Eine Frage des MILIEUs

"War früher alles besser?"

15.08.2016 - Prof. Ulrich Reinhardt

„Früher war alles besser“ – dieser verklärten Sichtweise auf die Vergangenheit stimmt fast jeder vierte Bundesbürger zu. Vor allem Familien und Geringverdiener glorifizieren überdurchschnittlich oft das Gestern. Aber war früher wirklich alles besser?

Fakt ist: Es ist ganz gleich welche Periode in der Geschichte als Referenz gewählt wird, zu keiner Zeit war die Lebenserwartung höher und die Kindersterblichkeit geringer. Die medizinische Versorgung war niemals besser, die Bildung nie umfassender und die Kommunikation nie unmittelbarer oder einfacher. Auch die Emanzipation der Frau ist heute weiter denn je, ebenso wie die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Paaren. Meinungsfreiheit ist zum allgemeinen Standard geworden und unser Lebensstandard sowie das frei verfügbare Einkommen haben sich deutlich erhöht. Gleichzeitig hat sich die Arbeitszeit verringert und die Anzahl an Urlaubstagen ist gestiegen. Nicht zu vergessen, dass jeder unter 60-Jährige Frieden, Freiheit und Wohlstand als Dauerzustand kennengelernt hat.

Übrigens, auch global gesehen war früher nicht alles besser: Noch zu Beginn der 50er Jahre waren alle westlichen Industrienationen – nach heutigen Bewertungen –  Entwicklungsländer. Die weltweite Armut ist in den vergangenen Jahrzehnten stärker zurückgegangen als in den fünf Jahrhunderten davor, es gibt immer weniger Analphabeten und auch die Zahl der Kriegsopfer ist deutlich niedriger – trotz Syrien und Afghanistan.

Weshalb trauern dennoch so viele Bürger der Vergangenheit nach? Ein häufiges Argument ist das liebe Geld, denn früher war – angeblich – alles billiger. In der Tat kostete beispielsweise ein VW Käfer in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts nur rund 4.400 DM. Aus heutiger Sicht also ein echtes Schnäppchen. Dabei vergessen wird aber, dass der Bruttolohn eines Facharbeiters etwa 75 Mark pro Woche betrug –  und dass bei einer 6-Tage Woche mit 48 Arbeitsstunden. Der Facharbeiter musste demnach 13 Monate sein Bruttogehalt sparen, um sich einen neuen VW kaufen zu können. Aktuell verdient ein Facharbeiter etwa 740€ die Woche und ein neuer VW Golf 7 kostet 15.975 Euro – heute müsste er also nur knapp sechs Monatsgehälter zur Seite legen.

Als ein weiterer Grund wird auch die hohe Scheidungsrate genannt. Ja, es gibt heute mehr Trennungen. Aber bis vor wenigen Jahrzehnten hatten Frauen auch schlichtweg nicht die Möglichkeit sich scheiden zulassen, waren sie doch – nicht nur finanziell – abhängig von ihrem Mann.

Und dann ist da noch das Argument der ungebildeten Jugend, die angeblich weder richtig schreiben noch Kopfrechnen kann. Nun, dafür lernen Schüler aber auch  Fremdsprachen, Wirtschaft und Informatik, können diskutieren und präsentieren. Und schafften 1960 lediglich sechs Prozent alle Schüler ihr Abitur, erreicht heute über die Hälfte die Hochschulreife – die Mehrheit davon ist übrigens weiblich.

Was sich zweifellos verändert hat sind die Möglichkeiten unser Geld und auch unsere Zeit zu verbrauchen. Unsere Großeltern kannten kein Sushi und wahrscheinlich auch die Hälfte der heutigen Obst- und Gemüsesorten nicht. Es gab kein Internet und kein Kabelfernsehen, stattdessen drei Fernsehprogramme mit Nationalhymne um Mitternacht und anschließend ein Testbild bis zum nächsten Morgen. Das Einkommen wurde eher in den Versorgungs- statt in den Erlebniskonsum  investiert und die Freizeit nicht in einem zwei-Stunden-Rhythmus von Verabredungen, Sport, Fernsehen, Kino- oder Theaterbesuch verbracht.

Es kann also festgehalten: Früher war nicht alles besser, es war schlichtweg anders.
Wir sollten daher anfangen optimistisch auf das Morgen zu schauen. Das Leben in Zukunft wird besser sein als in der Vergangenheit, denn wir werden uns weiter entwickeln, noch mehr Möglichkeiten haben und Lösungen für Probleme und Herausforderungen finden. Aber das haben ja ohnehin schon drei von vier Bundesbürger erkannt.

P.S.: Der amerikanische Schriftsteller Patrick Jake O'Rourke brauchte übrigens nur ein Wort, um deutlich zu machen, dass früher nichts besser war: Zahnärzte.

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