Ausgabe #170

Ängstliche Dynamiken

01.02.2022

Liebe Autorinnen und Autoren,
liebe Leserinnen und Leser,

während die Omikron-Variante für den Frühling relativ positive Veränderungen zu versprechen scheint, bleibt die faktische Entwicklung unserer Welt, einschließlich der eher wenig vertrauenserweckenden Entscheidungen unserer Politiker, unberechenbar.

Angesichts des großen Meeres an Informationen und Fehlinformationen im Internet (und anderen Quellen) ist es nicht verwunderlich, dass die Verunsicherung und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Medien, der Regierung und allen anderen "Einflussnehmern" nicht gerade abnimmt. Die Frage, welche Informationen es verdienen, zensiert oder komplett gelöscht zu werden, war wohl noch nie so fordernd wie heute. Welche Art von Informationen kann man getrost als "Fake News" bezeichnen–und warum? Wo ziehen wir die Grenze? Ist der neueste Trend–Künstler, die große Plattformen wie Spotify dazu drängen, bestimmte Konversationen zu löschen, um die Verbreitung von "Fehlinformationen" zu stoppen–der richtige Weg? Ist dies eine Form des zivilen Protests im Namen der Wissenschaft bzw. der Nächstenliebe, oder eher ein gefährlicher Versuch, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, und somit etwas, was früher oder später für böswillige Machenschaften missbraucht wird?

Wann immer ich versuche, einen gesellschaftlichen Kommentar zu schreiben oder gar eine ermutigende Botschaft zu formulieren, gebe ich mir Mühe, sowohl die Macht unserer Wahrnehmung als auch die Rolle der vielfältigen Umweltfaktoren, auf die wir wenig oder keinen Einfluss haben, zu berücksichtigen. Es ist nicht möglich, jeden Leser aus allen sozialen, wirtschaftlichen, beruflichen und kulturellen Bereichen anzusprechen, ohne stets zu bedenken, wie viele verschiedene Faktoren unsere individuelle Lebenserfahrung beeinflussen.

Es gibt nur wenige Aussagen, von denen man behaupten könnte, dass sie "universell wahr" sind, doch würde ich annehmen, dass folgende eine davon ist: Ein Hauptmotivator der menschlichen Psyche–und somit des gesamten Weltgeschehens–ist Angst. Wir fürchten Veränderungen, weil sie Verlust bedeuten könnten. Wir fürchten die Reaktionen anderer Menschen, weil wir den Schaden, den sie uns zufügen könnten, eventuell nicht verkraften werden. Wir fürchten in den Medien verbreitete Sichtweisen, weil sie zu Massenbetrug führen könnten.

Was ich persönlich nicht vergessen möchte, ist, dass es tatsächlich Personen (oder Personengruppen) gibt, die–unbewusst oder aber ganz absichtlich–andere Menschen gern verängstigt sehen, zumal verängstige Menschen sich besser kontrollieren lassen. Diese Dynamik kann es im kleineren Rahmen geben, wie in einer missbräuchlichen Beziehung zwischen zwei Menschen, oder im großen Rahmen, wie beim Umgang der Regierung eines Landes mit seiner Bevölkerung.

Eine Person, die Angst vor den aggressiven Reaktionen eines anderen hat, ist leichter zu kontrollieren, zu manipulieren und weiter zu entkräften–ebenso wie eine Bevölkerung, die durch Angst destabilisiert und aufgrund unterschiedlicher Meinungen gespalten ist.

Jene Menschen und Menschengruppen, die–aus welchem Grund auch immer–Angst verbreiten, sind dabei natürlich von ihren eigenen Ängsten getrieben. Sie haben Angst vor dem Verlust ihrer Existenz, ihrer Privilegien, ihres altvertrauten Lebens, ihrer vermeintlichen Sicherheit. Angst an sich ist selbstverständlich nicht unser Feind, sondern in erster Linie lediglich eine natürliche Reaktion auf das Leben. Fehl leitend oder gar gefährlich wird es allerdings, wenn Angst zur Grundlage unserer Entscheidungen wird.

In vielen verschiedenen Kontexten–politischen, psychologischen, sozialen–kann uns die Angst regelrecht in eine sklavenähnliche Mentalität traumatisieren. Was zur Befreiung nötig ist, ist die Entdeckung dessen, was noch übrig bleibt, wenn selbst unsere tiefsten Ängste wahr geworden sind. Ängste werden unser Verhalten diktieren, bis wir ihren Ursprung, ihren Zweck und ihre Sinnhaftigkeit verstehen. Welche unserer Ängste sind zielführend? Und ist das, was wir als "Sicherheit" wahrnehmen, tatsächlich sicher?

Das Gegengift zur Angst ist Verstehen, so wie das Gegenmittel zur Dunkelheit das Licht ist.

Wie immer hat unser Magazin die Absicht, ein relativ breites Spektrum an Themen und Interpretationen unserer Welt durch die Texte verschiedener Autoren zu vermitteln. Und wie immer hoffe ich, dass die Artikel dieses Monats dazu beitragen werden, dass wir die Perspektiven anderer besser verstehen.

Beste Grüße,
Olivia Haese

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen