Judenhass

Antisemitismus steht im Widerspruch zum Islam

15.08.2014 - Tahir Chaudhry

In Zeiten des wieder aufflammenden Israel-Palästina-Konflikts mischt sich inmitten gerechtfertigter Kritik an der Politik Israels oftmals purer Judenhass. Fälschlicherweise suggeriert dies eine Verankerung des Antisemitismus im frühen Islam. Ein Blick auf die islamische Lehre und Tradition dagegen zeigt ein sehr differenziertes Bild - trotz darin auftretender Spannungen.

Der Grund für die Verbreitung antijüdischer Parolen, Angriffe auf Synagogen und Rabbiner durch Menschen, die sich „Muslime“ nennen, ist fehlende Menschlichkeit und Ignoranz gegenüber ihrer eigenen Religion. Zweifellos gibt es einige Muslime, die antijüdisch eingestellt sind, genauso wie einige Christen, Agnostiker oder Atheisten. Der Islam aber sieht sich in der Kette der Religionen als Abschluss der göttlichen Lehren für die Menschheit. Jede göttliche Lehre, die vor dem Islam exisitierte, sollte also schlussendlich in diese abschließende Religion münden. „Wahrlich, die Religion vor Allah ist Islam. Und die, denen das Buch gegeben ward, wurden uneins, erst nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war, aus gegenseitigem Neid.“ (3:20). Vor diesem Hintergrund erscheint jede Schmähung der Juden so, als würde man ein mehrstöckiges Haus errichten, sich im obersten Stockwerk einnisten und gleichzeitig die Grundfeste zu zerstören versuchen, weil man meint, sie hätten nichts mehr mit den oberen Stockwerken gemein. Jede Schmähung des Judentum ist somit ein Angriff auf den Islam.

Angesichts der lautstarken Proteste vor israelischen Botschaften dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, dass viele der Protestierenden häufig persönlich betroffen sind, indem sie Verwandte und Freunde vor Ort haben, vielleicht sogar durch die Bodenoffensive in Gaza Familienmitglieder verloren haben. Jede Art der Beschimpfung muss deutlich verurteilt werden. Doch es darf nicht vergessen werden, dass dieser Hass eine emotionale Trotzreaktion auf das unverhältnismäßige militärische Vorgehen der Israelis ist. In diesem Fall von einem „islamischen Antisemitismus“ zu sprechen, ist vollkommen absurd, da eine nüchterne Reflexion wichtig wäre, um sich einerseits darüber im Klaren zu sein, dass es Islam keinen Platz für Judenhass gibt und andererseits würde festgestellt werden, dass Israel nicht gleich Judentum ist.

Tiefer Respekt vor Juden im Islam

Diejenigen, die krampfhaft versuchen, Bezugspunkte für den islamistischen Antisemitismus in der Frühgeschichte des Islam auszumachen, ignorieren völlig die islamische Lehre und Tradition. Sicherlich kam es in dieser Frühgeschichte zu Auseinandersetzungen mit den jüdischen Bündnispartnern, da einige von ihnen vertragliche und politische Verpflichtungen nicht erfüllten, sogar Mordversuche an dem Propheten Mohammed verübten. Trotz all dieser Ereignisse, die die Beziehung zwischen Muslimen und Juden auf eine große Zerreißprobe stellten, bewies der Prophet des Islam Zeit seines Lebens immer wieder, wie sehr er Juden respektierte und sie dafür wertschätzte, dass sie an den einzigen gemeinsamen Gott und Seine Propheten glaubten. Basierend auf etliche Gemeinsamkeiten schloss der Prophet Mohammed daher zukunftsweisende Toleranzverträge mit Juden und Christen. Die Behandlung von Juden durch den Propheten Mohammed wirkte so anziehend auf sie, dass einige unter den Juden eine derartige Liebe entwickelten, dass sie die Hände und Füße des Propheten küssten (Trimdhi). Der Prophet blieb immer seinen Prinzipien treu und verurteilte nicht nur jedes Unrecht gegenüber Verbündeten, vielmehr wird im Koran auch gegenüber Feinden geboten: „Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln.“ (5:9).

Islam-Kritikern fällt allersdings zuallererst, dass der Islam selbst Judenhass fördere, indem er Muslimen die Freundschaft mit Juden und Christen verbiete. Tatsache ist jedoch, dass der Vers kein allgemeingültiges Gesetz darstellt und diese Kritik den historischen sowie textuellen Kontext missachtet. Muslime ansprechend, warnt Gott im Koran konkret vor einer Freundschaft mit Juden und Christen, „die mit eurem Glauben Spott und Scherz treiben“ (5:58)  und „die euch bekämpft haben des Glaubens wegen und euch aus euren Heimstätten vertrieben und (anderen) geholfen haben, euch zu vertreiben“ (60:10). Dies wurde also den Muslime zu einer Zeit befohlen, als sie sich in Auseinandersetzung mit anderen Stämmen befanden, bei denen durch eine Freundschaft wichtige strategische Pläne der Muslime an die Feinde weitergegeben wurden.

Im Koran wird aber auch scharfe Kritik an der jüdischen Glaubenspraxis geübt. In einem Urteil über die Kinder Israels, also Juden und Christen, zürnt Gott darüber, dass sie vom rechten Pfad abgeirrt seien und bezeichnet sie an einer Stelle als „Schweine und Affen“. Wer nun diese Aussage als ein Pauschalurteil auffasst, der zeigt sich unwissend über den Inhalt des Korans. Die Heilige Schrift der Muslime ist kein Nachschlagewerk, sondern muss ganzheitlich verstanden werden. Und da der Koran Bilder und Gleichnisse enthält, muss er interpretiert werden. Wenn also einigen Juden und Christen die Eigenschaften eines Schweins oder eines Affen zugeschrieben werden, dann wird auf diejenigen Menschen verwiesen, die, nachdem Gott sie rechtleitete und reichlich beschenkte, ihm Götter zur Seite stellten und sich als undankbar erwiesen. Sie begannen, ähnlich wie Schweine, ohne zu selektieren alles zu konsumieren, und, den Affen ähnlich, alles um sich herum nachzuahmen.

Bei einem sorgfältigeren Blick auf den Koran wird deutlich, dass der Islam einen durchaus differenzierten Blick auf die jüdische Glaubespraxis pflegt. Es wird immer wieder betont: „Es sind unter ihnen Leute, die Mäßigung einhalten.“ (5:67). Außerdem fällt auf, dass auch Juden in das ewige Paradies einziehen dürfen. Es heißt dort: „Wahrlich, die Gläubigen und die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer (unter diesen) wahrhaft an Allah (Gott) glaubt und an den Jüngsten Tag und gute Werke tut –, sie sollen ihren Lohn empfangen von ihrem Herrn, und keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern.“ (2:63). Neben dem Koran gibt es unzählige Überlieferungen, die von einer großen Wertschätzung des Judentum durch den Propheten zeugen. So wird berichtet, dass einst ein Jude sich beim Propheten darüber beschwerte, dass ein Muslim ihn geschlagen hatte, als er den Propheten Moses über den Propheten Mohammed stellte. Daraufhin rügte der Prophet den Muslim und sagte: „Gebt mir keinen Vorrang vor anderen Propheten!“ (Bukhari). An anderer Stelle wird überliefert, dass der Prophet aus Respekt aufstand, als eine jüdische Leichprozession an ihm vorbeizog. Als er von einem Gefährten darauf hingewiesen wurde, dass es das Begräbnis eines Juden sei, antwortete er: „Ist das keine Menschenseele?“ (Bukhari). Als Safiyyah, die jüdische Ehefrau des Propheten, verächtlich als „Tochter eines Juden“ bezeichnet wurde, bat der Prophet darum, darauf so zu antworten: „Warum bist du besser als ich, wenn mein Mann Mohammed ist, mein Vater Aaron und mein Onkel Mose?“ (Tirmidhi).

Die judeo-arabische Kultur

Als der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert verstarb, folgte ein dreißigjähriges Kalifat der spirituellen Nachfolger des Propheten. Im Anschluss an diese Zeit folgten rein weltliche Herrschaftsformen, in denen Führer unter dem Deckmantel des Islam unmoralisch handelten. Sie eroberten und mordeten aus Habsucht, Herrschsucht und Ehrsucht. In diesen Zeiten geschah auch den Juden zeitweise großes Unrecht. Es wäre jedoch völlig falsch, diese Zeit als Basis für die Schaffung von Frieden zwischen Juden und Arabern heranzuziehen. Vielmehr gibt es eine oftmals vergessene jüdisch-islamische Symbiose im Mittelalter, die als Vorbild für ein Zusammenleben herhalten könnte. Tatsächlich ist wenig bekannt, dass Juden in Spanien länger lebten als in jedem anderen Land, einschließlich Israel. Über 1.000 Jahre spielten Juden eine bedeutende Rolle in der kulturellen und sozioökonomischen Entwicklung der iberischen Halbinsel. Es lebten mehr Juden in Spanien als in allen Ländern Mitteleuropas zusammen. Einen Großteil der Zeit auf der iberischen Halbinsel verbrachten diese Juden unter muslimischer Herrschaft, welche auch den längsten Zeitraum einer friedlichen Koexistenz mit anderen Gesellschaften darstellt. Mit dem Sieg der Muslime bei Jerez de la Frontera begann im Jahre 711 die rasche Eroberung des Westgotenreiches, in dem Juden durch zahlreiche Gesetze christlicher Konzile starker Ausgrenzung ausgesetzt waren. Die dort lebenden Juden empfanden die muslimische Eroberung Iberiens als eine Befreiung. Unter muslimischer Herrschaft kam es dann zur Herausbildung einer jüdisch-islamischen Tradition, die nicht nur eine Symbiose auf dem Gebiet der Wissenschaft und Philosophie beinhaltete, sondern auch eine Assimilation der Juden an islamische Denk- und Verhaltensweisen zur Folge hatte. In nahezu allen kulturellen Bereichen erbrachten sie unter der muslimischen Herrschaft Höchstleistungen.

Erst unter osmanischer Herrschaft sollte sich die Lage der Juden verändern. Obwohl Juden wichtige Stellungen in Handel, Gewerbe oder im Staatsdienst einnahmen, löste sich die kulturelle Symbiose schrittweise auf. Es kam zu Auswanderungswellen im 15. und 16. Jahrhundert von Juden aus Europa in das tolerantere Osmanische Reich. Antisemitismus unter Muslimen bildete sich erst im 19. Jahrhundert im geschwächten Osmanischen Reich heraus. Wieder einmal zeigt sich: Geschichte wiederholt sich. Sündenböcke und Feindbilder bei Verbrechen, Seuchen und Unheil aller Art waren schnell gefunden. Ethnische und religiöse Minderheiten, auch Juden, da sie nur wenig integriert waren und häufig unter Restriktionen litten, wurden zur Zielscheibe des sich ausbreitenden Hasses. Erstaunlich ist hierbei, dass antisemitische Ideologien erst aus Europa importiert wurden, indem antisemitische Pamphlete meist christlicher Verfasser ins Arabische übersetzt wurden. Erst im 20. Jahrhundert wurden zusätzlich nationalsozialistische Ideologien importiert, die seitdem eine wichtige Quelle der Inspiration für islamistische Bewegungen der arabischen Welt darstellen.

Wege zur Bekämpfung des Antisemitismus

Wie kann man nun diesem „neuen“ Judenhass begegnen, der als Konsequenz des ungelösten Israel-Palästina-Problems aufflammt? Israelische Fahnen helfen nicht im Kampf gegen Antisemitismus. Die Menschen müssen wieder zwischen dem israelischen Staat und Juden unterscheiden können. Das wird indes nicht funktionieren, wenn der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dr. Graumann, mehr Empathie und Verständnis für den jüdischen Staat fordert, sobald Kritik an der israelischen Politik geäußert wird. Auch wird ein reflexhaftes Verweisen auf das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels durch jüdische Geistliche in Deutschland die Kritiker nicht dazu bringen, sorgfältig zu differenzieren. Muslime und Juden müssen offen Stellung gegen Unrecht beziehen und diesem ihre Lehren des Friedens und der Toleranz entgegenstellen. Die Heiligen Schriften beider Religionen sprechen von einem Grundsatz, der als Brücke und gleichzeitig als eine rote Linie fungieren könnte:

„Wenn jemand einen Menschen tötet […] , so soll es sein, als hatte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ (Koran, 5:33).

"Denn jeder, der eine Seele Israels tötet, der gelte nach der Schrift wie einer, der eine ganze Welt getötet hat. Und jeder, der das Leben einer Seele Israels rettet, der gelte nach der Schrift wie einer, der eine ganze Welt gerettet hat." (Talmud, Sanhedrin, 4:5)

Auch Medien und Politik in der Bundesrepublik müssen ihre Rolle ernst nehmen. Sie dürfen nicht zu einem Wegbereiter des Antisemitismus werden, indem sie ständig versuchen, ihre blinde Loyalität zu Israel unter Beweis zu stellen. Natürlich gibt es aber noch so etwas wie die deutsche Vergangenheit, die im kollektiven Gedächtnis Deutschlands fest verankert ist. Und trotzdem kann man nicht mit dem Verweis auf schreckliche Dinge der Vergangenheit das heutige Unrecht geschehen lassen. Ja, Frau Merkel, nicht nur die Sicherheit Israels sollte zur Staatsräson gehören, sondern der Schutz jedes einzelnen Menschenlebens! Diese Emanzipierung von alten Denkmustern hätte eine große Signalwirkung im gemeinsamen Kampf gegen jede Art von Ungerechtigkeit unabhängig religiöser und nationaler Zugehörigkeiten. Denn sollte jede Israel-Kritik als „antisemitisch“ abgestempelt werden, dann wird der Frust der schweigenden Kritiker sie in extreme Haltungen führen. Hier müssen auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland aktiver werden. Sie müssen mit unpolitischen Aktionen mehr Transparenz, mehr Berührungspunkte und Dialogmöglichkeiten schaffen. Zu betonen wäre hierbei, dass antimuslimische Ressentiments in keiner Weise zur Bekämpfung von Judenhass beitragen können. Man kann doch nicht brennende Häuser löschen, indem man andere Häuser anzündet!

 

 

 

 

 

Foto: © Corey Jackson

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