Eine Frage des MILIEUs

"Wie böse muss ein Mandant sein, damit man ihn ablehnt?"

15.01.2017 - Steffen Ufer

Diese Frage lässt sich so allgemein nicht beantworten. Jeder Strafverteidiger wird hier zum Teil höchst unterschiedliche Kriterien benennen, soweit er nicht zu den Kollegen gehört, die auf Pflichtverteidigungen angewiesen sind und sich deshalb auch gar nicht den Luxus leisten können, irgendein Mandat zurückzuweisen. Im Übrigen gibt es nur wenige Menschen, denen ich das Attribut „böse" mit Sicherheit zuordnen könnte.

Wie mein Freund, der wohl derzeit berühmteste deutsche Gerichtspsychiater Professor Norbert Nedopil, in seinem jüngsten Buch „Jeder Mensch hat seinen Abgrund" richtig schreibt, ist böse kein wissenschaftlicher Begriff, sondern eine normative Zuschreibung.

 

D.h. ob jemand als böse einzuordnen ist, hängt ganz sicherlich von der Werteorientierung des jeweiligen Umfeldes eines Täters ab. Salafisten werden sich auch an den schrecklichsten Misshandlungen angeblicher Heiden (Kuffar) durch ihre Freunde vom IS kaum stören. Soviel nur zur immensen Bedeutung der Herkunft und der Tradition des gesamten Umfeldes.

 

Ganz allgemein wird man aber sagen können, dass ein Mensch, der auf Grund einer krankhaften Störung nicht in der Lage ist, seinen Willen zu formen und zu steuern, in meinen Augen nicht böse ist, auch wenn er eine schreckliche Tat begangen hat. Ich lehne die Vertretung eines solchen Menschen jedenfalls dann nicht ab, wenn es nur darum geht, ihm Anerkennung als Kranken zu verschaffen und ihn einer Therapie in einem möglichst guten Nervenkrankenhaus zuzuführen. Auch eine noch so grausame Tat hält mich nicht per se von der Übernahme der Verteidigung ab. Entscheidend ist immer, ob ein Mandant anderen aus vollem Bewusstsein wehgetan, oder sonst wie geschadet hat.

 

Im Einzelnen entscheide ich die Frage der Mandatsübernahme höchst pragmatisch.

 

Nicht in Betracht kommen für mich Menschen, die Kinder missbrauchten, oder auch nur Kinder misshandelt haben sollen. Ich hätte bei der Übernahme eines solchen Mandats regelmäßig meine vier Enkel vor Augen und pflege deshalb derartigen Kandidaten zu erklären, auch sie hätten natürlich einen Verteidiger verdient, weil nach unserer Rechtsordnung jeder Mensch das Recht auf einen Verteidiger hat. Ich wäre aber wegen meiner besonderen Zuneigung allen Kindern gegenüber von vornherein ungeeignet. Ich gebe derartigen Personen dann jeweils eine Liste mit Namen von möglichen Kollegen und verabschiede mich sehr schnell.

 

Oder ein weiteres Beispiel der Ablehnung eines Mandats: Der angebliche serbische Kriegsverbrecher Tadic war bis zu seiner endgültigen Auslieferung nach Den Haag zur Verhandlung beim Weltgerichtshof in München inhaftiert und seine Familie versuchte mich zu beauftragen.

 

Die Vorwürfe gegen Tadic beschränkten sich nicht auf die Tötung früherer kroatischer Nachbarn, sondern hatten vor allen Dingen auch schreckliche Misshandlungen zum Gegenstand. So sollte Tadic einen kroatischen Nachbarn gezwungen haben, einem anderen Kroaten die Genitalien abzubeißen. Die Geschichte habe ich, weil sie nach Aktenlage höchst dubios aussah, zwar nicht geglaubt, je mehr ich die Akten studierte, stellte ich aber fest, dass hier jedenfalls grausame Tötungshandlungen an völlig Unschuldigen Nachbarn passiert waren.

 

Ich hätte den Prozess beim Weltgerichtshof in Den Haag als völlig neue Berufserfahrung eigentlich gerne mitgenommen. Bei der Erörterung der Vorwürfe mit Tadic stellte ich jedoch fest, dass er mich offenkundig laufend auch in absoluten Nebenpunkten anlog. Ich hielt ihm diese Lügen vor und erklärte ihm, dass keine Vertrauensbasis mehr für eine Verteidigung bestehe.

 

Grundsätzlich hätte ich mit den allgemeinen Gräueltaten, um die es hier ging kein entscheidendes Gewissensproblem gehabt. Für mich war klar, dass Tadic eigentlich ein normaler, unauffälliger Mensch war, der nur in den Kriegswirren von den politischen Fanatikern in seiner Heimat entsprechend aufgehetzt worden war und den ich vor allen Dingen auch auf der Basis verteidigen wollte, er sei ein normaler, nicht böser Mensch, der aber von seiner krankhaften Umgebung kurzfristig schlimm infiziert war.

 

Die Ablehnung eines Mandats hängt bei mir in jedem Fall auch davon ab, ob noch ein Mindestmaß an Vertrauen zu dem jeweiligen Mandanten besteht, oder nicht.

 

 

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