Eine Frage des MILIEUs

"Warum hat Trump Erfolg?"

15.11.2016 - Moritz Piehler

Es passt selbstverständlich gut in unser europäisches Narrativ, den Erfolg Donald Trumps als „typisch amerikanisch“ abzustempeln und den Triumph eines großmäuligen Businessmogul als reines Produkt eines immer mehr auf Show angelegten Politzirkus zu betrachten. Aber das würde zu kurz fassen und verkennen, welche Bedrohung durch den politischen Kulturwechsel, der mit Trumps Aufstieg einherging, entstanden ist.

Außerdem sollten wir Europäer uns gut auf dem eigenen Kontinent umgucken, bevor wir die US-Amerikaner für ihr leichtfertiges Bejubeln eines Rattenfängers belächeln. Auch hier hat der politische Populismus mit wehenden Flaggen wieder Einzug gehalten, Ungarn, Frankreich, Türkei und hierzulande die AfD: Überall bestimmen laute Töne und haltlose Parolen den Diskurs und verändern das politische Klima nachhaltig. Donald Trump allerdings mischt das Feld der Populisten mit seiner unverblümten Demagogie unnachahmlich auf. Nachdem man dachte, schlimmer als der clowneske Marionettenpräsident George W. Bush könne es in den USA nicht mehr kommen, kam Trump.

Und Medien und Experten begingen lange, zu lange, den Fehler, Trump als weiteres Showelement zu betrachten. Nachdem dann deutlich wurde, dass der Showmaster sich nicht mit einer unterhaltsamen Nebenrolle würde abspeisen lassen, dauerte es noch mal eine ganze Weile, bis sich das liberale Amerika (und ein ganzer Teil gemäßigter Republikaner) vom Schreck erholt hatten und zum Gegenangriff übergingen. Nur ist ihre größte Hoffnung nach wie vor nur die, dass Trump den Bogen irgendwann überspannt und sich selbst zu Fall bringt.

„Endlich sagt es mal einer“



Das schwierige Konstrukt der „Lügenpresse“, in den USA auf „liberal“ oder sogar „mainstream media“ ausgeweitet, ermöglicht es kaum, den Populismus  mit Fakten oder Argumenten zu entkräften. Wer ohnehin glaubt, dass in den Medien nur gelogen wird, der wird sich auch von Fakten nicht beeindrucken lassen. Es ist ein Manko dieser global-medialisierten Welt, die eine nie dagewesene und wünschenswerte Meinungsvielfalt hat entstehen lassen und gleichzeitig die herkömmlichen Formen von Journalismus gehörig in die Defensive gedrängt hat. Als Trump im vergangenen Sommer die Rolltreppe seines nach ihm benannten Towers herunterkam, um seine Präsidentschaft zu verkünden, rieben sich die Journalisten die Hände, das zu erwartende Spektakel freudig in Kauf nehmend. Die Freude dürfte den meisten, selbst den konservativen Medien, inzwischen vergangen sein. Einen Konkurrenten nach dem anderen schaltete Trump aus, den erfolgreichen Jeb Bush, den smarten Marco Rubio, keiner konnte seinen brachialen Durchmarsch an die Parteispitze stoppen. Das faszinierende dabei ist, dass kein Faux-Pas, kein verbaler Ausrutscher, keine deutlich entlarvte Lüge dem Kandidaten zu schaden schien. Dabei ist ja deutlich nachzulesen, wie schnell der Kandidat seine Meinung komplett änderte und in welche abstrusen Ideen er sich hineinsteigerte. Das ist ein Novum in der amerikanischen Politik, die sonst penibel darauf achtet, dem Gegner so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Normalerweise hätte sich ein Kandidat, der dermaßen ungebremst mit Beleidigungen und Anschuldigungen um sich wirft, zu Gewalt aufruft, dubiose Russland-Verbindungen pflegt und keinerlei umsetzbare Konzepte vorlegt, sich längst selbst demontieren müssen. Für Trump gilt das alles nicht, er scheint nahezu machen zu können, was er will, ohne Stimmen zu verlieren.

Denn gerade diese Verweigerung aller Konventionen macht einen großen Teil seiner Anziehungskraft aus, ähnlich, wie sie auf demokratischer Seite Bernie Sanders lange getragen hat. Die Hardliner bejubeln Trumps direkte Art, die sie als Ehrlichkeit interpretieren. Es ist diese „Endlich sagt es mal einer“-Mentalität, die einem ganzen Bevölkerungsanteil als Stimme der Entrechteten und Abgehängten in den Ohren klingt. Der Inhalt oder sein Wahrheitsgehalt sind dann nicht mehr entscheidend. Die subjektiven Unsicherheiten - Ängste vor Terrorismus, Freiheitsbeschneidung und sozialem Abstieg - sind die Klaviatur, die Trump wie kaum ein anderer hemmungslos rauf und runter zu spielen versteht. Das kommt an bei den Rechten, den „Hillbillies“ und „Rednecks“, die auffällig werden bei seinen Veranstaltungen und offen rassistische Parolen brüllen. Aber die machen nur einen Anteil seiner Anhänger aus, weit größer muss nach den Umfragen der Prozentsatz der heimlichen Trump-Wähler sein, die in der Anonymität der Wahlkabine ihrem Unmut über ein scheinbar korruptes und abgehobenes Politsystem Luft machen. Ein Resultat aus einer jahrzehntelangen engen Verknüpfung von Wirtschaft und Politik, wie sie auch Hillary Clinton für viele repräsentiert, aber auch aus einer generellen Müdigkeit mit einer unüberschaubareren Weltlage und komplexen politischen Vorgängen, die für die breite Öffentlichkeit kaum mehr nachvollziehbar sind. Trumps Erfolg hat viel zu tun mit dem Gefühl vieler Wähler, „denen da oben“ mal eins auswischen zu wollen, egal zu welchem Preis.  

Dazu kommt eine langanhaltende Entwicklung, die sich in vergangenen Wahlkämpfen und der Abwendung von einem zivilisierten politischen Diskurs manifestiert hat. Was sich bei Barack Obamas Erstwahl bereits andeutete, hat sich mittlerweile zu Ausmaßen aus Civil-War-Zeiten verfestigt: Die USA sind ein tief gespaltenes Land. Als ich im Herbst 2008 für drei Monate für mein journalistisches Rechercheprojekt quer durch die USA reiste, war diese Spaltung schon deutlich zu spüren. So hatte ich es Ende der 90er Jahre als Austauschschüler nicht erlebt und auch nicht während meiner Reisen in den 2000ern. Es schien mir fast, als existierten zwei parallele Amerikas, die einander nichts zu sagen hatten und sich mit verhärteten Fronten gegenüber standen. Es ist ein fast philosophischer Grundsatzkonflikt erwachsen, der bis tief in die amerikanische Psyche führt. In den zwei Amtszeiten Obamas bestätigte sich das dann um so mehr, als die Republikaner eine Blockage-Politik sondergleichen betrieben, die bei Mehrheiten in House und später auch Senate eine Umsetzung von politischen Konzepten nahezu unmöglich machten. Das Ergebnis dieser wenig lösungsorientierten Strategie ist nun der Berg an Misstrauen, den sich etablierte Politiker und Medien hinaufkämpfen müssen und auf dessen Spitze momentan der unangefochtene König der Populisten selbstgefällig thront.

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