Rezension

Atlas der Globalisierung

01.09.2015 - Dr. Burkhard Luber

„Wenn eine Autofahrerin von einem konventionellen Pkw mit einem Spritverbrauch von sechs Litern pro 100 Kilometer auf ein Drei-Liter-Auto umsteigt, zahlt sie fürs Benzin nur noch die Hälfte.“ Die Aussage klingt logisch, doch ist sie korrekt? Der neue „Atlas der Globalisierung – Weniger wird mehr”, der unseren Umgang mit Umwelt, Ressourcen und Energie beleuchtet, gibt auf diese Frage eine erstaunliche Antwort: Nein, die Frau zahlt nicht nur die Hälfte! Einer der Gründe dafür ist der sogenannte Rebound-Effekt.

Die Herstellung eines benzinsparenden Autos ist nicht nur energieintensiver als die Herstellung konventioneller Modelle; benzinsparende Autos werden auch häufiger benutzt, da ihre Besitzer das Gefühl haben, mit jedem Kilometer sowohl Geld zu sparen als auch etwas Gutes für die Umwelt zu tun. So entsteht eine Differenz zwischen den möglichen Einsparungen durch Effizienzsteigerungen und den tatsächlichen Einsparungen.

Solche anschaulichen Beispiele heben den Globalisierungs-Atlas aus der Vielzahl wachstums- und konsumkritischer Bücher heraus. In vier großen Abschnitten – Wachstum, Versuch in Grün, Krisen/Konflikte und Postwachstum – beleuchtet das Buch das große Spektrum der Debatten um Wirtschaftsentwicklung und Ressourcenverbrauch. Es ist sicherlich kein Buch, das dazu geeignet ist, strikt von vorne bis hinten gelesen zu werden.  Die Kapitel haben auch als Einzellektüre ihren Reiz, da sich die Autoren nicht mit wohlbekannten Fakten und Argumentationen begnügen, sondern stets darum bemüht sind, die Probleme unserer globalen Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten. Eine Illustration im Kapitel „Die Finanzialisierung der Welt” veranschaulicht z.B. eindrücklich, wie die Profitrate in den Volkswirtschaften der EU, der USA und Japan gemessen am Bruttoinlandsprodukt seit 1980 ständig gestiegen ist, während die Investitionsrate im gleichen Zeitraum fortlaufend sank. Das Kapitel „Garantiert nicht lang haltbar” liefert eindrucksvolle Daten über die Verkürzung der Haltbarkeitszeiten von Produkten und zeigt, dass frühzeitige Defekte oft nicht zufällig auftreten, sondern von den Produzenten vorab geplant werden.

Das Layout des Atlas ist sehr überzeugend. Gehaltvolle Artikel werden durch gute Grafiken erläutert und jedes Kapitel schließt mit weiterführenden Literaturhinweisen und Links. Die zahlreichen Illustrationen gewähren faszinierende Einblicke in bekannte politische Probleme, wie z.B. die Verlagerung von Elektronik-Recycling nach Lagos, den sinkenden Organisationsgrad europäischer Gewerkschaften und das erschreckende Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa.

Der Atlas fragt schließlich nach den Zukunftsperspektiven des kritischen Postwachstums-Denkens. Sehr optimistisch ist die Prognose der Autoren nicht.  „Lauter richtige und starke Ideen, aber ohne starke organisierte Interessen hinter sich”, erklärt Mitautor Mathias Greffrath und schlußfolgert, dass eine Änderung unseres Umgangs mit der Welt und ihren Ressourcen nicht durch moralische Einsicht, sondern nur unter normativem Druck veränderter gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen zu erwarten ist. Konsequenterweise plädiert Greffrath deshalb für eine Politisierung des ökologischen Aktivismus und eine „Instandsetzung der politischen Institutionen”. Trotz dieser verhaltenen Schlußbilanz: Der „Atlas der Globalisierung“ ist ein Werk, das in das Bücherregal jedes politisch interessierten Lesers gehört!

 



Le Monde diplomatique / Kolleg Postwachstumsgesellschaften / taz-Verlag: Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. Der Postwachstumsatlas. Juli 2015. 173 Seiten. 16 Euro. (Der Buchkauf berechtigt zum Download der Publikation).

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