Medienkritik

9 zentrale Maßnahmen gegen die AfD (II)

15.01.2019 - Michael Griesemer

Eine spezielle Verursachung der AfD durch die Medien 1990 – 2013 (Erscheinungsjahr der AfD) wurde bereits in einem Artikel hier in diesem Magazin hergeleitet („Wer hat Schuld am Erfolg der AfD?“, Nov. 2018). Wie auch die etablierten Parteien, nimmt sich der Verursachungsblock „Medien“ geschlossen von jeder eigenen Verursachungswirkung zur Rechtsradikalisierung aus. Der Effekt der folgenden neun Faktoren der Medien auf den Zulauf der AfD wird allerdings nicht enden, solange Medien und etablierte Parteien mit diesen Dingen allabendlich auch weiterhin so fortfahren. Es folgt der zweite Teil des Artikels über die Maßnahmen gegen die AfD.

5. Zurückhaltung einzelner Lobby-Interessen, die „grenzwertig“ sind: „Grenzwertig“ heißt: am ehesten imstande, auch AfD-ferne und nicht-konservative Bürger langfristig oder sogar  n u r  wegen dieses Einzelthemas einer AfD zuzutreiben. Dazu gehören scheinbar einige „gender“-Themen: Anliegen, die der Bevölkerung umso grotesker erscheinen, als sie ohnehin nur Anliegen einer extremen Einzellobby sind: Wie die „edukative“ Auflösung von dabei als „fake“ verleugneten durchschnittlichen Geschlechtsunterschieden zwischen Jungen und Mädchen. In der Tat ist die völlige Auflösung gewohnter Ordnungsstrukturen im Kopf des Bürgers – ob berechtigt oder nicht - etwas, was ihn tendenziell Rechtsradikalen zutreibt, weil der Mensch psychosozial in gewissem Maße solcher Ordnungstrukturen im Kopf  auch bedarf.

6. Abstellung von „Kampagnenjournalismus“: Dies ist eine Art von Diskussionssendungs- und Reportagewesen seit einigen Jahren schon, in dem (unter Vortäuschung sachlicher  „Aufklärung“ oder den Report von Kontroversen zu einem Thema hinaus) der Moderator oder Reportagemacher die ihm selbst unliebsame anonyme (auch nur potenzielle) „Gegenmeinung“ in der Gesellschaft (= Millionen draußen vor der Mattscheibe)  in irgendeiner Form diffamiert – sei es implizit, oder sei es ausdrücklich: Als bspw. „unmögliche“ Meinung, „ewiggestrige“ Meinung, oder irgend anders „minderbemittelte“ oder „unrepräsentative“ Meinung.

Denn wenn es irgendeinen Effekt gibt, der die erbitterte Wut gerade von AfD-Wählern und von AfD-“Demnächst-Wählern“ auf die „Systemmedien“ erklärt (und auch das über sie hinausgehende Misstrauen in der Gesamtbevölkerung inzwischen offensichtlich gegen ihre Objektivität), dann ist es dieses, in den letzten Jahren immer unverhohlener eingerissene, „Kampagnenjournalistentum“ : Das in einer einzigen ARD-Sendung bspw. gleich Millionen Zuschauer vor der Mattscheibe mit den beschriebenen Abwertungen, Überheblichkeiten und Deklassifizierungen beleidigt.  Zumal diese Mode gewordene Gattung von Journalist - mal zu diesem Thema, mal zu jenem Thema - jeweils einer anderen Millionengruppe Fernseh-Konsumenten der Öffentlich-Rechtlichen das Gefühl gibt, vom „System“ oder „Staat“ indoktriniert und verunglimpft zu werden. (Gerade die Öffentlich-Rechtlichen werden als „der Staat“ wahrgenommen). Da dieser „Kampagnenjournalismus“ von allen Lobbies bei einem Sender für „ihre“ Lieblingsideologie in Reportagen so getrieben wird, ist der sachlogische Effekt am Ende: Aggression   a l l e r  Bevölkerungsgruppen über die Zeit (wenn man die Auswirkung logisch zu Ende denkt) – und zwar  nicht nur gegen „System-Medien“;  sondern damit auch gegen den „Staat“ selber: Den sie für den Bürger ja repräsentieren.

7. Höchste Sprachdisziplin: Damit durch Medien / Politik nicht weiter einschlägige sog. Demoralisierungen gesetzt werden:  von entmenschlichender Sprache („Pack“ gegen PEGIDA als Beispiel von einem SPD-Mann auf Tour in Sachsen „gegen rechts“; über bspw. „Kinderschänder“ (Marjetta Slomka sogar in den fast amtlichen „Tagesthemen“) -  bis zu Stilisierungen von  i r g e n d    e t w a s   im Sinne eines „absolut Bösem“; oder Emotionalisierungen der Bevölkerung über etwas im Sinn von „härteste Strafen“ für dieses oder jenes.  Letzteres bedient z.B. das „3. Merkmal“ Faschistoider in der Forschung: „Autoritäre Aggression“.

8. Umstellung von Prozessberichterstattung als zentrales Schaufenster von Rechtstaatsverständnis: Diese „Umstellung“ meint zentral den Stop des Grundtenors aus so gut wie jeder Strafprozessberichterstattung seit Jahren „Hängt es auf, das Schwein“ - mit skandalisierter Schuldigsprechung durch die Medien (suggestiv) oft schon vor und beim ersten Verhandlungstag. Auch dieses eingerissene Medienunwesen hat in der Bevölkerung längst rechtstaatliches Grundverständnis aufgelöst. Zur Erinnerung:  Gerichtsverfahren sind Verfahren, in denen  r e c h t s t a a t l i c h  erst zu klären ist, ob die Anklagepunkte gegen jemanden überhaupt zutreffen. Stattdessen werden Gerichtsverfahren landauf, landab von Medien bereits wie Teil der Bestrafung stilisiert (dass also jemand überhaupt vor Gericht säße als „Skandalon“): Bei denen es nur noch um die verdiente – stets medial ersehnte -  „härteste“ Strafe ginge.

Diese Berichterstattung über Gerichtsprozesse setzt die fatal falsche Signalwirkung in der Bevölkerung, was Bewusstsein über – und Achtung vor – dem Rechtstaat angeht, und gegen rechtsradikale oder emotionalistische Aushebelungen desselben durch die „Volkesstimme“.

9. Abstellung des Phänomens „selective confirmation bias“: Ich komme damit zum unauffälligsten, aber katastrophalsten Medienfehler. Deshalb sei er hier besonders ausführlich dargestellt. Er lässt sich auch umschreiben als: „Steter Tropfen höhlt den Stein“ oder „Wie man die Bevölkerung mit der Zeit zielsicher an den Rand des Nervenzusammenbruchs (Pogromfähigkeit) bringt“:

Unter diesem Denkfehler versteht man, praktisch gesagt, Dinge wie die folgenden: Das Publikum erfährt regelmäßig nur etwas von spektakulären Terroranschlägen „durch Behördenfehler“  – aber nie etwas von 99 % Terroranschlägen, die durch Behörden verhindert wurden. Zweites Beispiel: 20 Jahre lang, bis man AfD wählt oder Rechtsradikale sie lynchen, zeigen Medien bspw. „Pädophile“ als Kindesmissbraucher – aber nicht die vielleicht 70 % dieser Menschen, die überhaupt niemals missbrauchen. Ein drittes Beispiel: 20 Jahre lang erfährt der Bürger über Medien nur von Gutachtern (Funktionsträgern des Rechtstaats), die sich in einem Prognosegutachten über einen Straftäter geirrt haben, der nach Entlassung „rückfällig“ wurde – aber nie über die rund 90 %, wo Wiederholungsgefährdete dank Gutachtern  n i c h t  entlassen wurden. Oder die 78 %, wo laut zutreffendem Gutachten ein Mensch rückfällig oder nicht mehr rückfällig wird (selbst Richter irren sich bei Entlassungsfragen zu ca. „50: 50“). Bis der Volkszorn nach 20 Jahren skandalistischem „Gutachter-Stereotyp“ pogromös die Gutachter lyncht - als „Täterfreunde“ oder „Gutmenschen“; jeder aufgebracht AfD wählt, um die Todesstrafe wieder einzuführen - oder den Rechtstaat für „Wegsperren grundsätzlich für immer“ aus dem Grundgesetz zu streichen.

Man täusche sich also nicht. Dieser  e i n z e l n e  Ausbildungsmangel bei Journalisten in fundamentalem Wahrscheinlichkeitsdenken führt zur Pogromfähigkeit einer ganzen zeitungslesenden Bevölkerung gegen bestimmte Gruppen. Und  er  f ü h r t e  bereits seit 1995 zu einem inzwischen vorangeschrittenen Rechtstaatsabbau durch die bürgerlichen Parteien -  bevor an eine AfD überhaupt zu denken war. (Sie ist lediglich Symptom).

Der selective bias - Fehler ist darüber hinaus grundsätzlich (geradezu weltgeschichtlich!) an jeder pogromfähigen sogenannten „Stereotypen“-Bildung schuld. Er hat diesen Effekt u n v e r m e i d l i c h:  Solange dieser wohl verhängnisvollste Fehler journalistischen Tuns Journalisten nicht gelehrt wird, um ihm routiniert in ihren Texten zu begegnen, dass er darin  neutralisiert  wird: Solange wird Journalismus -zeitgleich mit dem Aufklärungsaspekt zu einer Sache- immer unselige Wirkung haben. Letztlich liegt dieser eine banale Fehler jeder gesellschaftlichen Vorurteilsentstehung über eine Bevölkerungsgruppe X zugrunde,  und jeder negativen sog.  „Stereotypenbildung“ über Gruppen in der öffentlichen Wahrnehmung. Das gilt bereits vom „Hexen“-Stereotyp des Hexenwahns: Der in der Chronologie begann, kaum dass das erste Pressewesen (das damalige Flugblätter- Sensationsgeschäft) nach Gutenbergs Erfindung des Drucks eingesetzt hatte. Und es reicht bis zum Stereotyp vom korrupten „Geldjuden“ in der Presse der Nazi-Zeit.

Dieser Fehler der „selective confirmation bias“ in den Medien hat sogar – unbemerkt von den Medien! – ab ca. 1993 zum epochalen und rechtstaatlich absurden Umbau des traditionellen sog. „Schuldstrafrechts“ seit der Römerzeit (auf Individualschuld, Nachweis realer Schäden und individuelle Schuldzumessung fußend) zu einem „sog. „Präventionsstrafrecht“ geführt, das selbst Wegsperrungen für immer - „zur Sicherheit“ - völlig ohne diese rechtstaatlichen Bestimmungsstücke eines „Delikts“ ermöglicht. Eine Entwicklung, die schon 2006 der Vizepräsident damals des Bundesverfassungsgerichts Hassemer in seiner unter Juristen berühmten „Frankfurter Rede“ beklagt hatte als populistische Fehlentwicklung beim (partei-) politischen Gesetzgeber. Nicht nur von den mainstream-Medien völlig unbemerkt – sondern sogar von ihnen über die stigmatisierten Gruppen  bejubelt. Unter dem Furor von multimedialer Presse-Dummheit im „Quotenreibach“ per emotionalistischer Skandalisierung von allem und jedem statt über den Rechtstaat zu wachen – hat man damit etwas geschaffen, was demnächst nicht nur die Verhaftung und Sicherungsverwahrung bis zum Tod für muslimische und - heute schon  -  sexuelle “Gefährder” ermöglicht – sondern jedes Bürgers, den später bspw. eine AfD oder Schlimmeres an der Regierung vielleicht irgendwann zum politischen Gefährder erklärt.

Im spezielleren Zusammenhang mit der „selective confirmation bias“ als infamem journalistischem Prinzip war Ursache dieser von allen Medien verschlafenen Rechtsentwicklung: Die idiotische Verwechslung der statistischen Kategorien „Risiko“ (Wahrscheinlichkeit) mit „Gefahr“ - bei jedem Politiker, jedem Bürger, jedem Skandalreporter: „Die Gefahr eines Terroranschlags morgen auf dem Frankfurter Flughafen ist nicht auszuschließen !“  (Ist Gefahr grundsätzlich nie - also schließe man für morgen „verantwortungsbewusst“ den  Flughafen). Das Risiko allerdings dafür (die Wahrscheinlichkeit) beträgt 0,00000127 %. Niemanden würde das veranlassen, morgen dort seinen Flug lieber nicht anzutreten. Und so funktioniert das im Prinzip auch mit dem „Gefährderprinzip“ und im „Präventionsstrafrecht“. Denn, was niemand weiß: D i e s   ist die juristische Definition dort von „gefährlichen Tätern“ oder von „gefährlichen Taten“ - nicht, dass sie dadurch schon einmal real jemandem geschadet haben müssen, oder auch nur hätten schaden wollen mit einer Handlung: Es muss für Wegsperrungen auch von politischen „Gefährlichen“ evtl. später – wie bei jenen heute – gar niemandem durch eine danach definierte „Tat“ geschadet worden sein. Es reicht wegen dem „Täter-Stereotyp“ der „selection bias“ nach 20 Jahren politisierender Skandalberichterstattung über bspw. Terror- und Sexualgefährder, dass mit ggf. 0,00000127 Wahrscheinlichkeit eine durch Regierungsabstimmung nun eigens zur  Straftat erklärte Handlung ja zu Schaden hätte „führen können“.

Kein journalistischer Fehler als diese  banale „statistische selection bias“, wie er auch heißt, hat also in der Summe systematisch  allumfassendere oder  schlimmere  Auswirkungen – großgesellschaftlich! Wie im zuletzt genannten Beispiel gesehen,  führt er sogar zu  politisch monströs sich auswirkenden massensuggestiven Wirklichkeitsverzerrungen einer gesamten Bevölkerung – hier zum Kernthema der AfD: Einem zu laschen, untauglichen bis korrupten Rechtstaat; mit Verfassungsschützern als „Täterschützern“, “linken Gutmenschen“ oder „verantwortungslosen“ Naivlingen.

Er wird auch sichtbar darin, dass die Medien seit 20 Jahren bis zur Hysterie die Bevölkerung dadurch aufputschen, dass sie jedes Mal wie einen “Skandal” über statistisch eben  unvermeidliche Fehler hin und wieder (angesichts der Masse von Bearbeitungsfällen) bei bspw. Jugendämtern berichten. Oder bei der Polizei, wenn es bspw. um “Flüchtlinge” geht: Sodass es für den ebenfalls hier in Wahrscheinlichkeitsrechnung ungebildeten Bürger wie systematische Korruption, Verschwörung oder Untauglichkeit des ganzen Rechtstaats aussieht. Ein spezieller Effekt: Kaum ein Jugendamt oder Gericht traut sich im Augenblick noch zu rechtstaatlichen oder objektiven Entscheidungen, um dem Damoklesschwert von Medienskandalisierung zu entgehen. Auch hier aus der Ursache, weil die Medien systematisch  n i c h t  auch die statistisch mächtigere andere Seite der Bilanz berichten. Um den gefährlichen Effekt auf die Bevölkerung zu vermeiden, nicht irgendwann bspw. Gerichtsgutachter, Jugendamtsmitarbeiter oder Verfassungspatrioten totzuschlagen – könnte man nur auf jeden Behördenfehler, der berichtet wird, die 19  anderen Fälle ebenso spektakulär ins Bild setzen, bevor man sich über  den nächsten vorkommenden  F e h l e r wieder ausbreiten dürfte: Damit der Zeitungsleser ein realistisches   Gespür  behält - und damit beim Bürger auch nur kein rechtstaatsfeindliches Bild entsteht. 

Wenn die Medien allerdings noch weitere 20 Jahre - wie vor ca. 20 Jahren als "Hype" begonnen - nur von “pädophilen“ Wiederholungstätern  „muslimischen“ Brandstiftern und ausländischen Vergewaltigern berichten durch untaugliche Ämter oder den “zu toleranten" Staat - dann führen sie den gleichfalls blinden Bürger für Statistik über diese Jahre systematisch („steter Tropfen höhlt den Stein“) an den Rand eines Nervenzusammenbruchs: Bis er irgendwann die Ämter mit Mistgabeln stürmt, und  Pädophile, Inlandsmuslime oder ausländische Immigranten lyncht.

Schlussbemerkung

 

Als Fazit am Ende noch einen sehr, sehr ernsten Punkt: Der objektiv nichts anderes überführt, als dass selbst das pseudointellektuelle Bashing der Medien „gegen AfD“ nichts anderes ist als jedes andere quotenbringende Bashing gegen diese oder jene Gruppe - für den Unterhaltungskick,  für „Brot und Spiele“. Denn über was mokieren sie sich eigentlich? Die AfD ist doch just die Antwort darauf, was ihre Reportagen beklagen:

Wenn es bspw. von „gefährlichen“ Pädophilen und lauter Männertätern (feministische und linke Lobbies, GRÜNE), Muslimterroristen (christliches Lieblingsreizthema) und „kriminellen Ausländern“ (CDU) nur so wimmelt, weil der Rechtstaat als Schranke gegen Nazi-Justiz sie zu sehr „schützt“: na, dann muss der Rechtstaat eben weg! Dann hat die AfD ganz recht?

Wenn das Mehrparteiensystem - dessen Spaltungen von den Medien noch wie Sportwettbewerbe „Team A gegen Team B“ übertrieben werden - dabei nichts zur Lösung der großen Probleme der Zeit zuwege bringt in seiner von den Medien noch polarisierten Uneinigkeit – na, dann braucht es eben die Höcke´sche Hinwegschaffung des Parteiensystems, und seine rechte Notstands-Regierung der „nationalen Einheit“.

Selbst ich würde wohl eines Tages AfD wählen, wenn am Ende auch ich den genannten Mediensuggestionen keine Wirklichkeit mehr entgegen zu setzen wüsste: Die Medien haben der AfD in der Bevölkerung ein schier unerschöpfliches Reservoir durch die beschriebenen 9 Fehlleistungen geschaffen - das sie noch sehr lange nicht vollständig abgefischt haben wird.

Michael Griesemer ist ein deutscher Psychologe in freier Praxis. Sein Büro für Forensik, Prognostik und Entwicklungspsychologische Intervention, bietet unter anderem Diagnostik, Therapie und Beratung und auch Begutachtung.

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