Rezension

Achterbahn

01.06.2019 - Dr. Burkhard Luber

"Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur; wie mit allem Profunden, es sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig: Je tiefer man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor." (Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen. Zitat auf Seite 15 des Buches)

 

Nach dem “Höllensturz” nun die “Achterbahn”! Mit den Titeln dieser beiden Bücher von Ian Kershaw zur europäischen Geschichte im 20. und 21. Jahrhundert sind die Generalthemen seiner Betrachtung der europäischen Geschichte gesetzt. Nach seiner Beschäftigung mit der Geschichte Europa zwischen den beiden Weltkriegen setzt Ian Kershaw seine historischen Reflexionen über den europäischen Kontinent mit diesem Buch fort. Sehr illustrativ beginnt und endet sein Buch mit zwei politischen Landkarten: Die erste, vordere Karte zeigt das politische Profil Europa im Jahr 1950, die letzte, hintere Karte präsentiert das politische Europa im Jahr 2018. Was in diesen 68 Jahren in Europa geschehen ist, ist das Thema von Kershaws neuestem Buch. Die Fülle des Stoffes ist also eindrucksvoll und es ist Kershaws großer Verdienst, mit viel Energie und Geduld die Fülle der europäischen Ereignisse in dieser Zeitspanne darzustellen. Wenn man die beiden Landkarten betrachtet, wird evident, dass die Existenz und später das Ende des Ost-West-Konfliktes wohl der am meisten prägende Faktor in der jüngsten europäischen Geschichte gewesen ist.

Europa-Philie ist allerdings Kershaw fremd. Skeptisch äußert er sich zum Optimismus seines Kollegen Tony Judt, “das 21. Jahrhundert könnte das Jahrhundert Europas werden”. Demgegenüber verweist Kershaw unter anderem auf den Aufstieg nationalistischer, fremdenfeindlicher Parteien in vielen europäischen Ländern und dass Europa als Kontinent immer mehr unter den Schatten des globalen Dominanzstrebens von China gerät.

So viele Veränderungen über nur zwei Generationen angemessen darzustellen ist eine beachtliche schriftstellerische Herausforderung, die Kershaw jedoch eindrucksvoll meistert. Kapitel um Kapitel dringt er jeweils zu den am meisten signifikanten Geschehnissen vor und weist ihre Relevanz für die europäische Geschichte nach. Besonders prägnant werden hier dargestellt:

- Das atomare Gleichgewicht des Schreckens, das den Ost-West-Konflikt bis 1989 so nachhaltig prägte

- Die Konsolidierung der demokratischen Verfassungen und Institutionen in Westeuropa und darunter die ja nicht selbstverständliche Re-Konstitution der deutschen Bundesrepublik

- Das Ende des europäischen Kolonialismus und das Etablieren der sog. “Dritten Welt” als eigenständiger, von Europa unabhängiger Faktor (Stichworte: Indien und Ägypten)

- Der Aufstieg des Sozialstaats und die neu sich bildende Konsumgesellschaft

- Die immer stärker werdende Integration Westeuropas

Neben den politischen Großereignissen stellt Kershaw auch kulturelle Entwicklungen dar: Albert Camus, Heinrich Böll, Günter Grass, George Orwell und Paul Sartre werden gewürdigt, ebenso die Pop-Musik und die Beatles.

Kershaws besondere Gabe ist es, auf markante Entwicklungen in der von ihm dargestellten Epoche hinzuweisen: Der Einfluß des neuen Medium Fernsehen, die Studentenrevolte und der Aufstieg der grünen Bewegung. Und schließlich widmet er natürlich ein längeres Kapitel dem Untergang der Sowjetunion und der Neuordnung Osteuropas mit seinen nun unabhängigen Republiken und dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Ganz aktuell schließt der Autor sein Buch mit einem Ausblick auf das Thema “Brexit”.

Kershaw hat eine eindrucksvolle Monographie geschrieben, einen umfassenden Kommentar zu den Geschehnissen in Europa, die sonst nur sehr punktuell und oft nur in Zeittafeln dargestellt werden. Trotzdem bleibt eine bedauerliche Leerstelle in seinem Buch: Es enthält viel Beschreibungen, ausführliche Analysen aber es fehlen eingehendere Kommentare zu den Geschehnissen, die die Hintergründe beleuchten und das, was in diesen Jahrzehnten in Europa passiert ist in ein überzeugendes politologisches Raster bringen. Das hätte sich der Leser bei einem so intensiv beobachtenden Geist wie Ian Kershaw doch gewünscht.

Gebundenes Buch "Achterbahn"

Ian Kershaw: Achterbahn. Europa 1950 bis heute. Deutsche Verlags-Anstalt. 2019. 828 Seiten. 38 Euro


 

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