Eine Frage des MILIEUs

"Was heißt Alt-Sein im 21. Jahrhundert?"

01.09.2016 - Dr. Ayse Cicek

Eines ist klar: Das Alt-Sein hat sich fundamental verändert. Zum einen in der Art und Weise wie wir altern, was wir als alt empfinden und wie wir es demgemäß benennen, aber auch in Bezug auf den Anteil der Alten in Industriestaaten. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi A. Annan sprach nicht ohne Grund von einem Altersboom. Laut ihm "befinden wir uns mitten in einer stillen Revolution, die weit über Bevölkerungsstatistiken hinausgeht und weitreichende ökonomische, soziale, kulturelle, psychologische und geistige Auswirkungen mit sich bringt.“

Das „Alt-Sein“ im 21. Jahrhundert wirft viele Fragen auf: Darf man im 21. Jahrhundert überhaupt Alt-Sein oder sich dazu bekennen, zu den Alten zu gehören? Und wer ist überhaupt alt?

Zu den "Alten" zu gehören, ist nicht mehr so einfach. Lange Zeit wurde mit "alt" im Allgemeinen das Austreten aus der Erwerbstätigkeit verstanden. Wer das Rentenalter erreichte, war eindeutig alt. Heute ist es bereits eine Herausforderung die richtige Bezeichnung für die "Alten" zu finden. Gegenwärtig gibt es eine Reihe von Begriffen für sogenannte "alte Menschen". Man bezeichnet sie wahlweise als ältere Erwachsene, junge Alte, best ager, silver ager, Senioren, Oldies, Rüstige oder als alte und uralte Menschen. „Die Alten“ sind in dieser Form nicht mehr vorhanden, da „das Alter“ die große Zeitspanne vom 50. bis zum 120. Lebensjahr einschließt“, wie Preißinger konstatiert.

Die Altersfrage kennt viele Antwortmöglichkeiten. Der Grund liegt darin, dass das Altern nicht ausschließlich objektiv festzustellen ist. Vielmehr steht der subjektive Zustand und die Wahrnehmung der Einzelnen im Mittelpunkt der Betrachtung. Laut Jansen wird beispielsweise beim Alter zwischen körperlichen, physischen, sozialen und gesellschaftlichen Phänomen unterschieden. Endruweit und Tommsdorff definieren Alter als Resümee des Vergangenen, als eine Art komprimierte Lebenskunst, die sich bei einer kürzer werdenden Zukunft verlängert. In den Alterswissenschaften wird zwischen mehreren Altersbegriffen unterschieden.
 
Folgende Begriffe stellen dabei die wichtigsten dar: das kalendarische Alter, welches das Alter nach Jahren definiert,  das biologische Alter, welches für das Alter nach der Gesundheit und Krankheit des Menschen steht. Es wird als organischer Abbau und Verschleiß von Körperfunktionen aufgefasst. Das biologische Alter stellt die jeweiligen Entwicklungsstadien des Organismus zwischen Geburt und Tod dar. Zudem gibt es noch das psychische Alter, das nach der Anpassungsfähigkeit bestimmt wird. Es ist gekennzeichnet, inwiefern der Einzelne sich an veränderte Umstände adaptieren kann. Laut Kohli wird das psychische Alter im Kontext der Entwicklungsstadien des jeweiligen Personensystems gemessen. Zudem gibt es auch das soziologische Alter, welches im Hinblick auf das dynamische Rollenbild festgestellt werden kann. Es wird durch die Zugehörigkeit zu einer Schicht und zum Geschlecht charakterisiert. Das soziologische Alter wird durch die Annahme der Altersrolle geprägt.

Das Thema Alter und die Begriffe alt, das Altwerden und Alt-Sein sind in der heutigen Zeit in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht von sehr großer Bedeutung. So können wir nicht davon sprechen, dass alte Menschen sich prinzipiell gegen den gesellschaftlichen Fortschritt stellen. Sie nehmen Veränderungen nur sensibler wahr und leiden vor allem unter den negativen Symptomen der Moderne: die Hektik der Großstadt, Einsamkeit und Anonymität, der Drang, immer Up-to-Date sein zu müssen.  Das sind auch Probleme, mit denen junge Menschen zu kämpfen haben. Alte Menschen reagieren darauf nur stärker und sensibler, auch aufgrund der körperlichen Veränderungen im Alter. Ähnliches gilt für das Wahl- und Entscheidungsverhalten. Der Politikwissenschaftler Achim Goerres erklärt, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass Menschen, je älter sie werden, konservativer wählen. Es stimmt, dass jemand, der heute 70 ist und damit zur Adenauer-Generation gehört, mit einer 14 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit CDU oder CSU wählt als jemand, der 30 Jahre alt ist. Demnächst kommt jedoch die „Brandt-Generation“ ins Seniorenalter, und somit werden SPD und Grüne bei den älteren Wählern zugewinnen. Wichtig ist also nicht das Alter, sondern die  zuvor gelebte und gewonnene Zeit: die bisherige Lebenserfahrung und biographische Prägung. Ältere Menschen, so haben Untersuchungen im Konsum- und Entscheidungsverhalten ergeben, haben eine positivere Einstellung zu den von ihnen ausgesuchten und gekauften Produkten. Diese Einstellung hat einen positiven Effekt auf ihre Markentreue.

Es ist festzuhalten, dass die „Alten“ heute aufgrund eines gesünderen Lebensstils und stabileren Gesundheitszustandes eine erhöhte Lebensdauer besitzen. Die „Alten“ sind ein Großteil ihrer Lebenszeit gesund und somit verlängert sich Ihre „Lebensarbeitszeit“. Dies bringt gesellschaftliche Vorteile mit sich. Es bleiben dennoch die Fragen offen, wollen wir in dieser Weise „Alt-Sein“ oder haben wir eine echte Chance bewusst über das eigene „Alt-Sein“ zu entscheiden?

Die Altersbilder und das Altern haben sich im Laufe der Zeit stark geändert. Alte Menschen galten im Mittelalter und in der Frühmoderne als Vorbilder der Gelassenheit und Weisheit, die endlich frei von den Leidenschaften der Jugend geworden sind. Aufgrund ihrer Lebenserfahrung wurde ihnen eine höhere Entscheidungskompetenz zugesprochen. Nach Cicereo zeichnete sich der alte Mensch durch drei Eigenschaften aus: dignitas, gravitas, auctoritas, also durch Würde, einem maßvollen Ernst und ein ehrenvolles Ansehen. Alte Menschen galten nicht als senil. Für senil erklärt, wurden alle Menschen die undiszipliniert waren, egal wie alt sie sind. Mit stark zunehmendem Alter galten sie jedoch als gebrechlich  und die Phase des Altseins wurde als Stillstand oder ein Warten auf das Lebensende angesehen. Auch war es üblich alte Menschen als Greise zu bezeichnen. Später wurde das Älter-Werden bis ins 19.Jahrhundert hinein immer mehr mit ,,Altersschwäche" gleichgesetzt.   

Dabei stellen die alten Menschen heutzutage eine große Ressource für die Gesellschaft dar. Sie engagieren sich beispielsweise ehrenamtlich oder helfen bei der Betreuung von Enkelkindern. Durch stetes Lernen werden die geistigen und kognitiven Fähigkeiten trainiert. Auch sind sie generell sportlich aktiver als früher und nehmen immer häufiger an speziellen Weiterbildungsangeboten für Ältere teil. Ein weiterer Beleg für den Wandel des Altseins und der Altenbilder heutzutage verdeutlicht auch die Mitteilung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), wonach fast zwei Millionen Menschen über dem Alter von 60 Jahren aktive Mitglieder im DOSB sind – Tendenz steigend. Weil wir heutzutage immer älter werden, ist die längere Lebensdauer keine ,,Restzeit" mehr, die wir ertragen müssen, sondern ein großer Lebensabschnitt, der gerne langfristig geplant und positiv gestaltet wird. Auch werden alte Menschen heute kaum noch als Greise bezeichnet, sondern eher als Senioren oder Betagte und Hochbetagte.

Denoch wird 21. Jahrhundert wird einerseits alles dafür getan, jegliche Spuren des Alterns zu vertuschen bzw. zu beseitigen, um das eigene Alter nicht einschätzbar zumachen. Man möchte dadurch die eigene Attraktivität nicht verlieren oder gesellschaftliche Benachteiligungen vermeiden. Aber gleichzeitig wird suggeriert, dass das „Alt-Sein“ eine Ressource ist. Dies ist paradox, denn Altsein bedeutet nun mal älter oder nicht mehr jung auszusehen. Eventuell sollte auch ein Umdenken nicht nur in den Altersbildern stattfinden, sondern das Aussehen im Alter gesellschaftlich „modernisiert“ werden. In einigen Naturvölkern werden beispielsweise Altersfalten als Zeichen für Reichtum an Erfahrung und Weisheit angesehen. Vielleicht ist das der Weg, um eine gesellschaftlich Akzeptanz für das Alter und Altsein zu schaffen?

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