Sozialarbeiterin im Interview

Andrea Brem: "Es gibt keine Kultur, in der Gewalt gegen Frauen nicht vorkommt"

15.08.2018 - Patricia Bartos

In Deutschland und Österreich wird jede vierte bzw. fünfte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Dabei bieten Frauenhäuser einen unverzichtbaren Schutz. Diese sind jedoch regelmäßig überfüllt und um finanzielle Unterstützung seitens des Staates muss oft gekämpft werden. DAS MILIEU sprach mit der Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser, Andrea Brem, über die Situation in den Frauenhäusern, den gesellschaftlichen Umgang mit häuslicher Gewalt sowie die Frage, warum die eigenen vier Wände immer noch der gefährlichste Ort für eine Frau sind.

DAS MILIEU: Frau Brem, man hat oft das Gefühl, dass das Thema häusliche Gewalt nur diejenigen interessiert, die direkt oder indirekt betroffen sind. Warum ist das so?

Andrea Brem: Ich teile das nicht ganz, da ich in letzter Zeit immer wieder feststelle, dass die Zivilcourage der Menschen in den letzten Jahren gestiegen ist. Natürlich gibt es Leute, die wegschauen aber es gibt auch viele, die hinschauen und z.B. in der Nachbarschaft oder als Arbeitgeber Hilfe leisten. Da wird dann oft angerufen und gesagt: „Schauen Sie, ich habe da eine Dame, die weist bestimmte Anzeichen auf, wie soll ich nun vorgehen?“ Ich habe jedoch das Gefühl, dass viele Menschen häusliche Gewalt als etwas wegschieben, das in ihrem eigenen Leben nicht passieren kann und das stimmt leider oft nicht. Ich glaube auch, dass sich manche Leute nicht vorstellen können, welches Ausmaß von Gewalt Frauen jahrelang erdulden und erleben, das ist beispielsweise vor Gericht oft problematisch.

MILIEU: Das heißt, die jahrelange Aufklärungsarbeit, die auch Sie in der Öffentlichkeit betrieben haben, hat sich gelohnt?

Brem: Ich denke schon. Wir waren ziemlich stolz darauf, als beim Frauenbarometer in Wien erhoben worden ist, dass die Frauenhäuser mit einer Rate von 99% wirklich sehr bekannt sind. Es spricht sich auch in verschiedenen Communities sehr gut herum. Frauenhäuser sind nicht nur unter deutschsprachigen, hier geborenen Menschen bekannt, sondern auch bei Leuten, die erst kurz hier sind, z.B. im Zuge der letzten Fluchtbewegung. Sie sind beispielsweise auch unter Frauen aus Syrien bekannt.

MILIEU: In Deutschland und Österreich ist jede vierte bzw. fünfte Frau mindestens einmal in Ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt, wobei Frauenhäuser einen unverzichtbaren Schutz bieten. Dennoch gibt es viele Probleme, mit denen die Frauenhäuser konfrontiert sind wie z.B. Überbelastung oder mangelnde Finanzierung. Was sind denn die größten Herausforderungen, vor denen Sie momentan stehen?

Brem: Ich würde sagen die größte Herausforderung liegt bei uns im juristischen Bereich, es ist immer noch sehr schwierig Verurteilungen zu erzielen. Ebenso schwierig ist die Situation nach dem Aufenthalt im Frauenhaus, dass z.B. keine leistbaren Wohnungen gefunden werden, genauso wie die gemeinsame Obsorge. Diese ist an sich eine gute Idee, aber gerade in Familien, in denen es Gewalt gibt, kommt es zu überaus langen Verfahren, die teilweise zwei bis drei Jahre dauern. Oft lebt der Mann in seiner Wohnung und die Frau in einem Frauenhaus oder einer Nachfolgeeinrichtung, wobei sie in einer prekären Situation mit den Kindern lebt. Bei stark gefährdeten Frauen ist es wirklich sehr schwierig sie langfristig zu schützen, das ist ein weiteres großes Problem. Da kommen wir wieder zur Obsorge, denn selbst wenn eine Frau in ein anderes Bundesland oder sogar nach Deutschland zieht und den Namen ändert, sobald der Mann einen Antrag auf Obsorge stellt muss gesucht werden wo die Frau derzeit lebt, damit ist der Schutz nicht mehr gegeben. In diesen Punkten müssen unbedingt neue Lösungen gefunden werden.

MILIEU: Es kommen im Prozess also sogar Namensänderungen vor?

Brem: Ja, nur in den schwerwiegenden Fällen, da das natürlich sehr kostspielig ist. Es ist ein kleiner Teil, aber da fehlen noch immer ausreichend Schutzmöglichkeiten.

MILIEU: Ich habe eben bereits die massive Überbelastung angesprochen, Sie plädieren bereits seit langer Zeit für ein fünftes Frauenhaus in Wien. Was tut man wenn der Fall eintreten sollte, dass eine Frau nicht aufgenommen werden kann?

Brem: Wir nehmen jede Frau auf, das möchte ich stark betonen. Wir haben in Wien auch keine extreme Überbelastung. Es gibt aber immer wieder Phasen in denen wir überbelegt sind, wir hatten dieses Jahr einen Tag mit 23 Notrufen, das ist sehr viel. Es wird immer wieder Situationen geben, bei denen man nicht mehr weiß wo man die Frauen unterbringen soll. Wir haben vor fünf Jahren aber beschlossen, dass uns das egal ist. Wenn eine Frau Hilfe braucht, dann nehmen wir sie auch auf. Die Bewohnerinnen selbst haben auch sehr viel Verständnis, da sie damals auch froh waren, als sie Hilfe bekommen haben. Dadurch, dass wir so viele Plätze haben handelt es sich oft nur um ein paar Tage, an denen sich Frauen ein Zimmer teilen müssen.
Ich möchte es schlichtweg nicht erleben, dass eine Frau, lediglich, weil sie keinen Platz bekommen hat, weiterer oder schlimmerer Gewalt ausgesetzt ist. Wir nehmen auf und schlichten dann eben zusammen. In Wien wird mittlerweile auch ganz laut über ein fünftes Haus nachgedacht und ich denke, dass das in ein paar Jahren realisiert ist. Vielleicht gibt es auch dieses Jahr noch Entscheidungen.

MILIEU: Sie haben eben gemeint, dass es einen Tag mit 23 Notrufen gab. Gibt es Perioden im Jahr, wie z.B. Feiertage wie Weihnachten, an denen es mehr Notrufe gibt als sonst?

Brem: Wir haben bis jetzt nur eine Signifikanz festgestellt: wenn in Medien massiv über die Tötung einer Frau berichtet wird. Wenn die Frauen hören/sehen/lesen, dass eine Frau umgebracht wurde und sie selbst Angst haben, dass sie die Nächste sein könnten, steigen die Notrufe. Eine Zeitlang war Weihnachten auch eine Zeit mit vielen Notrufen, mittlerweile hat sich das aber wieder gelegt. Die WM hat eher gegenteiligen Effekt, früher haben wir gefürchtet, dass mehr passiert, mittlerweile gehen die Notrufe in solchen Phasen zurück.
Letztendlich stimmen solche Thesen für ein, zwei Jahre und im nächsten dann nicht mehr. Was jedoch wirklich Signifikanz hat ist die Berichterstattung in den Medien. Solche Themen werden oft medial sehr ausgeschlachtet.

MILIEU: Würden Sie sich eine stärkere Sensibilität bei der Berichterstattung in den Medien wünschen?

Brem: Auf jeden Fall, wir haben dort dringend Handlungsbedarf. Wir haben Ende August eine Diskussion, bei der wir besprechen, dass es gesetzliche Regelungen geben muss, weil so wie derzeit berichtet wird, geht das einfach nicht. Es wird oft mit Begriffen und victim blaming gespielt, weil z.B. berichtet wird, dass die Frau ihm die Kinder vorenthalten hat. Natürlich will der Mörder sich gut darstellen und der Anwalt will versuchen, dass es kein Mord ist, sondern Totschlag im Affekt. Es werden oft Argumente von dieser Seite gebracht, die die Frau in einem schlechten Licht dastehen lassen und da muss dringend was passieren. Worte wie „Sexattacke“ sind ebenso problematisch, da das Verbrechen sexualisiert wird. „Familientragödie“ ist ein weiteres Wort. Eine Familientragödie ist, wenn z.B. das Kind aus Versehen überfahren wird/aus dem oberen Stock fällt, eine Tötung ist aber Mord und keine Familientragödie.

MILIEU: Gerade bei einem Regierungswechsel steht man möglichen Veränderungen gegenüber. Die neuen Regierungsparteien haben in ihrem Parteiprogramm Frauenpolitik nicht unbedingt großgeschrieben, Gewalt gegen Frauen wird oft in Zusammenhang mit Migration gebracht. Fürchten Sie derzeit negative Änderungen?

Brem: Die negativen Änderungen beginnen sehr oft beim Geld. Opferschutzeinrichtungen sind vertraglich oft schlecht abgesichert. Wenn man jedes Jahr um Gelder betteln muss, dann ist das ein Umstand, der nach 40 Jahren Frauenhäusern unerträglich ist. Dass das immer noch zugemutet wird, ist ungeheuerlich, zum Halbjahr sind beispielsweise oft noch keine Gelder da.
Andererseits haben wir in Österreich in den letzten Jahren gerade rechtlich viel weitergebracht, worauf man stolz sein kann. Man muss aber immer auf der Hut sein, dass diese Errungenschaften nicht verloren gehen, auch abseits von der Politik. Ich denke jede Politik ist auch geprägt von einem Familienbild und wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in der Gewalt gegen Frauen stattfindet. Ich denke es vermischen sich oft Weltbilder/Ideologien, die wir zu spüren bekommen. Fakt ist jedoch, dass die keine Rolle spielen dürfen. Egal welche Regierung das Sagen hat, wir werden natürlich für unsere Klientinnen eintreten. Je schwieriger es in der Politik ist, desto lauter müssen wir auftreten. Ich glaube schon, dass es einen politischen Konsens gibt bzw. dass wir es geschafft haben, dass es von politischer Seite schwierig ist, wenn das Thema nicht ernstgenommen wird. Zumindest hoffe ich das.

MILIEU: Es gibt bei vielen Menschen den Irrglauben, dass häusliche Gewalt an eine soziale Schicht oder Herkunft geknüpft ist. Was entgegnen Sie dieser Meinung?

Brem: Dass es nicht stimmt. Was wir aber schon feststellen ist, dass oft die Form eine andere ist. Der Akademiker weiß, dass er bei einem blauen Auge mit rechtlichen Konsequenzen konfrontiert sein wird. In verschiedenen Kreisen ändert sich die Form der Gewalt häufig. Es gibt dann oft vermehrt Psychoterror: extreme Überwachung, Erniedrigung, Kontrolle, Bedrohungen – also Dinge, die nicht sichtbar sind. Das Gesicht der Gewalt ist anders, aber nicht weniger dramatisch. Frauen sagen oft, dass der Psychoterror schlimmer war, als eine Ohrfeige, ohne diese jetzt banalisieren zu wollen. Beschimpfung und Erniedrigung zerstört unglaublich viel. Häusliche Gewalt kommt in allen Ländern vor. In Ländern mit starken patriarchalen Strukturen ist die Gewalt aber oft massiver. Dort, wo Frauen ohnehin aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen sind und wenig zu sagen haben, kommt es auch verstärkt zu Gewalt, weil es keine Grenzen gibt. Es gibt niemanden, der sie schützt. Man soll aber nicht denken, dass das woanders nicht vorkommt! Unsere beiden Paradefälle, die Familie F. und Gabosch, waren österreichischer Herkunft. Die Grausamkeit der Gewalt ist nicht an irgendetwas geknüpft, man sieht das beispielsweise am Fall Kampusch. Dort haben wir über die Gewalt selbst viel zu wenig gesprochen und als Gesellschaft falsch reagiert. Es ist kein Thema der Herkunft, es gibt keine Kultur, in der Gewalt gegen Frauen nicht vorkommt. Frauen, die hier leben und keine Familie oder Freunde haben und keinen Anschluss haben, brauchen das Frauenhaus natürlich wahnsinnig dringend, während Frauen mit einem sozialen Netzwerk dann oft bei Freunden unterkommen oder sich einen Anwalt leisten können.

MILIEU: Sie betreuen in Ihren Einrichtungen Frauen, die bereits seit Jahren Opfer von massiver Gewalt sind. Können Sie sagen in welchem Zustand die Frauen bei Ihnen ankommen?

Brem: Das ist sehr unterschiedlich. Manche kommen völlig erschöpft, manche mit sichtbaren Verletzungen, andere aus dem Krankenhaus. Manche kommen in einer Phase, wo die Gewalt gerade ein bisschen weniger geworden ist und die Frauen zu Kräften gekommen sind um diesen großen Schritt zu tätigen. Alles zusammenpacken und zurücklassen ist ein riesiger und mutiger Schritt. Manche schaffen das oft in einer Zeit, in der es gerade ein bisschen ruhiger in ihrem Leben ist und sie merken, die Gewalt beginnt wieder. Generell kommen die Frauen aber in jedem Zustand.

MILIEU: Was sind denn die ersten Schritte nach der Ankunft?

Brem: Es gibt, nachdem wir alles zusammen mit den Hausregeln erklärt haben, vor allem viel juristische Beratung. Was passiert bei einer Scheidung, wie funktioniert die Obsorge, usw. Später unterstützen wir dann oft bei der Arbeitssuche, Kinderbeihilfe muss auch geregelt werden, da diese oft noch zum Mann geht. Wir unterstützen dann vor allem bei der Stabilisierung der Situation, damit die Frauen und Kinder zur Ruhe kommen um dann zu entscheiden was sie machen wollen. Die Ruhe ist sehr wichtig. Von der ersten Phase der völligen Erschöpfung versuchen wir sie dann hin zu begleiten zum notwendigen Empowerment. Das Zurückfinden der Kraft und Stärke ist nach Jahren der Erniedrigung ein sehr wichtiger Teil. Die Mehrheit der Frauen hat auch Kinder und bringt sie mit.

MILIEU: Erleben in den meisten Fällen nur die Frauen oder auch die Kinder die direkte Gewalt?

Brem: Das Miterleben der Gewalt ist genauso schlimm wie das direkte Erleben von Gewalt, das ist wissenschaftlich auch bewiesen. Kinder, die Gewalt an der Mutter erleben, haben ähnlich traumatische Störungen wie bei direkter Misshandlung am Kind. Wenn ein Kind im Nebenzimmer sitzt und die Mama schreien hört, ist es in Todesangst um die Mutter und das ist ganz schlimm. Kinder sind wahnsinnig ambivalent, da der Gewalttäter nicht irgendwer, sondern oft der eigene Vater ist. Kinder sind ganz massiv betroffen, auch wenn sie beim tatsächlichen Gewaltvorfall nicht im Haus waren. Kinder sind extrem feinfühlig, sehen die Verletzungen und spüren die Verzweiflung und Angst der Mutter, genauso wie die Aggression des Vaters. Wir haben dafür im Frauenhaus ein eigenes Team. Wir wollen sie in dieser schweren Phase gut schützen und ihnen ein eigenes Sprachrohr bieten. Wir fragen, was sie sich wünschen und ermutigen sie ihre Meinung zu sagen. Es ist sehr wichtig, dass die schwere Zeit im Frauenhaus auch mit Freude verbunden ist. Das mag für Sie vielleicht banal klingen, aber nach einer Zeit der Angst, in der jeder laute Schrei zu einem Eklat geführt hat, ist es uns wichtig, dass das Kind auch Kind sein kann und eine schöne Zeit hat. Wir kriegen immer wieder von privaten Leuten Sachen für die Kinder geschenkt, mit denen man spielerisch in der Therapie wirken kann. Also z.B. Reittherapie, Maltherapie, aber auch, dass wir sie in den Bus packen und Ausflüge machen, damit der Alltag des Kindes wieder eine Leichtigkeit bekommt. Jedes Trauma braucht eine Traumabewältigung und Wunden heilen sehr gut, wenn Kinder in einer sicheren Umgebung sind. Es ist erstaunlich wie schnell die Kinder wieder zu Kraft und Freude kommen, das ist ein sehr schöner Teil unserer Arbeit. Wichtig ist aber natürlich, dass die Sicherheit hält. Wenn die Frau zurückgeht ist das fatal für die Kinder, da sie das Vertrauen verlieren, dass die Gewalt irgendwann endet. Wir hatten schon Kinder, die sich vor dem Papa wahnsinnig fürchten und ihn nicht sehen wollen und die aber dann im Zuge der gemeinsamen Obsorge durch Behörden Besuchskontakte mit dem Vater haben. Es ist absolut unzumutbar, die Kinder zu zwingen der Person zu begegnen, von der sie einfach Ruhe benötigen. In einem halben Jahr ist es vielleicht anders, aber in der Akutsituation kontraproduktiv. Es gibt Kinder, bei denen es nicht so dramatisch ausfällt, bei vielen aber schon.

MILIEU: Der Begriff Gewalt ist sehr vielschichtig, er reicht von psychischer über physischer bis hin zu sexueller Gewalt. An welchem Punkt beginnt denn tatsächlich die Gewalt in den eigenen vier Wänden?

Brem: Streit in einer Beziehung ist grundsätzlich nichts Negatives, solange die verwendeten Mittel im Streit fair bleiben. Gewalt fängt in jedem Fall bei einer körperlichen Attacke an und dann muss ich mich auch damit auseinandersetzen, denn sonst ist die Gefahr sehr hoch, dass die Gewalt schlimmer wird. Was aber unterschätzt wird ist ein Angstgefühl. Wenn ich Angst habe, dass mein Partner mir etwas tut oder ich Angst davor habe, dass ich jetzt bestraft oder beschimpft werde, dann ist das ein Problem. Wenn mir jetzt z.B. eine Tasse hinunterfällt, die er gerne hat, dann tut mir das leid, Angst habe ich aber keine! Unsere Frauen haben aber richtig Angst und dort ist etwas gekippt: Machtverhältnisse, das Vertrauen ist kaputt, usw. Solche Banalitäten dürfen nie zu Angst und Gewalt führen, egal ob psychisch oder physisch. Die Angst ist also ein ganz entscheidender Faktor. Ich muss auch beim Geschlechtsverkehr und in der Sexualität in jedem Moment die Möglichkeit haben zu sagen, dass ich etwas nicht will.

MILIEU: Ein Viertel der Frauen kehren wieder zu ihren Männern zurück und sie brauchen mehrere Anläufe, bis sie es tatsächlich aus dem Teufelskreis rausschaffen. Warum ist das so?

Brem: Auch bei einer normalen Trennung brauche ich oft mehrere Anläufe. Diese Paare verbindet viel: es gibt gemeinsame Kinder, Liebe. Die Frau hat den Mann mal geliebt und da gibt es oft den Wunsch, die heile Welt aufrechtzuerhalten. Wenn sich die Frauen trennen, werden die Männer oft besonders nett und geben der Frau alles, was sie in den letzten Jahren nicht bekommen hat. Es gibt auch Familien, die wahnsinnig Druck machen. Alleine zu sein mit drei Kindern ist eben auch sehr hart. Ökonomische Abhängigkeit ist auch ein Problem. Die über Jahre angewendete Psychogewalt seitens der Männer schafft eine unglaubliche Abwertung des eigenen Selbstvertrauens. Die Frauen haben das Gefühl, dass sie es alleine nicht schaffen und den Mann im Leben brauchen. Es ist für sie im Frauenhaus oft überraschend, wie viel sie auf die Reihe kriegen und schon immer bekommen haben, ohne dass ihnen das bewusst war.

MILIEU: Was entgegnen Sie Frauen, die beschließen wieder zurückzukehren?

Brem: Wenig, es sind erwachsene Menschen. Wir akzeptieren die Entscheidung, sagen aber sehr wohl, dass wir das für sehr gefährlich halten. Es gibt standardisierte Gefahreinschätzungen, an denen man sehen kann, wie gefährdet eine Person ist, das zeigen wir den Frauen. Das Wichtigste ist, dass wir allen Frauen sagen, dass sie wiederkommen können. Es gibt Frauen, die sind nur drei Tage bei uns, aber da ist viel passiert: sie hat unglaublich viel Information gekriegt, die Geschichte ist jenseits der eigenen vier Wände und der Mann weiß, es gibt ab jetzt Mitwisser. Man weiß dann auch schon, was man im Frauenhaus erwarten kann und das macht es ein bisschen einfacher wieder zu gehen, wenn es zur erneuten Eskalation kommt.
Bei manchen Frauen sind wir aber schon sehr verzweifelt, wenn sie ausziehen, da wir wahnsinnige Angst haben, dass wieder etwas passiert. Im Vergleich zur Anzahl der Frauen, die schwer gefährdet sind und die wir betreuen, passiert Gott sei Dank ohnehin „wenig“. Aber jeder Mord ist für uns eine Katastrophe und ein Schmerz für die ganze Einrichtung. Wir wissen natürlich, dass wir nicht schuld sind, aber es ist trotzdem ein Gefühl, dass wir es nicht geschafft haben.

MILIEU: Wie ist die Situation für Angehörige? Weiß das Umfeld oft Bescheid?

Brem: Das ist verschieden. Es gibt aber fast immer irgendeine Schwester oder Cousine, die Bescheid weiß. Es gibt auch Frauen, bei denen die Kinder tätig werden. Wir hatten oft Jugendliche, die angerufen haben, damit die Mama ins Frauenhaus kann. Bei körperlicher Gewalt weiß es die Familie sehr oft. Es gibt aber Frauen, die unglaubliche Kraft aufwenden, die Gewalt über Jahre zu verstecken, sei es am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Es gibt auch Familien, die alles wissen und trotzdem sagen sie soll bei ihm bleiben.

MILIEU: Stellen Sie sich folgende Situation vor: in einer Straße hören Passanten durch ein offenes Fenster Schreie, Beschimpfungen und Hilferufe aus einer Wohnung. Was denken Sie, wie reagieren die meisten Menschen darauf?

Brem: Ich habe das bei mir in der Nähe zweimal erlebt und da war es so, dass sich die Menschen vor dem Fenster versammelt und die Polizei gerufen haben. Es gibt Gott sei Dank Menschen, die Zivilcourage zeigen und wahrscheinlich gibt es Fälle, bei denen zwanzig vorbeigehen und nichts passiert. Ich denke aber schon, dass mittlerweile häufiger als früher Hilfe geholt wird. Die Polizei rufen ist in so einem Fall schon viel naheliegender geworden. Ich denke wir sind als Gesellschaft nicht so schlecht wie man es annimmt, natürlich kannst du dich nicht zu 100% verlassen, dass Hilfe geholt wird. Bei vielen ist die Bereitschaft nicht wegzuschauen aber da. Schwieriger wird es in einem Nachbarschaftsverhältnis, da die Anonymität nicht gegeben ist und das erzeugt Angst. Auch hier stehen jedoch Beratungsstellen zur Verfügung.

MILIEU: Eine ehem. FPÖ-Stadträtin meinte, dass Frauenhäuser an der Zerstörung von Ehen schuld sind, die Identitäre Bewegung macht sich in Foren über betroffene Frauen oft lustig. Warum agieren rechte Kräfte bei diesem Thema so geschmacklos?

Brem: Das sehe ich fast noch pessimistischer als Sie. Wenn ich lese, was manchmal in den Foren von „Der Standard“ nach Berichterstattungen steht, ist das sehr schlimm und das sind nicht alles Rechtsextreme. Die rechte Ideologie hat unglaublich viel mit dem Patriarchat zu tun, das Strukturen gegen Frauen stärkt. Die rechte Bewegung ist nicht feministisch, sondern sehr patriarchal. Da sind wir dann wieder bei dem Kreislauf: Sexismus und Rassismus laufen unglaublich oft parallel, die Player sind dieselben. Die FeministInnen setzen sich oft für ein sehr modernes Weltbild ein, das geht also auch hier Hand in Hand. Es erschreckt mich aber immer wieder, wie Menschen reagieren. Wir müssen uns als Gesellschaft eigentlich schämen wie wir beispielsweise mit der Geschichte von Frau Kampusch umgegangen sind. Sie wurde beschimpft und medial schlecht dargestellt. Was diese Frau nochmal erleben musste war schlimm und das nur, weil sie nicht so war, wie man sich das klassische Opfer vorstellt. Sie musste Strategien entwickeln um zu überleben, sie hat ihre Kindheit in einem Keller verbracht. Dass diese Frau jetzt eigentlich unsere Unterstützung braucht ist klar, aber das Gegenteil ist passiert. Man hat hinterfragt, ob das überhaupt stimmt oder ihre Sexualität angesprochen. Wer hat das Recht etwas über ihre Sexualität zu erfahren? Nur weil sie Opfer war?

MILIEU: Wollte man sich mit so einem Verhalten vielleicht als Gesellschaft davon distanzieren? Immerhin ging das medial um die Welt.

Brem: Das passiert in vielen Ländern, in den USA liest man das immer wieder. Der Fall Kampusch ist leider Gottes kein Einzelfall. Ich denke man kann sich nicht vorstellen, dass es so etwas Furchtbares gibt. Man hält es vermutlich nicht aus und muss es irgendwie von sich wegschieben. Es hat auch eine Sensationsgier gegeben, viele Involvierten hatten das Gefühl sie müssen jetzt was draufgeben. Entscheidend war auch der Umgang mit einer schwer traumatisierten Person, die wahrscheinlich in Aussagen, das ist jetzt meine Vermutung, nicht immer ganz stringent war, was normal ist. Ich denke es war ihr Auftreten, wie sie damit umging. Es wurde ihr übelgenommen, da es nicht dem von uns gedachten Bild der gebrochenen Frau entsprochen hat. Sie war eine junge, hübsche Frau, die sich ihrer Vergangenheit relativ selbstbewusst gestellt hat und berechtigt klargemacht hat, dass sie sie nicht schämen muss.

MILIEU: Sie nennen die von Ihnen betreuten Frauen oft Überlebende. Hört man sich die Geschichten vieler an ist das mehr als nur passend. Welches Gefühl empfinden Sie wenn eine Frau es tatsächlich aus dem Teufelskreis rausschafft?

Brem: Das ist unser Motor. Sich diese Geschichten jeden Tag anzuhören ist hart, es ist aber ein Teil unserer Arbeit und man macht das gerne. Wenn die Frauen bei uns sind ist das ein wichtiger Schritt, dass sie der Situation entkommen. Es ist ehrlich gesagt so beglückend, wenn man eine Frau aufnimmt, sieht wie schlecht es ihr geht und dann richtet sie sich nach ein paar Monaten schön her und geht aus, man sieht sie lachen und merkt wie die Lebensfreude zurückkommt. Daraus bekommen wir unsere Kraft. Wenn die Frauen in das normale Leben zurückkehren, eine Wohnung und einen Job finden und ein friedliches Leben, das macht die Arbeit so schön. Sie ist sehr breit und es kommen Frauen von überall, bei uns gibt es Barrierefreiheit, Dolmetscher in allen Sprachen. Wir reagieren auf die Vielfalt der Frauen und das finde ich sehr schön.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Brem!

 

Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld von Gewalt betroffen ist, zögern Sie nicht die folgenden Nummern zu kontaktieren und Hilfe zu holen. Wenn die Gewalt aus den eigenen vier Wänden tritt, beginnt sie bereits zu brechen.

Verein Wiener Frauenhäuser: 057722

Frauenhelpline Österreich: 0800 222 555

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen Deutschland: 08000 116016

 

Foto: Katrin Bruder

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