Kurzgeschichte

23 Prozent

01.06.2015 - Quentin Schindler

Die Kirschblüten leuchten hellrosa im Schein der Straßenlaternen. Ich verweile kurz bei dieser Schönheit des Lichtes, in dem die Farben auf eine ganz neue eigene Art erscheinen. Nur einen Moment. Helles Licht blendet mich. Überraschung. Verdammte Autofahrer, die ihre Scheinwerfer zu hoch einstellen.

Es würde mich wundern, wenn diese Tüten überhaupt wissen, wie man sie wieder runterstellt. Ich seufze kurz und bin wieder in der Gegenwart. Man merkt, dass es wärmer wird, nur ganz unterschwellig, aber man merkt es. Aber für Sonnenbrillen ist es wohl noch zu früh, obwohl ein großes Plakat links von mir da anderer Meinung ist. 23% auf alle Modelle. Sommerschnäppchen. Angeleuchtet in dezentem Licht. Ich überlege mir, ob meine Sinne immer wenn ich nachts mit dem Fahrrad nach Hause fahre so geschärft sind wie in diesem Augenblick. 23%, ungewöhnliche Zahl für einen Rabatt. Dreiundzwanzig. Ich glaube gelesen zu haben, dass sich um diese Zahl die wildesten Verschwörungstheorien ranken, was aber natürlich alles Schwachsinn ist. Wie diese Chemtrail-Geschichte. Alleine bei der Vorstellung, dass manche Menschen keine anderen Sorgen haben, als Chemtrails und ihre möglichen katastrophalen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschheit... Ich gluckse vor mich hin.

Ein leises brummendes Geräusch lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich. Brummen, dass sich anhört, als käme es von einem Auto. Doch obwohl es eigentlich vertraut klingen sollte, hört es sich komisch an, fast schon anormal. Ich schaue nach vorne. Na toll, noch einer. Kann in dieser Stadt denn keiner seine Scheinwerfer richtig einstellen? Würden die nur mal selbst Fahrrad fahren. Mein genervter Blick, den ich auf den wahrscheinlich stark übergewichtigen Autofahrer werfen wollte, weicht purer Überraschung, als eine Lichthupe vor meinen Augen explodiert.

Mein Blickfeld verschwindet hinter grell leuchtenden Lichtexplosionen.

Klarheit. Der Wagen ist vorbei und ich murmle leise einen Fluch vor mich hin. Doch etwas ist anders, falsch. Kleine Explosionen. Das Brummen, dieses Brummen ist nicht weg. Als wäre es hinter mir, ganz nah. Zu nah. Ich drehe mich um...

Dunkelheit.

In der Medizin ist ein voll ausgeprägtes Koma (griechisch ????, „tiefer Schlaf“) die schwerste Form einer quantitativen Bewusstseinsstörung. In diesem Zustand kann das Individuum auch durch starke äußere Stimuli wie wiederholte Schmerzreize nicht geweckt werden. Also könnte man eigentlich sagen, dass das Individuum sehr fest schläft und dass es selbst keine Kontrolle über das
Erwachen hat. Soviel zur Theorie, doch wenn man nun das Individuum auf einen Menschen bezieht, um genau zu sein auf mich, dann ist das Koma in dem ich bis vor Kurzem lag, eine Reise in die Amnesie. Amnesie ist ein gängiger Begriff, unter dem sich Menschen entweder das plötzliche Verschwinden der Erinnerungen vorstellen, oder das bewusste Löschen.

Vielleicht ist es mit der Erinnerung wie mit einem Blatt Papier. Wir falten sie so zu Recht, dass sie bequem in unsere Hosentasche passt. Wir haben sie immer dabei auf unserem Lebensweg. Vielleicht holt man sie manchmal hervor, um etwas nachzuschauen, aber man kann sie immer wieder wegstecken und in die Zukunft schauen. Doch was passiert, wenn man das nicht mehr kann? Wenn die Vergangenheit einen verfolgt?

Ich rede mir tatsächlich ein, dass ich sie glaube. Meine Version der Geschichte. Die Einzige. Die einzig realistische. Oder was sonst, was sollte ich sonst glauben? Dass ich eine Gedächtnislücke von über dreiundzwanzig Stunden hatte? Als ich aufwachte, war ich in meinem Bett. Normal. Ich spürte sogar noch die Zahnpasta auf meinen Zähnen. Nur war ich nicht zu Bett gegangen. Nein. Außerdem war es zu spät.

Ich hatte mich im Licht der Kirschblüten verloren und war gestürzt. Über den Lenker. Hatte mir den Kopf gestoßen. So muss es gewesen sein. Ich war weg, bewusstlos, im Koma, bin aufgewacht und aufgestanden, nach Hause gefahren, ins Bett gegangen. Vielleicht habe ich ein Schädeltrauma, deshalb der lange Schlaf. Vielleicht sollte ich ins Krankenhaus. Aber mir fehlt nichts, mein Kopf ist
klar. Klar. Ich habe das mit dem Plakat bestimmt auch nur verwechselt. Ich meine, laut meinen Erinnerungen ist das ja erst danach passiert. Nach den Kirschblüten. 23% . Und dieses Brummen. Dieses kranke Brummen, als wäre es wieder hinter mir.

 

 

 


Foto © Ben

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