Kurzgeschichte

Weit und breit nur Schafe am Start

15.07.2017 - Mohammed Hübsch

In letzter Zeit fällt mir das Schlafen schwer; lieg ich nachts da, Körper schlapp, Geist hellwach, am rattern und rattern und rattern, ehe ich mich frag: wann macht er endlich schlapp? Die Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung ist seit jeher sehr groß in mir; mein ganzes Leben lang strebte ich danach, wenn man ehrlich zu sich ist, aber die richtigen Wege, die ging ich ewig nicht; falsche Methodik, falscher Film, bis ich checkte, wer ich wirklich bin, wohin ich wirklich will; zu viele Tage vergingen im täglichen Chillen, schlechtes Gewissen ließ mich nicht schlafen, brachte mich um meine Sinne; lieg ich deshalb jetzt mit schwirrendem Kopf im Bett, während meine Frau friedlich-schlummernd in Träumen wandert?

Ich weiß es nicht. Alte Kamillen. Der Wille zur Besserung ist schon lange da, das geht nicht von heut auf morgen, Geduld ist gefragt, also widerrufe ich mir die Zeile, die mein Vater gern zum Fajr [A.d.R.: das islamische Morgengebet] sprach: Geduld kommt von Allah, Ungeduld vom Teufel; wenn sich einer seiner zahlreichen Kinder drüber beschwerte, dass die Herde zulange fürs Wudhu [A.d.R.: die rituelle Gebetswaschung] braucht; ja beten war keine Kleinigkeit bei uns zu Haus, dafür ging ziemlich viel Zeit für drauf; für Warterei und Hinterherrufen, das dauerte so seine Weile.

Ich war immer neidisch auf andere, die in ihrer Drei-Zimmerwohnung keine drei Minuten brauchten, bis alle vier Personen ready fürs Gebet waren; bei uns herrschten andere Zustände; das Haus war zu groß, zu viele Schlupflöcher, war der eine da, fehlte die andere, war die eine im Bad, ging der andere in sein Zimmer, zum Haare raufen für diejenigen, die soldatenlike stramm und bereit im Wohnzimmer saßen und auf die Bagage warteten. Eine Frechheit, eigentlich, aber wir waren Kinder, jung und dumm und obendrein zu viele und mein Vater war barmherzig und viel beschäftigt, als das er seine Energie dafür verschwenden würde, uns hinterherzujagen, was er oft genug ja trotzdem tat, gezwungenermaßen.

Wieso denk ich gerad daran, wollte ich nicht schlafen gehen?

Stattdessen in Erinnerungen schwelgen und vergessen, was die Task war, nämlich Augen schließen und davonschweben, wolkenlike, sehne ich mich nach der Ruhe, die ich nur im Schlaf erreich; etwas das mir am Tag komplett abgeht; bin ich rastlos am steppen und to dos erledigen, am abschwitzen und hektisch am fressen wie ein dummes kapitalistisches Schwein; stets um Optimierung bedacht, vielleicht reg ich mich deshalb so sehr drüber auf, dass ich nicht schlafen kann; jede Minute, die ich ungeplant wach bin, entspricht nicht meinem Zeitmanagement; 6 Stunden Schlaf, Minimum, wie soll ich denn morgen fit zur Arbeit, wenn ich weiterhin die Zeit verplempere mit Schäfchen zählen, bis ich selber eins bin? Oder war ich das nicht schon längst? Gefangen in der Maschinerie, stets darum bedacht, zu funktionieren, auf halber Strecke die Seele verloren?

Ich mache Dua [A.d.R.: Bittgebet] gegen den Kummer, mache Dua für den Schlaf, in meinen Träumen finde ich Frieden, bete ich mit meinem Vater das Namaz.

 

 

 

Foto: VictorRestrepo9 via Visual hunt / CC BY-NC-ND

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