MILIEU-Mosaik

Was macht mir Angst?

15.04.2017 - 20 Menschen antworten

Prinzipiell bin ich kein so ängstlicher Mensch. Manchmal habe ich Angst vorm Versagen, zum Beispiel wenn etwas Wichtiges auf der Arbeit ansteht. Ich habe auch Angst davor, fett zu werden und nicht in Würde zu altern.

Ramona Bordeian, Personalvermittlerin (München)

 

Mir macht Angst, zu sein wie ich eigentlich nicht sein will. Mir macht Angst, alles zu dürfen und nichts zu machen. Am meisten Angst machen mir der Mensch und sein Egoismus.

Leila Antary, Sängerin "Elda-Band" (Frankfurt)

 

Meine Angst hat viele Gestalten. Manchmal stecken sie überwältigend groß in meinen Knochen, dann ist die Angst wieder winzig, stumm und kaum wahrzunehmen. Und manchmal begegnet sie mir als mein kindliches Ich. Abends, nachdem ich die Tür zu meinem Büro nach einem langen Arbeitstag abgeschlossen habe, gehe ich die drei Kilometer bis zu meiner Wohnung zu Fuß. Auf diesem Weg begleitet mich jemand besonderes. Ein junger Mann, nicht älter als vier Jahre, blondes gewelltes Haar, ein rundes knuffiges Gesicht, unter der Jeans-Latzhose ein kariertes Flanellhemd. „Hey, warte doch mal! Geh doch nicht so schnell. Ich komme ja gar nicht hinterher.“ Ich drehe mich um, laufe langsamer, warte bis der kleine meine Hand greift und achte darauf, mich an sein Tempo anzupassen. „Eric, wo warst du denn heute?“ fragt er dann. „Ich habe dich nämlich gesucht, ich war ganz allein und konnte dich gar nicht finden“, stellt er fest und hopst auf die Bordsteinkante. Ich passe mein Tempo an, mache eine Pause, warte auf ihn, passe auf ihn auf und spreche mit ihm. Der kleine Eric zeigt mir auf dem Heimweg, was ich brauche und bringt mich in Kontakt mit meinen eigenen Ängsten.

Eric Müller, Doktorand der Kommunikationswissenschaften (Erfurt)

 

Die aufgeheizte Stimmung auf der Welt macht mir Angst. Überall tragen viele schlimme Worte zu furchtbaren Taten bei. Die Menschen misstrauen einander, sehen eher Feind statt Freund. Die Empathien scheinen verschwunden und jeder rudert nur sich nach vorn, schaut nicht nach rechts oder links. Liebe, Toleranz, Akzeptanz und Respekt dürfen nicht verloren gehen.

Katrin Bothe, Rechtsanwaltsfachangestellte (Leipzig)

 

Ich fürchte mich vor der Angst. Ich möchte nicht aus der Straßenbahn aussteigen, weil ich jemanden verdächtige, ein Terrorist zu sein. Ich möchte keine Liebe beenden, weil ich Angst davor habe, dass sie scheitert. Ich möchte auf kein Straßenfest und kein Konzert verzichten, weil ich eine Bombe fürchte. Aber ich sorge mich, dass unsere Gesellschaft sich spaltet, dass wir nicht zusammenhalten, dass wir immer egoistischer werden und sich alles um uns selbst und unseren Konsum dreht. Sorgen sind berechtigt. Angst, glaube ich, NIE.

Isabel Reifenrath, Journalistin (Frankfurt)

 

Angst machen mir vor allem die Situationen, in denen ich im sozialen Rahmen ein gutes Auftreten an den Tag legen möchte. Dies können Bewerbungsgespräche, Präsentationen oder auch Meetings mit Personen sein, die eine gewisse Autorität ausstrahlen. Eine gewisse Angst habe ich wohl auch davor, Dinge zu verlieren, die mir sehr am Herzen liegen und damit meine ich vor allem Personen, die mir nahe stehen und liebgeworden sind. Neben diesen Gegebenheiten kommt wohl auch eine gewisse Angst davor, meine hoch gesteckten Ziele nicht zu erreichen und die Welt nur allzu marginal verändert zu haben, wenn ich eben von dieser scheide.

Phillip Kiehl, Student der Information Systems Management & Digital Innovation (London)

 

Am meisten macht mir Angst, wenn ich mich aufgrund bestimmter Umstände einsam fühlen sollte. Zum Beispiel wenn Freundschaften oder Partnerschaften enden sollten. Dann kann das Gefühl der Einsamkeit auf die Probe gestellt werden.

Franziska Schug, Sozialarbeiterin (Gießen)

 

Mir macht Angst, dass der "Menschheit" der Respekt gegenüber anderen Menschen, Tieren und der Natur immer mehr verloren geht und dass das Leben immer weniger "wert" ist.

Friedrich Münch, Referent für Marketing, Kommunikation und Medien (Straubing)

 

Bin ich in meinem Selbst festgefahren? Lasse ich mir keinen Raum für Veränderungen und Kritik? Wie schaffe ich es meine eigenen Fehler zu sehen, ohne mich darin zu verlieren?  Ich habe Angst, mich nicht weiterzuentwickeln. Ich will nicht irgendwann aufwachen und es bereuen nicht "mehr" für mich und die Gesellschaft getan zu haben.

Arne Berner, Schauspieler (Kiel)

 

Ich verspüre Angst, sobald mein Herz von starken Gefühlen der Sehnsucht, des Verlangens und der Hoffnung überwältigt wird. Wenn die Vergangenheit hin und wieder die Gegenwart einholt und die Zukunft sich mit der Vergangenheit vermengt. Wenn ein Klang, ein Duft oder ein Blick die Kraft offenbart, versunkenes Leid mit zerstörerischer Wucht wieder an die Gefühlsoberfläche zu transportieren. Ich habe Angst, dass das versiegelte Geheimnis des Herzens der Welt irgendwann kundgetan werden muss. Ich habe Angst mich in starken, reinen, seligen Gefühlen der Liebe zu verirren. Ich habe Angst vom Geliebten im Leben immer wieder Abschied nehmen zu müssen.

Tooba Qaiser, Studentin der Molekularbiologie (Mannheim)

 

Angst macht mir die Vorstellung, mein Leben von irrationalen oder übersteigerten Ängsten bestimmen zu lassen. Im hohen Alter zurückzublicken und erkennen zu müssen, was man alles nicht getan hat, weil man sich von unangemessenen Ängsten leiten ließ - ein Horrorszenario. Diese Angst sehe ich daher im Grunde als einen willkommenen Begleiter, um möglichst angstfrei durchs Leben zu gehen.

André Schuder, Sozialforscher (Wien)

 

Angst, oder eher gesagt Sorge, macht mir, dass ich womöglich meine Zukunft nicht in der Form gestalten kann, wie ich das gerne möchte. Zum einen könnten es Einschränkungen äußerlicher Art geben - eine unvorhergesehene Krankheit, ein Unfall: Etwas, das ich nicht beeinflussen kann. Zum anderen mache ich mir Gedanken über die berufliche Zukunft - ob ich nach dem Studium einen guten und passenden Job finden werde. Ob der eingeschlagene Weg überhaupt der richtige war und ist. Und ob die Arbeit dann Raum lässt oder sogar dazu beiträgt, ein zufriedenes, erfülltes Leben zu führen.

Marius Schro, Student der Quantitative Economics (Kiel)

 

Mir macht die Verteilung der Macht in Verbindung mit großer Verantwortungslosigkeit Angst. Ein paar Menschen haben so viel Geld wie die restliche halbe Welt. Eine Handvoll Konzerne bestimmen über die Qualität meiner Nahrung, den Umweltschutz und die finanzielle Unterstützung von Kriegen. Wenige Politiker entscheiden über Wohl und Verderb ganzer Gesellschaften. So viel Macht in den Händen weniger und keine moralisch Instanz außer ihrem eigenen Gewissen, vor der sie sich rechtfertigen müssen.

Alexander Hesse, Staatswissenschaftler (Erfurt)

 

Ich habe Angst. Angst davor, dass man unsere Ängste missbraucht. Angst zu haben ist okay. Doch Handlungsempfehlungen von jenen zu folgen, die uns zuvor Angst gemacht haben, dagegen nicht. Ich habe keine Angst vor der Angst, nein - Ich stelle mich ihr! Es ist leichter einen Menschen kennen zu lernen als eine Religion.

Dennis Sadik Kirschbaum, Bildungsreferent und angehender Politik- und Ethiklehrer (Berlin)

 

Wenn ich heute um mich blicke, mache ich mir Gedanken darüber, wie unsere zukünftige Gesellschaft aussehen könnte. Die Krisen und Konflikte, in denen sich unsere Welt heute befindet, machen mir Angst. Ständig frage ich mich, wie wird das wohl enden? Moralische Werte, Gerechtigkeit und die individuelle Freiheit des einzelnen sehe ich schwinden. Eine Gesellschaft ohne diese Dinge macht mir Angst.

A. Noor Ahmed, Studentin der Erziehungswissenschaften (Reinheim)

 

Mir macht Angst, dass die Wertung des Lebens beziffert wird und Schönheit nicht als solche erkannt wird, sondern von Lauten schrillen Getöses gekennzeichnet ist. Mir macht Angst, wenn eine gewisse Inhaltsleere mich verfolgt und auf allen Ebenen, den Edikten, Ordonnanzen, und Urteilssprüchen zum Trotz, appelliert wird, wenn, verblendeter Zorn mich und meine Art der Liebe und Hingabe wegen verschiebt, verletzt und verwahrt. Mir macht Angst, wenn sich, akzeptable Unarten vor lauter Schweigen, basierend auf meiner Feigheit, in dem allgegenwärtigen Gewohnheitsmuster äußern.  Mir macht Angst, dass ich außer schweigend materialisiert, Aschgrau, und wirbelnd um sich, pathetisch in die Geschichte eingehe und dennoch weit zurückbleibe, hinter den Denkern und Dichtern. Außerdem macht mir Angst,  dass ich mich immerzu Frage, ob mein Beitrag in meinem Leben genügt, meinem Gott lächelnd zu begegnen?

Hawa Öruc, Studentin der Physik und Kommunikationstechnik (Berlin)

 

Also ich bin ja noch Student und deshalb machen mir natürlich Deadlines, Fristen und Prüfungen Angst. Vor allem aber die dazugehörige Bürokratie. Ich hatte in den vergangenen Monaten oft das Gefühl, dass entsprechende Büros zwar einerseits eine fristgerechte Einreichung von Dokumenten fordern, andererseits alle Büros ab Donnerstag 14 Uhr nicht mehr besetzt sind. Außerdem habe ich Zukunftsängste. Ich habe Angst etwas verpasst zu haben, weil mein Studium sich dem Ende zuneigt und ich befürchte, dass ich mich nicht mehr so entfalten kann, wenn ich voll im Berufsleben bin. Ich habe oft auch Angst zu alt zu sein um neue Dinge anzufangen.

Georg Köhler, Lehramtstudent (Freiburg im Breisgau)

 

Die Fähigkeit des Menschen sich selbst ins Verderben reiten zu können, die Umwelt zu zerstören und Mitmenschen leiden zu lassen, dass wir in der Lage sind Kriege zu führen. Manchmal frage ich mich warum wir diese Fähigkeiten überhaupt besitzen, alleine die Tatsache, dass wir sie haben, finde ich beängstigend. Schlussendlich bleibt mir die Furcht vor dem Schöpfer und Respekt vor dem Menschen, denn Angst ist die Schattenseite der Liebe.

Waseem Radwan, Rapper "DSDNG" (München)

 

Angst ist ein Begriff, der für mich auf verschiedenen Ebenen zum Tragen kommt: Auf staatlicher Ebene im deutschen Grundgesetz in Artikel 1 kodifiziert, ist die Unantastbarkeit der Würde, die sich gleichermaßen auf die gesellschaftliche und persönliche Dimension bezieht. Auf gesellschaftlicher Ebene macht mir Angst, wenn ein Kollektiv - unabhängig von der nationalen Identität - das eigene Wohl zu steigern versucht und damit gleichzeitig der Würde eines Anderen schadet. Auf persönlicher Ebene macht mir Angst, wenn ich mein eigenes Glück nicht mehr selbst steuern kann, ohne dass mir jemand Drittes hierbei den Weg versperrt. Denn genau das ist für mich ein Antasten der eigenen Würde.

Sebastian Gerth, Doktorand der Kommunikationswissenschaften (Erfurt)

 

Ich habe viele konkrete Ängste, die ich benennen und mit denen ich demzufolge auch einigermaßen umzugehen weiß. Viel mehr Angst macht mir das unbestimmte Gefühl, dass die Gesellschaft das Bewusstsein zur Differenzierung verliert. Viele Diskussionen und Debatten scheinen mir momentan im Endeffekt auf einfache Ja-Nein-, Gut-Böse-, Ich-habe-recht-Du-liegst-falsch-Positionen heruntergebrochen zu sein, der grundlegende Gedanke, dass der Gesprächspartner auch eine relevante Meinung vertreten könnte, auch wenn man diese nicht teilt, mit der es sich aber zumindest auseinanderzusetzen lohnt, scheint zu verschwinden. Und wenn wir die Fähigkeit verlieren, Konflikte über Gespräche zu lösen, dann wird sich die Lösung andere Wege suchen. Und das macht mir wirklich Angst.

Bert Uschner, Lehrer (München)