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Ukraine on Fire - Kremls ideologischer Kreuzzug?

15.03.2017 - Nicole Willig

Pünktlich zum Maidan-Jubiläum veröffentlichte der als „Meister des politischen Kinos“ deklarierte US-amerikanische Regisseur Oliver Stone seinen Dokumentarfilm Ukraine on Fire auf Youtube. Noch am selben Tag wurde er über den landesweiten russischen Fernsehkanal RenTV ausgestrahlt. Stones Motiv war es offenbar, auf eine mögliche Verbindung zwischen den nationalistischen, rechtsradikalen Organisationen in der Ukraine, den Maidan-Protesten und der Einflussnahme des Westens, insbesondere der USA, aufmerksam zu machen. Doch die große mediale Aufmerksamkeit blieb aus.

Warum wurde Stones Film von den westlichen Mainstream-Medien weitgehend ignoriert und verschwand sofort in der medialen Versenkung? Wenn man im Internet nach dem Dokumentarfilm sucht, beißt man rasch auf Granit. Die englischsprachige Originalversion ist nirgends auffindbar. Auch nicht mehr auf Youtube. Selbst käuflich erworben werden kann sie nicht. Im Internet kursiert bisher lediglich eine russischsprachige Variante mit englischen Untertiteln, die man sich auf alternativen Medienplattformen anschauen kann. Keine größere amerikanische Tageszeitung veröffentlichte einen Artikel über Stones Dokumentarfilm. Es finden sich lediglich einige wenige kurze Artikel in kleineren Online-Zeitungen und Blogs.


Auch die deutsche Medienlandschaft geht mehr als zurückhaltend mit Stones Werk um. Noch bevor der Film überhaupt erschien, schrieb der ZEIT-Redakteur Jochen Bittner im Januar 2015 einen Verriss und bezeichnete ihn als "zeitgeschichtlichen Fantasyfilm". In seinem Artikel bemüht sich Bittner darum, Stones Versuch eines Gegenentwurfs zur westlichen Perspektive auf die politischen Ereignisse präventiv zunichte zu machen. So behauptet er etwa, dass der Regisseur dem "ideologischen Kreuzzug, den der Kreml führt", also quasi einer russischen Gehirnwäsche zum Opfer gefallen sei. Dem Leser drängt sich der Eindruck auf, Bittner versuche hier Stone eine gewisse pro-russische und somit "anti-westliche" Parteilichkeit anzulasten, um die Hinfälligkeit des dokumentarischen Charakters des Films zu beweisen und so seinen Wahrheitsanspruch zu negieren.


Woher will Bittner bereits Ende des Jahres 2015 von dem konkreten Inhalt eines Films gewusst haben, der erst ein ganzes Jahr später erscheinen sollte? Eine Möglichkeit wären gute Kontakte in die USA. Denn der durchaus als anti-amerikanisch wertbare Inhalt des Films könnte im Laufe des Produktionsprozesses zu gewissen politischen Figuren im Dunstkreis der US-amerikanischen Regierung durchgedrungen sein und ihnen ganz und gar missfallen haben.


Gleichwohl scheint es, als wolle man den Film prophylaktisch diffamieren, die Neugierde der westlichen Rezipienten eindämmen, und letztendlich der westlichen Öffentlichkeit die virtuelle Existenz des Films vorenthalten. Alternative Stimmen spekulieren, dass Stones Werk systematisch vertuscht und unter den Teppich gekehrt wird, indem sich die Journalisten der sogenannten Qualitätsmedien darüber ausschweigen.

Die Demokratie-Bringer

Einer der wenigen Redakteure, die für solcherlei Qualitätsmedien tätig sind und sich entgegen des allgemeinen medialen Konsens kritisch über die verhaltene öffentliche Reaktion auf Stones Dokumentarfilm äußern, ist John Pilger. Der The Guardian International Redakteur ist der Ansicht, dass jede gesellschaftliche Entität als "Feind des Westens" eingestuft wird, die außerhalb des westlichen politischen und wirtschaftlichen Einflussgebiets liegt und geopolitisch gesehen eine Schlüsselposition im globalen Machtkampf innehat. Oder ganz einfach einen Gegenentwurf zur US-amerikanischen Herrschaft bietet. Gleichzeitig verweist Pilger auf politische Figuren, denen solch ein Gegenentwurf im Ansatz zu gelingen schien, wie beispielsweise Mohammad Mossadegh, Jacobo Árbenz Guzmán oder Salvador Allende und die allesamt gewaltsam geputscht wurden. Auch der Dokumentarfilm positioniert sich kritisch zu diesen mit amerikanischer Hilfe geleisteten Putschversuchen.

Der US-amerikanische Investigativ Journalist Robert Parry, der sich seinerzeit daran versuchte, die illegalen Machenschaften innerhalb der Iran-Contra-Affäre zu beleuchten, macht im Rahmen des Dokumentarfilms darauf aufmerksam, dass sich die CIA unter dem Deckmantel global agierender nichtstaatlicher Organisationen gerne in die Politik anderer Länder einmischt. In den 1970er Jahren wurden allerdings einige CIA Operationen im Ausland aufgedeckt, die für große Empörung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft sorgten und die CIA verlor an Rückhalt und Einfluss. Unter Reagan wurde 1983 die National Endowment for Democracy gegründet, eine Organisation, die sich als Demokratie-Bringer versteht. Mit Hilfe dieser vermeintlichen nichtstaatlichen Organisation, deren Selbstverständnis leicht missionarische Züge im Kontext einer allgemeinen westlichen Überlegenheitsmentalität besitzt, bemüht sich die CIA als verlängerter Arm der Regierung, ihren internationalen politischen Einfluss zu wahren.

Stones Dokumentarfilm behauptet, dass die CIA Einfluss auf die Gründung dreier ukrainischer Fernsehkanäle nahm, deren Sendungen unmittelbar nach dem Beginn der Maidan-Proteste begannen und deren Nachrichtenberichterstattung im Sinne des allgemeinen westlichen Interesses erfolgte, also russophobe und regierungskritische Ressentiments streute. Die Dokumentation will bewiesen haben, dass einer dieser Kanäle, Hromadske.tv, sowohl von der niederländischen als auch von der amerikanischen Botschaft und der Renaissance Foundation, gegründet von dem US-Amerikanischen Multimilliardär und Spekulanten George Soros, Spenden erhielt.

Des Weiteren ist der brisante Telefonmitschnitt zwischen Victoria Nuland, der Assistant Secretary of State im Dienst des US-Amerikanischen Außenministers und dem US-Amerikanischen Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt, Thema des Films. In diesem vor einiger Zeit an die Öffentlichkeit geratenen Mitschnitt beraten sich Nuland und Pyatt über eine mögliche Vorgehensweise zum Sturz des damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch und über die Option, Arsenij Jazenjuk aufzubauen, flankiert von Oleh Tjahnybok, dem Parteivorsitzenden der Allukrainischen Vereinigung (Swoboda), und dem UDAR-Parteigründer Vitali Klitschko. Theoretisch und praktisch liefert das Gespräch einen Nachweis darüber, dass sich amerikanische Diplomaten über den Sturz einer demokratisch gewählten Regierung beraten, um diese mit Figuren zu ersetzen, die im politischen Sinne der US-Amerikanischen Regierung handeln und sich für ein wirtschaftliches Abkommen mit der EU und somit für eine wirtschaftliche und politische Distanzierung von Russland aussprechen. Das Telefongespräch fungiert als weiterer Teil von Stones Narrative des Zweifels an der politischen Aufrichtigkeit der westlichen Regierungen.

Die Politik des Einkreisens

Ein zusätzlicher Baustein dieser Narrative ist der Streit um die Krim Halbinsel, um das angeblich gefälschte Wahlergebnis des Referendums über den Status der Krim und die Auseinandersetzung mit der von westlichen Medien oftmals als unrechtmäßig deklarierten Stationierung russischer Soldaten in Sewastopol, dem Heimathafen und Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte.

Der Streit um die Krim, der den Höhepunkt des Dokumentarfilms bildet, ist historisch betrachtet ein sehr weitschweifiges Thema. Es ist ein rhetorischer Drahtseilakt, wenn man versucht, die politischen Verhältnisse in der Konfliktregion aufzuschlüsseln. Interessant ist im Kontext dieses Artikels der strategische, sprich geopolitische Nutzen der Krim für die Zwecke der USA beziehungsweise der NATO, die eine "Politik des Einkreisens" bezüglich Russland verfolgt. Offiziell heißt es vonseiten der NATO sie pflege eine "Politik der offenen Tür" gegenüber den osteuropäischen Staaten. Auch Georgiens Mitgliedschaft in der NATO ist seit Jahren Thema und wird von Russland als Bedrohung interpretiert.

2016 wurde die US-amerikanisch-georgische Militärübung "Noble Partner 2016" mit Beteiligung britischer Soldaten nahe der Grenze zum de facto unabhängigen und pro-russischen Südossetien durchgeführt. Im selben Jahr vollzog die NATO an der polnisch-weißrussischen Grenze eine Übung mit 25 000 Soldaten aus 22 NATO-Staaten. Angeblich sei diese Übung eine Antwort auf die im Jahr zuvor durchgeführte russische Angriffsübung mit 95 000 Soldaten nahe der Grenze zu den östlichen NATO-Mitgliedstaaten zu verstehen, berichtet der ZEIT-Redakteur Jochen Bittner in einem Artikel datiert vom Juli 2016. Das so genannte "Centre 2015" Manöver, auf welches Bezug genommen wird, wurde von russischer Seite laut eines Artikel des Polish Institute of International Affairs hauptsächlich als Intervention innerhalb eines fiktiven zentralasiatischen internationalen Konflikts deklariert.

Zwei Jahre zuvor, im Herbst 2013, fand bereits die Militärübung "Zapad 2013" auf dem Gebiet der Exklave Kaliningrad mit circa 70 000 russischen und weißrussischen Soldaten statt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb im September 2014, Putin habe die Invasion in der Ukraine bereits seit und mit diesem Manöver geplant. Über die diffusen Absichten der einzelnen Beteiligten in diesem politischen Machtspiel lässt sich streiten und spekulieren. Zudem sind dies lediglich einige wenige Beispiele für das Säbelrasseln der NATO und der Russischen Föderation. Fakt ist, dass insgesamt alles auf einen zweiten Kalten Krieg hindeutet, auf den auch Ukraine on Fire hinweist.

Stones Film versucht einen Beweis dafür zu liefern, dass der Westen mit zweierlei Maß misst und ständig im Begriff ist, Regeln und Gesetze zu seinem Vorteil zu verändern oder sie zu brechen, falls sie sich für seine Zwecke hinderlich erweisen. Auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Stone in seinem Werk eine verklärende Position in Bezug auf die Sowjetunion sowie Russland und deren vermeintlich friedlichem und defensivem Charakter einnimmt- an dieser Stelle sei an den Großen Terror (1937-1938) erinnert-, sollte die Dokumentation als Appell verstanden werden, kritisch zu denken, in dem Bewusstsein, dass eine Medaille immer zwei Seiten hat.

Ukraine on Fire (Russisch)

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