Rezension

Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika

15.10.2017 - Arman Lee

Es klang nicht nach mehr als einer Durchhalteparole im Zustand des Schocks und des Versuchs die Fassung zu bewahren als Bundeskanzlerin Angela Merkel am 28. Juni 2016 im Bundestag, fünf Tage nach dem Brexit-Referendum, die Europäische Union auf das einschwor was man durchaus als Selbstverständnis bezeichnen könnte: „Sie [die Europäische Union – Anm. d. Verf.] bleibt eine einzigartige Solidar- und Wertegemeinschaft […].“

Dieses Selbstbild als Gemeinschaft hinsichtlich der Werte Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenrechte und Menschenwürde, nimmt Heinrich August Winkler als Fundament und Ausgangspunkt für sein neuestes Werk „Zerbricht der Westen?“. Die Bildung und Verankerung dieser Werte bettet er in einen historisch-normativen okzidentalisch-transatlantischen Prozess ein. Damit spannt Winkler das semantische Verständnis des Begriffes „Westen“ von einem Begriff, der Europa meint bis hin zu einem „überseeischen Westen[ ], zu dem neben den Vereinigten Staaten und Kanada auch Australien und Neuseeland gehören“ und steckt neben der institutionellen und währungspolitischen Krise der Europäischen Union, die politische Polarisierung und Zerrissenheit und die wirtschaftliche Disparität innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika als Themenfeld ab. Als eine der tragenden Säulen des seiner Ansicht nach unausweichlichen Reformprozesses benennt er das Bekenntnis der Europäischen Union eben auf jene Wertegemeinschaft. Die Duldung der autoritären politischen Transformationen der „illiberalen Demokratien“ Ungarn und Polen innerhalb der eigenen Wertegemeinschaft bezeichnet Winkler schonungslos und folgerichtig als einen „Akt des Selbstbetrugs“.

In einer verdichteten Chronologisierung der zeitgeschichtlichen Ereignisse der letzten Monate und Jahre besticht Winkler mit akribisch-detaillierter Zusammentragung von politischen Entscheidungen, Ereignissen und deren Konsequenzen für den Status quo. Dabei zieht Winkler  auch zahlreiche historische Ereignisse zur Kontextualisierung des jeweiligen Ist-Zustands heran. Im Zusammenhang mit der Europäischen Union ist an dieser Stelle insbesondere der vorläufige Prozess der Euro-Einführung und den daraus folgenden Problemen der Währungsunion zu nennen, die Hand in Hand mit der institutionellen Legitimationskrise der EU einhergehen.

Plausibel sind an dieser Stelle auch seine Ausführungen bezüglich der philosophischen und gesellschaftlichen Andersartigkeit Europas und der Vereinigten Staaten als Teilgesellschaften des sogenannten „Westens“ in ihren Gründungsstrukturen und der daraus folgenden ambivalenten Beziehung bis heute.
Mit seinem Verweis auf ein mögliches, zumindest aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive und von Denkfabriken prophezeites, Ende des sogenannten „transatlantischen Jahrhunderts“ und des anbrechenden amerikanischen „Pacific Century“ greift Winkler womöglich einen kommenden weltpolitischen Prozess auf, der die nächsten Jahrzehnte der Weltpolitik prägen könnte. Die wieder entfachten politischen Spannungen mit Nordkorea könnten diesen Prozess in den Vereinigten Staaten beschleunigen. Ähnlich verhält es sich mit den außenpolitischen Motiven Russlands, Chinas und der Türkei, die kurz, allerdings nicht differenziert genug, angeschnitten werden. Wer die (Sinn-)Krisen der Europäischen Union und der USA verstehen will, darf sich nicht nur mit den inneren Strukturproblemen der Gesellschaften und den daraus folgenden Protestbewegungen des Rechtspopulismus befassen, sondern muss sich auch mit externen weltpolitischen Faktoren auseinandersetzen, die die Weltordnung entscheidend verändern werden.

„Wir müssen das europäische Projekt für die Menschen und mit den Menschen neu begründen.“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron in seiner Grundsatzrede zur Europäischen Union Ende September diesen Jahres und könnte wahrlich eine vereinfachte Antwort auf die von Winkler genannten Defizite der Europäischen Union genannt haben. Von einer expliziten „Neugründung“ spricht Winkler in seinem Buch zwar nicht, stellt jedoch die dringende Reformbedürftigkeit der Europäischen Union nicht in Frage. Als ersten und wichtigsten Schritt aus der Krise befürwortet Winkler die „intensivere Kooperation der liberalen Demokratien“ auf allen Ebenen und nennt dabei Deutschland und Frankreich als Pioniere. Mit dem Wahlsieg von Emmanuel Macron sei diesbezüglich eine positive Grundvoraussetzung geschaffen. Diese Feststellung fand allerdings vor der Bundestagswahl am 24. September statt. Die Ausgangslage für die auserkorene Partnerin Macrons auf politischer Ebene ist ungewiss. Angela Merkel muss den schwierigen Balanceakt zwischen parteipolitischen Koalitionsverhandlungen für eine Regierungsbildung, der zukünftigen parlamentarischen Auseinandersetzung mit der AfD und der Zusammenarbeit mit Macron auf europäischer Ebene meistern. Somit könnte die These der neuen deutschen Frage, die Winkler hinsichtlich der Beantwortung der europäischen Frage verneint, doch gestellt werden. Allerdings nicht in einem Szenario einer möglichen Übermacht oder gar Hegemonie Deutschlands innerhalb der Europäischen Union, sondern im Zusammenhang der Infragestellung des zukünftigen politischen Willens in Deutschland gemeinsam mit Frankreich die Reformprozesse innerhalb der EU anzuführen.

Heinrich August Winklers Buch „Zerbricht der Westen?“ vermag keine eindeutige Antwort auf die selbst aufgeworfene Frage zu liefern. Sie führt aber eine ausführliche Dokumentation darüber, was in den letzten Jahren die politische Landschaft bewegt hat. Um auch vom Buchtitel präzise und prägnant auf den Inhalt verweisen zu können, wäre ein Blick auf den Untertitel zielführender: „Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“.

 



Heinrich August Winkler. Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika. 2017. 493 Seiten. 24.95 Euro


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