Rezension

Arme Leute - Reportagen

01.11.2019 - Dr. Burkhard Luber

Jeder Mensch ist reich oder arm in dem Grade, wie er imstande ist, sich die Bedürfnisse, Annehmlichkeiten und Vergnügungen des menschlichen Lebens zu beschaffen (Adam Smith)

“Dieser Essay über arme Leute … will weder die Armut nach irgendeinem System erklären noch neben dem Kapital … ein zweites Mahnmal errichten”. Das ist nach den Worten des Autors das Ziel seines Buches. In dieser Perspektive präsentiert Vollmann dreiundzwanzig Reportagen der Armut, die er in fünf Kapiteln vorstellt:

- Selbstbeschreibungen

- Phänomene

- Wahlmöglichkeiten

- Hoffnungen

- Platzhalter

Vollmann erzielt mit seinem Buch eine gelungene Kombination von philosophisch-politischer Reflexion und spannenden Interviews, die in die Realität derer führen, zu denen Brecht reimte: “Die im Dunklen, sieht man nicht”. Dabei fährt er ein reichhaltiges Panoptikum auf, wo und wie “Arme Leute” wohnen, was sie denken und was sie fühlen. Die Länder-Schauplätze seiner Reportagen sind weit gestreut: Unter anderem Thailand, Jemen, Kolumbien, Vietnam, Afghanistan, Burma, Bosnien, Kenia. Armut hat vielfältige Gesichter; im strahlenverseuchten Chernobyl ist sie ebenso präsent wie zum Beispiel in Atyra in der Ölmetropole Kasachstans, um nur zwei Reportagen-Orte in Vollmanns Buch zu nennen. Vollmanns Reflexionen sind sehr authentisch und in ihrer harten Realität überaus eindrucksvoll. Er zwingt die/den Leser*in da hinzuschauen, wo wir sonst gerne hinweg sehen würden, weil es uns unseren Reichtum und Überfluss beschämend deutlich werden lässt. Und Vollmanns Buch gewinnt an Eindringlichkeit noch mehr dadurch, dass er Armut nicht als etwas besonders Spektakuläres, Außergewöhnliches darstellt. Gerade die Alltäglichkeit seiner vielen Reportagen-Beispiele macht eindrucksvoll deutlich, dass Armut überall präsent ist, “unendliche” Ausformungen annehmen kann und keinerlei geographische Grenzen kennt. Und weil Vollmanns Ansammlung der vielen Beispiele auch keinen Beitrag zur akademischen Definitionsdiskussion liefern will, ist dem Reportagen-Textteil folgerichtig ein 128-Seiten-Bilder-Teil angefügt. Darin alles Bilder, die für sich sprechen und die Geschichten, die Vollman im ersten Teil, geschrieben hat, eindrücklich ergänzen. Jeder, der sich intensiv den hot spots dieser Welt jenseits von nur soziologischen Überlegen stellen möchte, sollte zu diesem Buch greifen.


Arme Leute


William T. Vollmann: Arme Leute - Reportagen. Edition Suhrkamp. 335 Textseiten. 128 Bildseiten. 2018. 22 Euro


 

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