöste. Das war unfassbar, weil ich das Gefühl hatte, dass dieser Song genau dafür geschrieben wurde.

Auf der anderen Seite gibt es Songs wie "Immer noch Mensch". Bevor ich diesen Song geschrieben hatte, habe ich wochenlang Nachrichten gesehen und mir nur „Das kann doch alles nicht mehr wahr sein!“ gedacht. Mir geht es einfach auf den Sack, dass wir Menschen uns so maßlos überschätzen und nur nach Instinkt handeln. Und in genau in diesen Song sollte mein Gefühl der Ohnmacht und das Kopfschütteln reingepackt werden.

 

DAS MILIEU: Dein Lied "In dein Herz" hat mich damals durch eine Trennung gebracht und in Worte gefasst, was ich gefühlt habe. Kurz: Es hat mir extrem geholfen, mich zu orientieren. Inwiefern ist dir bewusst, was deine Musik teilweise beim Zuhörer auslösen kann bzw. wie deine Songs interpretiert werden?

 

Bendzko: Als Zuhörer hat man ja immer sehr viel Raum für Interpretationen. Für mich ist es in dem Sinne aussichtslos einen Song so schreiben zu wollen, dass alle Zuhörer ihn so verstehen, wie ich es gemeint hatte. "In dein Herz" handelt von Musik bzw. von dem Musik-Machen selbst. Du kannst es dir so vorstellen, dass es die personifizierte Musik ist, die zum Hörer spricht. Wenn man nun diesen Schlüssel oder „Code“ zu diesem Lied hat, dann trifft jede Zeile den Punkt.

Nehmen wir dazu auch noch den Song "Sag einfach Ja". Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie viele Anrufe und Mails ich tagtäglich bekomme. Entweder wird der Wunsch geäußert, dass ich diesen Song auf deren Hochzeit singe, oder sie berichten uns davon, dass dieser Song auf ihrer Hochzeit lief. Das Witzige daran ist, dass dieser Song eigentlich nichts mit dem Thema Heiraten zu tun hat.

 

DAS MILIEU: Stell dir vor, dein nächstes Album hat den Titel: "Der Junge, hinter den Kulissen". Was würden wir in diesem Album über dich erfahren?

 

Bendzko: (Lacht) Also es würde vieles von dem zu hören sein, was auch in dem aktuellen Album vorkommt (Immer noch Mensch; Anm. d. Red.). Vorher hatte ich noch ein Bild vor Augen, wie jemand, der Musik macht, in der Öffentlichkeit dargestellt werden müsse. Diese Gedanken haben sich in den letzten Jahren ein wenig gewandelt. Unter anderem habe ich komplett die Scheu verloren, Schwäche zu zeigen. Mir ist es mittlerweile vollkommen egal, ob Leute von mir Dinge wissen, die mich nicht in das allerbeste Licht rücken. Es wäre mir auch viel zu anstrengend, so zu tun, als wäre ich jemand vollkommen anderes. In der Popwelt ist es so, dass alle versuchen sich hinter irgendwelchen Fassaden zu verstecken. Bei mir dürfen die Leute gerne sehen, was bei mir so los ist, und darum habe ich es in den Songs auch offen gezeigt. Dennoch halte ich eine gewisse Distanz zwischen Künstler und Fans für sehr wichtig, da sonst sehr viel Reiz verloren geht.

 

DAS MILIEU: Was ist eine der wichtigsten Geschichten in deinem Leben, die dich zu dem gemacht hat, der du heute bist?

 

Bendzko: Ich kann da nicht die eine Geschichte nennen, die mich verändert hat. Viel eher habe ich irgendwann bemerkt, dass meine Gefühle durch Musik innerhalb einer Minute kippen können. Von guter Laune hin zum Trennungsschmerz, als auch anders herum – von Trennungsschmerz hin zur guten Laune.

 

DAS MILIEU: In den letzten Jahren habe ich bemerkt, dass meine 'Mission' auf dieser Erde ist, Kids zu motivieren. Sie sollen an sich glauben und sich nicht einreden lassen, dass sie nicht gut genug bzw. zu schlecht wären. Wie schaut es bei dir aus? Hast du deine 'Mission' auf diesem Planeten für dich gefunden?

 

Bendzko: Ich glaube nicht, dass ich solch eine Mission habe, bei der ich Menschen eine konkrete Sache mitgeben muss. Viel eher bin ich für die Erziehung durchs Vorleben. Meiner Meinung nach werden Ziele nicht schneller erreicht, wenn man nur durch die Welt läuft und diese laut nennt. Man muss bei sich selbst anfangen, Dinge zu ändern, da das viel überzeugender ist.

Was mich aber auch massiv beschäftigt, ist das, was du in deiner 'Mission' andeutest: Wir leben in einer Welt, in der es von Anfang an darum geht, sich zu vergleichen. Aus diesem Grund wollen wir immer besser sein als der andere. Noch bevor Kinder anfangen richtig sprechen zu können, findet der Vergleich mit anderen Kindern statt, und genau das schafft von da an Konkurrenz – was absoluter Unsinn ist! Bei mir zeigt sich dieses gesellschaftliche Denken dann immer so, dass ich mit der Frage konfrontiert werde, 'ob es durch die Vielzahl von so vielen deutschsprachigen Musikern nun viel schwieriger geworden sei. Und ich denke mir dann: 'Freunde, das ist Musik! Es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob es noch andere Künstler gibt!'. Das ist nicht wie bei einer Fußballmannschaft, dass ich nur Bayern- oder nur Dortmund-Fan sein kann. Bei Musik geht es doch nur darum, ob sie mir gefällt oder nicht. Musiker X oder Musiker Y sind doch nicht meine Konkurrenten!

 

DAS MILIEU: Woher haben wir dieses Verhalten?

 

Bendzko: Von unserem Wirtschaftsprinzip. Dort geht es nur darum, dass man sich immer weiter steigern und verbessern müsse. Wenn wir das deutsche Bruttoinlandsprodukt in den nächsten Jahren nicht steigern, würde das als 'schlecht' gelten. Ja, aber für wen soll das denn schlecht sein? Es wird nur deshalb als schlecht bewertet, weil das aktuelle System dann zusammenbrechen würde. Nur werden sich irgendwann die Dinge nicht mehr steigern lassen und dann platzt diese Blase. Ich bin gespannt, was wir dann machen werden.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank Tim Benzko!

 

 

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