Gedicht

Allein unter vielen

01.08.2016 - Eva Vos

Allein unter vielen.
In der Gemeinschaft isoliert.
Inmitten von Menschen.
Fühlt er sich getrennt.
Von anderen die doch ganz nah sind.
Aber eben nur oberflächlich.
Von außen sieht es aus wie eine Gruppe.
Keiner bemerkt, dass einer nicht dazu gehört.
Er wird still und schweigt über sein Leid.
Lange. Viele Jahre.
Ausgegrenzt.
In seiner Einsamkeit verbindet er sich mit Gleichgesinnten.
In dem er über sie liest und sich informiert.
Er spricht nicht mit ihnen, sie kennen ihn nicht.
Doch sie füllen in ihm ein Loch der Einsamkeit.
Und eines Tages fasst er einen Entschluss.
Er möchte so sein wie sie. Dann ist er ein Held.
Ein Held in seiner Gedankenwelt.
Er stellt die Gerechtigkeit her, die ihm viele Jahre gefehlt hat.
In dem er unschuldige Menschen dafür benutzt.
Menschen, die einfach gerade da waren, als er schießt.
Ist es Genugtuung, während er auf der Straße steht und die Macht über alle hat?
Einmal der Stärkere zu sein, einmal Macht zu haben?
Es wird das Letzte sein was er in seinem Leben tut.
Es ist ihm gleichgültig, so lange es Gerechtigkeit gibt.
Und weil niemand sonst dafür sorgt, musste er das tun.
Es war sein einziger Ausweg aus der Ohnmacht und Einsamkeit.
Jetzt hat er es vollbracht und eine Welt steht fassungslos am Fenster.
Warum? Warum hat er das getan? Warum musste das geschehen?
Werden wir darüber nachdenken?
Der Schreck sitzt noch in unseren Gliedern.
Und wahrscheinlich werde ich jetzt dafür ausgebuht, wenn ich sage, ich habe Mitgefühl.
Mitgefühl mit dem Täter, der zu solch grauenhafter Tat fähig war.
Denn wir haben ihn dazu gebracht. Wir, die Gesellschaft.
Wir haben ihn nicht gesehen in seinem Leid und in seiner Einsamkeit.
Wir haben nicht gesehen wie er durch seine Mitschüler gequält wurde,
indem er ausgegrenzt und gemobbt wurde.
Werden wir in Zukunft besser hinsehen?
Werden wir eingreifen und die eigentlichen Täter zur Rechenschaft ziehen?
Die, die unentwegt und dauerhaft grausam sind, weil sie Kinder ausgrenzen?
In dem sie sie lächerlich machen, sie bloßstellen und alleine lassen?
Weil sie selbst einen niedrigen Selbstwert haben?
Werden wir erkennen, dass wir, bevor er selbst den Richter und Henker spielt,
die eigentlichen Übeltäter zur Rechenschaft ziehen müssen?
Nur so können wir weitere Taten dieser Art verhindern.
Nur so können wir unglücklichen Kindern eine Schulter zum anlehnen geben.
Nur so können sie erfahren, dass sie nicht alleine sind.
Dass es Menschen gibt die sie verstehen und für sie da sind.
Das ausgegrenzte Kind fühlt sich dafür schuldig, dass es ausgegrenzt wird.
Doch es ist nicht schuld.
Es ist der Neid, der fehlende Selbstwert,

die eigenen nicht erfüllten Bedürfnisse an Liebe,
die Kinder dazu bringen andere auszugrenzen.
Und jetzt wacht auf. Mitgefühl für die Opfer, das ist selbstverständlich und unglaublich wichtig.
Doch wir müssen erkennen. Der Täter war bevor er zum Täter wurde selbst ein Opfer.
Deswegen habe ich Mitgefühl mit ihm.
Ich wünsche mir eine Welt in der wir alle uns an den Händen halten.
ALLE.
Würden wir dann einen Kreis einmal um die Erde schaffen?
Jeder darf mitmachen, ob Diktator oder Massenmörder.
Denn alles ist begründet auf derselben Ursache.
Fehlende Liebe.
Liebe.
Und wenn wir uns nun alle an den Händen halten spüren wir sie wieder und wir können sie weitergeben.
Die Liebe.
Dann müssen wir nicht mehr morden, keine Macht mehr ergreifen.
Dann wissen wir, wir werden geliebt.
Tritt ein Stück zur Seite und schaue ob du immer noch so denkst wie zuvor.
Konnte ich deinen Blick auf den Täter verändern? Ihn rehabilitieren und Verständnis auslösen für all die vernachlässigten Wesen auf dieser Erde?
Eltern, Lehrer, Priester.
Schaut auf diese Menschen und integriert sie in die Gemeinschaft in der ihr lebt.
Unabhängig von Leistung, Aussehen und sozialem Status.
Nur wenn wir Erwachsenen das vorleben können unsere Kinder es nachmachen.
Und wenn ihr ehrlich zu euch selber seid, nehmt ihr jeden Menschen an so wie er ist?
Öffnet ihr euren Kreis, wenn jemand hinzutreten möchte?
Reicht ihr ihm die Hand und ein offenes Ohr?
Solltet ihr das nicht, seid auch ihr ein Täter.
Wenn ihr euch also die Frage stellt wie jemand zu so etwas in der Lage ist.
Denkt an die Liebe.
Und nehmt seine Eltern tröstend in den Arm. Auch sie haben ihren Sohn verloren.
Niemand ist freiwillig ein Täter.
Und niemand freiwillig ein Opfer.
In Gendenken an ALLE Opfer.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen