Rezension

Auch eine Geschichte der Philosophie

01.03.2020 - Dr. Burkhard Luber

“Mich bewegt die Frage, was von der Philosophie übrigbleiben würde, wenn sie nicht nach wie vor versucht, zur rationalen Klärung unseres Selbst- und Weltverständnisses beizutragen” ( J.Habermas I/12)

 

Das jüngste Buch von Jürgen Habermas, bezeichnen sicher viele, Habermas jedoch in seiner Bescheidenheit bestimmt nicht, als ein “Opus Magnum” oder “Lebenswerk”. Aber auch Habermas deutet in seinem Vorwort an, dass er mit dem Schreiben dieser über 1700 Buchseiten mehr als ein Jahrzehnt verbracht hat. Es ist der Vorzug dieses Buches, wie aller guten Monographien, dass es sich unter verschiedenen Perspektiven lesen lässt. Eine davon nennt Habermas gleich auf der ersten Seite seines Vorworts: “Was kann heute noch ein angemessenes Verständnis der Aufgabe von Philosophie sein?”

 

Auf eine andere weist der Untertitel des zweiten Bandes hin: Das Verhältnis von Glauben und Wissen. Und wer das Gesamt-Inhaltsverzeichnis am Ende beider Bände durchliest, merkt: Hier liegt auch eine Gesamtgeschichte der Philosophie vor. 

 

Als Tip zur Aneignung des Buches: Wer sich in gedrängter Form über, soweit sich  das bei einer Monographie mit solchem Umfang überhaupt sagen lässt, über die Motivation von Habermas, dieses Buch zu verfassen, informieren möchte, sollte unbedingt, vielleicht sogar bevor sie/er mit der Mühe des detaillierten Lesens des gesamten Textes beginnt, die ein wenig zurückhaltend als “Postskriptum”  angebotene Thematisierung des Buches lesen. 

 

Habermas beginnt seine Darstellung mit dem in der Gegenwart evidenten und vielfach angesprochenen “Krisenmodus”. “Die Moderne ist die Krise” schreibt Habermas auf Seite I/41 und ist sich damit sogar mit seinem soziologischen Antagonisten Niklas Luhmann einig. Dieser an Krisen orientierte Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft ist durch einen Säkularisierungsprozess markiert, der sich in folgenden Elementen konturiert: 

 

- Die zunehmende Überlebenssicherheit verringert den Bedarf nach religiöser Kontingenzbewältigung 

 

Die religiösen Instanzen verlieren ihre Deutungshoheit in ehemals von ihnen beherrschten Bereichen wie u.a. Recht, Politik, Kultur und Erziehung

 

- Eine zunehmende Individualisierung macht soziale, gar religiöse Bedingungen für den Einzelnen immer mehr entbehrlich (zum aktuellen Punkt dieser Entwicklung vgl. die in dieser Zeitschrift publizierten Rezension von Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten).

 

- Wirtschaftlicher und technischer Fortschritt fördern eine anthropozentrische Lebensauffassung, in der der Raum für religiöse Lebensdeutung schrumpft

 

 

 

Der wachsende religiöse Pluralismus erschwert die Orientierung

 

Dem gegenüber steht eine bemerkenswerte Renaissance der Religionen mit ihren weltweiten erfolgreichen Missionierungen, verschiedene Ausprägungen von Fundamentalismus, eine postmoderne Religiosität, und die politische “Entbindung religiöser Gewaltpotenziale” (der weltweite islamische Terrorismus als Beispiel). Im Rahmen dieses  Wiedererstarkens von Religion lässt sich feststellen, dass die wohlhabenden Gesellschaften im Weltnorden immer säkularer werden, die ärmeren im Weltsüden immer religiöser. 

 

Dieser Renaissance-Prozess der Religionen findet allerdings in einer “Weltgesellschaft” statt, die in allen Regionen der Welt kapitalistisch geprägt ist, d.h: Überall die gleiche staatliche und wirtschaftliche Infrastruktur, die gleichen urbanisieren Wohnungs- und Verkehrsnetze, ähnlich organisierte Erziehungssysteme  und dieselben Massenmedien. All das führt notwendigerweise zur Frage nach der Zukunft von Religion bei diesen politischen, wirtschaftlichen und technischen Determinanten. 

 

Dieser Frage nachgehend entfaltet sich die Untersuchungs- und Darstellungsstruktur des Buches. Hier holt Habermas bemerkenswert breit aus und zwar unter dem Gesichtspunkt einer Genealogie nachmetaphysischen Denkens. Enzyklopädisch werden die wichtigsten Etappen und Protagonisten der Philosophiegeschichte dargestellt, u.a. das Zeitalter von Mythos und Ritus, die jüdische Religion, Sokrates und Plato, die Wandlung des Christentum von seiner Urform hin zur römisch-katholischen Institutionalisierung mit ihrem prominentesten Vertreter Thomas von Aquin bis hin zur funktionalistischen Theorie staatlicher Macht durch Machiavelli. 

 

Der spätere Bruch Luthers mit den katholischen Autoritäten ist nicht nur ein theologischer Emanzipationsschritt sondern bildet eine philosophiegeschichtliche Zäsur, ab der die Trennung zwischen Glauben und Wissen manifest wird, und davon begleitet auch die Suche nach ihrer möglichen Zuordnung. Diese referiert Habermas ausführlich und intensiv in seiner Darstellung und Auseinandersetzung mit unter anderen Hume, Kant und Hegel. Schließlich mündet im letzten Drittel des zweiten Bandes die Themenstellung  “Glauben und Wissen” in der Epoche, die Habermas die nachmetaphysische nennt, bei Karl Marx (“zum Thema der geschichtlich situierten Freiheit produktiv tätiger und politisch handelnder Subjekte”), Sören Kierkegaard (“Zur ethisch-existentiellen Freiheit des lebensgeschichtlich individuierten Einzelnen”) und Charles Peirce (“Interpretationsprozesse zwischen Wahrheitsbezug und Handlungsbezug”). 

 

Seine Darstellung der Philosophie von Peirce nutzt Habermas, um seinen bekannten Kommunikationsansatz, den des vernunftgeleiteten Diskurses als Grundlage politischen Handelns darzustellen, wozu weder die Menschenrechte noch die Volkssouveränität ausreichend in der Lage sind. Nur im diskursiven Prozess ist eine inklusive Beteiligung der BürgerInnen möglich, nur das Verfahren demokratischer Willensbildung kann Legitimität beanspruchen und nur die Rahmenbedingung einer ausreichenden Kommunikation gewährleisten, den demokratischen Verfassungsstaat. 

 

Die neue Publikation von Jürgen Habermas fordert der/dem LeserIn erhebliche intellektuelle Lesebemühungen ab. Als Kompensation dafür kann - wie schon weiter oben - dargestellt gelten, dass dieses Buch a) nicht von A bis Z durchgelesen werden muss und b) man sich das Buch bifokal sowohl unter philosophiegeschichtlichen als auch unter thematischer Perspektive (nämlich wie der Untertitel des Buches “Glauben und Wissen” lautet) aneignen kann. Beide Möglichkeiten der Lektüre sind äußerst lohnend und empfehlenswert. 

 

Auch eine Geschichte der Philosophie

Jürgen Habermas: Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen. Zwei Bände 918 und 820 Seiten. Erste Auflage 2019. Suhrkamp Verlag. 98 Euro.

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