Frage nach Abtreibungsrecht

Abtreibung: Bin #ProChoice weil ich monistisch, religiös und rechtlich #ProLife bin

01.07.2022 - Dr. Michael Blume

In den letzten Tagen haben mich zahlreiche Anfragen erreicht, wie ich “denn selbst” zur Frage des Abtreibungsrechtes stehen würde – als Religionswissenschaftler (“Steht das nicht so in der Bibel?”), als Christ (“Müssen Sie nicht Abtreibung als Mord verstehen?”), als Ehemann in einer interreligiösen Ehe, als Vater dreier Kinder und als Demokrat (“Was sagt denn das Grundgesetz?”).

Auch auf Twitter gab es Interesse und so diskutierte ich heute morgen auch noch einmal mit Zehra das Thema.

Also, hier gerne meine Position jeweils weltanschaulich-philosophisch, christlich-religiös und demokratisch-rechtlich dargestellt.

Weltanschaulich-Philosophisch: Freiheit, um Leben zu schützen

Eine ganz einfache Definition des Monismus lautet, dass alles mit allem in erforschbarer Weise zusammenhängt. Und das bedeutet eben auch: Wer diese Komplexität durch irgendeinen Gut-Böse-Dualismus reduziert, richtet Schaden an. Hier konkret: Wer Abtreibung als “absolut böse”, ja als “Mord” definiert, muss andere Güter – wie die körperliche und seelische Gesundheit der Mutter, Traumata durch Vergewaltigungen u.a. – hintanstellen. Wir sehen das auch darin, dass viele selbsternannte “Lebensschützer” wenig gegen Armut, fehlende Kranken- und Sozialversicherung für Mütter, privaten Waffenbesitz usw. einzuwenden haben. Echter Lebensschutz lässt sich aber nicht auf eine Dimension reduzieren.

Auch diese dualistische Komplexitätsreduktion führt zu brutalen, ja menschenverachtenden Widersprüchen – beispielsweise dem, dass Mütter gemeinsam mit ihren ungeborenen Kindern sterben, Väter ihre Sexualpartnerinnen mit der Schwangerschaft alleine lassen oder ein minderjähriges Opfer von Vergewaltigung mehrfach und schwerer “bestraft” wird als ein erwachsener Täter. Und die historische Erfahrung zeigt entsprechend: Wo Abtreibungen strafbewehrt verboten wurden – wie in der frühen Bundesrepublik Deutschland, in Irland oder auch in den USA vor Roe vs. Wade (1973), starben unzählige Mütter und Kinder bei der Geburt oder auch bei illegalen Abtreibungen, kam es zu Korruption, Heuchelei und sog. “Abtreibungstourismus”. Wären Regierungen von US-Staaten wie Texas tatsächlich “proLife”, dann würden sie nicht hohe Müttersterblichkeit, Armuts- und Mordraten, Gewalt und Rassismus hinnehmen.

Absolute, dualistische Verbote weisen also nicht nur weltanschaulich-philosophische Widersprüche auf, sondern scheiterten auch historisch-empirisch – und werden dies, etwa im erwähnten Texas, auch wieder tun.

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Ob Religion, Weltanschauung oder Philosophie: Jeder Gut-Böse-Dualismus reduziert m.E. die reale Komplexität dermaßen, dass Leben am Ende nicht gefördert, sondern bedroht wird. Link zum Deutschlandfunk-Radiointerview. Screenshot: Michael Blume


Christlich-Religiös: Was sagt die Bibel?

Im dualistischen Denken gibt “die Religion” eine Antwort, die dann nur als gut oder böse entweder unbedingt angenommen oder strikt abgelehnt werden kann. Doch für Monist:innen ist klar, dass dies Quatsch ist, weil sich jede religiöse Tradition aus immer neuen Auslegungen speist und schon deswegen gar nicht die einzige Quelle für weltliches Recht sein kann.

Selbst wenn in der Bibel also ein völliges Abtreibungsverbot stünde, müsste sich die Auslegung damit immer wieder auseinandersetzen. Tatsächlich findet sich ein solches Verbot im Text der hebräischen Bibel aber auch gar nicht. Es gibt keinen biblischen Satz wie “Abtreibung ist Mord” – im Gegenteil. Die meisten jüdischen Gelehrten verweisen auf die Thora, 2. Moses 21, 22, wo es heißt:

“Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass ihre Kinder abgehen, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann muss der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er muss die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.”

Hier wird also der “Abgang” ungeborener Kinder ausdrücklich nicht als Mord definiert, auch nicht als fahrlässige Tötung – sondern als ein Schaden am Besitz des Mannes (!), der mit einer Geldbuße (!) abgegolten werden solle.

Die Tötung eines bereits geborenen Kindes oder gar einer Mutter wäre dagegen laut biblischem Text durchaus Mord und wie übrigens auch Vergewaltigung grundsätzlich mit dem Tode zu bestrafen.

Fast alle jüdischen Religionsgelehrten – nicht nur liberaler, sondern auch konservativer und orthodoxer Tradition – erkennen daher ein Recht auf Entscheidungsfreiheit (pro Choice) an, einige sprechen gar von einer Pflicht zur Abtreibung, wenn das Leben der Mutter in Gefahr sei. Das geborene Leben sei biblisch-halachisch deutlich höher gewichtet als das ungeborene. Und auch schon der traditionelle Islam kennt eine Fristenlösung (40 Tage).

Auch das evangelische Christentum betrachtete Fragen der Sexualethik lange als private Entscheidungen der Eltern – viele Dualisten (wie Martin Luther) betrachteten es freilich als Pflicht der Frauen, auch auf Kosten der eigenen Gesundheit viele Kinder zu gebären.

Auch in den letzten Tagen las ich immer wieder schräge Verallgemeinerungen wie “christliche Ayatollahs” oder “amerikanische Taliban”, die die komplexe Realität ihrerseits auf simple anti-islamische Feindbilder reduzieren. Aber: Alle fünf Anti-Abortion-Judges des Supreme Court of the United States (SCOTUS) waren katholisch; ebenso wie übrigens auch US-Präsident (POTUS) Joe Biden, der für das Recht auf Abtreibung eintritt. Selbst den Begriff “konservative Richter” finde ich allzu unpräzise, denn diese Mehrheit änderte ja teilweise gegen ihre eigenen Worte bei den Senatsanhörungen eine jahrzehntealte Rechtspraxis, die von breiten Mehrheiten der Bürger:innen befürwortet wird. Das ist nicht konservativ – das ist schlichtweg dualistisch und frauenfeindlich.

Denn selbst fundamentalistische Strömungen wie die Southern Baptists in den USA interessierten sich lange kaum für Sexualethik, sondern kämpften beispielsweise gegen “Rassenvermischung”. Erst Jahre nach Roe v. Wade begannen – wie etwa Annika Brockschmidt aufgezeigt hat – katholische und evangelische Dualisten angesichts der Pille, des säkularen Geburtenrückgangs und der Angst vor dem Verlust der “weißen Mehrheit” rassistische und frauenfeindliche Feindbilder zunehmend zu verknüpfen: Erst ab jetzt wurde zunehmend gemeinsam behauptet, Abtreibungen wären ein Teil der angeblichen satanischen, feministischen und oft auch jüdischen Weltverschwörung, um das weiße, US-amerikanische Christentum zu schwächen. Heute firmieren ebendiese längst globalisierten Verschwörungsmythen unter Begriffen wie #GreatReplacement oder #WhiteGenocide, die auch immer wieder von Terroristen angeführt werden (zuletzt auch in Ulm). Und, ja, auch im Jubel über die Aufhebung von Roe v. Wade wurde Donald Trump von begeisterten Anhänger:innen rassistisch dafür gefeiert, #WhiteLife – weißes Leben – geschützt zu haben.

Auch historisch-empirisch ergibt sich daher ein klares Bild: Wer Anti-Abtreibungs-Dualist ist wird öfter und stärker auch zu rassistischen, islamfeindlichen und antisemitischen Dualismen tendieren. Anstatt etwa die Gründe von Säkularisierung und Geburtenrückgang ernsthaft und dialogisch zu erforschen und beispielsweise mit lebensförderlicher Familienpolitik wie in Frankreich oder Schweden tätig zu werden, werden “bequeme”, dualistische Feindbilder konstruiert und Migranten, Feministinnen, Juden, “Kulturmarxisten” der “Verschwörung” bezichtigt.

Das schützt kein Leben – es gefährdet, ja vernichtet Leben.

Auch die Vorstellung einer einheitlichen Haltung “der Bibel” oder gar “der Religion” ist entsprechend dualistischer Blödsinn: Tatsächlich werden Texte und Traditionen immer wieder neu ausgelegt und gab es in der ganzen Religionsgeschichte keinen Moment, in dem Gelehrte “der Bibel” oder auch nur Christ:innen einheitlich Abtreibung als Mord gelesen hätten. Das steht im Text auch einfach nicht. Dieser Anti-Abtreibungs-Dualismus wird vielmehr in die Bibel und die Religionsgeschichte hineingelesen – um Feindbilder und Verschwörungsmythen stark zu machen.

 

Rechtlich-politisch: Was sagt die Verfassung?

Schließlich gibt es Menschen, die das Thema gar nicht religiös, sondern von der jeweiligen Verfassung her diskutieren. Und, ja, es lässt sich durchaus trefflich streiten, ob die Founding Fathers / Gründungsväter der USA solche Entscheidungen nicht eher den Bundesstaaten als dem SCOTUS von 1973 überlassen hätten oder wie die Väter und Mütter des Grundgesetzes nach dem Schrecken des NS-Staates (samt Zwangsabtreibungen und Massenmorden) über Abtreibung dachten.

Nur: Auch das kann nur eine Quelle der Rechtsfindung sein, denn ganz genau so wie religiöse müssen auch politische (zivilreligiöse) Texte immer wieder neu gelesen werden. Als das “Recht auf Waffentragen” im Rahmen einer “gut-regulierten Miliz” in die US-Verfassung aufgenommen wurde, gab es noch keine automatischen Schnellfeuergewehre – und schon gar keine atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffe.

Und auch der – dann auch ins deutsche Grundgesetz übernommene – Begriff der “Pressefreiheit”, “freedom of the Press” geht ausdrücklich auf die Verbreitung der Druckerpresse zurück. (Politik- und Religionsgeschichte: Joseph Smith, der Gründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tagen – Mormonen – wurde während seiner US-Präsidentschaftskandidatur am 27. Juni 1844 nach einem Streit über eine oppositionelle Druckerpresse von einem Mob erschlagen.) Ich kenne keine einzige Juristin und keinen Juristen, die behaupten würden, dass Pressefreiheit auf elektronische Medien wie Radio und Film bzw. auf das Internet nicht anwendbar sei, weil dabei doch gar keine Druckerpressen mehr zur Anwendung kämen.

Recht lebt interdisziplinär. Mit Professorin Maren Urner bei den 22. Karlsruher Verfassungstagen am 24. Mai 2022 im Bundesverfassungsgericht vor einem Porträt von BVG-Richter Roman Herzog (1934 – 2017). Foto: Michael Blume

 

Also auch hier: Gesetzestexte werden ganz genau so wie religiöse Schriften immer wieder neu gelesen und idealerweise monistisch gedeutet. Die Alternative wären dualistische Deutungen, die die Geschichte und Gegenwart absurd verzerren: Recht auf Biowaffen-Besitz? Keine Pressefreiheit für Medien im Internet?

Ob wir uns also als tief religiös oder völlig religionslos verstehen – wir werden immer wieder auf die Frage zurückgeworfen, ob wir alte Texte, Traditionen und letztlich die Geschichte monistisch, relativistisch oder dualistisch lesen. Es gibt kein Entkommen aus der Frage nach unserer je eigenen Weltanschauung.

 

Fazit

Wer Ihnen gegenüber behauptet, “nur die Bibel” oder “nur die Verfassung” zu vertreten, ist entweder ignorant oder lügt bewusst. Jeder Text und jede Tradition müssen immer wieder neu ausgelegt (Fachwort: “kontextualisiert”) werden. Und das passiert auch ständig. Dass jede Abtreibung ohne Fristen = Mord sei war niemals einheitliche, religiöse oder “konservative” Deutung und wird auch heute noch fast ausschließlich von christlichen, v.a. katholischen Dualist:innen vertreten. Die US-amerikanische ProLife-Lebensschützer-Bewegung bezog sich nie auf gemeinsame, religiöse Traditionen, sondern stets auf das Feindbild angeblicher linker, feministischer, satanistischer und oft jüdischer Superverschwörer. Entsprechend kämpften diese Leute auch kaum für Mutterschaftsurlaub, Krankheits- und Sozialversicherungen, bessere Beratungsangebote, gegen Armut und die Verbreitung von Waffen – sondern stets nur gegen das Recht von Frauen auf ihre eigenen Entscheidungen.

Deswegen ist für mich ganz klar: Wer – wie ich – Leben wirklich bewahren und schützen möchte, muss sich monistisch und demokratisch gegen jeden Dualismus an die Seite der werdenden Mütter stellen, ihnen Unterstützung – wie Mutterschaftsurlaub, Kranken- und Sozialversicherung, Beratung, Kindergeld – anbieten und ihre Entscheidungen über ihren Körper und das werdende Leben darin durch großzügige Fristenlösungen und medizinische Indikation respektieren. Es bedeutet umgekehrt übrigens auch, dass werdende Mütter über Abtreibungen informiert, aber nicht dazu gedrängt werden dürfen.

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Pro Choice, für das Recht auf Abtreibung, weil ich monistisch für das Leben bin. Tweet von heute, Screenshot: Michael Blume

 

Zu meinen Vorbildern als Christ, als Demokrat und Monist gehört Dr. George Tiller (1941 – 2009). Der Arzt führte auch Spätabtreibungen nach Beratungen durch, um das Leben der Mütter zu schützen. Er wurde am 31. Mai 2009 ermordet – am Sonntagmorgen in der reformiert-lutherischen Kirche, in der er auch ehrenamtlich tätig war.

Dr. Tiller war ein Kämpfer für das Leben. Er hat nicht gemordet, er wurde ermordet. Ich meine, er hat das Christentum monistisch verstanden und gelebt – und damit besser als all diejenigen, die es zur Rechtfertigung von Verschwörungsmythen, Hass und Gewalt heranziehen. Ich meine, Tiller hatte Recht.

 

 

Erstveröffentlichung: scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u. v. m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

 

 

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