Datteltäter im Interview

Younes Al-Amayra: "Wenn Muslime durch die Decke gehen, beleidigen sie die Macht Gottes"

01.04.2018 - Mubarek Khalid

Das Satire-Kollektiv die "Datteltäter" stellt unser nationales, ethisches und religiöses Schubladendenken infrage und zeigt neue Perspektiven auf. DAS MILIEU sprach mit dem Youtuber Younes Al-Amayra, einem der Initiatoren von der Datteltäter über das Deutsch-sein, blöde Kommentare im Netz und Menschen, die keinen Spaß verstehen.

DAS MILIEU: Kann man mit Witzen die Welt verändern?

Younes Al-Amayra: Auf jeden Fall kann man seinen Beitrag dazu leisten. Mit Humor oder einem einzigen Youtube-Kanal kann man definitiv nur beschränkt Einfluss nehmen. Und generell ist mit Witzen allein natürlich nicht alles gelöst. Es gibt viele Probleme, die man nur ernsthaft angehen kann, aber auch Humor, Witz und Satire können Eisbrecher in einer emotional-aufgeladenen Stimmung sein und wichtige Denkanstöße für eine Lösung geben. Manchmal kann es reichen, die Emotionen hinwegzunehmen und sich durch ein Lachen zu entspannen, um eine neue Perspektive auf die Dinge zu bekommen.

MILIEU: Du setzt dich in unterschiedlichen Projekten gegen Rassismus und Islamophobie ein. Warum?

Al-Amayra: Es betrifft mich selbst. Ich finde es schade, dass eine so schöne Religion in Europa bzw. weltweit in solch eine Schieflage geraten ist, dass ich mich oft über die Wahrnehmung des Islam wundere, weil ich vieles, was ihn für Außenstehende auszeichnet, nicht aus meinem Alltag kenne. Nicht jeder Bartträger, der fünfmal am Tag betet,  ist ein Terrorist. Und vor allem: Nicht jeder, der sich als Muslim bezeichnet, muss unbedingt islamisch leben. Hinzu kommt, dass in der Wahrnehmung nur "schwarz" und "weiß" existieren, keine Grauzonen. Die “Normalen” sieht man selten. Das stört.

Aus diesem Grund ist für uns Youtube als Medium sehr wichtig. Youtube ist die Demokratisierung des Fernsehens. Wir haben die Möglichkeit, uns dort selbst zu verwirklichen. Warum nicht diese Gelegenheit nutzen? Da brauchen wir nicht auf einen Fernsehsender zu warten, der zu uns kommt und sagt: “Hey man, es gibt fünf Millionen Muslime in Deutschland, wo ist der Kanal?”. Gerade in Zeiten, wo Jugendliche nur noch online sind, nur Youtube und Netflix gucken, aber kein Fern, ist das die große Möglichkeit sein eigenes Ding zu machen und an die Leute zu bringen.

MILIEU: Wie reagieren die Zuschauer auf euer Angebot?

Al-Amayra: Es gibt Jugendliche, die uns anschreiben und sagen: "Schön, dass es euch gibt", weil wir für sie eine Art Orientierung sind. Das geht so weit, dass Leute auf der Straße auf dich zukommen und Fotos mit dir machen wollen. Dieses Gefühl, eine Bereicherung zu sein, ist unglaublich, denn das hatte ich in meiner gesamten Kindheit nicht. Unsere Zuschauer finden es schön, dass wir Themen ansprechen, die in dieser Zeit für Muslime relevant sind, aber auch Aspekte sichtbar machen und reflektieren, die manchmal untergehen. Und wenn sie sich dann auch noch ein Vorbild daran nehmen können, ist das nicht ersetzbar. Eine bessere Belohnung gibt es für mich nicht.

MILIEU: Sicher hattest du im Netz oder auf den Straßen mit Menschen zu tun, die glauben, dass du niemals ein Deutscher sein wirst, egal wie sehr du dich anstrengst. Was entgegnest du solchen Leuten?

Al-Amayra: Wenn du ein Deutscher bist, bist du nicht gleichzeitig ein Marvel Superhero. Das Deutsch-Sein ist ja keine Krönung. Ich saß letztens mit einer Freundin in einem Cafe und habe mich darüber unterhalten wie schlecht deutsche Serien sind und ich mit denen nichts anfangen kann. Neben mir saßen deutsch-deutsche Familien und ich dachte mir, was würden die sagen, wenn ich sage: "Ich hasse deutsche Serien". Denken die wirklich, ich hasse Deutschland? Ich denke, es gibt da einen Unterschied, wenn das ein Deutscher, der auch deutsch aussieht sagt oder ein Deutscher, der so aussieht wie ich. Man nimmt es sofort anders auf. Es stört mich, dass man immer in eine Schublade gesteckt wird. Man muss sich im Prinzip immer verstellen, damit sich keiner angegriffen fühlt.

MILIEU: Im Kommentarbereich unter euren Videos findet sich manchmal der Kommentar “Ich finde das überhaupt nicht lustig”. Wie geht ihr damit um?

Al-Amayra: Ich betrachte die Kommentare meist nicht. Jeder hat seinen eigenen Geschmack, aber wenn jemand versucht, zu argumentieren, warum dies oder jenes nicht lustig ist, dann kann man davon ausgehen, dass es nicht verstanden wurde. Satire ist eben auch keine leichte Kost, die kann auch missverstanden werden.

MILIEU: Dem Klischee nach gelten Muslime als humorlos. Wie viel ist da dran?

Al-Amayra: Es ist völlig in Ordnung, dass nicht jeder jeden Witz witzig findet. Da muss man auch den anderen ein Stück weit verstehen können. Genauso wenig darf erwartet werden, dass jeder darüber lacht, wenn z.B. Allah oder der Prophet beleidigt werden. Einerseits muss verstanden werden, dass Muslime eben diese Grenze haben. Andererseits sollte es auch den Muslimen klar sein, dass wenn jemand den Koran verbrennt, damit nicht den gesamten Islam verbrennt. Da muss man nicht sofort durch die Decke gehen. Damit beleidigen Muslime nämlich nur die Macht Gottes, die Macht des Korans. Es sollte nicht so sein, dass man durch eine einzelne Person seine Religion als beschädigt ansieht.

MILIEU: Wo hört bei dir der Spaß auf?

Al-Amayra: Wir setzen auch in unseren Videos Grenzen. Wir machen uns nicht über Personen, Gott oder den Propheten lustig. Wir machen uns auch nicht über andere Religionen lustig. Einfach aus dem Grund, dass wir selbst erfahren haben, wie es ist, wenn andere sich über unsere Religion lustig machen. Was wir aber machen, ist, dass wir bestimmte Denkweisen und Handlungen von religiösen Menschen wiederspiegeln und sichtbar machen.

MILIEU: Wie kamt ihr darauf, den Youtube-Kanal „Datteltäter“ zu gründen?

Al-Amayra: Ende 2014 haben wir einmal ein Video über Pegida gemacht, das ziemlich gut ankam. Das hat uns dazu motiviert, Videos zu kreieren, die zur Abwechslung mal die muslimische Perspektive zeigen. Vor diesem Hintergrund suchten wir nach einer geeigneten Plattform, auf der man so viele Menschen wie möglich erreichen kann. Das sind ohne Zweifel Youtube und Facebook.

MILIEU: Wie Muslime in westlichen Gesellschaften wahrgenommen werden, hängt auch davon ab, wie sie in Filmen und Serien dargestellt werden. Wann sehen wir die „Datteltäter“ im Fernsehen oder im Kino?

Al-Amayra: Was Kinofilme angeht, haben wir zwar noch keine konkreten Pläne, aber der Idee abgeneigt wären wir nicht. Was die Themen betrifft, sind wir offen, aber die Art der Produktion und wer es produziert ist entscheidend. Vielleicht wird es mal eine Webserie geben, die wir aber selbst produzieren.

MILIEU: Ihr habt heute mehr als 10 Millionen Aufrufe und 111.000 Abonnenten. Seid ihr dort angekommen, wo ihr schon immer sein wolltet oder ist das erst der Anfang?

Al-Amayra: Wir haben all die Ziele, die wir uns gesetzt hatten, längst erreicht. Wir hätten niemals erwartet so viele Abonnenten zu bekommen. Das spornt uns tatsächlich dazu an, immer weiterzumachen. Ein großes Ziel war, irgendwann davon leben zu können und das haben wir erreicht. Dass wir ein eigenes Büro haben, auf Bühnen stehen und Preise gewinnen, haben wir auch geschafft. Alles, was jetzt noch hinzukommen wird, hängt davon ab, wie wir weiterdenken.

MILIEU: Woher kommen die Ideen für eure Geschichten?

Al-Amayra: Aus dem Alltag, aufgrund von persönlichen Erfahrungen, auch von Freunden und aus aktuellen politischen Entwicklungen.

MILIEU: Auf welches eurer Videos bist du persönlich am meisten stolz und warum?

Al-Amayra: Ich finde, dass "Teufelsküche" ein extrem beliebtes Video ist, speziell auch aus dem Grund, dass es von Lehrern in der Schule genutzt wird.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Younes.

 

 

Foto: GERMANIA

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