Eine Frage des MILIEUs

"Warum finden wir etwas schön?"

01.04.2017 - Prof. Nora Ruck

„Warum finden wir etwas schön?“, fragt mich die Redakteurin. Sie fragt jemanden, dem gerade letztens in der Psychotherapieausbildung nahegelegt wurde, immer mit einer Gegenfrage zu reagieren. Ich könnte also fragen: „Wie kommen Sie auf diese Frage?“

Ich könnte auch fragen: „Wie kommt überhaupt irgend jemand zu der Frage, warum wir etwas schön finden?“ Nennen wir diesen Jemand Charles Darwin und fragen wir uns exemplarisch, wie dieser so bekannte Naturforscher dazu gekommen ist, sich für (körperliche) Schönheit zu interessieren. Darwin, so erzählt man sich, begann über Schönheit zu forschen, als er sich nicht erklären konnte, warum sich Pfauenmännchen ein so aufwändiges – vielleicht schönes – Federkleid leisten, obwohl  dieses nicht nur ihre Sichtbarkeit für Feinde erhöht, sondern auch noch unpraktisch und ziemlich schwer ist. Im Rahmen von Darwins Theorie der natürlichen Selektion ließ sich dieses Phänomen nicht erläutern und so kam Darwin dazu, über die sexuelle Selektion nachzudenken: Pfauenweibchen gefallen die langen bunten Federn und da das Pfauenmännchen Weibchen für sich gewinnen  muss, um sich fortzupflanzen, hat sich über viele Pfauengenerationen hinweg bei den Männchen der optische Putz herausgebildet. Unter Darwins Zeitgenossen war diese Theorie nicht beliebt, da sie Tierweibchen mit einer entscheidenden Macht über den Lauf der Evolution ausstattete. Letzlich war Darwin der Auffassung, dass in jeder Spezies das jeweils wählende Geschlecht (zumeist sind das die Weibchen) quasi launenhaft darüber bestimmt, was es schön findet und welche Merkmale daher bei den Männchen verstärkt zum Zug kommen. 

Diese Erzählung bietet nun keine Antwort darauf, warum wir etwas schön finden; Darwin beließ es zu weiten Teilen dabei, den Schönheitssinn einer Spezies mit dem jeweiligen Geschmack des wählendes Geschlechts gleichzusetzen. Es findet sich aber ein Hinweis darauf, wie Darwin dazu gekommen ist, sich für Schönheit zu interessieren: Weil er, wie es sich für einen Wissenschaftler gehört, dabei war, wichtige wissenschaftliche Probleme zu lösen und mit seiner bisherigen Theorie nicht weiterkam. 

Was diese landläufige Erzählung außer Acht lässt, ist, dass Darwin in einer Zeit lebte, in der sich auch seine Zeitgenoss_innen immer mehr für das körperliche Äußere interessierten. Seine arbeitsreichste Zeit (zwischen Ende der 1830er und Anfang der 1840er Jahre) brachte Darwin in London zu, das damals zu einem Zentrum sowohl der Industrialisierung als auch der Urbanisierung geworden war. In einer wunderbaren Studie hat Sharrona Pearl herausgearbeitet, wie die durch dieses rapide Bevölkerungswachstum veränderten sozialen Beziehungen die Bedeutung des nach außen sichtbaren Körpers maßgeblich erhöht haben: Im Gegensatz zu einer dörflichen Umgebung kennen sich in einer anonymen Großstadt die Menschen nicht ohne weiteres untereinander und durch das Wachstum der Städte entstand eine neue Notwendigkeit, Mitbürger_innen auf den ersten Blick einzuschätzen. Vor allem das aufsteigende Bürgertum nutzte dabei die Ende des 18. Jahrhunderts entstandene ‚Physiognomik‘ (die Lehre von den Zeichen des Körpers), um vom körperlichen Äußeren auf das Innere anderer Menschen zu schließen und vor allem unerwünschte Randgruppen fernzuhalten. Pearl hat herausgearbeitet, durch wie viele Lebensbereiche sich damals ein beinahe frenetisches Interesse für Physiognomik zog: in alltäglichen Begegnungen auf der Straße, im Theater, in der Malerei, in der Kriminologie und in anderen Bereichen der Wissenschaft. 

Zugleich wurden, ebenfalls zunächst im Bürgertum, Frauen zum „schönen Geschlecht“. Wie wenig selbstverständlich die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Schönheit ist, hat Winfried Menninghaus gezeigt, indem er vor allem auf die antike Faszination mit männlicher Schönheit verwiesen hat. Im Bürgertum entstand jedoch im 19. Jahrhundert jene Form der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, die wir heute als ‚traditionelle‘ Arbeitsteilung verstehen, in der – in heterosexuellen Paarbeziehungen – der Mann das Geld verdient und die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert. Was wir uns heute nicht mehr so ohne weiteres vorstellen können, ist die Repräsentationsfunktion, die ebenso zur Rolle der bürgerlichen Ehefrau gehörte. Repräsentieren, Mode und Schönheit wurden zur Frauensache, während sich, wie Barbara Vinken beklagt hat, die Mode der bürgerlichen Männer auf einen relativ uniformen Anzug reduzierte. 

Während ich dabei bin, darzulegen, dass mich die Frage, warum wir etwas schön finden, nicht interessiert, bespielt mein Lebensgefährte neben mir sein eben erworbenes Stylophon, ein Miniatur-Keyboard, das klingt wie eine Mischung aus Tetris und Supermario. Es klingt nicht schön. Denn schön, so erfahre ich am nächsten Tag von meinem Kollegen, ist nur Mozart.

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