Familienpolitik

Was macht eine Tätigkeit zum Beruf?

15.08.2016 - Dr. Albert Wunsch

Diskussionen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind ein Dauerbrenner, auch wenn sie trotz vehementer Positionsverdeutlichung häufig recht wirkungslos bleiben. Dabei prallen nicht selten politische Programmatiken, Arbeitsmarktinteressen, finanzielle Implikationen, Konsumansprüche und lautstark eingebrachte Gender-Mainstream-Ideologien aufeinander.

Welche Wirkung die zu treffende Entscheidung auf die Erziehungs- und Bildungsqualität der Kinder hat, wird dabei entweder ausgeklammert oder viel zu wenig berücksichtigt. Parallel dazu findet - manchmal recht emotional - eine Auseinandersetzung darüber statt, wer denn von den Ehe- oder Lebenspartnern in welchem Umfang für das finanzielle Einkommen bzw. für das familiäre Auskommen zu sorgen hat: 

 

- Da gibt es die lautstark vertretene Richtung: ‚Raus aus dem Haus, nur eine  Berufstätigkeit gibt Zufriedenheit und Anerkennung‘. 

 

- Die stillere Variante lautet: Kinder brauchen eine über den Tag verteilte Beziehungszeit‚ Berufskarriere ist nicht alles, aber die Bedingungen für die Familientätigkeit sind massiv zu verbessern‘.  


Immer häufiger gipfelt die Kontroverse in der Entscheidung, meist zum Leidwesen der Kinder, dass Väter und Mütter - selbst schon von Säuglingen - ganztägig einem Job nachgehen. Dass Eltern zu oft von einem Einkommen nicht leben können, wirft auch die Frage auf, wie Familien durch eine bessere finanzielle Grundausstattung ermöglicht werden kann, angemessen leben zu können. Um aus dieser vertrackten Polarisierung herauszukommen, steht neben verbesserten Wiedereinstiegschancen nach Erziehungszeiten und familienfreundlicheren Rahmenbedingungen innerhalb des Erwerbslebens, auch eine neue Bewertung innerhäusiger und außerhäusiger Arbeit von Vätern und Müttern an.  

Zu Letzterem ist jedoch viel Denkakrobatik notwendig, denn es wurde bisher nicht geklärt und in politischen Diskussionen gezielt ausgeklammert, die Knobelfrage zu beantworten, durch was Arbeit zum Beruf wird:

- Putzen in einer Reinigungskolonne, Haushälterin in der Managervilla, im Hort Kinder erziehen, im Altenheim kranke Menschen pflegen: dies sind eindeutig Berufstätigkeiten.  


- Werden im eigenen Haushalt Zimmer gesäubert, schmackhafte Mahlzeiten aufgetischt, Kinder erzogen, die Großmutter gepflegt, auch eindeutig: keine Berufstätigkeit.  

 

- Werden von zuhause Versicherungen gemakelt oder Werbekonzepte für Firmen erstellt: klare Berufstätigkeit.   -Werden außer Haus Wohltätigkeitskonzerte oder täglich Lebensmittel-ausgaben für Nicht-Sesshafte und andere Bedürftige organisiert, klar: keine Berufstätigkeit.  

 

Die Fakten sprechen für sich, das Grübeln kann eingestellt werden, die Antwort ist eindeutig. Auch wenn häufig die ach so erfüllend dargestellte Berufstätigkeit im Gegensatz zur Hausarbeit unterstrichen wird: nicht die Aufgabenstellung bzw. Tätigkeitsart, sondern Gehaltsüberweisungen oder Honorar-Rechnungen entscheiden, ob man/frau berufstätig ist.  

Wer jedoch - wie der bekannte Bundespolitiker und Grünen-Chef Fritz Kuhn - die für das Familienleben zu erbringende Arbeit in die Kategorien: "einer verdient, einer putzt", aufteilt, um der sogenannten "Hausfrauen-Ehe" den Garaus zu machen, diskriminiert aufs Gröbste die für das Zusammenleben wichtigen Aufgaben zwischen Kindererziehung und Haushaltsführung und gehört schnellstens von der politischen Ebene hinweg geputzt.  

Dazu ein Zitat von ZEIT-Redakteurin Susanne Gaschke: „Familienpolitiker sollten aufhören, in etwas fahrlässiger Weise den Aberglauben zu propagieren, eine totale Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei sowohl mach- als auch wünschbar.“ Sie unterstreicht, dass Familie und Beruf sich fast gegenseitig ausschließen, da beide Sphären einen zu grundlegenden Anspruch für sich erheben. So ist es nicht verwunderlich, dass in einem ‚Generationen-Barometer’ verdeutlicht wurde, dass die elterliche Erziehung zwar hohen Anforderungen zu entsprechen habe, dass aber deren gesellschaftliche Anerkennung viel zu gering sei.

Aber bei den tonangebenden Politikern scheint für die Aufnahme dieser Fakten kein Hirnareal verfügbar zu sein. So forderte der Europäische Rat in Barcelona eine Intensivierung der Beschäftigungsstrategie, um das Ziel der „Gleichstellung der Geschlechter“ durch eine möglichs vollzeitige Erwerbtätigkeit der Frauen zu erreichen. Das „Barcelona-Ziel“ ist aber nur zu erreichen, wenn die „traditionellen, familiären Strukturen und Rollenmuster“ aufgelöst werden. Dazu muss der Mensch selbst geändert werden, und zwar mit der Methode des Gender Mainstreaming.  
 
Die Zielsetzung der Politik, dass durch politische Maßahmen die Beschäftigungsfähigkeit von Müttern an das Niveau ihrer kinderlosen Geschlechtsgenossinnen heranzuführen sei, ist im Zusammenhang der hier verdeutlichten Aspekte als kontraproduktiv zu bezeichnen. Wie kommen - sich demokratisch gebende - Politiker eigentlich zu einem solch diktatorischen Politikverständnis? Handeln sie nach der Devise: ‚In Freiheit gewählt ist eine gute Voraussetzung, um anschließend die eigene Ideologien, wie Menschen als Geschlechtswesen und als Familie zu leben haben, per Zwang umzusetzen’? ‚Oh, was soll eine solche Kritik’, werden viele Politiker brüskiert einbringen, - ‚wir wollen nur erweiterte Wahlmöglichkeiten schaffen. Und um beim dummen oder unentschlossenen Volk nicht zuviel Entscheidungsunsicherheit entstehen zu lassen, werden die von uns favorisierten Lebensmodelle halt mit kräftigen Subventionen oder Prämien attraktiv gemacht’.  

Nein, solche Denkansätze und Handlungsweise stehen nicht nur eindeutig im Widerspruch zu unserer Verfassung, sondern sind auch ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte. Um aus diesem staatlichen ‚Ich schreibe dir vor, wie du zu leben hast’-Dirigismus heraus zu kommen, ist stattdessen die durch Väter und Mütter zu erbringende Erziehungsleistung gezielt im Rahmen eines angemessenen Erziehungsgeldes bzw. -gehaltes mit entsprechenden Rentenansprüchen zu honorieren. Und schon hätten wir – zur Freude aller Statistiker – mit einem Schlag Millionen von Menschen ins Berufsleben integriert. Da müssten doch alle Politiker, welche sich seit Jahren für eine volle Berufstätigkeit der Frauen einsetzen, wahre Luftsprünge machen und auch die leidige Herdprämien-Diskussion hätte sich erübrigt.  

Die Familie ist die ‚Erneuerungszelle der Gesellschaft in biologischer, moralischer und kultureller Hinsicht‘, so der Wiener Sozialethiker Johannes Messner. (In: Das naturrechtliche Handbuch der Gesellschaftsethik, Staatsethik und Wirtschaftsethik, S. 578 – 580). Aber nicht ein äußerst sorgsamer Umgang mit diesem ‚Humankapital’ wird hier deutlich, sondern Politiker und Unternehmer betrachten die Familie in der Regel als unwirtschaftliches Abschreibegut, weil es nur koste und nichts bringe. Dieser folgenschwere Trugschluss offenbart ein beschränktes Verständnis von Produktionszusammenhängen.  

Würde berücksichtigt, dass Familien durch die Erziehung nachwachsende Produzenten und Konsumenten ‚schaffen‘, müsste in diesen Bereich genauso investiert werden, wie in die Entwicklungs- oder Personalabteilungen von Betrieben. Denn neben preiswerten Rohstoffen oder gut funktionierenden Maschinen kommt den Menschen als ‚Human-Ressource‘ die größte Bedeutung zu. Ob Produktion, Handel oder Dienstleistungen, die Existenz aller Unternehmen hängt von leistungsfähigen Menschen ab, einerseits als effektive Mitarbeiter und andererseits als zahlungsfähige Käufer.  

Daher bitten Familien nicht um Almosen, sondern sind als Basis der Zukunftsfähigkeit des jeweiligen Wirtschaftsstandortes so zu behandeln, wie im Geschäftsleben mit Kapitalgebern oder Ressourcen-Bereitstellern umgegangen wird: zuvorkommend, Talente fördernd und auf Nachhaltigkeit achtend. Kurz: Zukunftsorientierte Unternehmer und Politiker werden die Entwicklung der ‚Produktionsstätte Familien-GmbH‘ gut im Auge behalten und aus gesellschaftlichem Eigennutz optimal fördern wollen.  

In auffallendem Kontrast zur Bedeutung der Familie steht jedoch der im öffentlichen Handeln ablesbare niedrige Stellenwert in einer markt- und erwerbszentrierten Gesellschaft. ‚Diese vernachlässigt weithin sträflich die Belange von Familien und Haushalten und geht mit dem familialen Leistungs-Potential eher ausbeuterisch als stärkend um’, soweit Max Wingen in seinem Buch: Familienpolitische Denkanstöße. (S. 18, zitiert nach Frauenrat NW und Familienbund NW S.10). Setzt hier kein Kurswechsel ein, geraten noch mehr Kinder mitsamt ihren vielfältigen Bedürftigkeiten auf den Verschiebebahnhof zwischen Geburts-Elternhaus, Fremdbetreuung und Selbstüberlassung als Ausdruck der nonverbalen Kernaussage: ‚Du bist mir nicht so wichtig‘!

Aber ein Kinderlächeln lässt sich nicht in Gold aufwiegen und es gibt auch keine zweite Chance für originäre Beziehungszeiten mit dem eigenen Nachwuchs.


Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen