Demokratie

Wer baut den Enttäuschten eine Klagemauer?

15.10.2017 - Ludger Verst

Das Ergebnis der Bundestagswahl in Deutschland mit dem Einmarsch der rechtspopulistischen AfD ins bundesdeutsche Parlament hat viele noch nicht zur Tagesordnung zurückkehren lassen. Während es bislang wohl eine der verborgenen Leistungen von CDU und CSU gewesen ist, den im Grunde immer schon vorhandenen, latent antidemokratischen rechten Flügel der deutschen Gesellschaft eingebunden und politisch weitgehend neutralisiert zu haben, ist das Protest- und Radikalisierungspotenzial weiter Teile der Bevölkerung vor allem im Osten Deutschlands diesmal deutlich unterschätzt worden.

Spätestens seitdem der Kapitalismus nach 1989 global – und bis auf den indiskutablen islamischen Fundamentalismus praktisch konkurrenzlos – in Schwung gekommen sei, dringe dessen Leere und Unbarmherzigkeit in die Alltagswelt vieler Menschen ein, konstatierte Rainer Bucher bereits nach dem Einzug der AfD in gleich drei Länderparlamente im Frühjahr 2016.

Auf diese undurchsichtige Stimmung von Überforderung und Unsicherheit im Lande reagiere die AfD mit einer „Politik des Ausschlusses“. Wer nicht mehr wisse, wo Freund und Feind stünden, brauche den Schnitt zwischen Innen und Außen, zwischen „denen“ und „uns“, brauche den Ausschluss der Anderen, um mit seiner „Angst vor der Angst“ fertig zu werden. So scharfsinnig dies erkannt wird, so spannend wäre es nun, Konsequenzen zu erörtern. Und da eine Rückkehr zu vormodernen Identitätsmustern und alten Sicherheiten ausgeschlossen ist, stellt sich die Frage: Woher könnten neue, vor allem „innere“ Sicherheiten kommen?

Wir beherrschen die Realität,

…In dieser unübersichtlichen, kollektiven Frontstellung herrscht jedoch auch über den letzten Wahlsonntag hinaus initiativlose Windstille. Dabei müssten gerade jetzt die Parteien ihre politischen Demarkationslinien durchbrechen, um unter die Oberfläche und zu den Wurzeln von Wut und Enttäuschung vorzudringen. Es müssten die Frontstellungen gelockert werden, um die Hintergründe der Angst ganzer Bevölkerungsschichten ehrlicherweise hervorzubringen, zu benennen und anzuschauen. Wer die aggressiven, dann wieder frustrierten oder gleichgültigen Reaktionen der Bürger erlebt, fragt sich mit Recht, wie dieser gewaltigen Protest- und
Abschottungstendenz überhaupt begegnet werden kann. Denn hinter dem Sammelsurium an Protestinhalten ist eine Irrationalität am Werk, die viele Gründe hat und durch politische Etikettierungen nicht gelüftet werden kann.

… sind aber hilflos im Umgang mit der Wirklichkeit.


Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Beziehungskultur in Halle, weist darauf hin, dass hinter Feindbildern wie „Flüchtlinge“, „Asylanten“ und Schlagwörtern wie „Überfremdung“ und „Islamisierung“ Ersatzthemen lägen, in denen andere, existenzielle Themen verborgen seien, deren Tragweite erkannt und analysiert werden müsste. Im Kern dieser Themen steckten nämlich Befindlichkeiten realer Bedrohung, ein Überschuss vor allem von Angst. Aber – wohin damit? Die Gesellschaft stellt faktisch keine Orte zur Verfügung, an denen solche Energien unmittelbar, zunächst ganz und gar unpolitisch, also gerade nicht im Spiel von Demonstration und Gegendemonstration, erwünscht wären. Und so drängt sich die Frage auf, ob eine Demokratie ihre Anhänger nicht nur formal und äußerlich, sondern vor allem und zuerst innerlich demokratisieren müsste, wenn sie wirklich Volkes Stimme repräsentieren will. Äußere Demokratisierung ist keine Kunst. Die ist den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und nach 1989 im Grunde zweimal in die
Wiege gelegt worden.

Innere Demokratisierung wäre ein innerseelischer Prozess, der Fehlentwicklungen, Verstrickungen, enttäuschte Hoffnungen, insbesondere in Ostdeutschland, als legitim, ja not-wendig zur Sprache kommen ließe.

Den inneren Fremdheiten, der Entfremdung vom eigenen persönlichen und natürlichen Leben, der eingangs zitierten „Leere und Unbarmherzigkeit“ müsste nachgegangen werden. Das gehört zur Demokratisierung dazu. Diese Entwicklungs- und Bewältigungskosten aber will so gut wie keiner übernehmen. Für die Parteien gehören sie nicht mehr zum Teil ihrer politischen Analyse. Die Gewerkschaften vertreten Parteiinteressen. Der Sport kann soziale und psychische Belastungen nur bedingt auffangen und umlenken, aber nicht lösen.
Bleiben Sozialverbände und Kirchen. Aber auch hier werden im Moment mehr Fronten erhoben als abgebaut. In politischen Stellungnahmen geht es um klare Grenzziehungen im Sinne der Demokratie. Man bleibt bekenntnishaft unter sich. Das ist verständlich, aber bei weitem zu wenig. Wer baut den Enttäuschten eine Klagemauer? Wo also bieten sich niederschwellige Orte gewaltfreier, lautstarker Auseinandersetzung? Orte, an denen geschimpft, Wut herausgelassen, Angst und Enttäuschung artikuliert werden können, ohne gleich Lösungen parat zu haben? Wo Menschen jammern und sich auf Augenhöhe ihr Leid klagen dürfen? Oder anders gefragt:


Wo kann ich lernen, Empathie zu entwickeln für den, den ich nicht mag, um mir einen Moment lang die Welt mit seinen Augen anzusehen? Wer kann mir Mut machen, mich in die Höhle des Anderen zu begeben?
Ich vermisse Zivilcourage, die nötig ist, nicht nur um Grenzen zu setzen, sondern ebenso zu erforschen, wo und wie ich sie mit dem Anderen auch wieder überwinden kann. Und so wünsche ich mir Verbündete, die Verständigungsfährten legen, um mit Wutbürgern und Populisten in streitbare Gespräche zu kommen, statt von solchen auszuschließen. Wer sich abgestempelt fühlt und ausgeschlossen, wird sich darum bemühen, die
Mauer zwischen sich und dem Rest der Welt noch höherzuziehen. Das aber würde die Spaltung perfekt machen. Nichts Anderes ist die Absicht der AfD.

 


Foto by Jan Hagelstein

 

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