Rezension

Antigone. Hingabe und Machtmißbrauch in der Tragödie des Sophokles

01.05.2018 - Dr. Burkhard Luber

"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!" (Leitsatz der Antigone) - Wolfgang Kubik stellt sich mit dieser Publikation dem Wagnis, eine über zweitausend Jahre alte griechische Tragödie zu neuem Leben zu erwecken. Wer sich dazu eingeladen fühlt, muss Geduld mitbringen. Der Autor, professioneller Theologe und Amateur-Altphilologe in Kombination, geht sehr nahe an den Urtext des Dramas heran und spart nicht mit Originalzitaten, glücklicherweise für den Leser nicht im altgriechischen Urtext.

 

Aber damit lässt es Kubik nicht sein Bewenden haben: Breiten Raum nehmen sein Bemühen ein, den hellenistischen Plot mit essentials des Christentum zu verbinden. Das ist ein ehrgeiziger Plan, aber nicht immer überzeugend, auch nicht beim Darstellungprofil. Oft (zu oft?) muss der Leser jäh zwischen der griechischen Text-Urebene und den biblischen Aussagen, die Kubik ihm nahe bringen will, hin und her springen.

Zentraler Punkt von Kubiks Argumentation läuft an der Frage entlang, was Tragödie schlechthin ausmacht. Der Autor bezieht sich dafür auf die Phänomene des Unwetters und der Lawine. Aber greift diese Phänomenologie nicht zu kurz, wenn es - und deren gibt es doch viele - klar benennbare Täter und Opfer in einer sogenannten “Tragödie” gibt? Mag man den deutschen Faschismus als “fatale” (sic) “Tragödie” Deutschlands betrachten - und schon das wäre angesichts des deutschen Nationalismus, Imperialismus und Anti-Semitismus vor 1933 bedenklich kurz argumentiert - so kann das doch sicher nicht die damaligen konkret für KZs und Kriegsverbrechen Zuständigen von ihrer persönlichen Verantwortung frei sprechen. “Tragödien” politischer und gesellschaftlicher Art dürfen also keinesfalls das Verursacherprinzip aushebeln. Und das gilt auch für die so oft als positive “Wunder” in der Politik apostrophierten Geschehnisse, die bei näherem Zusehen glücklicherweise gar nicht so wundersam (obwohl oft gefährlich märchenhaft deklariert) sind. Wenn man zum Beispiel das Ende des Ost-West-Konfliktes präzise untersucht, die Beendigung des Apartheid-Regimes in Südafrika oder den Friedensschluß zwischen Farc und der Regierung in Bogota, wird man leicht feststellen können, dass es auch hier identifizierbare Akteure (Gorbatschow, Mandela, de Klerk, Juan Santos) gibt, die das, was oft zu vorschnell als angebliches “Märchen” apostrophiert wird, konkret in Gang gesetzt haben, meist gegen beträchtliche Widerstände. Auch das, was Kubik “das Innere” und damit die Motivationsebene von Antigone nennt, bleibt leider blaß und - das sollte ja bei einer Aktualisierung des Stoffes mit Gegenwartsbezug vermieden werden - lässt den Leser ratlos, z.B. wenn er die ja nicht abwegige Frage stellt: Was würde Antigone heute tun? Hier zeigt sich auch ein Widerspruch in der Kubik´schen Argumentation: Auf der einen Seite spricht er vom fatalen a-personalen Verhängnis der Tragödie, auf der anderen Seite stellt er die “Hier steh ich, ich kann nicht anders” - Haltung der Protagonistin in den Vordergrund. Und auch seine Referenz zum “Fluch” der über Kreon oder anderen Personen und Gesellschaften hängt, ist gefährlich: Im schlimmsten Fall kann das “Verflucht-Sein” dazu dienen, dass sich die Täter aus der Verantwortung ihrer Tat davonstehlen.

Dass der Autor sich offenbar schon ganz lange Zeit mit dieser Tragödie von Sophokles beschäftigt hat, tritt überall zu Tage. Kubik arbeitet stringent nahe an den Verstexten und schreibt mit bemerkenswerter interpretatorischer Tiefenschärfe. Mitunter wirkt sein Bemühen zu ziemlich allen Einzel-Topoi des griechischen Dramas auch kongeniale Entsprechungen im christlichen Glauben heranzuziehen, etwas verkrampft. Andererseits fehlt dann gerade wieder bei bemerkenswerten Punkten eine simultane Betrachtungsweise von hellenistischem und christlichen Denken. So ist es zum Beispiel erstaunlich, warum Kubik entsprechend der Gehorsamsverweigerung von Antigone nicht auch christliche Gehorsamsverweigerer konkret benennt, wobei man ja ohne viel Umwege an Luther, Thomas Becket, die kriegsdienstverweigernden Freikirchen Quäker, Mennoniten und Brethren oder Thomas Morus denken kann. Denn gegen Kubik (S. 137) muß doch gerade mit Verweis auf diese christlichen Minderheitspositionen festgehalten werden, dass die etablierten (speziell die lutherischen!) Kirchen keinesfalls einen christlichen Alleinvertretungsanspruch beanspruchen dürfen, wenn es sich um Widerstand gegen den Staat handelt.  Hier wären doch altgriechisch-christliche Parallelen evident. Dazu schweigt Kubik leider und seine Referenz zu einer “profilierten Widerstandstradition” des Christentums (S. 94) wirkt angesichts des auch in der Gegenwart weiter herrschenden Bündnisses von Thron und Altar (staatliches sponsering der Kirchentage, staatliche gemanagtes Kirchensteuersystem, staatliche Bezahlung der Militärpfarrer u.a.) weltfremd.

Der Schluß des Buches ist ein persönliches Bekenntnis des Autors, das in der postmodernen Epoche, wo die alten Erzählungen beendet worden sind, sehr heroisch wirkt. Denn in der modernen Welt einen Gott als Maßstab zu nehmen, der sich “Gott der Liebe” nennend seinen Sohn töten lässt, macht einem bei allem Wohlwollen, das man dem Christentum gegenüber aufbringen kann, doch sehr den Kopf schütteln.

Kubik ist mit hohem Engagement in die Antigone-Tragödie eingestiegen. Sein Ausführungen beweisen profunde Quellenkenntnis und bringen den Leser oft zum Nachdenken, ob zustimmend oder kritisch. Sofern der Autor zu sehr den Fatalismus bei seiner Interpretation des Dramas bemüht und seine Schlussfolgerungen für die Gegenwart ziehen will, besteht die Gefahr, dass ein solcher Tragödien-Bezug die Frage nach den konkreten Akteuren für das Unheil und - ebenso wichtig - die Frage, wie und wo konkret Widerstand zu leisten ist, vernebelt. Da wirkt Kubiks  Bemühen, das Drama auch für den christlichen Glauben fruchtbar zu machen, wenig überzeugend. Wer diese Fragen beim Lesen im Hinterkopf behält, wird zweifellos Gewinn aus der Lektüre ziehen, und das ist bei der Re-Vitalisierung eines 2500 Jahre alten Dramas an sich schon bemerkenswert.

Wolfgang Kubik: Antigone. Hingabe und Machtmißbrauch in der Tragödie des Sophokles. 2018. Neufeld Verlag. 142 Seiten. 14.90 Euro


 

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