Gedicht

Wunderbar ist die Welt

01.11.2017 - Florian Schmidt

Syrien.

So gehts nicht mehr weiter, sie müssen was tun,

Für Brot, Freiheit und Würde protestieren sie nun.

In Frieden ziehen sie durch vertraute Straßen,

Mit ihren Rechten ist jetzt nicht mehr zu spaßen.

Es sind die “Tage des Zorns”, wo sind sie denn alle?

Sie erheben die Stimme, doch sind gegen Krawalle.

Einer ruft: Die sind alle korrupt, alles Egomanen! 

Lasst uns doch endlich ihren Untergang planen!  

Breaking News: “Es kam zu schweren Zusammenstößen zwischen den beiden Lagern. Fünf Menschen wurden getötet.” ////// “Die Beisetzung der Opfer schaukelte die Emotionen hoch. Tausende gingen erneut auf die Straße. Die Polizei antwortete mit brutaler Gewalt. Dutzende Menschen starben.”

Revolution hat keinen Kopf, nur Angst und Hoffnung,

Sie kennt nur den Abflug, keine sanfte Landung. 

Für den ersten Steinwurf, fassen sie Mut,

Gegen den Status Quo herrscht Feuer und Wut.

Als Wasser, Gas und Gummi auf ihre Körper trifft,

Will ein Jeder, dass er den anderen übertrifft.

Die da oben sind kalt und ungerecht,

Hunderte Sterben in diesem kranken Gefecht.

Das Schlachtfeld gesteckt, die Strippen bereit,

Für Dialog und Versöhnung fehlt gerade die Zeit.

Die bringen Waffen und Geld, man sind sie nett!

Sie haben Lust auf Schach und wir sind ihr Brett.

Während sie ihre wilden Wetten schließen,

Hören wir schreiende Mütter und Panzer, die schießen.

Während sie sich ihre fetten Hände reiben,

Suchen wir neue Ziele, durch zerbrochene Scheiben.

Während sie sich ins Fäustchen Lachen,

Sehen wir nur Sterben und kein Erwachen.


Nur, wenn wir es sehen wollen, sehen wir die bittere Realität, nämlich wer, sich wann, wie an diesem Krieg in Syrien bereichert hat. Wir wissen, wer sich um das größte Stück des Kuchens gestritten hat. Wir kennen ihre Gesichter, ihre Namen, ihre Interessen. Aber auf sie sind wir nicht wütend. Wir treten nicht nach oben, sondern nach lieber unten.

Und so zieht Rechte Propaganda durchs Netz, über die Straßen in den Bundestag ein.

Die mediale Berichterstattung hat zu dieser Entwicklung aktiv beigetragen. 

Als die Menschen im Krieg litten, zeigten sie Bilder der abscheulichen Qual.

Als die Menschen vom Krieg flohen, hörten wir Worte der tiefen Trauer.  

Als die Menschen vor den Grenzen standen, erzählten sie ihre emotionalen Geschichten.

Als sie über die Grenzen kamen, sahen wir beängstigende Bilder von Menschenmassen.

Als sie bei uns ankamen, hörten wir die begeisterten Helfer mit Blumen und Applaus.

Als sie bei uns bleiben wollten, wurden sie kälter und kälter.

Die Qualen waren Zahlen, vor der Trauer eine Mauer, ja die Geschichten waren nur noch Geschichten, die Massen musste man hassen und der Applaus war die Aufforderung: 

Geht endlich nach Haus!

 

München.

Ich stehe mitten im Boxring des täglichen Kampfes der Geldverdiener und Geldvernichter, Bummler und Gammler zwischen Hektik und Ruhe, Angst und Hoffnung. Die Sonne belebt den trostlosen Anblick einer jämmerlichen Fontäne, die von acht vollbesetzten Sitzbänken umzingelt ist. Ich schließe meine Augen im Zentrum der Stadt.

Zu vernehmen sind arabisch klingende Laute im irren Wortgemenge. Ich öffne meine Augen. 

Auf ihre Smartphones starrende arbeitslose Flüchtlinge werden von pensionierten Eingeborenen gemustert. Augen zu. 

Zu hören sind lauthals diskutierende junge Burschen, deren Gerede durch das geflüsterte Lästern der alten Knacker durchdrungen wird. Augen auf. 

Fröhlich anmutende Araber sitzen grimmig dreinblickenden Deutschen gegenüber. Die einen heben Rucksäcke, die anderen stützen sich auf Trolleys, deren Inhalt ein Kontrast: die ersteren schleppen aus Not all ihre Habseligkeiten mit sich herum, die letzteren haben alles für die nächste Atemnot dabei. Unter dem dichten schwarzen Haar der ersteren und dem schütteren weißen Haar der letzteren tummeln sich Bilder im Kopf aus vergangenen Zeiten. 

Früher war alles besser? Die ersteren sagen: “La, no, nein!“ und die letzteren: „Jo, freilich!“.

Die Bilder in ihren Köpfen könnten unterschiedlicher kaum sein: die ersteren denken an Chaos, Leid und Tod und die letzteren an traute Ordnung, Glück und das wahre Leben zurück. Beide suchen überfordert von den Veränderungen ihrer Umwelt nach Halt. 

Die Ersteren träumen vom sozialen Aufstieg und die Zweiteren fürchten sich vor sozialem Abstieg. Die Ersteren sehen den Frieden einziehen und die Zweiteren einen Kampf der Kulturen kommen. 

Freude trifft auf Wut. Und ich frage mich: Waren die Alteingesessenen mit sich und der Welt zufriedener als die Störenfriede noch hinter den Grenzen hockten? 

Klar, denn mit ihrer Luxus-Rente bezahlten die Großeltern ihren Trachten tragenden, in ganzen Sätzen formulierenden, Traditionsgerichte verzehrenden, auf Schreibmaschinen tippenden, Telefonzellen aufsuchenden, auf Testbilder starrenden Enkeln Schallplatten von Roy Black, damit sie „Wunderbar ist die Welt“ mitträllern können. 

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