Rezension

Alzheimer ist heilbar - Rechtzeitig zurück in ein gesundes Leben

15.11.2015 - Dr. Burkhard Luber

Die Prognosen sind düster: Die Alzheimer-Krankheit ist bereits auf Platz drei der häufigsten Todesursachen gerückt. Jede zweite Frau und jeder dritte Mann wird In den nächsten zehn Jahren an Alzheimer erkranken. Alzheimer ist eine fortschreitende Gehirnerkrankung, die mit nachlassenden Gedächtnisleistungen beginnt und Zug um Zug den Patienten inaktiver und immobiler werden lässt, bis er zum Schluss ohne dauernde fremde Hilfe nicht überleben kann. In der Mainstream-Medizin gilt Alzheimer als irreversibel und unheilbar.

Dieser Auffassung stellt sich Nehls engagiert entgegen. Für ihn ist Alzheimer eine Mangelerkrankung, die - in unserer modernen Zivilisation begünstigt - durch falsche Lebensweise hervorgerufen wird. Ändert man seinen falschen Lebensstil, so argumentiert Nehls, kann der Ausbruch von Alzheimer verhindert und in günstigen Fällen eine entstandene Alzheimer-Erkrankung sogar geheilt werden.

Für diese kühne These, die allem widerspricht, was ansonsten medizinisch zu Alzheimer formuliert wird, holt Nehls sehr weit aus. Ausführlich nimmt er zur Frage der Verursachung von Alzheimer Stellung und seine Empfehlung zur Vermeidung bzw. Heilung füllen viele Kapitel seines Buches. Seine Argumentation wird der Pharma-Industrie sicher nicht gefallen, denn der Anti-Alzheimer-Schlüssel liegt bei Nehls nicht in einem wundersamen Medikament sondern im Lebensstil. Diese argumentative Provokation sieht der Autor natürlich auch selber: Wenn es nach Nehls so ist, dass Alzheimer keine medikamentös heilbare aber vermeidbare Mangelkrankheit ist, stellt das natürlich die gesamte Alzheimer-Forschung und Gesundheitsindustrie in Frage.

Die Alzheimer-Erkrankung beginnt laut Nehls in einem eng begrenzten Bereich des Gehirns, dem Hippocampus. Diese spezielle Gehirnregion ist die Zentrale für das Speichern unserer persönlichen, autobiografischen Erinnerungen. Wenn dort, im Hippocampus, die Entstehung neuer Gehirnzellen, die unsere geistige Fitness fördern, verhindert wird, entsteht Alzheimer. Diese Verhinderung von Neurogenese im Hippocampus führt Nehls auf unsere ungesunde Lebensweise zurück (schlechte Ernährung, zuviel Stress, Bewegungs- und Schlafmangel) und es verwundert bei diesem Befund nicht, wenn Nehls´ Empfehlungen zur Vermeidung von Alzheimer sich durchweg an Veränderungen unseres Lebensstils orientieren.

Dazu holt Nehls weit aus. Förderlich für die Neurogenese der Hippocampus-Region ist alles, was uns Freude bereitet. Aber auch neue Aufgaben im Leben, Hobbys, soziale Aktivitäten kommen dem Hippocampus entgegen. Nehls reiht Vorschlag an Vorschlag, wie man durch die positive Hippocampus-Stimulierung Alzheimer vermeiden kann: Yoga, Meditation, das Verhindern von Einsamkeit (“Alleinsein verdoppelt das Alzheimer-Risiko”), regelmässige Bewegung im Freien, soziales Engagement, spezielle Trainingseinheiten fürs Gehirn. Sich zu Schonen ist absolut zu vermeiden, weil andernfalls die neuen Nervenzellen im Hippocampus bei Nicht-Nutzung gleich wieder absterben.  Da die Neurogenese im Hippocampus übernacht erfolgt, muss man ausserdem auf genügend Schlaf achten und soll drei Stunden vor der Bettruhe nichts mehr essen.
 
Aber diese Strategien für die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus reichen allein noch nicht aus. Der Hippocampus muss auch die richtige Nahrung für die neu zu bildenden Nervenzellen erhalten. Was das bedeutet stellt Nehls in grösster Ausführlichkeit dar, wobei er in seinem Engagement durchaus auch des Guten Zuviel auflistet. Schwerlich wird ein normaler Leser die umfassenden Darstellungen Nehls´ über diverse Ölsorten, die Geheimnisse von Ketokörpern und Spurenelementen oder die Ausdifferenzierung des Cholesterin und Vitamin-D angemessen würdigen können. Hier wäre in der Darstellung Weniger Mehr gewesen.

Selbst wenn Nehls in seiner detaillierten Argumentation recht hat, wäre es aus didaktischen Grünen geschickter gewesen, den Leser nicht mit massiven Details zu überschütten sondern das Wichtigste prägnant zusammen zu fassen. Diese didaktische Schwäche des Buches - unabhängig wie positiv man die medizinische Botschaft von Nehls würdigen mag - überschattet auch das Kapitel zur empfohlenen Körper-Entgiftung und - hier ist dieses Defizit besonders schade - das Kapitel zur Therapie. Es ist einfach unrealistisch anzunehmen, dass sich selbst gutwillige gesundheitsinteressierte Leser auf alle verästelten Blutanalysen, Schwermetalltests und sonstigen körperlichen Status-Kontrollen einlassen, die Nehls als notwendig erachtet. Auch hier fehlt die Priorisierung, die erst dann das besonders Notwendige attraktiv macht statt den Leser in der überwältigenden Detailfülle resignieren zu lassen.

Auch wenn der Rezensent dem Buch manch gute Empfehlung zum gesunden Lebensstil entnehmen konnte - das Buch ist praktisch - sowohl was das Lesen als auch die praktische Anwendung des Gelesen angeht - schwer handhabbar. Das hängt nicht nur mit den oben erwähnten stilistischen Defiziten zusammen, sondern auch mit dem therapeutischen Ansatz von Nehls.

Zugespitzt könnte man sagen: Nehls hat kein spezielles Buch zur Therapie von Alzheimer geschrieben sondern ein allgemeines Buch zur gesunden Lebensweise. Das ist ja nicht verkehrt, aber viele seiner Empfehlungen stehen in fast gleicher Weise auch schon in anderen Büchern zur Krebs-, Diabetes- oder Depressions-Prophylaxe. Bei allen kehren die Warnungen vor Bewegungsmangel, Übergewicht, Schlafmangel, zuviel Dystress, Nikotin- und Alkoholmißbrauch wieder. Nehls mag in seinem Buch differenzierter sein als andere Autoren von Gesundheits-Büchern, aber wirklich neu ist bei ihm “nur” dass er die bekannten Ratschläge gezielt auf die Alzheimer-Vorbeugung bezieht. Da das Buch leider wegen seiner Ausführlichkeit des öfteren regelrecht leseresistent ist, bleibt abzuwarten, welchen Platz es auf dem Regal lebensstilempfehlender Publikationen finden wird.

 



Michael Nehls: Alzheimer ist heilbar. Rechtzeitig zurück in ein gesundes Leben. Wilhelm Heyne Verlag 2015. 320 Seiten. 16.99 Euro

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