Einwanderung

Wieso fällt es oft schwer, sachlich über Migration zu sprechen?

01.04.2017 - Dr. Albert Wunsch

Selbst im Gespräch mit Freunden oder der Familie fällt es mittlerweile vielen Leuten schwer, eine sachliche Diskussion zum Thema Flüchtlinge und Migration zu führen. Ein alternativer Diskussionsansatz.

Die Schwierigkeiten beginnen oft schon zu Beginn der Diskussion, denn um eine Diskussion über Migration wirklich sachlich zu führen, muss zunächst einmal zwischen ‚echten Flüchtlingen‘ und ökonomisch motivierten Einwanderern unterschieden werden. ‚Echte Flüchtlinge‘ können im Sinne eines  humanitären Aktes zunächst mit einem schützenden Dach über dem Kopf und mit Nahrung versorgt werden. Um bei dieser humanitären Handlung  sich selber angemessen zu schützen, müssten diese Menschen zu Beginn in abgegrenzten Territorien aufgenommen und von der übrigen Bevölkerung abgeschirmt werden. Neben der notwendigen Erstversorgung müssten diese Menschen auf – vielleicht auch ansteckende – Krankheiten untersucht werden. Um Irrtümern und Komplikationen so früh wie möglich vorzubeugen, sollten nach der Erstversorgung die Personalien so gut es geht aufgenommen und durch einen biometrischen Code vervollständigt werden. Das ermöglicht nicht nur, die Daten mit internationalen Datenbanken auf der Suche nach Terroristen, Sozialbetrügern oder sonst Gesuchten abzugleichen, sondern erleichtert auch den späteren Prozess des Asylgesuches für beide Seiten. Erst nach der vollständigen Aufnahme und dem Abgleich der Daten, würden dann in einem Erstgespräch die Fluchtgründe ermittelt. Auf Grundlage dessen käme es  dann zunächst zu einem  Aufenthalt im Notaufnahmelager.  Im Anschluss dürfte eine Zuweisung in verschiedene Landesteilen nur in den Fällen erfolgen, bei denen klar ist, dass ein Asylgesuch große Chancen auf Erfolg hat. Da eine ‚erfolgreiche‘ Einbindung der Flüchtlinge in ein soziales Ökosystem allerdings nicht nur eine  Frage des geregelten Aufnahme- und Asylverfahrens ist, sollte der Fokus nach Abschluss des Aufnahmeverfahrens auf die soziale Kompetenz gerichtet werden. Fällt der Asylsuchende etwa durch aggressive Handlungen, asoziales Verhalten bzw. Straftaten auf oder nimmt er nicht aktiv an sprachlichen, kulturellen und sozialen Integrationsmaßnahmen teil, wird damit das Asylverfahren gestoppt und eine befristete Aufenthaltsgenehmigung ausgesprochen.

Angesichts von Demonstrationen und Anschlägen auf Flüchtlingsheime, steigenden Wählerstimmen rechtsorientierter Parteien und nicht zuletzt der Gründung von PEGIDA werden immer öfter gefragt, ob eine ‚erfolgreiche Migration‘ bei gleichbleibender Zuwanderungszahl überhaupt gewährleistet werden kann.   

Dabei muss jedoch bedacht werden, dass sich ‚echte Integration‘ deutlich von ‚Multi-Kulti-Ideologien’ unterscheidet, denn sie erfordert die Infragestellung bzw. teilweise Aufgabe kultureller Gepflogenheit und damit verbunden auch bisher tradierter Wertvorstellungen. Das fängt bei der Sprache an, setzt die aktive Bejahung unserer Gesetze voraus, beinhaltet die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und erfordert eine klare Abwendung von religiös motivierten Gewalt- und Hass-Attacken gegenüber Andersdenkenden. Eine solche Um- bzw. Neuorientierung fällt selbst dann schwer, wenn integrationsbereite Migranten dies vom Grundsatz her wollen. Letztlich sind Migrations-Prozesse auf Dauer nur dann erfolgreich, wenn die einwandernden Menschen eine große Integrationsbereitschaft mitbringen und die sie aufnehmende Gesellschaft in offener und respektvoller Weise mit den Einwanderern umgeht. Beide Seiten müssen dabei in großer Wertschätzung die Eigenheiten des Gegenübers achten, denn die Definition des was im Rahmen der Migration als ‚verträglicher‘ oder ‚noch verkraftbarer“ Fremder bezeichnet wird, hängt von mehreren Faktoren ab:    

1. Je stabiler eine Gesellschaft ist und je selbstverständlicher sie ihre Kultur lebt, je geringer ist die Gefahr, dass Migranten zur Instabilität beitragen.

2. Je größer die Integrationsbereitschaft und -Fähigkeit von Migranten ist, je erfolgreicher und schneller entwickeln sich die Integrationprozesse.

3. Wird der zu integrierende Bevölkerungsanteil zu hoch, bzw. wirkt er zu geballt und fehlt bei weiten Teilen eine echte Integrationsbereitschaft, kommt auch eine starke Gesellschaft schnell an ihre Belastungsgrenzen bzw. die Migranten entwickeln eine destruktive Kraft.

Bezieht man diese Überlegungen auf ein Dorf mit 1000 Einwohnern, kann eine Dorfgemeinschaft mit einem guten sozialen Miteinander aufs Jahr verteilt sicher 4 bis 5 Familien (also 20 Personen) gut integrieren, sofern diese nicht geballt in einem Teilbereich des Dorfes leben, da sich sonst fast automatisch eine Subkultur bildet. Bereits diese kleine Zahl erfordert jedoch ein offenes aufeinander Zugehen von beiden Seiten. Würden diesem Dorf im Vergleich dazu 10 bis 15 Familien (mit ca. 50 Personen) im Jahr zugewiesen, könnte dies, vor allem wenn diese Familien geballt untergebracht würden, schnell zu Konflikten führen. 

Zum Schluss muss man sich noch mit folgendem Argument auseinandersetzen, das im Rahmen aktueller Migrationsdebatten gerne von Migrationsgegnern vorgebracht wird. Wirkt sich die Flüchtlingshilfe in Deutschland negativ auf bereits existierende soziale Konflikte wie etwa die Versorgung von Obdachlosen oder die Bekämpfung der Kinder- und Altersarmut aus? Aktuell scheint mir die Situation gerecht geregelt zu sein, da ja durch die Finanzhilfen für Flüchtlinge die bestehenden Richtlinien und gesetzlichen Grundlagen im Umgang mit deutschen Armutsbetroffenen nicht verändert werden. Außerdem kann man Kinderarmut, Altersarmut oder Obdachlosigkeit nur z.T. mit zusätzlichen finanziellen Hilfen reduzieren, da nicht die Auswirkung, sondern die Ursachen zu bekämpfen wären. Zu einem konkreten Konflikt könnte es aber besonders dann kommen, wenn Flüchtlings-Migranten ohne Integrationsbereitschaft, Arbeitswillen und akzeptable Bildungsvoraussetzungen zu uns kommen, um vom Sozialstaat – womöglich lebenslang – versorgt zu werden. Hier wird nur der Grundsatz ‚Fördern und Fordern’ weiterhelfen. Und wenn sich Menschen – ob schon lange hier lebende Bürger oder Migranten - darauf eingerichtet haben, ihr Haupt-Engagement auf das Kassieren staatlicher Unterstützungsgelder zu konzentrieren, dann müssen diese Menschen lernen, dass Sozialhilfe-Programme keine Geschenke des Himmels an Arme in Wohlstandgesellschaften sind, sondern  durch Arbeit auf dem offiziellen Arbeitsmarkt oder in staatlichen Beschäftigungsprogrammen – sei es nun die Säuberung von Parkanlagen, Flussufern, Wäldern, Spielplätzen oder Straßenrändern – erarbeitet werden muss.

Kehren wir nun zurück zu der Frage, warum eine sachliche Diskussion zum Themenfeld Flüchtlinge und Migration nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Gespräch mit Freunden und Verwandten so schwerfällt. Einmal existiert ein beträchtlicher Unterschied zwischen Menschen mit einer meist wirtschaftlich begründeten Einwanderungsabsicht und den in großer Not zu uns kommenden Flüchtlingen. Das wird – ob am Stammtisch, aber auch in anderen Debatten – oft zu wenig beachtet. So ist, wenn jemand vor Krieg und Verfolgung flieht, Hilfe nötig. Wenn bei Menschen mit Einwanderungsabsichten Nützlichkeitserwägungen vorherrschen, sind dort andere Aspekte zu berücksichtigen. In beiden Fällen sollte klar sein, dass die Chance hier bleiben zu können, durch Zuwiderhandlungen gegen unsere Kultur, die Gesetze oder Angriffe gegen Personen verspielt wird. Auf der Basis solcher Klarstellungen fällt ein sachlicher Gedankenaustausch mit Freunden, Kollegen oder innerhalb der Familie leichter. 

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